siegen,
verb. den sieg erringen, einen gegner überwinden; ahd. noch nicht bezeugt (
aber ubersiginôn, ubarsigirôn
triumphare Graff 6, 132),
mhd. sigen
mhd. wb. 2, 2, 265. Lexer
handwb. 2, 916 (
s. auch gesigen
theil 1, 912
und die belege unten),
köln. segen (
bei Hagen,
s. unten);
nd. sigen ten Doornkaat Koolman 3, 181
b ist wol aus dem hd. entlehnt. in älterer sprache oft sigen
geschrieben. vereinzelt und sehr auffällig ist das unregelmäszige part. in folgender stelle: du haust gesigen und ich bin yetz din. Niclas v. Wyle
transl. 42, 16; hat auch gesiegen. Keisersberg
post. 217
b bei Frisch 2, 276
a. (Wander 1522
und Frisch 2, 276
c betrachten es als causativ zum zweiten siegen,
was Adelung
zweifelnd übernimmt.) 11)
im eigentlichen sinne: sigen,
vincere, devincere, et evincere. Dasypodius; sigen, den sig gewünnen, die gaab oder abentheüwr darvon bringen,
palmam accipere. Cic. adipisci palmam, vincere, devincere, evincere, palmam ferre. Maaler 373
d; siegen, die oberhand behalten,
vaincre, gaigner la bataille. Hulsius 298
a;
vincere, victoriam obtinere. Schottel 1416;
vincere, superare [
i nemici]
vittoriare, vittoreggiare, riportare la vittoria, restar vincitore, vittorioso, v. obsiegen. sieg. Kramer
dict. 2, 809
b;
vincere, superare, expungare, subigere, subjicere, debellare, victoriam consequi, reportare, adipisci. Stieler 2017; ich siege,
victoriam consequor, victor sum, vinco. Steinbach 2, 590;
vincere, victorem esse, superiorem discedere. Frisch 2, 276
a.
vgl. auch: sigen. obligen. uberwinden. uberringen. auszkriegen. den sieg erlangen, oder gewinnen. Schwartzenbach
synon. 68
b. 1@aa)
absolut, von der schlacht (
zwischen zwei heeren): und wenn ir frawen gesigt habent in streiten. Megenberg 492, 36; und die weil Mose seine hende empor hielt, siegte Israel, wenn er aber seine hende nider lies, siegte Amalek.
2 Mose 17, 11; auch hastu die krafft seines schwerts weg genomen, und lessest jn nicht siegen jm streit.
ps. 89, 44; es wird aber der zweige einer von jrem stam auffkomen, der wird komen mit heerskrafft, und dem könige gegen mitternacht in seine feste fallen, und wirds ausrichten und siegen.
Dan. 11, 7; als aber Antiochus in Egypto gesieget hatte. 1
Macc. 1, 21; da nu Simeon in Galilean kam, that er viel schlachten mit den heiden, und sieget. 5, 21; Michael und seine engel stritten
[] mit dem drachen, und der drach streit und seine engel, und siegeten nicht.
offenb. Joh. 12, 8; du siegst. Schiller
Fiesko 4, 14; haint si in zo eime houftman, si weinent (
wähnen) alle segen dan. Hagen
boich van Colne 4200; es (
das glück) hilft dem feldherrn siegen. Lichtwer 172; (
er) segnet dem fliehenden geist in die gefilde nach, wo kein tödtender held mehr siegt. Klopstock 1, 4; ein vortheil des bewährten feldherrn ists, dasz er nicht nöthig hat zu schlagen, um der welt zu zeigen, er versteh' zu siegen. Schiller
Piccolom. 2, 7.
mit gegensatz: was kannst du? fliehen kannst du nur: und siegen können wir! Gleim 4, 15; der kampf auch, ob wir siegen oder fallen, ist lust! Grabbe 2, 209. 1@bb)
vom einzelkampfe: er kempfft mit dem engel, und sieget.
Hos. 12, 4;
mit sehr auffälliger activer verwendung des part. perf.: ich gloub nüt, das Rengnold dem Alten vom berg angesigen möge. darumm wyrt er nüt wider kommen. und ob sach were, das er wider kemm gesiget.
Morgant 187, 27
Bachm. von thieren: die hirz streitent under anander und welher gesigt under den andern, der ist ir aller herr. Megenberg 131, 7; wenne eʒ (
d. tier falena) streitt mit dem hôchvertigen menschen, sô viht eʒ ân underlâʒ, und wenne eʒ gesigt, sô zerreiʒet eʒ den hôchvertigen. 138, 29.
weniger sinnlich von gott: er sieget mit seiner rechten.
ps. 98, 1; und wo sie zogen, on bogen, pfeil, schild und schwert, da streitte gott fur sie, und siegete.
Jud. 5, 14; seit we got selve segen kan und die deme hei des segen gan! Hagen
boich van Colne 3468. 1@cc)
sprichwörtliches: ohn kriegen ist kein siegen. Kramer
dict. 2, 809
b; es ist guot sigen, wann nyemandt wider schlegt. Franck
sprichw. 1, 52
a; siegen komt nicht von liegen. Schottel 1145
b. Petri Rr 8
b. Eiselein 568. Simrock
sprichw. 9525. Wander 4, 559; genugsam gesiegt, wer den feind in die flucht schlägt. keiner siegt ohne des andern niederlag.
ebenda; siegen macht verwegen. Petri Rr 8
b. 1@dd)
die gewöhnliche fügung ist über einen siegen,
victoriam ab aliquo reportare. über den feind siegen. Steinbach 2, 590; über seine feinde siegen,
trionfare dei suoi nemici. v. besiegen. uberwinden. Kramer
dict. 2, 809
b; Jesus hat über höll und teufel herrlich gesieget. 809
c; uber einen mit ringen siegen,
luctando superare, percellere ac prosternere aliquem. Stieler 2017.
veraltet ist dagegen (
schon für Adelung)
wider einen siegen: du bist Petrus, und uff den felschen würd ich buwen mein kirch, und die porten der hellen mögen nit gesigen wider sie. Keisersberg
evang. (1522) 116
d; das, wenn sie gleich wider dich streiten, dennoch nicht sollen wider dich siegen.
Jerem. 1, 19; denn deine hand wird siegen, wider alle deine widerwertigen.
Micha 5, 9; Jason aber würget seine bürger jemerlich, und ... lies sich düncken, er sieget wider seine feinde, und sieget wider seine bürger. 2
Macc. 5, 6.
später zuweilen in freierer verwendung: wider den neid und tohrheit siegen,
calumniam stulitiamque obterere, ac contundere. Stieler 2017.
noch ungewöhnlicher und veralteter ist siegen
an: das wir seiner herrschafft teilhafftig werden, und an den grossen feinden siegen. Luther 6, 241
b; daʒ er an allen dingen siget und sich im niht erwern mac.
Lanzelet 7960.
vereinzelt auch bei (?): denn welcher held bey mir zu siegen ihm gedäncket. Hofmannswaldau
bei Steinbach 2, 590 (
quicunque enim heros de me victoriam reportare vult). 1@ee)
indessen wird siegen
in der ältern sprache auch zuweilen als transitives verb. mit dem acc. verbunden (
anstatt des gewöhnlichen besiegen): lob hab allzeit mein got, durch dessen kraft allein ich wider meine feind allzeit mit sig gekämpfet, dasz so vil völcker ich zwar schlecht, gebrechlich, klein, gesiget und gedämpfet. Weckherlin
ged. 73 (
ps. 18. 83); o könig, dessen haupt den weltkraisz zu regieren, und dessen faust die welt zu sigen, allein gut. 649. 1@ff)
ein anderes ist es natürlich, wenn mhd. sigen
zuweilen einen acc. des innern objects oder der beziehung zu sich nimmt: er hât den aller hôhsten strît gesiget wol mit rehte. Frauenlob 69, 6; er .. vacht selb mit weisem sinn, und gsigt daʒ vechten als ein helt. Suchenwirt 17, 151.
[] 22)
häufig in freierer verwendung. 2@aa) siegen
wird nicht nur vom wirklichen kampfe, sondern auch vom wettstreit gesagt, vielfach aber auch, wo dieser in wirklichkeit nicht stattfindet, nur in dem sinne '
einen übertreffen, ihm worin überlegen sein, der erste sein'
u. ähnl.: sie spricht zu ihm (
Venus zu Paris): 'du siehst, ich könnte schweigen, mein schöner hirt; ich siege nicht durch list. Wieland 10, 190;
in etwas siegen: in poetischen werken ist es anders, und siegen gleich die alten dichter auch hier in der einfalt der formen und in dem was sinnlich darstellbar und körperlich ist, so kann der neuere sie wieder im reichthum des stoffes .. hinter sich lassen. Schiller 10, 455; denn so weit die Phaiaken vor jeglichem manne geübt sind, hurtig ein schiff zu lenken im meere, so siegen die weiber dort in der kunst des gewebes. Voss
Od. 7, 109. 2@bb)
erfolg haben, besonders in der liebe: er kam und sah und siegte leicht wohl über alle schönen. Heine 1, 305
Elster (
der tambourmajor);
vgl.: soldatenmuth siegt überall, im frieden und im krieg, bei flöten und kanonenschall erkämpft er sich den sieg: sei's um ein küszchen mit der maid, sei's mit dem feind um blut, da ist er schnell zum kampf bereit, da siegt soldatenmuth. Hauff 1, 13
Reclam. 2@cc)
von mehr innerlichen überwindungen: man sigt auch mit glauben und gedult, nicht allein mit gewalt und widerschlagen. Henisch 1634, 49; wiltu siegen, so leid zuvor, durch das leiden kompt man empor. Zincgref 4, 330; die frommen siegen im erliegen. Simrock
sprichw. 9529. 2@dd)
von selbstüberwindungen: der sigt zweymal der sich selbs überwint. Franck
sprichw. 1, 66
a; über sein fleisch und blut siegen,
trionfare, restar vincitore della sua carne e del suo sangue, v. besiegen. in dem kampf zwischen fleisch und geist gibts immer zu kriegen, und selten zu siegen. Kramer
dict. 2, 809
c; ich will über diese schimpfliche leidenschaft siegen, mein herz unterdrücken. Schiller
kab. u. liebe 4, 7. 2@ee)
sehr gewöhnlich mit sächlichem subject, absolut: die nüchterne gewinnsucht hat es verschwendung gescholten, dasz man diese häuser so zierlich errichtet, aber der uneigennützige schönheitssinn hat gesiegt. Auerbach
dorfgesch. 2, 191; noch einmal siegte die überströmende macht jugendlicher liebe. 222; die Wahrheit sprach: mein blitz musz siegen. Günther
bei Steinbach 2, 591; der eindruck siegt, da hilft kein sträuben. Lichtwer 88; es siegt in uns die stimme der natur. Schiller 6, 353 (
zerstör. Trojas 24); der schein soll nie die wirklichkeit erreichen, und siegt natur, so musz die kunst entweichen. 11, 324 (
an Göthe); doch siegte zuletzt der natürliche drang zu dem reizenden lied der Thalia. Platen 316
a; die sonne sinkt, und der abend siegt. Freiligrath
5 1, 36. über etwas: sollten die umstände über ihre festigkeit siegen. Gotter 3, 75; das ungestüme meines herzens siegt über die achtung, die ich euch schuldig bin. Klinger 2, 96; euer unsterblicher geist sträubt sich unter dem wort, und siegt über den blinden gedanken. Schiller 2, 186 (
räuber 5, 1
schausp.); er (
Goldoni) war arzt, rechtsgelehrter und erhielt sogar die tonsur in Pavia; aber sein innrer ruf zur bühne siegte über alle versuche, die ihn derselben abtrünnig machen sollten. 6, 18; die sorge des landesvaters siegte endlich über die bedenklichkeiten des staatsmanns. 8, 228; wenn die uralten dichtungen .. den gedanken, der über die zeitgesetze siegt, unter dem bilde des Zeus versinnlichen. 10, 365 (
ästh. br. 25); ein schwarzes kleid siegt über zeit und mode. Gotter 1, 95; ich ... sah über blut und dampf die freiheitssonne Hellas' sich erheben, das leben siegen ob dem todeskrampf. Chamisso 2, 35
Koch (
deutsche barden). 33)
sehr häufig ist das part. siegend,
das vielfach ganz wie ein adjectiv (
vgl. siegreich)
verwendet wird. 3@aa)
eigentlich: neben dran der grasigte hügel, von welchem du den persischen satrapen niederwarfst — und deine siegende fahne flatterte hoch! Schiller
räuber 4, 1
schauspiel; [] er (
der kalendermacher) musz es immer mit der siegenden partei halten. Hebel 3, 65.
ungewöhnlicher als dauernde eigenschaft: der Sachsen inseln, darinn die völcker Dietmarsi wohnen, ein wild, ungezämpt, kriegisch, sigend volck, das mit vil sigen wider die Dennmarcker, hörtzogen ausz der Schlesien gerümpt ist. S. Franck
weltb. 33
c;
zu abstracten gesetzt: Gustav Adolph durchwanderte den deutschen norden mit siegendem schritte. Schiller 8, 249;
mhd. sogar tautologisch: daʒ im nâch ritters orden der sigende sic wær worden.
troj. krieg 43592.
substantiviert: ihr sollt glücklicher seyn, als des eroberers braut! die tochter des siegenden! Klopstock 1, 40; wenn dann der tod den siegenden bezwingt. Körner 3, 7
Fischer (
Zriny 1, 2). 3@bb)
in freieren gebrauchsweisen: er (
gott) ist eben so gros in deinen tyranneyen, als irgend in einem lächeln der siegenden tugend. Schiller 2, 182 (
räuber 5, 1
schauspiel); der nebel der barbarei, des finstern aberglaubens verschwindet, die nacht weicht dem siegenden licht. 5, 521; milder strahle durch deine weibliche seele ihr (
der tugend) verzehrender glanz, und ihr blödes auge öffne sich endlich ihren siegenden strahlen. 6, 308 (
menschenf. 8); er ging zurück und bat seine freunde mit seinem siegenden auge, noch diesen abend abzuschiffen. J. Paul
Titan 1, 8;
besonders gern siegende gründe
u. ähnl.: mit siegenden gründen widerlegen. Schlosser
weltgesch. 6, 334; eben weil sie (
die schönheit) dieses beydes zugleich ist, so dient sie uns also zu einem siegenden beweisz, dasz das leiden die thätigkeit ... keineswegs ausschliesse. Schiller 10, 367 (
ästhet. briefe 25); die wahnbegriffe meiner kind'schen seele, wie schwanden sie vor seinem siegenden verstand und vor der suada seines mundes!
Maria Stuart 1, 6. 3@cc)
seltner in prädicativer fügung: die tugend geht siegend davon. Schiller 2, 13; Frankreich war siegend und der krieg geendigt.
jungfrau von Orleans 5, 7; ach du (
der lenz) machst das gefühl siegend. Klopstock 1, 71.