schrulle,
f. wunderlichkeit, grille, fixe idee, erst in nhd. zeit aus dem niederd. übernommen. 11)
in der ältern sprache erscheint das wort durchaus als masc. in der form schrul
oder schrol,
so mnd. häufig in der bedeutung '
anfall von unsinn oder übler laune, auch dauernde verstimmung, heimlicher groll' Schiller-Lübben 4, 142
b f.: de eine sake was ein old schrul, den hadde bischop Gunters vader, greve Gunter von Swarzeborch, to greven Bernde van Anehalt, den he hadde gebracht in des rikes acht, umme dat he on gevangen hadde.
d. städtechr. 7, 317, 14; unde ock noch van dem olden schrulle dat steckede ome noch by dem herten. 16, 394, 34; bistu duen effte vul edder heffstu gekregen den schrul?
fastn. sp. 975, 1; syn wyff hefft gekregen den schrul, gelick efft se ys half dull. 979, 17;
s. ferner 970, 2. 978, 3. 981, 19.
das wort ist sowol dem ältern hochd. wie dem mnl. fremd (
die bei Lexer
handwb. 2, 807
angezogenen stellen sind sämtlich nd., s. oben);
doch findet sich im nnl. das verb. schrollen,
schmälen, das offenbar verwandt ist. man kann schrulle
zu der in schrill
vorliegenden wurzel stellen, vgl. Weigand 2, 645. Kluge
5 337
b. Franck 870. 22)
ins nhd. ist das wort erst gegen die mitte des vorigen jh. eingedrungen (
ältester beleg im Pierot 1742,
s. unten),
und erst in diesem jh. allgemein üblich und häufig geworden. von den wörterbüchern verzeichnet es zuerst Frisch 2, 229
c: schrull,
s. groll,
mit verweis auf die erste der oben citierten stellen; er scheint es also noch nicht aus der lebendigen sprache zu kennen. erst Adelung
führt auf 'die schrolle,
im gemeinen leben einiger gegenden, besonders Nieder-Deutschlands, ein anfall von unsinn oder böser laune. seine schrollen haben, bekommen.
niederd. schrulle'.
ähnlich Campe.
es hat also ein wandel des geschlechts stattgefunden, der wol auf dem häufigen gebrauche des pl. die schrulle,
der miszverständlich als fem. sing. angesehen wurde, beruht, sich aber im nd. selbst herausgebildet hat nach ausweis der mundarten, s. unten 5.
zugleich hat sich allmählich die bedeutung zu der angegebenen abgeschwächt. 33)
das nhd. hat anfangs zumeist die form schrolle,
die wol dem verhältnis von nhd. voll, toll
zu nd. full, dull
u. ä. nachgebildet ist (
vielleicht ist hierauf wie auch auf den geschlechtswandel eine unbewuszte anlehnung an schrolle,
scholle, von einflusz gewesen). Adelung
kennt sie allein, Campe
bevorzugt sie: was habt ihr abermahl vor schrollen im kopf.
Pierot 1, 86; denn er bemerkte, dasz dieser (
der schulmeister) über jeden gegenstand so verständig dachte und redete, wie der gesetzteste alltagsmensch, und dasz auch seine spartanischen vorstellungen sich zu einer sogenannten unschädlichen schrolle, oder zu dem, was man den wurm bei einem menschen nennt, gemildert hatten. Immermann
Münchh. 1, 84; in der unsrigen (
geschichte) aber wären durch tüchtige eingriffe des lebens, sei es mittelst nichtachtens auf die schrolle, sei es mittelst fallens auf den kopf .. alle tollen oder halbtollen vernünftig geworden. 4, 162; natur hab' ich ergründen wollen, da kam ich gar auf seltsam schrollen. Tieck 4, 135; das ist nun keine lüg' und schrolle. Immermann 13, 102
Hempel. so noch mundartlich im preuszischen, s. 5. 44)
jetzt ist die allgemein gebräuchliche form schrulle,
die vereinzelt schon im 18.
jahrh. begegnet: der kluge Sarron aber bedachte, dasz alte matronen zuweilen seltsame schrullen im kopfe haben. Musäus
volksm. 3, 74
Hempel; er (
der dichter) müszte vor allem die jetzigen schrullen und ansprüche auf eine besonders für ihn zugestutzte kindische reimerei aufgeben. Keller
nachlasz 64; ob du es ihr schuldig bist, ihren armen weiberkopf, den irgend eine schrulle verrückt hat und endlich ganz aus den fugen treiben wird, zurechtzusetzen. Heyse
kinder der welt13 2, 140; da die neuheit dieses tollen einfalls aufsehen erregte und die romantische welt ohnehin geneigt war, im aberwitze den tiefsten sinn zu suchen, so fand sich bald ein geschickter macher, der die schrulle nach deutscher unart in ein system brachte. Treitschke
deutsche gesch. 2, 20; was wunder, dasz inmitten dieser regen welt die reiche vielgeschäftige phantasie der Schwaben oft auf seltsame schrullen gerieth. 302; aller seiner schrullen war der alte romantiker (
Tieck) doch nicht herr geworden. 3, 694; zwar läszt sich Sall. auch dieszmal seine 'philosophische' einleitung nicht nehmen — das philosophiren ist einmal eine schrulle der Römer dieser zeit. W. Teuffel
in Paulys
realencyclop. des classischen alterth. 6, 699; ein in scholastischen schrullen verschrobener kopf (
Joh. Husz), der sich in lächerlichen spitzfindigkeiten und absurditäten gefiel.
Augsb. allg. zeitung 1872
s. 1693
b.
concret von wunderlichen dingen, curiosität, plunder: da liegen die kaiser-insignia, da liegt die goldne bulle, der zepter, die krone, der apfel des reichs und manche ähnliche schrulle. H. Heine 2, 211
Elster. 55)
die heutigen nd. mundarten haben das wort durchweg erhalten, doch meist im plur. schrullen,
wobei das geschlecht weniger sicher ist. das masc. ist bewahrt im westfälischen schrull
oder schrüll,
plötzlicher anfall oder einfall, dat es mär en schrull,
es wird bald vorüber sein, in ênem schrüll,
auf einmal Woeste 232
b;
dagegen gibt Schambach 185
b ausdrücklich schrulle,
f. an. der sing. schrulle, schrul
auch bei ten Doornkaat Koolman 3, 150
b;
sonst überall im plur. schrullen,
raptus, furores, tolle einfälle, launen, narrheiten. schrullen krygen,
furore quodam corripi; he hett syne (dulle) schrullen,
il a des vapeurs: he is troubled with the spleen Richey 242,
s. ferner Strodtmann 375
a.
brem. wb. 4, 700. Schütze 4, 74. Danneil 187
b. Dähnert 415
b. Mi 77
a. Frommann 3, 424, 5.
in Lief- und Esthland schrulle
oder schrolle Hupel 212,
ebenso in Preuszen Frischbier 2, 318
a, schrollen Schemionek 37.
den hochd. mundarten ist das wort durchgehends fremd, nur die dem nd. unmittelbar benachbarte Stieger hat es als schrulle,
f. Liesenberg 203.