zaudern,
verb. ,
anscheinend aus dem obersächsischen sprachgebiet hervorgegangene iterativbildung aus dem md., bei Jeroschin (
s. Lexer 3, 1203)
belegten starken verbum zûwen (
intrans.)
wegziehen, vorwärtsdringen, sich hinbegeben, einer ablautform zu ahd. zawên
von statten gehn, sich eilen (
s.zauen); d-
einschub wie in haudern
und schleudern.
im nd. gilt die entsprechende l-
form taueln, tauelken,
auch das diminutivum tauken
langsam sein, nichts fortbringen, langsam und zauderhaft sprechen (Richey 426;
brem. wb. 5, 33, Schütze 4, 251),
welches zu mnd. touwen
eilen gehört. einige fälle mit -t-
s. unten und unter zauderer;
umgelautet zeudern, zeidern Frischbier 2, 489
b,
wo jedoch theilweise nd. tüdern
vorliegt. aus der wiederholung der thätigkeit entspringt, wie bei zögern,
der begriff des langsamen fortschrittes und der bedenklichkeit, welche die handlung hemmt. in bedeutung und gebrauch steht zögern (
th. 16, 22)
nahe; ferner säumen,
das aber denjenigen bezeichnet, der ein geschäft nicht sofort vornimmt; andere synonyme s. unter zögern.
erstes auftreten im kreise um Luther: hat er so lang damit (
mit der herausgabe seiner schrift) gezaudert und verzogen H. Emser 1524
bei Luther 15, 172
W.; wo man aber auch gezautert, mehr zeitlichen nutz denn gots ehre gesucht 1525
akt. u. briefe z. kirchengesch. Georgs v. Sachsen 2, 467;
bis zum sturm und drang über Obersachsen und das davon abhängige niederdeutsche gebiet kaum hinausgedrungen; nur der weitgereiste Nürnberger Harsdörfer (
s. unt. 1)
und später Bodmer
nehmen das wort auf. bei Göthe
in stärkster verwendung und in der gegenwart sehr gebräuchlich. 11)
ursprünglich ein örtliches verweilen, ein langsames vorankommen, einen aufenthalt bedeutend, entsprechend der etymologischen verwandtschaft; in diesem sinne einmal reflexiv: hat viel klappers gehalten ... oder hat sich gezaudert Luther (1528) 27, 230
W.; hier das kameel träget eine schwere bürde, ... zaudrend durstig durch die öde wüsteney Harsdörfer
frauenz. 7, 121; überdem zauderte Conradinus fast den halben winter hindurch zu Verona S. Fr. Hahn
teutsche staats-, reichs- u. kayserhistorie 4, 252; o tod, was zauderst du? v. Cronegk
schr. 2, 21; den auf dem lande zaudernden ... helden Göthe 40, 321
W.; mit adverbialem zusatz: wir z. mit dem vieh auf der weide herum Chr. Weise
Jacobs heyrath 17; kriechend zaudre die raupe, der schmetterling eile geschäftig Göthe 3, 87
W.; geliebter, wo zaudert dein irrender fusz? Holtei
erz. schr. 24, 251; 22)
doch schon früh (
s. ob. Emser)
auf eine thätigkeit bezogen, ein beweis dafür, dasz das wort schon vor 1524
im gebrauch war; das zögern, verziehen, warten mit der ausführung einer handlung, eines geschäftes bedeutend, a)
ohne erkennbaren antheil des seelischen verhaltens: Pickelhering zaudert hefftig und macht alles sehr langsam J. G. Schoch
studentenleben 60
Fabr.; dasz man in einem dinge, daran billig kein augenblick zu verseumen, dergestalt zauderte Chemnitz
schwed. krieg 2, 382;
mulieres dum moliuntur et comuntur: sie z., und wird mit der brüerey sein lebe kein ende J. Prätorius
philos. colus 118;
namentlich mit zeitangabe: eine weile ... z. Gaudy
s. w. 4, 70; hast ... schon viel zu lange gezaudert fürst Pückler
briefw. 4, 249; ein wenig Stifter
s. w. 3, 26; auch zauderte der husar kaum eine secunde lang Holtei
erz. schr. 13, 159; drei tage Mommsen
röm. gesch. 2, 47;
u. a.; b)
unentschlossen zögern, sich nicht schnell entscheiden können: weil aber Abraham aus schwachheit des fleisches etwas zautert und nicht bald daran wil S. Gedicke
postilla 1, 124
b; drm, dem der deutsche rosenstok ist lieb, was zauderstu, dich einzugliedern auf das best in unsren rosenkreus? Zesen
Helikon. rosentahl 91; man zaudert und zweifelt und kann sich nicht entschlieszen Göthe
gespräche 7, 87
v. Bied.; zaudernde überlegung K. O. Müller
Dorier 1, 196; dieses z. und zagen Spielhagen
s. w. 2, 418; 33)
besondere constructionen: a)
mit präpositionalem ausdruck: wenn oft mit ihrer gunst Fortunas laune zaudert J. G. Jacobi
s. w. 5, 54; (
sie) z. mit der hülfe Börne
ges. schr. 2, 57; dasz der baum so lange mit den früchten zaudert O. Ludwig
ges. schr. 5, 323; wir dürfen jetzt in der sache nicht z. Göthe IV 28, 248
W.; (
mein rosz,) das zu keinem kampfe zaudert Tieck
schr. 1, 320; b)
sehr geläufig ist folgender infinitiv mit zu: ich hätte nicht so lange gezaudert, den lodernden flammen zu folgen Sal. Geszner
schr. 1, 77; ich zauderte noch mich zu entfernen Göthe 24, 31
W.; c)
ungewöhnlich unpersönlich: auch zauderte es mit der rechnung J. J. Chr. Bode
Jones 4, 406; d)
trans. (
vgl.zögern th. 16, 25): das ziel, dem mich die postkutsche entgegenzauderte Roszmäszler
mein leben 31; 44)
gern negiert, wie zögern (
s. th. 16, 24): doch zaudre nicht! sey schnell vor allen dingen
Shakespeare 1, 248; rasch herein und nicht gezaudert! Göthe 16, 228
W.; ich zaudere nicht länger, ihnen zu schreiben IV 15, 10
W.; so den sofortigen beginn einer handlung bezeichnend; auch: der mann zauderte nicht, stach dem knaben das messer in die brust W. Grimm
sag. 1, 99; nun zaudre nicht und komm mit mir Göthe 2, 33
W.; unverkennbar tritt auch die neigung zu rhetorischer frage oder ausruf hervor: warum z. wir? Lessing 2, 272
M.; ohne umstände! — donner! was zaudert ihr! Klinger
w. 1, 11; 55)
seltener erscheint ein unpersönliches subject: die tugend zaudert nicht; sie brauchet alle stunden Neukirch
ged. 273; die briefe z. jetzt unerträglich (
werden langsam befördert) Göthe IV 17, 174
W.; soll der dank ... nicht z. IV 29, 18
W.; 66)
nominale verwendung a)
als participium präsentis, durchaus wie bei zögern: das zaudernde geschick Hoffmannswaldau
ged. 7, 132; worauf der eilende engel in jede hand eines von unsern zaudernden eltern fassete Bodmer
wunderb. 429; er schrie über den zaudernden Fabius Haller
Fabius u. Cato 34; hielt ... zaudernd inne Göthe 21, 125
W.; mein zauderndes zurückreisen 24, 197
W.; b)
als infinitiv, dessen substantivische natur durch attribute erwiesen wird, während der begriff des zauderns in ihnen sich nach allen seiten spiegelt: schob alle schuld auf sein bisheriges z. S. Fr. Hahn
teutsche staats-, reichs- u. kayserhistorie 4, 143; von dem langen z. und säumen Gottsched
beob. 282; nach vielem vergeblichen z. Nicolai
Seb. Nothanker 3, 109; über das ewige z. ungeduldig Lessing 17, 151
M.; ekles schwindeln zögert mir vor die stirne dein zaudern (
hsl. haudern) Göthe 2, 65
W.; nach einem orientalisch klugen, vorsichtigen z. 7, 194
W.; durch z. und zagen 19, 62
W.; formelhaft: ohne z. Storm
w. 1, 47;
allgemein gebräuchlich; sein z. Häusser
dtsche gesch. 2, 3920; 77)
lexic.: cunctari Schottel 1447,
cunctari, morari, negligentem esse Stieler 2603, Kramer 2, 1425
c, Ludwig, z. verziehen Spanutius 174, Apinus 557, Frisch, Steinbach, Schwan, Hübner
31 4, 999
b, Adelung, Campe; 88)
unverwandt und blosze nebenform zu zauern: denn da einer nur zaudern und einen unlust uber den andern anrichten und mit feusten das kraut oder eyer im schmaltz dem andern fürlegen wil Mathesius
hochzeitspr. 146
Lösche; auf alle menschen schimpft und sich mit allen zaudert J. Fr. Löwen
schr. 3, 31;
schimpfen, schelten, mit lauten worten zanken.