zögern,
v. ,
ein wie zaudern
dem nhd. eigenthümliches wort. form und herkunft. zögern
ist eine iterativform von zogen,
die als solche sehr alt sein kann, aber, von einer ganz zweifelhaften stelle (
genesis 79, 15
Diemer, vgl. 2, 37)
abgesehen, erst gegen 1700
sich in der schriftsprache eingebürgert hat. dagegen gleitet mhd. zogen
schon vereinzelt in die bedeutung '
zögern'
über: ir zogen (
mit der antwort) daʒ ist doch umsust Ulr. v. Eschenbach
Alexander anh. 296.
auch transitiv: wâ mit er mich nu zoget Walther 104, 14.
mundartlich erscheint zögern
als '
ohne zweck hin und her ziehn'
in Baiern Schmeller 2
2, 1097,
verbreiteter sind verwandte, auch auf ziehen
zurückgehende bildungen im nd. und md. (
vgl. bei zocken) tockern, zockern, zöckern
brem.-nieders. wb. 5, 78; Schambach 236
a; zopperen, zökkeren, zögeren, zukkelen
moras nectere cunctari, säumig zu sein suchen Schottel 1449: hertoge Hinrick .. tockerde dar ock mede van eyner tiit to der anderen
chron. d. städte 16, 407 (
Braunschweiger schichtbuch);
dazu tockeringe Schiller-Lübben 5, 281
a; töckerie
ndd. jahrb. 34, 98
a.
ferner steir. zeckern '
zaudern', zeckerer '
faulpelz' Unger-Khull 645
b.
für zögern
braucht Luther verziehen
Calwer bibelconcordanz 1284,
und säumen 1011
b.
die älteren wörterbücher geben für cunctari harren sumen zwifelen Diefenbach 162
b; verziehen, hinderen Dasypodius 46
b;
für differre verziehen, verlengen, underziehen Diefenbach 181
a;
für hesitare zwifeln 276
b; zweiflen Dasypodius 90
b,
für moror ich verziehe, hindere 142
b; Diefenbach 367
c.
noch Spieser (
Basel 1700)
übersetzt cunctor langsam sein, saumen, verhinderen 1, 271
a,
und sogar Weber
lat.-deutsch. universalwb. (1745)
nennt es nicht, hat aber zaudern.
die ältesten belege weisen nach dem südwesten und zeigen die später vereinzelte, und zwar selbständig geprägte transitive bedeutung, s. unten II 1: hie mit ... will E.
F. G. disen armen priester zögern, gnediklich und um gottes willen verhören oder verhören lassen A. u.
th. Blaurer
briefwechsel (1509—1548) 1, 554; der pfarrer zögerte mich auf seinem losament bis 10 uhr Grimmelshausen
Simpl. 1, 137
Keller. es ist zweifelhaft, ob unser wort damit geschichtlich zusammenhängt. in der oben angeführten stelle aus Schottel
erscheint es nicht wie ein allgemein übliches wort des hochd. der zusammenhängende gebrauch beginnt, und zwar in intransitiver bedeutung, mit zwei dichterstellen: wie lange zögert ihr, euch zu entfernen? Neukirch
Hoffmannswaldaus u. anderer deutsch. ged. 7, 205; wenn hat es dem Adon verstöret seine ruh, mit: zögre, zögre nicht, ach komm, wo bleibest du? Warnecke
poet. versuch (1704) 415.
seitdem steht der gebrauch von zögern
fest. das wort wird also von den Schlesiern in die schriftsprache eingeführt sein. bedeutung. zögern
ist das mehr oder weniger absichtliche verweilen in dem zustand vor der ausführung einer handlung, die man vor sich hat oder die von einem erwartet wird. es nimmt in der regel dabei keine rücksicht auf die ursache, während zaudern
die folge von unschlüssigkeit, säumen
von lässigkeit ist Campe 5, 821
a (
bei zaudern); Eberhardt-Lyon
17 850.
es wird gebraucht II.
eigentlich und vorherrschend, intransitiv. I@11)
ohne bezug auf die verzögerte handlung. I@1@aa)
die vorausgesetzte bedeutung '
zwecklos hin und her ziehen'
schimmert noch durch, wo es sich um eine bewegung handelt, vor allem wo besondere bestimmungen auf das verweilen an einem orte weisen: wo zögert er Schiller 14, 55; nun kam ihm der schreckliche gedanke, die mutter sterbe, während er hier oben (
am rande des waldes) zögere Raabe
hungerpastor 251; das trieb, da er zögerte (
hinauszutreten), sie wieder hinein in den saal Ludwig 1, 151
Stern; wer dächte, dasz Apoll gerufen zögere Ebert
episteln u. verm. ged. 39.
es schwächt sich ab zu '
in der bewegung stocken, nicht vorwärtskommen': so sehr ich eilte, muszt' ich dennoch zögern, weil ich von Rom mir andre wege suchte; denn schon sind alle heiden auf dem zuge Tieck 1, 227.
von naturvorgängen: er schildert, wie er dann, wenn der frühlingsregen zögerte, wasserfässer herbei schaffen liesz Wimmer
gesch. d. deutsch. bodens 65.
anschaulich wirkt es in poetischen schilderungen: in den heitern lüften zögerten wandernde vögel Hölderlin 2, 143
Litzmann; da ist's, als ob, erstaunt zumal, noch zögern will der letzte strahl Droste-Hülshoff 2, 30; die (
tanne) zögert an abgründen, wo alles rings hinunter will Nietzsche 8, 366; hallen, ... in deren geheiligtem haag verflossene jahrhunderte zu zögern scheinen Justi
Winckelmann 1, 17.
es wird sogar kühnlich mit einer ortsbestimmung verbunden: wie! oder zögerst du von des Albion eiland herüber Klopstock
oden 1, 11
Pawel-Muncker; die sonne zögert aus der welt D. v. Liliencron 9, 77 (
ein erinnern). I@1@bb) zögern
ist ganz allgemein das gegentheil vom rasch einsetzenden handeln, manchmal mit betonung des gefährlichen, manchmal des vorsichtigen, auch hinterhältigen, '
meist in übler bedeutung' Frisch 2, 480
c: er (
Ananda, schüler Buddahs) begehrt von einem tschandala-mädchen, das wasser schöpft, einen trunk, und als es zögert, um ihn nicht durch berührung zu beflecken, spricht er Peschel
völkerkunde 285; da der römische hof zögere, wolle er nicht zögern: als kaiser ... berufe er das concilium Ranke
sämmtl. werke 1, 166; wenn wir zögern, so ziehen sie mir vor's schlosz Göthe 8, 104
Weim.; Burleigh. erwarte, zögre, säume, bis das reich in flammen steht Schiller 12, 536; aber Alexanders heldensinn verschmähte zu zögern und zu erschleichen, wo er handeln und entscheiden konnte Droysen
gesch. Alexanders d. groszen 57. I@1@cc)
die dauer des zögerns wird angegeben durch ein adverb oder einen satz mit bis: ah, mademoiselle, ich zögere ihnen wohl zu lange? Ebner-Eschenbach 4, 104; sie blickte mich an, zögerte ein weilchen, bückte sich dann und nahm die frucht Stifter 5, 1, 121; und indem sie gleich mitzugehen willens schien, zögerte sie doch eine kurze zeit, einige rosen brechend, bis der diener weg war Keller 4, 52.
mit hin
verbunden: er (
Göthe) liesz sich nöthigen und treiben und zögerte geheimnisvoll hin, bis er im 82. jahr mit diesem lebenswerke zugleich das leben abschlosz Gervinus
gesch. d. d. dichtung 5, 97,
s. hinzögern
th. 4, 2, 1549. I@1@dd)
das particip zögernd
begleitet nach stehendem brauche ein verb., I@1@d@aα)
der bewegung oder des stehenbleibens: und von einer starken vorahnung erfüllt .. schritt er .. zögernd weiter Fontane I 6, 112; und als die sonne hoch am himmel zieht, da lenkt er zögernd heimwärts seine tritte Droste-Hülshoff 2, 223; und zögernd schiebt des greises hand den kleinen kalten arm zurück 2, 31; zögernd kommt die zukunft hergezogen Schiller 11, 14; sie blieb zögernd stehen und sah ihn einige augenblicke schweigend an Eichendorff 3, 133. I@1@d@bβ)
des sagens vor directer rede: zögernd, denn an ihren reden sah er schon, wie wenig sein einkauf ihr behagen würde, antwortete er Grimm
deutsche sagen 1, 166; er antwortete zögernd: 'jawohl'
M. Meyr
erzähl. aus dem Ries 1, 208.
dabei gleitet oft die participiale bedeutung ins adverb hinüber, vgl. unten III 2: wenn er die erste strecke seines weges nur scheu und zögernd zurücklegt Raabe
hungerpastor 190; endlich fragte Oversberg sehr leise und sehr zögernd: wenn ich bliebe? Ebner-Eschenbach 4, 178. I@22)
die verzögerte handlung wird ausgedrückt durch I@2@aa)
einen infinitiv mit zu: das süsze gefühl ... liesz mich immer noch zögern, ins haus hinabzugehen Storm 1, 64; sie zögert (
Medea) zur that zu schreiten Herder 17, 382; ich zögre fast, es auszusprechen Fontane I 4, 293. I@2@bb)
durch ein verbalsubstantiv oder gleichartiges wort, durch die präposition mit
angefügt: Philipp war undankbar genug, mit der auszahlung zu zögern Schiller 4, 94; er zögerte mit dieser urkunde von einem monat zum andern Bahrdt
gesch. seines lebens 3, 78; alles bunte seidene, mit dessen ankauf man weislich zögerte Göthe 24, 314
Weim.; Agnes zögerte mit ihrem entschlusse Keller 2, 228; seit einigen tagen zögert eine der schwiegertöchter des königs mit ihrer niederkunft Gutzkow 7, 302. I@2@cc)
durch ein verbalabstract oder gleichartiges wort als subject zu zögern: noch zögerte der angriff Moltke
ges. schr. u. denkwürdigk. 1, 174; die versendung des vollständigen heftes möchte wohl noch eine zeitlang zögern Göthe IV 37, 54
Weim.; mit angst harrte er der antwort, die ewig, ewig zögerte Stifter 1, 200; diesem entschlusse zögerte die ausführung Becker
weltgesch. 13, 449. I@33)
in der verneinung bezeichnet zögern
nachdrücklich den unmittelbaren beginn einer handlung. I@3@aa)
alleinstehend: der zögerte nicht lange, sondern liesz sich von ihm alle die alten und neuen minnelieder .. abschreiben, deren er habhaft werden konnte Keller 6, 39; deine bitte .. ist zu dringend, als dasz ich länger zögern könnte W. v. Humboldt
ges. schr. 1, 19; dir stehen noch schmerzliche ökonomische opfer bevor, unterwirf dich ihnen ohne zu murren und zu zögern Meinecke
Boyen 1, 141.
insbesondere in kräftiger aufforderung zu schleunigem thun, im imperativ und verwandten formen: dann zögre nicht, o Daphne! lasz uns beide Cytherens heiligthum' uns nahn Miller
gedichte 292; zögre länger nicht! maler Müller 1, 81; du sollst nicht zögern — keinen tag Bauernfeld
ges. schr. 6, 134.
formelhaft ist die frage was zögerst du?
in verschiedenen abwandlungen: mort! was zögerst? maler Müller 1, 364; murrst du? zögerst du? Schiller 2, 176; nun hast du das kaufgeld, nun zögerst du doch? Heine 1, 20; was denn noch zögern? dann schnell nur fort Fouqué
altsächs. bildersaal 4, 68. I@3@bb)
formelhaft ist auch zögern
mit dem infinitiv in der auffordernden frage: warum zögern sie (
anrede) zuzugreifen? Klinger
werke 1, 186; was zögern wir, sie noch einmal anzufeuern?
neues theater 1, 5; mit welchem recht zögert ihr da, die mitwirkung euerer brüder ... laut zu begehren?
briefe von und an Herwegh 176. I@3@cc) nicht zögern
mit dem inf. ist, wie in anderen sprachen, als stehende verbindung für das, was sofort eintritt, in der erzählung, besonders der geschichtlichen, beliebt: und zögerte keinen augenblick, sie nun auch ins werk zu setzen Ranke 1, 20; obwohl es die fassung zweifelhaft liesz, ob die auffordrung aus der eignen initiative Roons hervorgegangen oder von dem könige veranlaszt war, zögerte ich nicht abzureisen Bismarck
gedanken u. erinnerungen 1, 294
volksausgabe; er konnte nicht länger zögern, sich es selbst zu gestehn Göthe 23, 141
Weim.; das vaterland rief mich, und ich durfte nicht zögern, dem rufe zu folgen E. Th. A. Hoffmann 6, 78
Grisebach. ungewöhnlicher ist die anwendung auf gegenwärtiges und zukünftiges und nicht frei vom verdacht der einwirkung des frz. ne pas tarder à: wir werden aber nicht zögern, die bewohner Kaschgariens zu den türkischen mischvölkern zu rechnen Peschel
völkerkunde 135. IIII.
transitiv, vgl. sp. 22
unten. II@11) zögern
wird nach Klopstocks
vorgang in poetischer sprache des 18.
jhs. im sinne von verzögern gebraucht: sie stärket uns, zögert des todes gang, die mächtige freude Klopstock
Messias 16, 222; grausame nymphen! rief sie, ach! zögert nicht meinen tod Sal. Gesner
schriften (1777/78) 1, 80; fort! dein zagen zögert den tod heran Göthe 14, 229
Weim.; der herr zögert nicht die verheiszung C.
u. L. van Esz
bibel (
2 Petri 3, 9),
wo Luther verzeucht
hat. durchaus sprachgemäsz ist transitives hinzögern, hinauszögern
s. th. 4, 2, 1549. II@22)
seltener ist reflexives sich zögern: solange .. der gewünschte morgen sich zögert Bodmer
samml. critischer u. poet. schr. 1, 14; und schon geht der mohr verzweifelnd da es sich so lange zögert Herder 25, 153.
gewöhnlich dafür die verbindung mit hin: das gewitter zögert sich hin; es zögert sich hin. IIIIII.
recht selbstständig sind die nominalformen ge worden III@11)
der inf. als subst. III@1@aa)
allgemein: nur das zögern macht feige Klinger
neues theater 1, 6; wenn redlichkeit verspricht ihr opfer beizutragen; gilt treues zögern mehr, als falsche fertigkeit Weichmann
poesie der Niedersachsen 3, 143; ein kurzes zögern noch, dann reichte er sie dem greise hin Ebner-Eschenbach 2, 49. III@1@bb)
durch verbindung mit einem demonstrativ- oder possessiv-pronomen auf einen besonderen fall bezogen: dieses zögern hinderte ihn Ludwig 1, 280; Schiller beobachtete dies zögern, und sagte eben diese folgen der zögerung .. voraus Gervinus
gesch. d. deutschen dichtung 5, 426; mein zögern ist verzeihlich Göthe 9, 178
Weim.; der Oxenstirn, der Arnheim, keiner weisz, was er von deinem zögern halten soll Schiller 12, 107; und geht an den folgen seines zögerns unter Ludwig 5, 278. III@1@cc)
beliebt und fast formelhaft sind die verbindungen mit den präpositionen durch, mit, nach, wegen, ohne.
ständige beiworte sind dabei langes, längeres, anfängliches, weiteres, einiges, manches: das wurde durch längeres zögern nur noch schlimmer Ludwig 2, 90; du hast recht zu schelten, mein sohn, sprach mit verlegenem zögern die alte Holtei
erz. schr. 5, 221; nach anfänglichem zögern Raumer
gesch. d. Hohenstaufen 4, 495; aber es bedurfte der erlaubnis der gnädigen frau, und sie ertheilte sie nur nach einigem zögern Alexis
hosen 1, 27; die anfechtung musz .. ohne schuldhaftes zögern erfolgen
bürgerl. gesetzb. § 121.
fest ist die verbindung ohne zögern: ohne zögern, ohne worte schreiten sie zu rascher that Göthe 1, 176
Weim.; ich war auf deine frage gefaszt und erwiderte ohne zögern Ebner-Eschenbach 4, 95. III@22)
das part. präs. als adj. oder adv. III@2@aa)
die langsamkeit eines vorgangs oder einer handlung, in der musik verhaltenes tempo, nach it. ritardando. III@2@a@aα)
schlechthin: o wie lang, wie öde, wie schreckhaft ist die zögernde winternacht für den gefangenen Schubart
leben u. gesinn. 2, 47; im zögernden galopp der schnecke Pfeffel
poet. versuche 2, 41; mit langen, bald schnellen, bald zögernden schritten ging der gefangene general .. auf und nieder Moltke
ges. schr. 1, 71; die viertaktige phrase musz zögernd vorgetragen werden R. Wagner
ges. schr. u. dicht. 5, 166; aus dem leben, das bald durch felsen zögernder flieszt, und bald flüchtiger Klopstock
oden 1, 165
Pawel-Muncker. III@2@a@bβ)
mit betonung der vorsicht oder der unentschlossenheit: Klotilde willigte ohne zögernde eitelkeit in das singen ein Jean Paul 7/10, 94; er hält der krone die forderung der freiheit entgegen .., zögernder seiner geistlichkeit die forderung der ewigen vernunft Dahlmann
gesch. d. franz. revolution 166; so dasz der prinz mehrmals sein leeres glas rückwärts über seine schulter hielt, wo es zögernd wieder gefüllt wurde Bismarck
ged. u. erinnerungen 1, 351. III@2@bb)
vorsichtig-unentschlossene langsamkeit als eigenschaft: Tardif, die träge, zögernde schnecke J. Grimm
Reinhart Fuchs, vorrede 229; Hamilton wurde ... zu rascherem vorgehn vermocht, als seiner zögernden natur entsprach Ranke 16, 300; jener bedächtig, weitblickend, zögernd, klug Scherer
d. literaturg. 30; herr Bolten bemerkte den ängstlichen, zögernden ausdruck in ihrem gesicht Seidel
vorstadtgesch. 99.