verzögern,
vb. ,
komp. zu zögern.
wie das simplex ursprünglich im norddeutschen zu hause und hier am frühesten (
seit dem 14.
jh.)
bezeugt, s. Schiller-Lübben 5, 475
und (
für togeren) 4, 563.
wie zögern
in mhd. zogen
hat verzögern
in mhd. verzogen
einen vorläufer. erst spät und in langsamem fortschreiten nach süden wird verzögern
ein schriftsprachliches wort. es fehlt noch in den wörterbüchern des 15. und 16. jhs.; erst um die mitte des 17.
jhs. taucht es bei den md.-nd. lexikographen auf: Schottel
haubtspr. (1663) 601 (»verzögern
ist regular«); Reyher
thes. (1668) 1580; 1849, 2141; 3484; Kramer
teutsch-ital. (1676) 1727.
wie sich aus dem gebrauch der ableitung verzögerung (
s. u.)
ersehen läszt, ist verzögern
im hd. schrifttum auf nd. und md. boden schon zu beginn des 17.
jhs. in gebrauch und wird in diesem bereich um die mitte des jhs. häufiger; doch vgl. auch unten die belege aus Grimmelshausen
und Harsdörffer (
mit z. t. eigenen bedeutungsschattierungen).
die ursprüngliche verbreitung spiegelt sich noch in der spärlichen bezeugung von (ver-)zögern
in den obd. maa. (
s. Schmeller-Fr. 2, 1097
und Fischer 6, 1252)
gegenüber mehrfacher bezeugung im nd. raum: Schmidt-Petersen
nordfries. 41; Jensen
nordfries. 117; Mensing
schlesw.-holst. 5, 442 (vertökern); Dähnert
pomm.-rüg. 528,
für das simplex vgl. Furcht wb. des Alten Landes 29; Böning
Oldenburg 116; Mensing
a. a. o. 5, 141 (tögern
neben tökern, tökeln);
im md.-nd. begegnet vereinzelt auch die form verzügern (
s. u.). AA.
in transitivem und reflexivem gebrauch. A@11)
vom aufschub über einen zeitpunkt hinaus. '
etwas hinauszögern'
; reflexiv: '
später eintreten, aufgeschoben werden'. A@1@aa)
eine handlung aus eigener entscheidung auf einen späteren zeitpunkt verschieben: verzögert gott die straff, darffst du dir nicht gedencken, o sünder, dasz er dir wird deine sünde schenken Treuer
dt. Dädalus (1675) 1, 692; wenn er dann daheim war, so fand er an allem ... freude, ... und verzögerte seine abreise immer so lang er konnte Hegner
ges. schr. (1828) 77; wäre es nicht möglich ... die vorstellung des stüks (
die räuber) zwei bis drei tage zu verzögern, da im ganzen eben derselbe effekt herauskommt? (1781) Schiller
br. 1, 53
Jonas; ist ihre reise wirklich so dringend, dasz sie sich nicht um einige tage verzögern liesze? Deinhardstein
ges. dram. w. (1848) 2, 157; verzögerte er sie (
die abberufung) noch länger, so war man in Wien entschlossen, eine der zahlreichen tactlosigkeiten Wangenheims ... zu benutzen Treitschke
hist. u. polit. aufs. (1886) 1, 261; auf einen wunsch ihres vaters hin muszten sie die abreise verzögern Rilke
br. 1 (1950) 13; die beine fest an den körper gezogen, schien sie (
die sandsteinharpye des turmes) bereits im begriff zu sein, sich von dem turm abzustoszen und ihren vorsatz nur zu verzögern, um noch ein freches wort hinzuwerfen Langgässer
d. unauslöschl. siegel (1946) 271. A@1@bb)
gewöhnlich von einem ereignis, dessen eintritt (
oder nichteintritt)
sich der persönlichen einwirkung zunächst entzieht. A@1@b@aα)
von einem nicht erwarteten, auch nicht erwünschten aufschub: damit aber dennoch hierüber das heilsame werck des friedens je nicht aufgehalten oder verzögert würde Chemnitz
schwed. krieg 2 (1653) 299; dieses misfiele dem Arricarius aus beisorge, sein beilager mit der Claudia möchte dadurch noch länger verzögert werden A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 1, 330; nicht träge feigheit war es ..., die die rache verzögerte, sondern wie Hamlet selbst oft sagt, metaphysische und gewissensscrupel Herder 23, 364
S.; einige kleinigkeiten, die an der equipage fehlten, verzögerten seinen aufbruch um einige tage Göthe I 21, 96
W.; dann hab er ihm die ursache seiner verzögerten rückreise ... gesagt Jung-Stilling
s. schr. (1835) 6, 415; eurer durchlaucht gnädiges schreiben vom 28. jan. habe ich in Leipzig vorgefunden — etwas später als ich erwartete, weil meine abreise von Paris verzögert worden war
in: Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 6, 38; ein entsetzliches wetter verzögerte das eintreffen in Plaa Fontane
ges. w. (1905) I 1, 473; lesen konnte ich es (
das buch) erst jetzt, und das hat meinen brief um zwei tage verzögert Rilke
br. 2 (1950) 470; Bach, dessen reise durch den tod seiner (
ersten) frau verzögert worden war, kam aber erst im november dorthin Schweitzer
Bach (1948) 533.
in reflexiver verwendung: det vortogerde sik beth in den dridden sunnavent der advente
Lübecker chron. 1, 315
Grautoff; dahero gleichwol jhre vberkunfft (
von Schweden nach Danzig) noch ein monat länger, vnd bisz in den hew-monat hinein sich verzügert Chemnitz
schwed. krieg 1 (1648) 33; er (
Peter der Grosze) hat mit froher hand die früchte noch gepflückt, die sich in gegenden, wo Phöbus sanfter blickt, jahrhunderte verzögert hatten Nicolai
verm. ged. (1778) 1, 149; dadurch (
durch eine erkältung) verzögert sich natürlich die abreise (1805) Jacob Grimm in:
briefw. (1881) 31; da auf diese weise (
wegen einer unterredung) das mittagessen sich etwas verzögert Th. Mann
Lotte in Weimar (1946) 145. A@1@b@bβ)
vom aufschub eines nicht erwünschten ereignisses: verzOegre ... des wütrichs blinde wut!
theater d. Deutschen (1768) 3, 237; du muszt, und nichts, so hör ich, kanns verzögern, am donnerstag dem grafen dich vermählen
Shakespeare 1 (1797) 127; mit anerbietungen des friedens ..., welche aber blosz dazu dienen sollten, den lauf seiner waffen so lange, bis hülfe herbey käme, zu verzögern Schiller 8, 209
G.; tausend schlachtopfer fallen fruchtlos, ohne den sieg zu beschleunigen noch die niederlage zu verzögern Börne
ges. schr. (1829) 6, 35; die kleinen mittel sind aber nur palliative und verzögern nur den ausbruch des übels
aus Schleiermachers leben (1860) 1, 14.
als fachausdruck: bei verzögerter zündung (
des sprengkörpers) Alten
hdb. f. heer u. fl. (1909) 4, 343. A@22)
von der zeitlichen ausdehnung eines vorganges oder zustandes, '
etwas bzw. sich in die länge ziehen'. A@2@aa)
bei einem vorgang, einem ereignis die zeitdauer des ablaufes verlangsamen, lat. tardare
entsprechend. hierher vielleicht schon: dat de koning de tyd so langhe vortogherde
bei Schiller-Lübben 5, 475; hierdurch (
würde) der inquisitionsprocesz nur verzögert und unnöthige unkosten gemacht werden Thomasius
ged. u. erinn. (1720) 1, 88; jetzo hatte noch der die nacht über gefallne regen ihren zug verzögert; in dem der Äsopus stark angelaufen war und den übergang schwer machte Heilmann
pelop. krieg (1760) 177; das verzögern und voreilen (
der tonfolge) Sulzer
theorie d. schönen künste (1778) 4, 402
a; ich weisz also nicht, was meine genesung mehr verzögert hat, die oft zu genaue befolgung oder die oft zu zügellose übertretung des ärztlichen befehls (1816) A. v. Droste-Hülshoff
br. 1, 15
Schulte-K.; (
dadurch) wird die auflösung des eiweiszes in säuren verhindert oder verzögert Sömmerring
menschl. körper (1839) 6, 36; alles, was die verhandlungen verzögern kann L. Häusser
dt. gesch. (1854) 1, 333; wenn der wind der richtung der bewegung entgegenwirkt, so verzögert er diese Moltke
ges. schr. u. denkw. (1892) 2, 252; die verzögerte ausführung (
des domes) Dehio
gesch. d. dt. kunst 2 (1921) 48; die oft nicht unbeträchtliche distanz zwischen den ersten pulten und der orgel (
ist) auch nicht ohne verzögernden einflusz Schweitzer
Bach (1948) 819.
reflexiv: dar na sande he (
der neugewählte bischof) mester Richarde to Rome umme dat pallium; de vorwarf (
erwarb) om dat mit arbeide, doch vortogerde sik dat lange (
Magdeburg um 1360)
städtechron. 7, 159; Huters angelegenheit verzögert sich allzusehr für meine wünsche (1785) Schiller
br. 1, 259
Jonas. häufig den schritt verzögern
ihn verhalten, verlangsamen: das thier verzögerte seinen schritt Göthe I 24, 6
W.; es schien ihr nicht zu miszfallen, sie verzögerte ihren schritt Stifter
s. w. 3 (1911) 144; der schleppschiffahrt träge verzögertem gang Geibel
ges. w. (1883) 5, 149. A@2@bb)
bei einer handlung, einem vorgang oder zustand die dauer über den vorgesehenen termin hinaus verlängern, ausdehnen, lat. prolongare
entsprechend: ein weiter umweg, den sie (
die kaiserliche armee) nehmen muszte, ... verzögerte ihren marsch Schiller 8, 409
G.; ich bedaure nur, dasz sein aufenthalt in Kassel sich durchaus nicht verzögern liesz J. G. Forster
s. schr. (1843) 7, 125; die zeit seiner (
des parlaments) sitzungen sollte der protector weder verzögern noch abkürzen Ranke
s. w. 17 (1867) 108; über den meinungsaustausch ... wurde gar manches mittagsmahl ... verzögert Sohnrey im
grünen klee (1903) 59.
auch reflexiv: während der zweiten abwesenheit kaiser Ottos in Italien, die sich bis ins vierte jahr verzögerte Dahlmann
gesch. v. Dännemark (1840) 1, 79; (
er hat) ihm erklärt: der aufenthalt in Neuland könne sich verzögern Holtei
erz. schr. (1861) 3, 89.
bei Grimmelshausen
in der bedeutung '
das leben hinschleppen, fristen': als ein gefangener, der mit wasser und brod der trübsal sein armseelig leben verzögert
Simpl. 1, 578
Keller; auch simplic. schr. 2, 310
Keller. A@33)
sporadisch bis zur mitte des 19.
jhs. auch '
jem. aufhalten': nach Königsberg brachte uns ein major und sein schwestersohn, der als junker beym fuhrwerk stand, die uns beynahe zween tage in Mitau ohne nohth verzögerten Hippel
lebensläufe (1778) 3, 2, 1; also ward Menelaos ... verzögert (
durch einen sturm bei seiner heimfahrt) J. H. Voss
Odyssee 44
Bernays; als vor'ges jahr die stände Arragons ihm huldigten und mich die reihe traf, erschien ich etwas später, weil mein amt als marschall bei dem feste mich verzögert Schiller 5, 1, 138
G.; so verzögerte er oft hundert menschen und hunderterlei anstalt um eine stunde, damit er ein gespräch ... zu ende brächte H. Laube
ges. schr. (1875) 2, 57.
reflexiv, '
sich verspäten': wer war der herr? fragte Otto einen kriegsknecht, der sich etwas verzögert hatte Fouqué
zauberring (1812) 1, 136; in der unterhaltung mit seinen freunden hatte sich der Grabenhäger länger verzögert, als ihm recht war Polenz
Grabenhäger (1898) 2, 338. '
hinhalten': der herr will unser verlangen nach dem erwähnten spiel durch umbschweiffige reden verzögern Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. 2 (1657) 77; es ist nicht unrecht, wenn man den feind biszweilen verzögert und aufhält Fleming
d. vollk. teutsche soldat (1726) 190. A@44)
vereinzelte abweichende bedeutungsnuancen. an 1 a
anschlieszend, jedoch unter vernachlässigung der zeitlichen vorstellung, '
etwas verhindern, vorenthalten, zurückhalten': (
zu gott) kere nicht von my dyn antlat, vortoghere nicht dyne visitacien unde entrucke nicht dynen trost, uppe dat myn zele dy nicht werde also dor ertrike ane water
imitatio Christi 24
v. d. Hagen; und dass dir, werther freund, mein allzukühner rath die ruhe des gemüths bisher verzögert hat Canitz
ged. (1727) 100; die glückseligkeit unsers nächsten ... nicht aus kleinen beweggründen verzögern S. v. Laroche
frl. v. Sternheim (1771) 2, 115.
ungewöhnlich als '
in die länge ziehen': die obbesagten lebensgeisterlein erschüttern und erweitern das netz (
zwerchfell) und dardurch werden auch zugleich die lippen verzögert und voneinandergerucket Harsdörffer
Heraclitus u. Democr. (1661) b 9
a. BB.
vom 17.
bis anfang des 19.
jhs. begegnen intransitive verwendungen, bei denen ver-
lediglich die funktion der verstärkung gegenüber dem grundverb hat. '
zögern, säumen': das armistitium wäre auch noch nicht ratificiret, man hätte auf dieser seiten verzügert (1642)
urk. u. aktenst. z. gesch. Friedrich Wilhelms v. Brandenburg 1, 561
Erdm.; was verzOegert ihr dann, euch an mir ... zu rächen? Harsdörffer
Heraclitus u. Democr. (1661) 572; hierauf begiebt er sich, ohne einiges verzgern, zum könige
O. Dapper Africa (1671) 409
a; auf dem mosichten dach girrt schon der buhlende tauber um die geliebte herum, die bald nach sprödem verzögern ihm den verweigerten kusz noch süsser, noch feuriger, hingiebt Zachariä
poet. schr. (1763) 4, 10; nun kann sie (
die schrift) Lanfrancus ein, zwey, drey jahre darauf beantwortet haben ... nur dasz er bis 69 sollte damit verzögert haben Lessing 11, 90
L.-M.; Giton verzögerte nicht einen augenblick, dem befehle zu gehorchen Heinse
s. w. 2, 177
Sch. innehalten, verweilen: bey ihrem gewand möcht ich sie wol halten, dasz das süsse mädchen ein wenig verzögre S. Gessner
schr. 2 (1778) 58; stund nicht der rauschende bach selbst bey dir still und schlich verzögernd dich länger zu sehen Wieland
ges. schr. I 1, 165
akad.; dabey wurden ... spaziergänge ... gemacht, darauf verzögert, eingehalten Heinse
s. w. 5, 211
Sch. ähnlich: hätte der winter nicht so lange verzOegert, so würde ich sie wahrscheinlich schon in 14 tagen in Berlin besuchen Solger
nachgel. schr. u. briefw. (1826) 1, 303.
säumen, ausbleiben: je länger ich verzögerte, je weniger würde mir darvon ... zu theil werden Grimmelshausen 2, 521
Keller; verzögert glcke, trost und hlffe, so traut dem himmel und der zeit J. Chr. Günther
ged. (1735) 439; lange verzögert sein rad. kein wallender staub kündet den kommenden an Denis
lieder Sineds (1772) 161.