vorgriff,
m. ,
das vorgreifen, vorwegnehmen, s. fürgriff
th. 4, 1, 1,
sp. 737;
mhd. vürgrif
mhd. wb. 1, 572
b; Lexer 3, 599;
prerogativa vorgrif Diefenbach
gl. 456
a;
prolepsis, occupatio vorgrieff, begegnung einer einrede Orsäus
nomencl. method. (1623) 19;
praejudicium ein vorgrieff, verfang, nachtheil Corvinus
fons lat. (1646) 446; vorgriff,
praejudicium, damnum Stieler 700; v.,
praesumtio Dentzler
clavis ling. lat. (1716) 337
a; Adelung (
unter vorgreifen
mit der bemerkung: '
ob es gleich im hochdeutschen nur selten gehöret wird'); Campe;
vgl. dän. foregreb
neben foregribelse;
im entwickelten nhd. ist das wort selten und in seiner anwendung beschränkt, während die bedeutung von fürgriff
reicher entfaltet war. 11)
im eigentlichen sinne, das nach vorn greifen mit der hand: das klimmen mit senkgriff geschieht immer mit vor- und übergriff Fr. L. Jahn 2, 71
E. 22)
zuvorkommendes zugreifen: in jedem lebenden tropfen der austern schien so vergnügt, als sie die gurgel verschlang, ein herz, ein weibliches herz, das mit der schale noch rang, statt sich zu sperren, der hand sogleich entgegenzuklopfen, der im gedränge darnach, die kunst des vorgriffs gelang Thümmel
reise (1791) 8, 281. 33)
in übertragener anwendung, zeitlich oder im verhältnis zu anderen, in neutralem oder günstigem sinne (
s. vorgreifen 5): sie (
seine philosophie) ist ein v. der zeit, ein schon in voraus fertiges lebenselement eines geschlechts, das in demselben erst zum lichte erwachsen soll Fichte
reden an d. dt. nation (1808) 109; dieser v. in ein vorausgesetztes gebiet ist unvermeidlich Vischer
ästhetik (1846) 2, 1, 19.
auf sprachliche erscheinungen bezogen: wer zwar vorgriffe natürlich, rückgriffe aber unnatürlich finden wollte, ... hat zu erwägen, dasz der gedanke des sprechenden und redenden blitzschnell alle theile des worts und der worte überschaut, also auf das zuerst verlautende bereits das nachschallende einwirken läszt J. Grimm
kl. schr. 3, 312. 44)
vorwegnehmen in darstellung und erzählung (
s. vorgreifen 7): in der darstellung des zweckes und geistes der rhätischen parteien habe ich einen v. in die erzählung vom gang der begebenheiten gethan Zschokke (1824) 1, 200. 55)
die bedeutung des wortes wird dann eingeengt wie die des verbums (
s. vorgreifen 9,
vgl. auch eingriff
und übergriff),
sie kann verschlimmert werden bis zur vorstellung des voreiligen, unbefugten, vgl. '
da man eigenmächtig vor einem anderen, d. h. früher als ein anderer etwas thut, das er thun sollte oder wollte; wie auch, dasz man vor der bestimmten zeit etwas thut' Campe: ich schliesze den kirchhof, ehe das stadtthor für mich geschlossen wird. wer mir aber dergleichen vorgriffe übel nimmt, kann mir mehr übel nehmen, wenn es ihm beliebt Hippel
lebensl. (1778) 1, 298; für einen v. oder eingriff in die landesherrliche policeygewalt würde man das allerdings ansehen können Berg
t. policeyrecht (1799) 1, 110; (
die naturphilosophie,) deren sache er nicht für die beste hält, 'vielmehr für einen v. in eine höhere sphäre des lebens' Caroline 2, 287
Waitz; durch eigene versäumung oder durch vorgriffe des stadtrathes Zschokke (1824) 36, 229; ein v. in die zukunft, eine anmaszung gegen die künftigen geschlechter Görres (1854) 2, 278. 66) v. thun
mit dem dativ, vorgreifen
umschreibend: einem v. in seinem amt, in einer sache thun Kramer
teutsch-ital. dict. 1 (1700) 562
b; indesz wollte er doch dem verstande durch kindisches zuplatzen keinen v. thun H. C. Arend
d. gedechtnisz Albrecht Dürers (1728) § 4. 77)
ein v.
in der engeren bedeutung kann für andere nachtheilig sein, und so nähert sich das wort dem sinne von schaden, nachtheil, s. oben zu anfang Corvinus
und Stieler
und vgl. vorgreiflich: gleichwie sie (
meine gedanken) keinem zum forgrif und nachteil ans licht gegäben sind Bellin
hochd. rechtschreib. (1657) b 7
a. 88)
technische und besondere anwendungen: 8@aa)
vorzeitige entwicklung einer baumknospe: müssen wir es ... einen v., eine vorzeitigkeit nennen, wenn eine knospe ... noch in derselben vegetationsperiode zur entfaltung kommt Roszmäszler
d. wald (1863) 81. 8@bb)
abholzung im forst über das für das jahr bestimmte masz hinaus, s. vorgreifen: 'v.
in der forstwissenschaft so viel als überhauen' Krünitz
öconom. encycl. 231, 391. 8@cc)
vorsprung, den ein gejagter hirsch gewinnt: da man ihn desto besser, wann er wieder (
aus dem wasser) herausgegangen, seinen v. wieder nehmen ... kann Grässe
jägerbrevier 67;
vgl. vorgreifen 4. 8@dd) fürgriff
wird in älterer sprache oft im sinne von accordlohn gebraucht, d. i. einen lohn, der vorgreifend festgesetzt wird, ehe die arbeit geleistet ist, s. fürgriff 3
th. 4, 1, 1,
sp. 737: das keyn meister sal vorgriff lozzen seynen gesellen
Freiberger stadtrecht 287 (§ 12)
Ermisch. 8@ee)
es fehlt unter fürgriff
a. a. o. die bedeutung von einrede: wir uns eins fürgriffs oder zwüschendred gebruchend, als die poeten ettwenn pflegen zetuon Riederer
spiegel d. waren rhetoric. (1493) c 6
a. 8@ff)
unrichtig angegeben ist unter fürgriff
a. a. o. die bedeutung des adverbial gebrauchten gen. fürgriffs ('
im allgemeinen, überhaupt'), fürgriffs
bedeutet vielmehr' vorgreifend, voreilig, aufs gerate wohl, sei es wie es sei, ohne überlegung': mein meinung ist nit gsein, fürgriffs fürzuosetzen die unandechtigen den andechtigen Keisersberg
irrig schaf 18;
in gleicher anwendung mnld. voregreeps Verwijs-Verdam 9, 990.