vergessen,
verb. oblivisci, mhd. vergëʒʒen,
ahd. fargeʒan (Graff 4, 278),
alts. fargetan, forgetan,
mnd. vorgeten,
ags. forgitan,
altfries. urieta,
zusammensetzung zu hd. gisse (gita),
das sich im altn. geta,
im goth. ags. bigitan,
alts. bigetan,
ags. an-, on-, ofer-gitan,
ahd. argëʒan
wiederfindet. vermutlicher indogermanischer stamm ghad,
der sich in χαδ (
χανδάνω),
lat. hend (prehendere)
wiederfindet (
so schon Curtius
etym. 1, 165). Fick
stellt sanskr. âgadhita,
umklammert (
indogerm. wb. 3, 98)
dazu, wo dann ein '
umspringen des organs'
anzunehmen wäre. wir gelangen durch diese vergleiche zur urbedeutung, gitan =
fassen, ergreifen, und finden im nordischen dieselbe zunächst noch sinnlich, dann auch auf geistiges übertragen wieder, '
im gespräche berühren': til holts ek gekk, ok til hrás viðar, gambantein at geta gambantein ek gat.
Skirnismal 32; getr þu þess, Atli!
Atlamál 54;
im ags. ist zwar kein gitan
nachzuweisen, jedoch zeigt sich im engl. get,
in besitz nehmen; im deutschen ist der einfache stamm wol kaum mehr nachzuweisen. wenn Klopstock 12, 247
sagt: einige stammsilben kommen zwar nicht mehr vor, sind aber doch wörter gewesen und werden auch manchmal noch als solche in den mundarten gebraucht: als vergisz. gisz, vermute, wird noch im niederdeutschen gebraucht,
so ergibt sich schon aus der mangelnden lautverschiebung, dasz diese zusammenstellung irrig ist; gissen,
vermuten, ist zu holländ. gissen,
engl. guess,
schwed. gissa
zu stellen, vgl. Schiller-Lübben 2, 115.
brem. wb. 2, 514. Frommann 6, 208.
goth. bigitan,
wie ags. begitan, bigitan
haben die bedeutung des einfachen wortes, Ulfilas übersetzt damit ἔχειν und εὑρίσκειν,
also in besitz haben, erlangen. vergessen
selbst scheint dem nd. früher geläufiger gewesen zu sein, als dem oberd., im ahd. ist bei gleicher bedeutung argeʒan
gebräuchlicher (Graff 4, 276),
z. b. druhtin mîn, druhtin mîn! ziu irgâzi dû mîn? sus garo mih firliaʒi, joh fîanton giliaʒi? Otfrid 4, 33, 17;
daneben freilich auch fargeʒan
vorkömmlich Graff 4, 278,
aber seltener; mhd. ergëʒʒen
schon sehr selten, meist durch vergëʒʒen
verdrängt; im nhd. ist ergessen
durchaus in vergessenheit gekommen, vergessen
das allein herrschende. nur geringe änderungen sind in den formen eingetreten, im nhd. hat sich der sing. des präteritums in der quantität dem plurale angeglichen; die 1.
person des sing. präterit., die noch bei Dasyp. 63
b vergisse,
praetereo lautet, ist schon lange dem plur. im vocale gleich geworden, die ältere form noch bei Weckherlin 316
und Rihel
Livius 861 (ich vergisz), Schottel 600
führt vergesse
auf. der imperativ vergesse,
ursprünglich mitteldeutsch, ist mehrfach in die literatur eingedrungen (Göthe, Klinger 6, 338,
s. unten, daneben vergisz 6, 339),
es ist dies einflusz der heimatlichen mundart; bei Schuppius 209,
wo ebenfalls imperativ vergesse,
ist gleicher einflusz der hessisch-wetterauischen heimatsmundart anzunehmen. 11) vergessen
ist seit seinem frühesten auftreten im germanischen nur als geistige thätigkeit nachweisbar, bedeutet also ein absichtsloses verlieren aus dem sinne. die construction ursprünglich nur mit genitiv, aber schon mhd. zeigt sich auch die verbindung mit dem accusativ, sie drängt die erstere immer mehr zurück. heute ist der accusativ durchaus das geläufigere, nur noch in der gewählten oder in der formelhaften sprache mit genitiv (
zeichen des allmälichen ersterbens).
absolut steht vergessen
nur insofern, als das object ausgelassen und leicht ergänzbar ist, z. b.: mhd. ouch sult ir niht vergeʒʒen, ir sprâchent: swer dich segene sî gesegent. Walther 11, 12
Lachmann; ... des zimmers decke ist ausgelegt mit goldnen cherubim, die feuerböcke (ich vergas) von silber, zwei schlummernde Cupidos. Schlegel
Shakespeare Cymbelin 2, 4;
[] mit genitiv schon ags., alts. mnd. das gebräuchliche: fargâtun godes rîkies, gramon theonodun, fîundô barnun.
Heliand 3604; Îsegrim sîner smerte vorgat unde warp Reinken under sik plat.
Reinke de Vos 6363;
zahlreiche belege im ahd. mhd., z. b.: sô der scenche an daʒ ambahte gesaʒ, sînes troumskeiden (
traumbescheidens) er vergaʒ, er irgaʒ triuwen iouch maniger riuwen, die er in dem charchâre leid ê ime Ioseph den troum skiet. Graff
Diutiska 3, 97;
mhd. von jmer erkalte in der lîp dô der meier und sîn wîp an dem bette sâʒen und vil gar vergâʒen durch des kindes minne der zungen und der sinne sâ ze der selben stunde. Hartmann
a. Heinrich 888;
nhd. das si dadurch vergessen liebes und leides und aller ding. Tauler (1508) 23
b; die do wöllen machen, dasz min volk vergesz mins namen durch ir treum, so einer dem andren verkündt und sagt, als ire väter mins namen vergaszen durch Baal. Schade
sat. u. pasqu. 3, 23, 20; wolt er vielleicht gern ... auch andere löbliche fürsten bestenckern, ob man seines stancks damit ein wenig vergessen möcht. Luther
Hans Worst 60; er hat uns solch gebot geben, welche, so wirs verstehen, fürwar kein augenblick dürffen müssig gehen und aller anderer werck wol vergessen künden. 1, 233
b; Martinus Luther, ... der nicht allein aller christlichen lieb und evangelischer gottseligkeit vergisset, sondern auch .. 2, 179; allerheiligster stuel, gnack ... nicht, für diesem newen grus, darin ich ... des fuszküssens vergesse. 2, 50; er hat dich auff das klein narrenwerck gefürt, das sacrament anzugreiffen, eier und fleisch zu essen, das du dieweil des glaubens und der lieb vergessest. 2, 77; aber am ende seines lebens .. da vergas er seines lebens, als hette er nie nichts guts gethan. 4, 173; wenn schon kein mensch mein elend bedencken wil .. vergissest (
du) keiner threnen, die ich weine. 6, 1
b; und auffs deutlichst ich jmer kan, glossiren, was da heisze den splitter in seines nehesten augen richten und des balcken in seinem auge vergessen. 6, 20; rohe leute vergessen solchs zorns und dencken nicht, das sie sterben müssen. 7, 13; gott hat mich lassen vergessen alles meines unglücks und alles meines vaters hauses.
1 Mos. 41, 51; wenn ich gedenck, ich will meiner klage vergessen .. so furchte ich alle meine schmertzen.
Hiob 9, 27; und unsers namens wird mit der zeit vergessen, das freilich niemand unsers thuns gedencken wird.
weish. Sal. 2, 4; damit uns der teufel auffhelt, das wir der warheit vergessen, mit unnöttigen sachen uns martern. Frank
weltb. 23; die muoter entsetzt ir kind und vergisset irer art, so si ein arckwon des reichs .. auff ir kind hat.
chron. 109
b; so oft ich ansehe, was groszen nutz euch die götter zugefügt haben, vergisz ich alles des schaden, so ich empfangen habe. Rihel
Livius 861; wie viel tausend fromme christen sind, die so gut tractament nicht haben, wie du? darumb vergesse ja der danckbarkeit nicht. Schuppius 209; der tausend ducaten und desz theuren eidschwurs vergasze er gäntzlich und ich muste auch meiner anschläg, welche ich auff die tausend ducaten machte, vergessen. 247; der wil etwas werden und empor kommen, musz den kurtzen weg ergreiffen, frembder örter vergessen und sich in den ort schicken. 549; sie wollten sich ohne bedienten behelfen? sie vergessen ihrer blessuren und dasz sie nur eines armes mächtig sind. Lessing 1, 520; ich will gewisz machen, dasz er dieses tags, dieses orts und meiner nimmermehr vergiszt. 3, 64; ich hatte ihrer (
meiner schriften) lange genug vergessen, um sie völlig als fremde geburten betrachten zu können. 5, 355; (
er) erkannte es zu spät, dasz er seiner brüderlichen liebe zum besten einer buhlerin ... vergessen habe. 6, 216; und auch der bäche, die mich zum theil zu den quellen gewiesen haben, kann ich ohne undankbarkeit nicht vergessen. 6, 287; (
wir) zweifeln, ob die weiseste unter allen .. sich erwehren könne, ganz leise in sich selbst darüber zu frohlocken, dasz sie liebenswürdig genug ist, einen mann seines eignen werths vergessen zu machen. Wieland 2, 232; (
sie) hatte dafür gesorgt, dasz die noth ... nicht die schuld tragen möchte, wenn die junge Danae ihrer lehren jemals vergessen sollte. 3, 327; der beste
[] könig kann seiner pflicht vergessen, ein ganzes volk kann sein eignes bestes miszkennen. 7, 185; aber ich würde auch in dem ersten augenblicke, da ich euer könig bin, meiner menschheit vergessen.
ebenda; wenn jemals deine seele ihrer eignen würde vergessen wollte. 7, 181; (
schriftsteller) die ... von jugend auf dazu eingesegnet wurden, unter den büchern, der welt, des volks, der menschheit zu vergessen. Herder
phil. u. gesch. (1820) 13, 27; sie hant diner trüwen all vergessen, darumb hastu das leder fressen. Murner
narrenbeschw. 104, 30
Gödeke; botz mist! ich hab des krauts vergessen, das strudlt und prudelt bei dem fewr. H. Sachs 3, 3, 42
d (
Keller 14, 172, 18); seiner armen seel er ganz vergas, dieweil er lebt auff erden. Wackernagel
kirchenl. 3, 130
a, 7; da liesz sich nider der ein hauf, und nanten das ort Basz Jll darauf, weil sie ein Bäszer Jll da funden, da sie der Jll vergessen kunten. Fischart
dicht. 2, 191, 467
Kurz; gibt er dir busz mit worten süesz, der soltu nit vergessen. Wackernagel
kirchenlied 2, 865
a; nun kommt, ihr freunde, kommt zum essen, des leides sei ietzt gantz vergessen, thut weg die bleiche traurigkeit. Opitz 3, 18; wil Rom sich um ein weib mit Massinissen trennen? vergessen seiner treu, nicht seine dienst erkennen? Lohenstein
Sophon. 46, 247; ihrer und seiner unsterblichkeit sicher, vergasz sie der thränen. Klopstock
Mess. 5, 85; sie gafften aus groszen augen, vergaszen essens und trinkens, vergaszen des schlafs, riethen und stritten und niemand trafs. Wieland 18, 242; mit diesen worten wirft er voll freuden sein netz hinein, hat seiner leiden vergessen ganz. 18, 226; der pflicht vergessen wir fische nie, haben viel müh. 18, 231; ich hatte des kummers völlig vergessen und jeglicher noth. Göthe 1, 338; das eitle flittermädchen vergasz bei dir des fächerspiels. Voss 3, 39; jemandes vergessen: der narren buochlin billich lysszt, wer wis ist, und syn selbs vergiszt. Brant
narr. (58) 7
Zarncke; und redet, als habe sie gottes vergessen, sei Jacobs schuld, das sie keine kinder hat. Luther 4, 165
b; und theten ubel fur dem herrn und vergaszen des herrn jres gottes und dieneten Baalim und den hainen.
richter 3, 7; so gehet es allen denen, die gottes vergessen.
Hiob 8, 13; meine nehesten haben sich entzogen und meine freunde haben mein vergessen. 19, 14; trinck, ysz, gottes nit vergisz. Frank
sprichw. (79) 244
Latendorf; dann, sagt er, ... vor der kinder nötlichkeit vergesz man eins gasts allzeit.
Garg. (1590) 83; sie haben ihren könig reich gemacht, aber sie haben ihrer selbst dabei nicht vergessen. Schuppius 17; die herrische gewohnheit, jungen männern meines alters in herzens- und geistesnöthen beizustehen, liesz mich sein doch nicht ganz vergessen. Göthe 30, 218; (
meine freunde) die gleichsam alle sinnen durch starcke zauberei mir haben eingethan, so dasz ich ihrer nicht vergessen will noch kan. Opitz 1, 140, 446; indessen wird die welt vergessen ihrer selbst, eh als ich deiner ziehr, mein höchster auffenthalt, mein trost und schönes liecht. 2, 287. 22)
heute ist die construction mit dem genitiv nicht mehr volksthümlich, an stelle des genitivs ist der accusativ des objectes getreten. diese construction ist ahd. nicht nachgewiesen, im mhd. findet sie sich mitunter: an ir schœne hât got niht vergeʒʒen, ist eʒ reht, als ich eʒ hân gemeʒʒen, so hât si einen rôten rosen geʒʒen.
minnes. 1, 64
b Hagen; (diu maget schœne) an der got niht vergeʒʒen hâte an irme lîbe, swaʒ ie man an wîbe loben unde prîsen sol.
gesamtabent. 3, 45, 64
Hagen; nhd. eine sache vergessen: aber wol, der das vergessen doch sehen und klagen kan, unselig aber, die auch das vergessen
[] noch dazu vergessen. Luther 3, 17
b; ob sie gleich alle natürlich, recht und billig weren, so habt ir doch das christlich recht vergessen. 3, 120; ich wil deinen befelh nimer mehr vergessen, denn du erquickest mich da mit.
psalter 119, 93; ich nahm diesen trunck mit sonderlicher begierde und vergasz dadurch nicht allein meinen durst, sondern auch das gedächtnisz meiner mühselig vergangenen tage.
pers. rosenth. 5, 15; (
Perikles) gewöhnte sie so sehr an diese abwechselnden ergetzungen, dasz die vorstellung eines neuen stücks .. zuletzt staatsangelegenheiten wurde, über welchen man diejenigen vergasz, die es in der that waren. Wieland 1, 141; vergiszt den niedrigen kummer. Herder 10, 260; ich verspreche, dasz ich nicht eher von euch weichen will, als bis ... ihr den zustand, in dem ihr euch befindet, völlig vergessen und mit einem glücklichern vertauscht habt. Göthe 19, 54; er (
Felix) hatte bald bei so guter kost und so angenehmer umgebung den vorhergegangenen schrecken und alle bedrängnisz, wie einen schweren traum am hellen morgen, vergessen. 21, 67; man kann aber wohl für sicher annehmen, dasz kein schlaf ohne traum sein könne, und wer nicht geträumt zu haben wähnt, seinen traum nur vergessen habe. Kant 10, 200; er (
der sanguinische) ist gewöhnlich kein böser mensch, aber ein schlimm zu bekehrender sünder, den zwar etwas sehr reuet, der aber diese reue bald vergiszt. 10, 320; haben wir die regel im gedächtnisse und vergessen auch den gebrauch, so finden wir uns doch bald wieder zurecht. 10, 421; o ich könnte dir streiche auftischen den langen tag, dasz dus fressen drüber vergäszest. Schiller
hist.-krit. ausg. 2, 253 (
räuber 2, 7); warum müssen wir immer früheres glück vergessen, um von neuem glücklich sein zu können? Tieck 16, 9; gedenke doch herr got daran, wie böslich und unrecht hat gethan das keiserlich kamergericht, dasz es sein eid und pflichte bricht, dazu er und tugent vergiszt. Schade
sat. u. pasqu. 1, 50, 49; bleib bei im an diesem end, bisz sich deins bruders zorn wend, und vergesz, wast an ihm hast thon. H. Sachs 1, 22 (1, 101, 7
Keller); welchs mir solt sein ein warnung gwesen, das ich die wildprett het vergessen. Fischart
dicht. 2, 28, 948
Kurz; ich selbs .. vergisz .. herr deine gnad. Weckherlin 316; auch Rezia .. vergiszt nun desto leichter königswürde, hof, vaterland. Wieland
Oberon 6, 30; darauf sagte der richter zu mir: vergesset die schläge, denn ihr habet die strafe verdient, ja schärfere schmerzen. Göthe 1, 339;
object ist ein unbestimmtes es,
welches durch einen abhängigen satz erläutert wird: ich werde es nicht vergessen, dasz ein sohn von ihm da ist. Lessing 1, 517; an einer andern stelle scheinet herr Wieland die strengste lehrart zu billigen, und es zu vergessen, dasz er den augenblick zuvor blosz auf die überredende lehrart gedrungen hat. 6, 25;
dieses es
kann auch fehlen und der abhängige satz ist object: er vergasz, dasz er ihm zum danke verpflichtet sei
u. ähnl. mit folgendem infinitiv: .. er floh und vergasz im entfliehen, unter allmächtigem fusz zu verwüsten das meer und die erde. Klopstock 2, 196; (
Hann) hofft immer noch, Aissa werde sie zurück zu ihm zu bringen nicht vergessen. Wieland 18, 292; jemand vergessen: vergisz mich nicht etwan, so bald du mich aus den augen gelassen hast. Lessing 3, 48; (
du kennst mich nicht) weil es die mode ist, diejenigen zu vergessen, deren bekanntschaft uns nichts hilft. 3, 74; er wird bitter gegen die lächelnden bösewichter, schwört den abgeschiedenen nicht zu vergessen. Göthe 19, 75; höre die alte Barbara, verzeih ihr, leb wohl und vergisz mich nicht. 20, 88; ich hoffe, ihr habt des schönen mädchens fleiszig dabei gedacht und versichere euch, sie hat euch auch nicht vergessen. 20, 225; ich vergasz weder Musäus noch Jagemann, capellmeister Wolf und einige frauen und bezeichnete den kreis, den diese wackern personen abschlossen. 30, 224; nie vergasz ich dich, niemals vergesz ich dich! dein liebling war ich. Klopstock 7, 18; vergesse mich, o schätzchen nit, wann ich dich nimmer seh! vergessen will ich deiner nit, wo ich auch geh und steh.
F. Müller 4, 267;
[] mit personification des objects: dich, tag, nenne kein mensch! und unter den tagen vergesz dich gott! Klopstock
Mess. 3, 739;
mitunter nimmt vergessen
eine prägnante bedeutung an, '
die fähigkeit für etwas durch mangel an übung verlieren': meine von zehren ganz eingenetze augen haben vergessen, das tageslicht anzuschauen. Butschky
kanzlei 864. 44)
manchmal wird scherzhaft eine absichtliche thätigkeit als unabsichtliches vergessen hingestellt, vergessen
euphemistisch für '
nicht thun': (
der marschalk) so härtiglich zu der erden fiel, dasz er einer guten zeit vergasz auffzustehen.
Galmy 323; er aber gieng durch und vergasz das wiederkommen.
Simplic. (1701) 1, 2, 209. 55)
reflexiv, die erinnerung an die eigene person, lage, aufgabe aufgeben, aus dem sinne verlieren: befragt, wie lang er schon stumm seie? so hat er sich vergessen und folgsamb geantwortet, herr, es seind schon sechs jahr. Megerle
Judas 1, 298; wie sich der dichter jeder gattung, in welcher charaktere sprechen und handeln, ... in jeden dieser charaktere setzt, ihn sprechen und handeln läszt, sich aber vergiszt und verläugnet, so .. Herder (1820) 9, 99; doch ich vergesse mich: wie gehört das alles zur Zelmire? Lessing 7, 83; der tisch ward gedeckt, und eine gute freundin ... machte die unterhaltung bei tische erträglich, man zwang sich, man redete, man erzählte, man vergasz sich. Göthe 16, 186; die knaben warteten auf, vergaszen sich aber auch nicht und nahmen stehend ihren antheil dahin. 23, 8; das ich mich auff dem weg vergasz, kundt nit besinnen wu ich was. Schwarzenberg 150, 2; inn des, weil sie (
stadt- und feldmaus) sich da vergessen und ainander tapfer zuessen, so hören si den schlüssel trähen im schlosz. Fischart
dicht. 2, 53, 1943
Kurz; von dingen: in der that überraschte sie mich nicht selten in einer sanft schwermüthigen, sich selbst vergessenden träumerei. Wieland 38, 59; böses soll man bald vergessen, doch vergist sichs schwerlich bald. gutes stirbet in der jugend; böses wird gemeinlich alt. Logau 2, 183, 30 (383
Eitner);
ganz besonders mit tadelnder nebenbedeutung, '
die zurückhaltung, die ich aus rücksicht auf mich (
meine würde)
nötig habe oder die ich persönlich andern schulde, aufgeben':
mhd. swenne ir ûch vergeʒʒet und daʒ obeʒ eʒʒet.
Marienleg. 129, 27;
nhd. junker, die pfaffen plagen mich für und für, dasz ich schier nit weisz, wie ich meinen sachen thun sol. und solt es lenger wären, ich würd mich ein mal gröblich vergessen, dann sie übermachen das spil. Schade
sat. u. pasqu. 2, 2, 1; ihr mann habe sich leider schwerlich vergessen und mit einem schaf oder gstraun in khetzerei eingelassen. Schmeller 1, 1316
Frommann (
von 1590); meinetwegen vergasz sich diese unerfahrne tugend! Lessing 2, 88; als ich sahe, dasz weder ernst noch spott den grafen bewegen konnte, seine liebe der ehre nachzusetzen, versucht ich es, ihn in harnisch zu jagen: ich sagte ihm dinge, über die er sich vergasz. 3, 146; meine Juliane! so haben sie mich ja sonst nicht geheiszen? sie vergessen sich! Gellert 3, 43; ritter Golo, ihr vergeszt euch gewiszlich.
F. Müller 3, 317; dann Loth und sein gesind genasz, bisz on sein weib, di sich vergasz. Schwarzenberg 101, 2; ob ich gen euch mich werd vergessen.
fastn. sp. 405, 5; o Horaci, du küner mann, was groszen unbild hast gethan? wie gröblich hast du dich vergessen. H. Sachs 2, 3, 6 (8, 22, 1
Keller). 66)
andeutungsweise sei noch bemerkt, dasz, wenn das object noch nicht genügt und eine nähere bestimmung erheischt, so wird dieselbe durch präpositionen (an, in, bei)
zugefügt: er hat an der suppe das salz vergessen; der bau ist schönheit voll; zu den decken sind cypressen; nichts ist an der lust vergessen. Opitz 3, 11;
dasjenige, das den grund zum vergessen gibt, wird gern mit über (
das subject als sich über etwas beugend, sich mit etwas befassend gedacht)
u. ähnl. zugefügt: über dem studium vergasz er den schlaf; (
das ist nicht hübsch) dasz du mich ganz und gar über Görgen vergissest. Göthe 14, 260; über dem
[] anziehen und allerlei bestellungen fürs haus in meiner abwesenheit habe ich vergessen, meinen kindern ihr vesperbrod zu geben. 16, 27; wo gunst das einige mittel zum glück war, vergaszen die schriftsteller das gemeine wesen für privatvortheil. J. v. Müller (1831) 2, 211;
selten und hauptsächlich nur in den mundarten wird das object nicht im accusativ, sondern durch eine präposition verbunden beigefügt: auf etwas vergessen, '
im oberdeutschen üblich, im hochdeutschen völlig ungangbar'. sie vergaszen dabei auf das feuer; ich habe auf ihn vergessen. Adelung
versuch 4, 1429;
in einigen gegenden braucht man dafür das vorwort an: an etwas vergessen.
ebenda; vgl. oberösterreichisch: der küni vergiszt auf sein gall und seinen zorn, und sein gsicht das verdriaszli is sunnscheini worn. Kaltenbrunner
bei Frommann mundarten 3, 181; ich han aufs kreuz vergössen.
ebenda 5, 393. 77)
mitunter ist vergessen
mehr eine absichtliche thätigkeit und es nimmt alsdann die bedeutung an '
aus dem sinne schlagen, ein ende machen',
mit genitiv: wenn ich gedenck, ich wil meiner klage vergessen ... so furchte ich alle meine schmertzen.
Hiob 9, 27; also vergiszt er des zorns und zeucht dem bruder entgegen, das er jn empfahe. Luther 4, 179
b; ich muste auch meiner anschläg, welche ich auff die tausend ducaten machte, vergessen. Schuppius 247; der gänzliche untergang des staats würde unvermeidlich gewesen sein, wenn nicht .. Ogul Kan .. die tobenden bonzen genöthigt hätte ihrer privathändel zu vergessen. Wieland 6, 243; hab dir all mal als guten trawt und auff kein trawm gar nicht gepawt, darumb so thu des traums vergessen. H. Sachs 2, 4, 9 (9, 36, 26
Keller); es ist gut .. wenn er lernt um andrer willen zu leben, und seiner selbst zu vergessen. Göthe 20, 121;
mit accusativ: so dencke ich, sechshundert thaler sind leicht zu vergessen, wenn man nur allen stoltzen klunker füchsen nicht darff nachtreten. Weise
erzn. 195
neudruck; (
Antiochus) gebot, die leute zu gewenen zu allen greweln, das sie gottes gesetz und recht vergessen und ander weise annemen solten. 1
Macc. 1, 51; ich will die beleidigung vergessen; vergesset nun den krieg, laszt nichts mehr von ihm sagen. Opitz 1, 169; doch eile, lauf! nur jetzt vergisz den greis (
dasz du ein greis bist). Schiller 215 (
Eurip.);
gern steht in dieser bedeutung die person, in rücksicht auf welche man etwas vergiszt, im dativ dabei: vergesse dir gott so alles, wie ich dir alles vergessen. Göthe 42, 220; und wenn er dich verschmäht, dirs je vergiszt, wie ungleich mehr in diesem schritte du für ihn gethan, als er für dich .. so hat er meines bruders, meines Assad, nichts! Lessing 2, 355; mutter! — o himmel, gib, dasz ich es dem vergesse, der sie zu meiner mutter machte! Schiller 243;
ganz besonders auch mit der negation: wir nesulen ime niht vergeʒʒen, daʒ er uns von unsern sunden erlôset hât.
hohes lied herausg. von J. Haupt 126, 26; seine wolken, die sie ihm nach mehr als zwanzig jahren noch immer nicht vergessen haben. Wieland 33, 102; einem etwas nicht vergessen. Campe 5, 298
b.
in der zusammenstellung vergeben und vergessen
ist letzteres wol als ein absichtliches aufgeben der erinnerung aufzufassen: das sein, die sie nit selb zu decken, nit selb in erlassen vorgeben, vorgessen, sondern ansehen, wissen, gedencken und straffen. Luther 1, 167, 19 (
jubiläumsausgabe); sihe das sind die elenden heiligen, die nicht mügen vergeben, noch vergessen ires nehesten schuld.
werke (1560) 1, 84
b; konnte eine beleidigung vergeben und vergessen. Göthe 19, 28; und so sei denn alles vergeben und vergessen! hier meine hand. 21, 172. 88)
in allen bisher besprochenen fällen ist das subject eine denkende person oder deren vertreterin (
personification),
es scheint dies der begriff des zeitworts zu verlangen. mundartlich finden wir aber auch die person als object und ein unbestimmtes es
als subject, so im oberlausitzischen: es hat mich vergessen,
es ist mir entfallen. Anton
oberlaus. redensarten 14 (1843), 11.
auch sonst ähnlicher constructionswechsel, vgl. es gedenkt mich,
s. oben theil 4, 1, 2010. 99)
weitreichend ist der gebrauch der participien, das particip präsens: so viel hundert meilen gereiset, um dich in vergessenden
[] lermen zu bringen — tolles herz! Klinger
theater 2, 265; für mich (
Galatea), in begierde verloren, lodert er (
Polyfemos) auf, vergessend des viehs und der felsenbehausung. Voss
Ovid 54, 17;
häufig partic. praet. mit passiver bedeutung, z. b.: die traulichen tannenwälder rauschten mir so machen vergessenes liebeswort ins gedächtnis zurück. H. Heine 2, 57; damit nicht allein die edle zeit .. verseumet, sondern auch die reine erkentnis göttlichs worts endlich verloren ist, bis die biblia .. unter der banck im staube vergessen ist. Luther 1
vorr. xiii; alle seine kleinen menschlichkeiten werden vergessen sein. Wieland 34, 17; eins tags ich in ein städtlein kam, doch ist vergessen mir der nam. H. Sachs 2, 4, 103 (9, 438, 6
Keller);
hieraus hat sich eine construction mit unbestimmter bezeichnung des subjects entwickelt: ich achte (denn es mir vergessen in der menge meiner geschäft und gedanken) dasz ich .. gedankt habe. Luther
briefe 5, 757; es war mir schon vergessen, das er mir hat sagen lassen, er wölle umb disse stund zu mir kummen. Alberus
widder Jörg Witzeln mammeluken M 2
b; aber es war dem alten Clemens vergessen, wie man sie (
die sporen) solt anlegen, denn er hatte es lang nicht gebraucht.
Galmy 19
b; zu Erdfurt (war mir schier vergessen), da bin ich auch ein weil gesessen. E. Alberus 136; das edle jungfrawlein .. der du, wenn dir es nicht bereit vergessen ist, für deine freiheit viel und hoch verpflichtet bist. D. v. Werder
Ariost 7, 53; etwas vergessen machen,
zu einem vergesznen machen: möchtest du uns diesz durch die menge deiner guten thaten, durch den unbefleckten glanz eines der tugend geheiligten lebens vergessen machen. Wieland 7, 181; du solt uns einen artz verwesen, der leid und krankheit macht vergessen. Fischart
dicht. 3, 27, 736
Kurz; neben diesem partic. prät. mit passiver bedeutung hat sich auch eins mit activer bedeutung erhalten '
vergessen habend',
das object steht im genitiv dabei: alle schonung, alle mäszigung hört auf und Katharina, ihrer wahren stärke vergessen, wagt an die ungewissen entscheidungen der blinden gewalt die gewissen vortheile, welche ihr die intrigue verschaffte. Schiller
hist.-krit. ausg. 9, 338; ach, vielleicht umflattert eine andre, mein vergessen, dieses schlangenherz. Schiller 5; seiner menschlichkeit vergessen, wagt des mannes eitler wahn, mit dämonen sich zu messen. 81.
das particip nimmt adjectivische bedeutung an, indem es eine allgemeine eigenschaft bezeichnet, '
vergeszlich'
; nach seiner bedeutung kann es nur von denkenden wesen oder personificationen gesagt sein, so schon mhd.: sündic lîp vergeʒʒen dir sint diu jâr gemeʒʒen. Walther 77, 32
Lachmann, der du (
gottes)
vergessen hast, gottes zu vergessen pflegst. nhd. und wie man sagt: das alter ist vergessen und weschicht, ist mir vielleicht auch also geschehen. Luther 8, 241; aber es mus also sein, das ein lügener mus ein vergessen mensch sein, der nicht dencken könne, wie anfang und ende sich zusamen reime. 5, 295
b; und lobet nicht vergeszne leut, sondern ehrt .. alle die gott fürchten. Ringwald
geistl. lied. A 6
b; ich vergeszner Judas.
tr. Eckart H 2
a; ich vergeszner teuffelsknecht. H 3
a; wie die schmähsüchtige verläumbdung ihr vergessenes lästermaul gegen mich weit auffgethan. Schuppius 682; dasz du ein gutthat einen nit undanckbaren und vergessenen menschen bewiesen hast. 772; denn welcher kriegsman wolte thun wie der vergeszne (
gottvergeszne) Hans von Hun, der seiner diebschen händel wart. Ringwald
laut. warh. 15 (13);
mit näherer bestimmung: als er sich nun von den ehr- und gottesvergessenen schelmen so geschmähet gesehen.
Simpl. 1, 50, 8; es ist sonst leider alle welt allzu lasz und vergessen, die arme jugend zu ziehen und leren. Luther 8, 356; würde jemand so vergessen sein und gott und sein heiliges wort lästern und hohnschlagen, derselbige .. sol durch erkäntnisz des raths .. gestraft werden.
Danziger willekur 1598
handschr.; [] ich bin gar ein vergeszner mann, ich es fürwar nicht mercken kann. J. Ayrer
fastn. sp. (
J. Posset) 3
a; die jugend ist vergessen aus getheilten interessen, das alter ist vergessen aus mangel an interessen. Göthe 4, 345; seie gegrüst, sprach er, guter mann, wir sein deiner alten günst gegen uns nit vergessen. Schuppius 773;
adverbial: redt sehr vergessen. Ringwald
laut. warh. 72; vergessner, vergeszne,
substantiv: weist du, vergessene, nicht mehr wie scharf ich da mich selbst bewachte? Gökingk 1, 79; eitle! vergessene! Schiller
Semele; neben vergessen
entwickelt sich das verneinende unvergessen (
kanzleigemäsz ohnvergessen) sein: welche ich bei vorkommender gelegenheit dankbarlich zu reciprociren ohnvergessen sein werde. Merck
briefs. (Wieland) 1, 300.