raserei,
f. der zustand des rasens, und that im rasen vollbracht. die bildung (
über welche gramm. 2, 97)
ist niederdeutsch und mitteldeutsch, seit dem 14.
jahrh. dort dem verbum rasen
zur seite gehend: deliramentum rasery Dief. 172
a;
dementia, vesania raserie Fromm. 2, 450
b (
kölnisch, 15.
jahrh.); raserîe
in Behaims evang.-buch, Luc. 24, 11 (
s. die stelle unten 3);
sie hat sich aber, wie ihr verbum, erst nach dem 16.
jh. allgemein im deutschen verbreitet. das mnl. sagt raserije, verwoedheid,
[] furor, mania, rabies neben rasie
i. ragie,
furor, lascivia Kilian,
wo die kürzere bildung an franz. rage
angelehnt wird (
wie auch Frisch rasen
mit franz. rage
zusammenbringt).
aus dem älteren zustandsbegriffe des wortes hat sich die der entsprechenden handlungen entfaltet, vgl. unten 3. 11) raserei
als zustand des rasens, des unsinnig, wütend oder stürmisch seins (
vgl.rasen 2—5): der zustand des gestörten kopfes, der ihn gegen die äuszeren empfindungen fühllos macht, soferne der zorn darin herrscht, ist die raserei. Kant 10, 18; raserei,
furor, rabies, insania, delirium, dementia Steinbach 2, 217; raserei,
furor, animi rabies Frisch 2, 87
b; er hat es in der raserei gethan,
furore instinctus fecit, der raserei einhalt thun,
furorem reprimere, in raserei gerathen,
in rabiem incidere. 87
c; zum exempel: ihnen, mein herr, stüsze (
stiesz) wieder einmal eine kleine gelehrte raserei zu. Lessing 1, 251; die Abderiten lachten jetzt selbst über ihre thorheit, als einen anstosz von fiebrischer raserei, der nun, gottlob! vorüber sei. Wieland 20, 178; nach mancherlei vergeblichen versuchen, welche von verschiedenen ärzten und quacksalbern an dem zerrütteten jüngling gemacht worden, war es endlich .. gelungen, die raserei, die ihm nur selten ruhe liesz, zu einer stillern art von wahnsinn herabzustimmen. 35, 123; müszten nicht fürsten und herren ihm (
Götz) dank wissen, wenn er freiwillig führer eines unbändigen volks geworden wäre, um ihrer raserei einhalt zu thun und so viel menschen und besitzthümer zu schonen? Göthe 8, 145; nun berichtet die baronin von der raserei und tollheit des sohns. 22, 119; durch dergleichen vorfälle wuchs die raserei dieses grausamen weibes immer mehr. 35, 80; (
der winter) bricht die raserei der pest. Günther 198; welch ein gefühl! ist es verwirrung, was mich nach dir zieht? ists raserei? ists ein erhöhter sinn, der erst die höchste, reinste wahrheit faszt? Göthe 9, 237; mir widersteht das tolle zauberwesen; versprichst du mir, ich soll genesen, in diesem wust von raserei? 12, 119; tollkühnheit, raserei ist dieser muth. Schiller
Maria Stuart 2, 8; o raserei der eifersucht, des neides!
braut von Messina v. 384;
von dem ausgelassenen gebaren der jugend (
vgl.rasen 2,
a a. e.): o dasz der ernst die flucht erwähle! mir lob ich lust und raserei. Hagedorn 3, 29;
von leidenschaft der neigung und des verlangens (
vgl. rasen 4): als im jahr 1777 im sommer Niedersachsen von einer raserei für physiognomik befallen wurde. Lichtenberg 4, 75; und laute — das weisz gott im himmel! — laute, die lieb ich bis zur raserei. Schiller
don Carlos 2, 8;
von liebesleidenschaft: hierunter (
unter dem worte ἔρως,
liebe) ist alles begriffen was man, von der leisesten neigung bis zur leidenschaftlichsten raserei, nur denken möchte. Göthe 49, 11; klag- und wonnelaut bräutigams und braut, und des liebestammelns raserei. 1, 247;
das wort belebt gefaszt: zorn, eifer, feuer, blitz, wuth, raserei und dampf, furcht, schrecken, krachen, knallen, und alles was entsetzlich heist, auf! folgt, wohin euch mein gebiethen weist (
Mars spricht). Picander 1, 25; raserei wälzt tobend sich im bette. Schiller
hist.-krit. ausg. 1, 299. 22) raserei,
die tollwut: ein raserie.
d. städtechron. 14, 906, 17;
vergl. die stelle unter rasen 6. 33) raserei,
ausbruch, bethätigung des rasens, rasendes thun; bereits früh entfaltet: und dise wort sint von en an gesehin als ein râserîe und gloubiten en nicht.
Behaims evang.-buch, Luc. 24, 11;
in der neueren sprache häufig: dasz du sie liebtest, das war natürlich; dasz du ihr die ehe versprachst, war eine narrheit, und wenn du wort gehalten hättest, wärs gar raserei gewesen. Göthe 10, 53;
namentlich im plur. rasereien,
der auch schon in der älteren sprache erscheint: junfrouwe, gerne moicht ir verzien dis spottis und deser raserien. G. Hagen
buch v. Cöln (
d. städtechron. 12, 28); ich hoffte, diese jugendlichen rasereien, die stürmenden thränen, diese versinkende wehmuth sollte vorüber sein. Göthe
[] 10, 102; bacchantische freuden, verderbliches spiel, tausend rasereien, die der müsziggang ausheckt. Schiller
hist.-krit. ausg. 3, 523; hört! oder täuschen mich beliebte rasereien? Lessing 1, 97; die furcht, die angst, die rasereien alle der leidenschaft. Schiller
Phädra 4, 6. 44) A. Gryphius
verwendet rasereien
persönlich, als übersetzung der furiae: reyhen der rasereien. kommen aus der erden hervor. 1 (1698), 403.