Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)
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vergieszen, verb. gieszend ausschütten, mhd. vergieʒen, ahd. fargioʒan, mnd. vorgêten, vorgeiten, holländ. vergieten, in den alten dialekten nicht nachweisbar, zusammensetzung mit dem einfachen gieszen, dessen formen und im allgemeinen auch dessen bedeutung es beibehalten hat. wie das einfache zeitwort, hat das zusammengesetzte auch starke flexion, mhd. vergiuʒe, vergôʒ, verguʒʒen, vergoʒʒen. die neuere sprache hat nun mehrfach die alten zustände geändert, starkflectierend ist das zeitwort zwar meist geblieben, nur Schuppius 769 bringt vergieszete (daneben vergossen ebenda 15), im prät. ist eine angleichung des plur. an den singular in betreff des vocals, eine angleichung des singulars an den plur. in betreff der quantität eingetreten, vergoss, vergossen; andere als die letztern formen sind nicht nachgewiesen, doch vergussen 3. pl. präsens Frank chron. 133; im übrigen macht sich in den präsentischen formen die ausgleichung des doppelvocals zu î bemerkbar, indem das alte u sich dem vorhergehenden i angleicht und nur in der schreibung ie erinnerung an den alten diphthong bleibt. die alten formen mit u sind meist geschwunden, doch hat sich als 2. und 3. person sing. präs. vergeuszet, vergeuszt und der imperativ vergeusz erhalten. so 1 Mos. 9, 6: wer menschenblut vergeuszet, des blut sol auch durch menschen vergossen werden, in Luthers werken 2, 191 vergeuszt geschrieben; hie sehe ich des herrn Christi werck, das er sein blut für mich vergeuszt. 7, 82; daneben schon früh vergieszt, s. unten: wer unrecht stellt nach gwalt und gut und on unschuldt vergeust menschen blut. H. Sachs 2, 3, 128 (8, 493 Keller); wer menschenblut vergeust auff erdt, des blut wider vergossen werdt. 2, 3, 183 (3, 719 Keller); Schottel würde nach maszgabe des einfachen zeitwortes (586) vergiesze, vergeuszest, vergeust, imperativ vergeusz schreiben, Stieler führt daneben gieszest, gieszet auf 647; Frisch 1, 348 stellt gieszest, gieszet, giesze als das gewöhnlichere dar, hier ist also im imperativ an stelle des starken giesz ein schwaches giesze eingemischt; du geust, er geust, imperativ geusz sind ihm volksthümliche formen. in der heutigen sprache sind die formen mit eu in gewöhnlicher rede ungebräuchlich, nur die dichterische bedient sich ihrer. während die historische schreibung vergieszen verlangt, zeigen sich einige phonetische schreibungen, so vergissen, welche Steinbach (1724) 119 als die regelmäszige aufführt: der soll warhafftig wissen, so durch den kampff sein blut will für sein land vergissen, und schlägt behertzt den feind, wie dasz er lob erwirbt. Opitz 1, 109; neben dieser schreibung zeigt sich noch vergisen: ja, sagt ir, schwarz staubbürtig risen, ein weibsbild soll nicht plut vergisen, dan es ist wider ire art. Fischart dicht. 2, 71, 2621 Kurz; vergiest (s. oben vergeust bei Schottel): vergiest auch kein unschuldig blut! H. Sachs 3, 1, 136 (11, 3, 35 Keller); in bezug auf die begriffliche entwickelung ist zu bemerken, dasz die zusammensetzung die bedeutung des einfachen zeitworts im ganzen festgehalten. aber ver hat den begriff transitiver gemacht, vergieszen musz stets mit einem objecte stehen, während gieszen mitunter auch schon in alter zeit absolut, ja sogar nicht ganz selten intransitiv gebraucht wird, vgl. Lexer 1, 1012. in einer einzigen stelle findet sich mhd. auch vergieʒen intransitiv: disen koph mîn ungefüegiu hant ûf zucte, daʒ der wîn vergôʒ froun Ginovêrn in ir schôʒ. Wolfram Parz. 146, 22; doch hat man diesen beleg theils durch conjectur dern (Lachmann) zu entfernen gesucht, theils dadurch, dasz man koph zu der ergänzte und wîn als object faszte (Lucae), vielleicht daʒ er? in alter zeit stand der gebrauch des wortes gieszen dem von vergieszen insofern näher, als man z. b. im mhd. als object das auszugiezende setzen konnte, ohne nähere bezeichnung des ortes, wohin das gieszen stattfand: daʒ ich mînes zornes mût kûle unde im sîn blût mit dem tode gieʒe. pass. 33, 24 Hahn. im nhd. hat vergieszen diesen gebrauch übernommen, gieszen kann nur dann noch mit dem auszugieszenden als object verwandt werden, wenn der ort bezeichnet wird, wohin das gieszen stattfindet. die alte construction mit object allein ist bei gieszen heute nur in der bedeutung des erzgieszens geblieben, blei, erz gieszen. einer andern verbindung des wortes gieszen, die allerdings nicht in sehr alte zeit zurückzugehen scheint, die verbindung mit dem orte, der zu begieszen ist, als object, blieb vergieszen immer fremd, wege, blumen gieszen, begieszen, welches überhaupt in dieser construction heute geläufiger ist. weiterhin hat sich der gebrauch verengt, indem im heutigen nhd. nur noch sinnliche bedeutungen üblich sind, im mhd. aber auch abstracte sich entwickelt hatten, so vergieszen, verschwenden, zu grunde richten, dann ausbreiten: er slêt dich tôt durch sînen zorn und durch dîn selbes untugent. sus wirt vergoʒʒen gar dîn jugent al vollen jâmerlîch. pass. 630, 82 Köpke; ich wil dise drû sper in die welt schieʒen und ire kraft vergieʒen. 361, 73. auch ein reflexives mhd. sich vergieʒen, verschwinden ist nhd. nicht mehr nachweisbar: deiswâr in geschach wol recht, daʒ sich ir rîchtum sus virgôʒ. pass. 363, 87 Hahn. 11) vergieszen, machen, dasz etwas sich ergieszt: vergieszen, profundere Dief. 463c, diffundere Maaler 419c; wann die schiffleute auff dem hohen meere noch ferne vom lande seien, und der wind durch disz edle land ihnen entgegen streiche, so sol ihnen die lufft gar eine sonderbare krafft geben, als wann einer köstlichen balsam vergossen hätte. Schuppius 151; bei einer arbeit viel schweisz vergieszen; thränen vergieszen: der knab vergieszete überflüssige zäher. Schuppius 769; kein einziger von seinen charaktern ist dazu bestimmt, dasz wir thränen darüber vergieszen sollen. Lessing 4, 118; laszt mich vorerst auf die seite gehn und eine träne des mitleids vergieszen um meinen verlornen bruder. Schiller hist.-krit. ausg. 2, 15 (räuber 1, 1); ich sah ihn (F. v. Raumer) einmal auf dem katheder, als er den tod Ludwigs XVI. vortrug und dabei einige königlich preuszische amtsthränen vergosz. H. Heine 8, 24; o ihr christen, weinet und vergieszet blutige zern, dasz die heilige schrift ist undergedruckt mit gefern. Schade sat. u. pasqu. 1, 2, 25; also bracht' er, bei jeder thräne, die freunde vergossen, innig gerührt bei jedem schmerz des menschen empfindlich, seine jugend voll traurigkeit hin. Klopstock Mess. 3, 331; blut vergieszen: da stehet fur dem creutze Hannas und Caiphas ... und lestern den herrn dazu, uber das sie jn gecreutzigt haben, gleich wie uns der papst, cardinel und münche verurteilt, verdampt, ermordet und unser blut vergossen haben und lestern uns noch dazu. Luther Hans Worst 16 neudruck; dis gros unschüldig blut zu Eimbeg ... durch deinen mordbrand vergossen, schreiet gen himel. 60; daher muste David vorzeiten nicht den tempel bawen, darumb das er viel bluts vergossen .. hatte. Luther 2, 193b; lieber keiser, lieben Deudschen, kriegt, vergieszet ewer blut. 5, 281; aber die papisten sind so hochgelerte leute, das sie niemand halten, seiner lere gewis sein, er morde denn die andern, vergiesze blut und veriage frome leute. 6, 19; hier sehe ich des herrn Christi werck, das er sein blut für mich vergeuszt und stirbet. 7, 82; wer menschen blut vergeuszet, des blut sol auch durch menschen vergossen werden. 1 Mos. 9, 6; und vergossen viel unschüldigs bluts bei dem heiligthum und entheiligeten es. 1 Macc. 1, 39; und er sprach zu jnen, das ist mein blut des neuen testaments, das fur viele vergossen wird. Marc. 14, 24; ir mund ist vol fluchens und bitterkeit, ir füsze sind eilend blut zuvergieszen. Römer 3, 14; das erste blut, das ... vergossen wurde, kam von den nägeln zweier hökerweiber her. Wieland 20, 55; das ward nur wenigen edeln gegeben, ihr blut für die ihrigen zu vergieszen. Göthe 16, 189; (diese zwölf tyrannen) vergossen viel unschuldig blut, allein ausz frevel und hochmut. H. Sachs 1, 53 (1, 228, 22 Keller); auch keinem menschen gewalt thut! vergiest auch kein unschuldig blut! 3, 1, 136 (11, 3, 35 Keller); (ein jahr,) in dem das mordernd schwert hat so viel blut vergossen. Rompler v. Löwenhalt geb. der reimgetichte 30; ich bin unschuldig vergossen! ich bin heiliges blut, um deinetwillen vergossen! Klopstock Mess. 5, 320; zur ehre gottes wurde blut vergossen! H. Heine 17, 42; particip: vielleicht, dasz ein solcher schon dein bald zu vergieszendes blut vor des ewigen thron wägt! Klopstock Mess. 4, 132; weil, wie es heiszt, das blut des beleidigten, aber noch nicht geächteten, schreie, bis das unschuldig vergossene blut wieder durch blut .. abgewaschen wird. Kant 10, 300; leicht mit dem nebenbegriff 'auf unvorsichtige weise vergieszen', wasser, wein vergieszen: mhd. im ist auch leit, daʒ er den wîn vergôʒ ûf die künegîn. Wolfram Parz. 148, 12 Lachmann; nhd. wann sie jhre eier vergieszen sehen. Garg. (1590) 382; er stiesz das glas und vergosz den wein; die gerüste waren durch einander geschoben, die bretter über einander geworfen, der ungleiche fuszboden durch mancherlei vergossene farben noch mehr verunstaltet. Göthe 17, 219. 22) reflexiv: jedoch schon schiffen von neuem beladne wolken vom abend und breiten wieder das dunkel .. auch die vergieszen sich endlich. C. E. v. Kleist 2, 42; hier ist das wort in ursprünglicher bedeutung 'sich bis zur erschöpfung ausgieszen'. auch im mhd. zeigt sich das reflexivum, doch wol mit tadelnder nebenbedeutung, sich verschütten: sich vergôʒ dâ selten mit dem mete der zuber oder diu kanne. Wolfram Parz. 184, 22; sonst heiszt mhd. sich vergieszen, verschwinden (s. unten). 33) abstract findet sich vergieszen höchst selten, schmähworte vergieszen, heute ungebräuchlich: endlich, als das (wort-) gefechte lange genug gewähret, und viel leichtfertige worte vergossen worden, sagte die frau. Weise erzn. 12 neudruck; und da habe er .. offt wegen vergossener loser worte hauptsächlich in die büchse blasen müssen. 94 neudr. 44) wie ver dem stamme häufig die bedeutung der negation, des vernichtens gibt (s. oben 54, 3), so vergieszen, gieszend zu grunde richten, 'durch zu vieles gieszen verderben, nur im gemeinen leben. pflanzen, gewächse vergieszen, sie zu sehr begieszen, dasz sie davon erkranken und eingehen, sie übergieszen'. Adelung versuch 4, 1431. 55) die folgenden bedeutungen sind vom gusse des erzes genommen, 'hineingieszen', übertragen: geschichtklitterung ... etwan von M. Frantzen Rabelais frantzösich entworffen, nun aber uberschröcklich lustig in einen teutschen model vergossen. Garg. litelblatt. 66) durch gieszen befestigen: die klammern in einer mauer mit blei vergieszen. Adelung versuch 4, 1431. 77) fehlerhaft gieszen: die statue ist vergossen, dazu das reflexivum sich vergieszen, einen fehler beim gieszen machen.
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15.–20. Jh.
Neuhochdeutschvergieszenverb.
Grimm (DWB, 1854–1961) · +1 Parallelbeleg
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Wortbildung
Komposita & Ableitungen mit vergieszen
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