verstimmen,
verb. wie stimmen '
den richtigen klang geben (
intrans.),
ein instrument auf den richtigen klang bringen (
trans.)'
wird auch verstimmen
auf die menschliche gemüthslage übertragen. in diesem sinne nicht bei Adelung;
indessen ist das wort seit mitte des 17.
jhs. schon in übertragenem sinne nachzuweisen: Schottel 647
b; (
vgl. Weigand-Hirt 2, 1165); Stieler 2168; Kramer 2, 977
a; Campe.
mundartlich kaum populär nach Fischer 2, 1363;
doch kärnt. verstimben, versti Lexer 242,
luxemb. verštömmen,
siebenbürg. verštämmen
lux. wb. 467
b;
köln. verstemme Hönig 194
b;
ostfries. ferstemmen Doornkaat 1, 468
a. AA.
trans. gebrauch. A@11)
zunächst ohne verschlechternden nebensinn '
umstimmen, anders stimmen',
noch lebendig im kärnt.: Lexer 242.
literarisch nur vereinzelt: diese unterschiedliche mundahrten sind uhrsprünglich nach ihren stamm- und grundwörtern alle teutsch; dasz also nicht zu zweifeln, unsere heutige sprache sey eben die uhralte, welche Japhets nachkommen in so viel länder ausgebreitet, und auf so manche ahrt verstimmet haben Neumark
palmbaum 111. A@22)
instrumente herabstimmen, tiefer stimmen (18.
jh.): man hört in der ferne den schall von gedämpften trommeln .. der vorige schall verstimmter trommeln begleitet diese handlung Schiller 13, 361 (
Turandot 1, 3); der schwermuth sollen sich verstimmte töne weihn! Cronegk 2, 311; wie könnt' ich wohl auf huld noch anspruch wagen, entstünde mir der laute schmeichelkunst? es müszte ja kein guter geist mich lenken, verstimmt' ich die zum necken und zum kränken Bürger 1, 316
a; unterm getöse gespaltner (sie hatte der donner gespalten!) dumpfer, entheiligter harfen, verstimmt zu tönen des todes, sangen sie Klopstock
Messias 2, 409 (
vgl. Lessing 8, 51).
übertragen: meine thätigen kräfte sind zu einer unruhigen lässigkeit verstimmt Göthe 19, 77
Weim. A@33)
die übliche bedeutung ist '
ein instrument so stimmen, dasz es einen unreinen klang gibt': verstimmen,
in discordiam agere Stieler 2168; ein instrument, eine geige,
discordare Kramer 2, 977
a;
falsch stimmen Campe; statt den flügel zu stimmen, hat der stimmer ihn mir eher verstimmt.
auch den klang, ein lied verstimmen: mein auge, das in thränen schwimmt, sieht kaum die harfe, und zu liedern hat sie das kriegsgeschrei verstimmt Gökingk
ged. 1, 262; wie kans verhängnisz nicht des glückes süsses spiel, der bosheit freuden-klang, der laster lied verstimmen Lohenstein
Ibrahim (1680) 99 (5, 359); die bibel schämet sich bey dem Catull zu liegen; der beste Pindarus verstimmt das hohe-lied Günther
ged. 781; du verstimmst ganz den gesang mir, .. wenn der unstern aus dem schelmaug' in das herz mir so hinabstrahlt Voss
ged. 3, 220; weil oft der alten lob in meinen zunder bliesz, und ohne schelten mich den reim verstimmen liesz Hagedorn
ged. 88
neudr.; die beispiele groszer denker, .. die das instrument ihres verstandes verstimmt haben Schiller 1, 92; wer den fall Adams nicht glauben kann, der hat entweder überhaupt kein glaubensorgan oder der feind hats verstimmt Stilling 4, 353; wetter! denkt ihr, dasz ich leichter zu spielen bin als eine flöte? nennt mich was für ein instrument ihr wollt, ihr könnt mich zwar verstimmen, aber nicht auf mir spielen
Shakespeare 3, 261 (
Hamlet 3, 2). A@44)
wie verstimmen '
das rechte tonverhältnis zu den andern tönen zerstören'
bedeutet, so figürlich jemanden oder etwas '
das rechte verhältnis der seelenverfassung zur heiterkeit verlieren machen' Weigand
synonym. wb. nr. 2150.
zunächst in anlehnung an das bild der saiten: seine nerven waren durch die französische literatur auf das empfindlichste verstimmt worden Gutzkow
werke 4, 178; was er (
der mensch) zu seinem wesen fremdes hinzugesetzt, daran verpfuscht und verstimmt hat Klinger
werke 3, 273; überhaupt verstimme es das gute verhältnisz Arnim 7, 61; damit ja diese allgemeine eintracht nicht verstimmet würde, machte er ihm ein gewissen über dem kleinsten fehler Lohenstein
Arminius 2, 962
b; auf diese weise konnte sie stundenlang fortfahren, ihren unmuth zu zeigen und jede andere unterhaltung zu unterbrechen oder zu verstimmen Göthe 22, 235
Weim.; seitdem er .. gegen die empfindsamen bücher gepredigt und gezeigt hat, dasz sie die ganze menschliche natur verstimmen Möser 3, 63; o raserey! die ihr gehirn verstimmet, dasz oft ihr blitzend aug in süszen träumen schwimmet Lenz
ged. 100
Weinhold. A@55)
mit persönlichem object: er wird leicht und oft durch eine kleinigkeit verstimmt Campe; die weiber haben mich verstimmt! Göthe 11, 173
Weim. (
Stella 4); auch Graf Pourtalès war von dem ministerpräsidenten im dienste verstimmt und von dem könige als rival Manteuffel's ermuthigt worden Bismarck
erinnerungen 1, 113.
mit sächlichem subject: grau, grämlich, griesgram, greulich, gräber, grimmig, ethymologisch gleicherweise stimmig, verstimmen uns Göthe 15, 114
Weim. (
Faust 7098); wenn ihre unpäszlichkeiten .. sie nicht verstimmten Pfeffel
pros. versuche 9, 34; ein kleiner mangel an aufmerksamkeit .. verstimmt ihn auf vier und zwanzig stunden Knigge
roman meines lebens 4, 74; eine lehre .., an der keine absichtlichkeit uns verstimmt Ludwig 5, 247.
mit präpos.: aber die verwüstung des landes verstimmte die bürger mehr gegen den krieg Niebuhr
röm. geschichte 3, 665; die gemeinden .. durch diese .. verletzung ihrer materiellen interessen aufs neue zu verstimmen Mommsen
röm. geschichte 2, 99. A@66)
nominalformen. inf.: es geht drunter und drüber in unsern staaten her, weil die beamten nicht verstehen, auf das volk zu wirken .. verstimmen ist leicht, aber stimmen kann nicht jeder Börne 6, 48.
part. präs. im wortspiel verwendet: lasz die verstimmende verstimmte saite ruhn Rückert 8, 16; jähe übergänge von viel versprechenden anläufen zu verstimmendem rückschritt wurden die signatur der neuen regierung Prutz
preusz. geschichte 3, 256.
adverbial: seine feindseligkeiten sind nicht von verstimmend gehässiger art Ranke 1, 291.
gesteigert: noch verstimmender aber wirkte die berufung auf ein mitglied der königlichen familie Bismarck
erinnerungen 2, 238. BB.
der gebrauch des part. prät. lehnt sich an das trans. verb. an; vgl. auch 3. B@11) '
herabgestimmt' (
vgl.A 2): ihr freunde! darf ich wohl bey eures vaters gruft auch den verstimmten klang der seyten hören lassen Gottsched
ged. 1, 518; wir legen jetzt die muntren saiten nieder und spielen nur verstimmte klagelieder König
ged. 563. B@22) '
unrein, falsch gestimmt' (
vgl.A 3): die laute ist verstimmt,
fides testudinis dissonant Stieler 2168; mit verstimmten geigen einen concert machen Kramer 2, 977
a; das clavier ist verstimmt,
wenn die saiten nicht den gehörigen ton haben Adelung, Campe; und wenn ich was im kopfe habe, und mir auf meinem verstimmten clavier einen contretanz vortrommele, so ist alles wieder gut Göthe 19, 30
Weim.; welche verstimmte laute stimmet sich selbst? Lohenstein
Arminius 2, 541
b; .. wehmut fleuszt, weint auf die saiten hinab, ach auf die goldenen saiten, die nun verstimmt zu der freude nur erbeben beim laut, welchen die klage gebeut Stolberg 4, 78. B@33)
in allmählicher übertragung auf die gemüthsverfassung oder im doppelsinne: wie .. drauszen eine heisere verstimmte orgel: 'noch ist Polen nicht verloren' als nachhall der heisern verstimmten Krakauer nachrichten spielte Gutzkow
werke 7, 348; ob man auf den halb zerbrochnen oder doch die meiste zeit verstimmten pfeifen dieses lebens drey griffe höher oder tiefer herumfingert maler Müller 1, 314; man denckt, der himmel hangt im anfang voller geigen, doch wenns zum tacte kommt, ist alles gantz verstimmt
d. vernünft. tadlerinnen 1, 214; ich sehe die edle hochgebietende vernunft mistönend wie verstimmte glocken jetzt
Shakespeare 3, 238 (
Hamlet 3, 1); wenn man verstimmte frauen .. umstimmen will, so gehören zwei stimmschlüsseln dazu Nestroy 2, 298; fatales tauwetter und so der ganze ton des tags verstimmt Göthe IV 3, 8
Weim.; menschen von miszbildeten, verstimmten, oder von ungebildeten groben organen Herder 22, 116. B@44)
so bezeichnet man körpertheile, seele, geist, laune als verstimmt: er sucht seinen verstimmten magen durch strenge diät zu heilen; das doktorat fing er damit an, dasz er dem patienten den strumpf auszog und damit den verstimmten hals umringelte Jean Paul 7, 137; das was du richtig empfindest, von dem was eine verstimmte nerve dich empfinden macht, zu unterscheiden Wieland
Agathon 2, 64; Jacob I. bemerkte bereits seinen hochfahrenden und verstimmten geist mit miszfallen Ranke 16, 16; man müszte eine sehr verstimmte unästhetische seele haben Seume
spaziergang nach Syrakus 11; wäre nur meine laune nicht zu verstimmt gewesen Thümmel
reise in d. mittägl. provinzen 1, 69.
übertragen auf äuszerungen einer solchen miszstimmung: diese lyrische gedichte ohne titel und gehalt — sämtlich abgespannt, verstimmt, nervös — affizirt und nach schwarzem kaffee lechzend Gaudy 22, 40. B@55)
von menschen unmittelbar gesagt: dasz ganze zeitalter verstimmt und überreizt seyn können, haben wir erlebt Solger
nachgel. schriften 1, 485; er war zu tief verstimmt, um solches wort (
des vorwurfs) zu provociren Holtei
erz. schriften 6, 15; ich bin verstimmt,
bin nicht in rechter oder guter gemüthsfassung Campe; sehr früh erwachte Eisener, körperlich und geistig verstimmt Ludwig 2, 560; und wenn sie auch die absicht hat, den freunden wohlzuthun, so fühlt man absicht und man ist verstimmt Göthe 10, 144
Weim. (
Tasso 969);
zum geflügelten wort geworden in der form: man fühlt die absicht, und man ist verstimmt.
die ursache der verstimmung
ist angegeben: alle waren durch das gestrige fest verstimmt 22, 212; den sommer über war sie verstimmt über das langweilige landleben Fontane 5, 97.
unfähig zu etwas: ich war die ersten drei wochen meines aufenthalts in London gar nicht wohl, und daher auch zum schreiben verstimmt Forster 8, 123.
prädicativ in verbalen wendungen: als hierüber gelacht wurde, machte mich dies trübselig und verstimmt Keller 1, 301; (
Göthe) liesz sich von zu vielem an- und abziehen, und fühlte sich doch in seinem 'sehnen, bemühen, krabbeln und schleichen' unbehaglich und verstimmt Gervinus
gesch. d. d. dichtung 5, 71; Joachim II. zeigte sich über diese zweifel ein wenig verstimmt Ranke 4, 150. B@66)
das part. wird wie ein adj. gesteigert: denn in dieser welt wäre kein verstimmter und abscheulicher gethöne, als lügen Lohenstein
Arminius 2, 219
b.
adverbial gebraucht: in seinen ohren klang alles gar verstimmt und widersinnisch Weise
klügste leute 17; die saiten schwirren so verstimmt und unordentlich in einander Herder 5, 297; als sie's hier wieder sah, fuhr sie verstimmt zusammen Fontane 5, 201.
gesteigert: man schied verstimmter als man gekommen war Mommsen
röm. geschichte 3, 119. CC.
reflex. gebrauch, '
in der stimmung heruntergehen, nachlassen': ein music-instrument verstimmt sich leichtlich Kramer
hoch-niderteutsch. dict. 248
a; in der nässe verstimmt sich eine violine leicht Adelung; Campe; eine laute, wenn sie aus der lufft in eine warme stube kömmt, verstimmt sich bald Butschky
Pathmos 139.
heute bei musikinstrumenten durchaus gebräuchlich, seltener übertragen: wohl dem manne, dessen herz sich nicht so leicht verstimmt, dem nicht ein jeder kleiner schmerz die heitre laune nimmt R.
Z. Becker
Mildheim. liederbuch (1799) 94; das frauenzimmer verstimmt sich immer nach luft und wind
poesie der Niedersachsen 5, 178
Weichmann; die verstockt in grimmen selber sich verstimmen Rückert 1, 121.
verbreiteter sich verstimmen lassen: er musz wie ein rohes ei behandelt werden, da er sich durch jeden kleinen zufall verstimmen läszt (
vgl. verstimmbar); was seh' ich? theure brüder, welch ergrimmen! wollt ihr mit flammenblicken mich verzehren? nein, edle sänger, laszt euch nicht verstimmen! Uhland
ged. 1, 446. —
dazu verstimmbar, adj.: dem so leicht verstimmbaren Herder Stahr
kl. schriften 2, 405. —