vorgeben,
verb. ,
s. oben fürgeben
th. 4, 1, 1,
sp. 731; Lexer 3, 585; 598; einem vorgäben,
cedere alicui, verwilligen Maaler 475
b; fürgeben
sive vorgeben,
praerogare, antedare, deinde causari, causificari, obtendere, item dicere, narrare Stieler 655; für-
et vorgeben Steinbach 1, 573; vorgeben Frisch 1, 328
b; Adelung (
er verwirft fürgeben); Campe;
vgl. Schmeller-Frommann 1, 866;
schweiz. idiot. 2, 89; ten Doornkaat-Koolman 1, 540
b; Mensing
schlesw.-holst. wb. 5, 471;
aus dem deutschen entlehnt dän. foregive. —
ein vergleich mit dem im th. 4, 1, 1
behandelten fürgeben
zeigt, wie sehr in der schriftsprache das bedeutungsgebiet des verbums eingeschränkt worden ist; diese verarmung ist verhältnismäszig spät zum abschlusz gekommen, mundartlich hat sich manches aus dem älteren sprachgebrauch erhalten. 11)
in räumlichem sinne, hinreichen, so dasz es vor einem andern sich befindet, vorlegen, in älterer sprache und landschaftlich: v., als futter dem vieh Frisch 1, 328
b;
vgl. Schmeller-Frommann 1, 866;
schweiz. idiot. 2, 89; Mensing
schlesw.-holst. wb. 5, 471; drum wenn man ihm ein futter haber v. wil Walther
pferde- u. viehzucht (1658) 23; wird ihnen (
vögeln) vorgegeben, so pfeiffet fein alle mahl, wann sie das hören, werden sie desto lieber herbey kommen Aitinger
jagd- u. weidbüchl. (1681) 74; wiewohl sie alle vorgegebene speise verachtet Prätorius
anthropodemus pluton. (1666) 1, 49; denn sie sasz hinter dem tische und wann sie etwas vorgab, muste solches durch unsere handreichung geschehen J. Riemer
d. polit. maulaffe (1679) 213; wenn ich schlieszen will, dasz ein mir vorgegeben corpus gold sey Leibniz
dt. schr. (1838
ff.) 1, 270;
übertragen, wie vorsetzen: deshalb darf der langsame schreiber schon dem langsamen leser so ausgedehnte perioden vorgeben Jean Paul (1826
ff.) 41, 213.
frei, und wohl schon mit dem nebensinn zum vortheil geben (
s. unter 3): was euch der tag gab vor, das zog die nacht zurücke P. Fleming
bei A. Olearius
pers. reisebeschr. (1696) 43.
so legen, dasz der gegenstand sich vor etwas anderem befindet, im bilde: sie nehmen ihr ihre schönheit und liebenswürdigkeit ... und geben ihr statt derselben eine larve vor J. E. Schlegel (1761
ff.) 5, 52;
so sagt man in Österreich: dem kind eine schürze v. —
im sinne von nach vorn reichen kann das wort wohl auch noch jetzt gebraucht werden, besonders wenn es durch weiter
verdeutlicht wird: gieb die schüssel weiter vor. 22) vor
in zeitlichem sinne, veraltet: der ist eyn narr und groszer dor, wer eym werckman den lon gibt vor (
ehe er die arbeit gethan hat) Brant
narrensch. s. 113
Z.; vorgegeben,
früher gegeben: darin bestetiget er vil andere privilegia ... mit vil erclerung anderer vorgegebener gnaden Knebel
chron. v. Kaisheim 339
H. — vorgegeben,
vorher feststehend: man sieht auch die möglichkeit, dasz diese dinge ... schon vorgegeben sein können J. E. Schlegel (1761
ff.) 3, 124;
vgl.geben 18,
th. 4, 1, 1,
sp. 1705. 33)
jemandem mehr als nötig geben, im besonderen sinne einen vorschusz geben schweiz. idiot. 2, 90. —
in älterer sprache nimmt das wort den sinn an: jemandem etwas zum vortheil geben (
wohl ursprünglich vor anderen, zur bevorzugung),
jemandem ein übergewicht, den vorrang zugestehen, sich ihm fügen; die entwicklung geht dahin, das v.
die bedeutung annimmt, die wir mit nachgeben
verbinden; beide verba sind daher auch zur paarformel verknüpft worden: seinem vatter gehorsam und vil vorgäbende, willferig, vil eer embietende,
perindulgens in patrem Maaler 475
b;
cedere alicui eim nit widersträben, willfaren, v. Frisius
dict. (1556) 203
b;
uxorius der sich vom weyb gar laszt meisteren und jren zevil vorgibt 1424
b; wer v. kan, kommt durch die welt,
vincit qui patitur Dentzler
clavis ling. lat. (1716) 336
b;
vgl. schweiz. idiot. 2, 89; man sol den eltern v., inen wychen Keisersberg
postill (1522) 2, 64; vergib, übersich, und gib dynen obren vor
der ewigen wiszh. betbüchlin (1518) 98
b; hab ouch den einfaltigen vorggeben Zwingli
dt. schr. (1828) 1, 269; aber könig Ludwig besinnet sich dennocht ausz vermanung seines brders Lotharii so vil, dasz er dem vatter vorgab und abzoch Stumpf
Schweizerchron. (1606) 234
b; ich han lang vil vorgeben, bin selbs bym herzogen gsyn; aber es was vergeben
bei Liliencron
hist. volksl. 4, 141. 44)
den vorrang zugestehen, einen vortheil einräumen: (
dasz) man ihr (
der dt. sprache) doch v. wird, sie dürfe sich bei übersetzung dem original in jedem sinne nahe halten Göthe 41, 2, 152
W.; er entschuldigte sich jedoch, dasz er keinem nichts v. wolle K. H. v. Lang
Hammelburger reise (1817) 1, 73. 55)
in dieser bedeutung besonders gern mit verneinung, wo jetzt nachgeben
gebraucht wird; Kramer
teutsch-ital. dict. verzeichnet in gleicher anwendung einem nichts bevorgeben 1 (1700) 467
a: nichts v.,
non inferiorem, superiorem esse laude Dentzler
clavis ling. lat. (1716) 336
b; einem nichts v.,
alicui in re nulla cedere Steinbach 1, 573; dasz es (
Deutschland) den edelsten ländern nichts vorgibt Stumpf
Schweizerchron. (1606) 56
b; die andern ... wolten den blättern der espen, so umbher stunden, am zittern nichts v. Opitz (1690) 2, 282; weil di (
dt. sprache) disen an gütte ... nichts vorgibet Butschky
hochd. kanzelley (1659) 24. 66)
neben dem gleichbedeutenden nachgeben,
s. schweiz. idiot. 2, 89; Fischer
schwäb. wb. 2, 1653: sie giebt ihrer schwester an schönheit nichts vor, bevor oder nach Rädlein (1711) 1011
a; gib inen vor und noch in zimlichen dingen Keisersberg
postill (1522) 4, 37; das preusz. landrecht, welches andern bisherigen statutargesetzbüchern in dieser folgsamkeit nicht das mindeste vor- oder nachgiebt Hippel (1827
ff.) 11, 252. 77)
erhalten hat sich diese anwendung des verbums in der einschränkung auf spiel und wettkampf irgend welcher art, dem schwächeren gegner von vornherein einen gewissen vortheil zugestehen (
vgl. vorgabe 2),
dann auch in bildlicher übertragener und freierer anwendung: zwey, drey points (
beim billard) v. Adelung: wenn ihm der herr funfzig schritte vorgab, so konnte er ihn mit seinem besten renner nicht einholen Lessing
Minna v. Barnhelm 3, 2; allen andern künsten musz man etwas v., der griechischen allein bleibt man ewig schuldner Göthe 48, 183
W.; in der eifersucht kann ich dem Othello ein duplee v. Nestroy (1890
ff.) 1, 8; als er dachte, Fröben habe die vorgegebenen schritte zurückgelegt, liesz er sein pferd weit ausstreichen Hauff (1890) 5, 102; er läszt sich von der phantasie des zuschauers einige points v. O. Ludwig (1899
ff.) 5, 123; wie im spiel man etwas vorgiebt Fr. Th. Vischer
dicht. w. (1917) 3, 254. 88)
jemandem etwas vorlegen im sinne einer aufgabe, etwas zu behandeln, zu beraten, zu bearbeiten, zu lösen u. ä.: eine frage v. Stieler 655; den schülern eine lection v. Spanutius (1720) 101; das pensum absolviren, heist das vorgegebene zu ende bringen Sperander (1727) 5
a; v. etwas zu thun,
proponere, pensum dare Frisch 1, 328
b; '
im engeren verstande, zu thun vorlegen, wofür doch aufgeben
üblicher ist' Adelung;
vgl. schweiz. idiot. 2, 89: es sei zum exempel vorgegeben, ein zirckel mit 12 gezeichnet, von diesem begert man auffen land durch practic zu finden das centrum Curtius
practica d. landmessers (1616) 50; das vorgegebene ist allerseits so wol beantwortet worden, dasz solche sinnbehendigkeit billich zu loben Harsdörffer
frauenz.-gesprächspiele (1641
ff.) 1, c 5
b; umb zwölff wird ein exercitium styli vorgegeben Chr. Weise
erznarren 86
ndr.; erklärungsmittel einer vorgegeben sache Leibniz
dt. schr. (1838
ff.) 1, 379; daraus zu ersehen, dasz die vorgegebene zahl sich nicht völlig in 3 gleiche theile theilen läst v. Fleming
d. vollk. t. soldat (1726) 20; eine ode auf vorgegebene melodey Schwabe
belust. (1741
ff.) 1, 29; (
die sklaven) hatten täglich darin (
in einem teiche) ihr vorgegebenes, welches sie sehr accurat ausarbeiten muszten
Pierot (1742
ff.) 1, 304; die methode eines lehrers oder die materie der vorgegebenen übungen Herder 1, 378
S.; vgl. unten 14. 99)
dann ganz allgemein etwa im sinne von lat. proponere, zur kenntnis bringen, anzeigen; v.
kann auch die bedeutung von vorschlagen, beantragen annehmen; das subject kann unpersönlich sein: v., anzeygen,
signifier, significare Hulsius-Ravellus (1616) 388
b;
affert lumen memoriae ordo, wo man ein ding ordentlich vorgibt, da fassens und behaltens auch die knaben leichter Corvinus
fons lat. (1646) 606;
vom aufbieten eines brautpaares Schmeller-Frommann 1, 866;
zur anzeige bringen, quelle von 1556
bei Diefenbach-Wülcker 587; und wart vorgegeben, das der junge herre herczoge Wilhelm solde teyle, so sulde der alde herre herczoge Frederich kysze Stolle
thür. chron. 3
lit. ver.; unde gheven den borgeren vore ..., dat me se de stad lete vorsweren
dt. städtechron. 16, 464 (
Braunschweig); so könten wir versuchen, ob und wie deinem v. nachzukommen A. Gryphius
Horribil. 15
ndr.; hat er in dem gantzen in dem hofe zusammenberuffenen rath vorgegeben, dasz er seines vaters befehl zu vollziehen gesonnen
trauerspiele 132
Palm; was die angekleibte zettul vorgeben Grimmelshausen 3, 340
Keller; wenn ein reuter, dragoner oder soldat sich ... zu vereheligen zu wollen vorgäbe v. Fleming
d. vollk. t. soldat (1726) 104; so bin ich ein doctor: komm gib mir dein gebrechen vor B. Waldis
Esop 1,
s. 64
Kurz. 1010)
mit dem genit. in besonderer wendung: freyens fürgeben,
connubium praetendere Stieler 655 (
auch ernst gemeintes); (
sie) gab recht ordentlich freyens auch bey mir vor, dasz ich sie nehmen solte Chr. Reuter
Schelmuffsky 38
ndr. d. vollst. ausg.; jetzt gibt er bey meiner nichte heirathens vor Weisze
bei Adelung;
wieder aufgenommen: (
sie) sasz zur rechten und drückte mir immer die fäuste und gab freiens bei mir vor Brentano (1852
ff.) 5, 345. 1111)
eine äuszerung machen, die eine meinung, behauptung enthält oder auch eine absicht, einen entschlusz ankündet. ursprünglich ist das verbum ganz neutral (
s.fürgeben 7,
th. 4, 1, 1,
sp. 732),
und diese anwendung wirkt auch in der neueren sprache nach, indem nicht ohne weiteres betont wird, ob die behauptung in der wirklichkeit bestätigung findet oder nicht, vor allem nicht, ob die meinung wider besseres wissens gemacht wird oder der entschlusz ernst gemeint ist; die folgenden beispiele zeigen die mählig eintretende verschlimmerung der mit v.
verbundenen vorstellung: er hat das als eine wahrheit vorgegeben,
adseveravit hoc firmissime; einige geben vor,
quidam asserunt Steinbach 1, 573; v.
für sagen,
perhibere, adseverare, dicere Frisch 2, 328
b;
diese neutrale anwendung bezeichnet Adelung
als veraltet; man gibt vor, das dieser name vom wörtlein weiszheit ... herkomme Rätel
Curäi chron. v. Schlesien (1607) 10; item was Linus ... von erschaffung der welt, dem lauffe der sonnen und des mondes ... vorgegeben hat Opitz
poeterey 9
ndr.; wenn man in gemeine vorgibt, das man das stroh aus den betten nicht verbrennen solle Prätorius
philos. colus (1662) 8; ein schandt, wan man von einem forgibt, das er gschossen (
ist im hirn) Abr. a
s. Clara
neue pred. 85
Bertsche; irren diejenigen gar sehr, welche vorgeben, als wenn das gesetze der natur viele handlungen der menschen unentschieden liesze Chr. Wolff
ged. v. d. menschen thun u. l. (1720) 18; als er (
Columbus) vorgab, die spitze von Portugal wäre noch nicht das ende der bewohnten erden
d. vern. tadlerinnen (1725
ff.) 2, 307; die lehrer der logik geben vor, man verfalle in wortgezänke, wo man obige regeln nicht beobachte Schwabe
belust. (1741
ff.) 4, 474; inzwischen will ich nicht v., dasz mein entwurf von allen widersprüchen frey sey Scheibe
d. crit. musicus (1745)
vorwort; nun ist mir nicht unbekannt, dasz wider diese consequenz ausflüchte gesucht werden, indem man vorgiebt: es sei eine grenze der welt ... ganz wohl möglich Kant 3, 297
ak. ausg.; man giebt vor, die anzahl der einwohner steige auf 8000 Nicolai
reise d. Deutschland (1783) 1, 172; man giebt vor, es läge auf diesem gut von klosterzeiten her noch ein stein, der stets unberührt ... bleiben müszte br. Grimm
dt. sagen (1891) 1, 195. —
willensäuszerung: (
er) hatte viel gut mitgebracht, welches er den folgenden tag auszupacken vorgab
polit. maulaffe (1679) 16. 1212)
weitere verschlechterung tritt ein, wenn deutlicher gemeint ist, dasz die ausgesprochene meinung zweifelhaft ist oder der wirklichkeit nicht entspricht, dasz der geäuszerte wille nicht zur that werden wird; dabei braucht aber die subjective wahrhaftigkeit nicht immer in frage gestellt zu sein. 12@aa)
am häufigsten wird v.
absolut gebraucht; mit abhängigem satz: (
welche) auch wol v., man wisse einen poeten in offentlichen ämptern wenig oder nichts zue gebrauchen Opitz
poeterey 11
ndr.; nehmlich andere geben vor, die mare stecke ihre zunge den leuten ins maul Prätorius
anthropod. pluton. (1666) 1, 30; halt das maul, du stadt, es ist ein frevel, wann du vorgiebest, es habe dich gott ohne schuld verlassen Abr. a
s. Clara
mercks Wien (1680) 143; (
die) bey unsrer jugend besonders dadurch viel unheil stiften, dasz sie v., als machten sie daheim epoke Klopstock
gelehrtenrep. (1774) 38; es ist eine frau drauszen, die vorgibt, sie müsse mit ew. gnaden dringend sprechen Bäuerle
kom. theater (1820
ff.) 3, 52. 12@bb)
mit dem infin.: unser Gleim ist ein rechter böser mann, dasz er mir den tag seiner ankunft bey ihnen gemeldet zu haben vorgiebt Lessing 17, 143
M.; möchten sie nur an güte seyn, was die meisten an treuherzigkeit zu seyn v. Herder 25, 322
S.; unserm führer, der mutter und vater hier zu finden vorgab Göthe 33, 143
W.; wenn sie die nicht erwürgen wollen, die sie zu lieben v. Schiller
kab. u. liebe 5, 2; leute, die nicht nur liebhaber jener schriften waren, sondern welche auch vorgaben, sie aus dem grunde zu verstehen Jung-Stilling (1835
ff.) 6, 115; er aber gibt vor, in die reiche sängerin Jenny Lutzer verliebt zu sein L. Schücking
bei A. v. Droste-Hülshoff
br. (1893) 202; kenntnis dessen ..., was er erlangen zu wollen vorgab G. Keller (1889
ff.) 2, 115. —
infin. ohne zu: wen man nu widder die Turcken streytten vorgibt Luther 6, 418
W. 12@cc)
gern in abhängigem satz nach wie, als: der aber, wie die alte vorgab, ... ohne das keinen wein trincken dorffte Grimmelshausen 3, 343
Keller; liebet er mich aber, wie er vorgiebt, so schone er meiner Lohenstein
Arminius (1689
ff.) 2, 419
a; aber ob dessen frau und tochter auch so unschuldig wären, als sie v., hatte ich einige ursachen zu zweiffeln Thomasius
ged. u. erinn. (1720
ff.) 1, 2; begehrte seinen abschied mit ungestüm, weil, wie er vorgab, seine dienste nur übel belohnt würden Sturz (1779
ff.) 2, 295; die bibliothek (
in Göttingen) ist jedoch nicht so erstaunlich reich, als man vorgibt Heinse 7, 341
Sch.; die kritik
d. r. vern. habe nicht, wie sie vorgebe, bewiesen, dasz ... Fichte (1845
ff.) 1, 15; ob denn England so vollkommen ein erbreich sei, wie man vorgebe Ranke 15 (1875) 83. —
mit inversion eingeschoben: in diese (
anschläge), gab er vor, hätte er nicht geglaubt, sich mit ehren einlassen zu können Schiller 4, 131
G. 12@dd)
der gebrauch des passivums gehört mehr der älteren sprache an: so dasz ohne grundt der warheit von ihnen vorgegeben wird ... Zinkgref-Weidner
teutscher nation weish. 3 (1653) 10; dan ob schon euszerlich zum schein vorgegeben worden, dasz man hiedurch die ... monopolia abschaffen ... wolte Chemnitz
schwed. kr. 1 (1648) 8; dasz so viel teutsches in Persien sey, als nach Elichmanns meinung vorgegeben wird Leibniz
dt. schr. (1838
ff.) 1, 465; dasz das sylbenmaasz den groszen poetischen geistern nicht so leicht ankommen müsse, als wohl vorgegeben worden
d. vern. tadlerinnen (1725
ff.) 2, 135; gleichviel, ob die übel da sind oder nur uns vorgegeben werden Gutzkow (1872
ff.) 12, 187. 12@ee)
das part. prät. kann dann ganz den sinn von angeblich annehmen: mehr zuer offension dann bieshero vorgegebener defension gemeinte handlungen
verh. d. schles. fürsten u. stände 2, 11
Palm; (
gaben) die wichtigsten gründe an die hand, an eurem vorgegebenen geschlechte zu zweifeln
d. vern. tadlerinnen (1725
ff.) 1, 37; einmal möchte ich sie wohl sehen, wenn es auch nur der vorgegebenen ähnlichkeit wegen wäre Lessing
d. misogyn 3, 3; wo er (
Wieland) seinen vorgegebenen griechischen autor ... redend einführt Gerstenberg
hamb. n. zeitung 47
dt. lit.-denkm.; ich war einfältig genug, alle diese vorgegebene geheimnisse für ächt zu halten Wieland
Agathon (1766) 1, 268; wie unterscheidest du solche vorgegebne von der wahren anmuth? H. G. Meissner
Alcibiades (1781) 1, 226; ob dieser vorgegebne smaragd ein stück grünes glas ... sei grafen zu Stolberg (1820
ff.) 6, 74; es war bisher lauter scherz, meine vorgegebene liebe Jean Paul 1, 192
H.; mit Arrian, dem vorgegebenen verfasser des periplus Ritter
erdk. (1822
ff.) 12, 332; der vorgegebene wahnsinn Hamlets O. Ludwig (1891
ff.) 5, 305; nicht nach den vorgegebenen, sondern nach den wirklichen gründen G. Keller (1889) 6, 166; ihr verhetzt durch einen vorgegebnen eifer gottes (
under the counterfeited zeal of god) das volk
Shakespeare könig Heinrich IV. 2.
th. 4, 2.
adverbial: wenn seine gesetze auch nur vorgegeben-göttlich wären Herder 12, 123
S. 12@ff)
veraltet ist der gebrauch, den die ältere sprache vom part. präs. macht: vorgebende: sie kämen anitzo von dem beotischen berge Helikon Neumark
fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657)
zuschrift 2; der von Schaumburg, vorgebend, er sehe wol, das es nichts mit der reuterey, ... gieng bald davon Chemnitz
schwed. kr. 2 (1653) 160; ja er hielt sie noch höhnisch, vorgebende, dasz eine deutsche sclavin mehr denn zu viel ehre erlangt hätte, wenn sie ein römischer edelmann des beyschlaffs würdigte Lohenstein
Armin. 1 (1689) 61
b; vorgebend, dasz er hier ihm wolle zeigen, was möglichkeit erschien doch zu übersteigen Gries
Ariostos ras. Roland (1804) 1, 124.
passivisch: als wenn sie (
goldmacher) wegen ihrer vorgebenden kunst, selbige jemand lernen zu wollen, viel geld verlangen
allg. haushaltlex. (1749
ff.) 2, 323
a. 12@gg)
mit dem acc. verbunden im sinne einer meinungsäuszerung, oft mit pränominalem object, oder aber, dasz bestimmteres als vorhanden behauptet wird; diese anwendung wird dann in der entwickelten sprache weiter eingeschränkt (
s.h): so yemants dir neben Christo etwas alsz nothlich zu der selikeit vorgibet, den saltu fligen alsz den teuffel Luther 10, 3, 362
W.; ein apt, ehe er zu den geistlichen würden getretten, hat grosze scheinheiligkeit und demuth vorgegeben
Reinicke fuchs (1650) 163; mancher amtman gibt seinem herren groszen nutzen vor, da sieben schäden dahinder liegen Lehman
florileg. polit. (1662) 1, 21; (
dasz er) blind glaubt, was ihm der doctor, den er gewohnt ist zuhören, vorgiebet
d. discourse d. mahlern (1721) 1, 7; wenn er so kühn ist, das gegentheil vorzugeben
d. neueste aus der anm. gelehrs. (1751
ff.) 4, 57; ein listiger fuchs, der es trefflich gut vor zu geben weisz Stranitzky
ollapatrida 129
Wiener ndr.; es wäre eine täuschung, wenn ich dies vorgäbe Herder 19, 21
S.; daher ist alles fabelhaft, was man von dem ursprunge des Orinoco aus einem see vorgegeben A. v. Humboldt
ansichten d. natur (1808) 1, 295; es kann einer aus philisterei das trefflichste v. und vertheidigen Brentano (1852
ff.) 5, 411; dasz sie (
die lyrik) solche empfindungen vorgibt Gervinus
gesch. d. dt. dichtung (1853) 1, 325; disz alles gibt man vor (
behauptet man) Opitz
t. poemata 203
ndr.; aber mich einmahl zu nehmen will kein schlingel sich bequemen, geben viel des abends vor, morgen suchen sie das thor Voigtländer
oden u. lieder (1642) 68; glaub ich gar nicht, dasz dein glauben, die du vorgibst, hat die stärcke Logau
sinnged. 429
E.; im namen und zum nutzen irgend einer person, die rechte vorgiebt an die krone Schiller
Maria Stuart 1, 7. 12@hh)
die verbindung mit dem acc. wird dann eingeschränkt auf die bedeutung '
zum vorwand nehmen, etwas zur entschuldigung vorschützen': eine krankheit v. Adelung: zuletzt gab er eine ihm nothwendige entfernung auf eine zeit vor Herder 23, 410
S.; gab zur ursache davon (,
dasz er nicht dableiben konnte) eine lustbarkeit vor Wieland (1794
ff.) 3, 274; er gab also geschäfte vor, als eine entschuldigung seiner abreise Bode
gesch. d. Thomas Jones (1786
ff.) 1, 124; gedachte er ... eine kurze geschäftsreise vorzugeben G. Keller (1889
ff.) 5, 34. 12@ii)
eine nachwirkung des alten neutralen gebrauchs des verbums ist es, wenn durch ein hinzugesetztes fälschlich
die unwahrheit der behauptung bezeichnet wird: andere geben fälschlich vor, dasz sie zu denselben (
eltern) reisen Zimmermann
über d. einsamk. (1784
ff.) 1, 229; afterweisheit, betriegliche, fälschlich vorgegebene weisheit Kinderling
reinigk. d. dt. spr. (1795) 353; falsch: damit keine falsch vorgegebenen apostolischen denkmale übrig blieben Ritter
erdk. (1822
ff.) 5, 613. —
die schärfste verschlechterung der mit dem verbum verbundenen vorstellung tritt dann ein, wenn es sich auf eine bewuszt falsche angabe bezieht, und es ist deutlich, dasz sich das verbum auf diese anwendung immer mehr einschränkt, mindestens immer die vermutung subjectiver unwahrheit vorliegt; wie das verbum gemeint ist, läszt sich natürlich nur aus dem zusammenhange der dinge, aus der situation erkennen: ich gebe vor, ...
simulo Steinbach 1, 573; ward aus befehl der königin ein bequem schiff ... zugerichtet und versorget, wie sie vorgab, darinnen ihren vatter zu besuchen (
die absicht ist eine andere) Kirchhof
wendunm. 2, 96
Ö.; dasz die reuter vorgaben, ich hätte der sackpfeiff im fallen wehe gethan, darumb sie dann so ketzerlich geschryen hätte Grimmelshausen 1, 41
Keller; hernach gab man vor, ich hätte einen starken schlagflusz bekommen (
er ist ermordet worden) Creizenach
schausp. engl. comöd. 155; (
er) solle v., er hätte einen erstochen Schupp
freund in d. not 5
ndr.; er müszte sich verkleiden und v., dasz er, ich weisz nicht aus welchem, weit entlegenen lande käme Lessing 2, 139
L.-M.; sobald wir kopuliert sind, führ ich dich auf meine güter, wo ich aus vorsicht vorgegeben habe, ich wäre schon verheyratet H. L. Wagner
theaterstücke (1779) 142; gib vor, du kämest geraden wegs aus Böhmen Schiller
räuber 2, 1; das ganze geheimnisz, was du vorgiebst oder auch meinst nicht verstehen zu dürfen Bettine
Cl. Brentanos frühlingskr. (1844) 323; er (
Fleming) ist ein liberaler zecher und scheint das nicht blos v. zu müssen wie Opitz Gervinus
gesch. d. dt. dicht. (1853) 3, 236; wie sehr sie v. mochte, über huldigungen ... hinweg zu sein Fontane I 1, 185; er gibt was andres vor und sagt nicht, was er meynt Stoppe
Parnasz (1735) 25; warum betet auch der nicht, der einen schöpfer der welt oder vorgiebt zu glauben? glaubt Giseke
poet. w. (1767) 37. 1313)
der infinitiv wird sehr oft wie ein subst. gebraucht, natürlich in der schwankenden unter 12
dargestellten bedeutung: ein vorgeben,
causatio, excusatio, propositio, narratio, praetextus, prophasis Stieler 565; ein falsches v.,
figmentum Frisch 1, 328
b. 13@aa)
während in der sprache der gegenwart fast immer die vorstellung der bewuszten unwahrheit mit dem inf. verbunden wird, zeigt der ältere sprachgebrauch, allerdings sehr lange nachwirkend, eine mildere auffassung und läszt sogar die möglichkeit der bestätigung unter umständen zu, wenn auch meistens das gegentheil erwartet wird; älter noch ist die neutrale bedeutung: (
concilien,) welche schnurrecht wider die lehr und das v. unserer mutter, der h. kirchen streiten Fischart
bienenkorb (1588) 40
a; weil dann der gubernator nunmehr an meinem v. nicht zu zweifflen ursach hat Grimmelshausen 1, 135
Keller; seine eigene thaten werden der beweis meines vorgebens seyn
d. neueste aus d. anm. gelehrs. (1751
ff.) 1, 350; obgleich sie ... mehr recht zu einem solchen v. haben als mancher J. E. Schlegel (1761
ff.) 3, 346; (
ein werk des 15.
jh.,) dergleichen der Reinicke fuchs nach seinem eigenen v. ist Lessing 8, 54
L.-M.; dadurch erweisen sie die wahrheit meines vorgebens Petrasch
lustsp. (1765) 2, 605; gegenwärtige gelegenheit sein v. zu bestätigen J. G. Forster (1843) 2, 110; von der wahrheit dieses meines vorgebens mögen die beigeschlossenen atteste zeugen Grillparzer im
jahrb. d. Grillparzergesellschaft 2, 4; dasz er ihn in dem v., diese geister seien die alten schloszbewohner, nicht belogen hätte br. Grimm
dt. sagen (1891) 1, 113. 13@bb)
mit verschlimmerung der vorstellung: diesem v. widersprechen alle historien Micraelius
altes Pommerland (1640) 169; es ist aber an allem diesem v. ganz und gar nichts Leibniz
dt. schr. (1838
ff.) 2, 464; wir sind so leichtgläubig nicht, dasz wir uns mit diesem v. befriedigen sollten
d. vern. tadlerinnen (1725
ff.) 1, 30; ist euer v. aber auch wahr? Stranitzky
ollapatrida 296
Wien. ndr.; darausz erhellet, wie grundfalsch das v. ist, als wenn ... Göthe IV 19, 270
W.; das v. der geringeren lebhaftigkeit und deutlichkeit der geträumten, als der wirklichen anschauung, verdient gar keine berücksichtigung Schopenhauer 1, 49
Gr. 13@cc)
charakterisiert durch ungünstige epitheta: dieses ungereimte v. Winckelmann (1825
ff.) 2, 28; das (
diese behauptung) ist aber ein närrisches v. Göthe 44, 176
W.; es ist ein wunderliches v. Fr. H. Jacobi (1812
ff.) 6, 107; sie beruht auf willkürlichem v. und einbildungen Gervinus
gesch. d. dt. dicht. (1853) 1, 488; wegen seines betrüglichen vorgebens G. Keller (1889
ff.) 122. 13@dd)
weitere verschärfung; im prägnanten sinne von äuszerungen, die auf bewuszte täuschung ausgehen, oder auch entsprechendem benehmen: ihren v. desto bessern schein der treue und wahrheit anzustreichen v. Fleming
d. vollk. t. soldat (1726) 275; das war nur ein v. von mir, damit ich gelegenheit haben könnte, sie hier zu sprechen Gottsched
dt. schaubühne 4, 101; fiction, erdichtung, verstellung, ein v. Kinderling
reinigk. d. dt. spr. (1795) 267; glaube nur, dasz dies ein v. ist, um dich zu gewinnen Caroline 2, 90
Waitz; John Katzenberg besonders leistete groszes in solchem v. von intimität W. v. Polenz
Grabenhäger (1897) 365. 13@ee)
häufig in verbindung mit präpos.; nach wird meist nachgestellt: dasz ich seinem v. nach das heutige soldatenleben gahr zu hart angegriffen Rist
d. friedew. Teutschl. (1648) 22; ein paar lägel wein ..., die er seinem v. nach von einem rebmann gekaufft hatte Grimmelshausen 3, 38
Keller; von denen dem v. nach weggekommenen mänteln Thomasius
ged. u. erinn. (1720
ff.) 2, 60; um seine kenntnisse wenigstens dem v. nach auszubreiten Kant 3, 81
ak. ausg.; der ihrem v. nach einen arzt holen sollte Laube (1875
ff.) 3, 223. —
in älterer sprache vorangestellt: dasz der storch nach etlicher v. eine feindseligkeit hege mit den krahen Prätorius
winterflucht d. sommervögel (1678) 227; er deutet, nach seinem v. darauf, wie er ... die natur recht vollkommen ausdrücken will Schwabe
belust. (1741
ff.) 1, 343; nach des betrügers v. Nicolai
reise d. Deutschl. (1783
ff.) 1, 44; indem das übel, nach ihrem v., von den unterirdischen göttern herrührte Bürger 253
Bohtz. —
in der jetzigen sprache ist am häufigsten unter dem v.: setzest deine lehrstunden unter dem v. aus, dasz du krank wärest, und bist doch nicht krank Salzmann
ameisenbüchl. (1806) 36; unter dem v., die siebente (
kette) hätten sie verloren br. Grimm
dt. sagen (1891) 2, 158; unter dem v., die gegend, land und leute recht anzusehen G. Keller (1889
ff.) 3, 217; unter dem v. einer musterung Moltke (1892) 2, 20. —
veraltet mit v.: mit v., es wären seiner schwester söhne wider ihn Schweinichen
denkw. 50
Ö.; mit v., es sey ja bekant genug Grimmelshausen 4, 722
Keller; mit v., dieser goldne mantel wäre den guten götzen bey sommerzeit zu schwer Lindenborn
Diogenes (1742) 1, 247. 1414)
in der bergmannssprache bezeichnet v.
die masse des mit einem bohrloch abzusprengenden gesteins; die so vorgegebene
masse heiszt vorgabe
oder das vorgeben Veith
bergwb. 547;
diese anwendung geht von der unter 8
behandelten bedeutung (
als aufgabe stellen)
aus. 1515)
vereinzeltes; in der folgenden stelle ist die vorstellung einer äuszerung durch worte ganz geschwunden: zwischen der mauer und dem gatter ist rings umbher ein gang, das die Türcken bei der nacht ... herumb gehen und besehen können, was die arme gefangene vorgeben Fr. Seidel
türckische gefängnusz (1629) h 2
a. 1616)
hierzu vorgeber, m., einer, der etwas behauptet, lehrt: hie mercke, was die leut für ketzerische v. haben Nas
d. antipap. eins u. hundert (1567
ff.) 4, 67
b;
s.fürgeber th. 4, 1, 1,
sp. 733;
peremptor vorgeber Diefenbach
gl. 425
b. —