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vorgeben

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DWB
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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

vorgeben verb.

Bd. 26, Sp. 1069
vorgeben, verb. , s. oben fürgeben th. 4, 1, 1, sp. 731; Lexer 3, 585; 598; einem vorgäben, cedere alicui, verwilligen Maaler 475b; fürgeben sive vorgeben, praerogare, antedare, deinde causari, causificari, obtendere, item dicere, narrare Stieler 655; für- et vorgeben Steinbach 1, 573; vorgeben Frisch 1, 328b; Adelung (er verwirft fürgeben); Campe; vgl. Schmeller-Frommann 1, 866; schweiz. idiot. 2, 89; ten Doornkaat-Koolman 1, 540b; Mensing schlesw.-holst. wb. 5, 471; aus dem deutschen entlehntn. foregive. — ein vergleich mit dem im th. 4, 1, 1 behandelten fürgeben zeigt, wie sehr in der schriftsprache das bedeutungsgebiet des verbums eingeschränkt worden ist; diese verarmung ist verhältnismäszig spät zum abschlusz gekommen, mundartlich hat sich manches aus dem älteren sprachgebrauch erhalten. 11) in räumlichem sinne, hinreichen, so dasz es vor einem andern sich befindet, vorlegen, in älterer sprache und landschaftlich: v., als futter dem vieh Frisch 1, 328b; vgl. Schmeller-Frommann 1, 866; schweiz. idiot. 2, 89; Mensing schlesw.-holst. wb. 5, 471; drum wenn man ihm ein futter haber v. wil Walther pferde- u. viehzucht (1658) 23; wird ihnen (vögeln) vorgegeben, so pfeiffet fein alle mahl, wann sie das hören, werden sie desto lieber herbey kommen Aitinger jagd- u. weidbüchl. (1681) 74; wiewohl sie alle vorgegebene speise verachtet Prätorius anthropodemus pluton. (1666) 1, 49; denn sie sasz hinter dem tische und wann sie etwas vorgab, muste solches durch unsere handreichung geschehen J. Riemer d. polit. maulaffe (1679) 213; wenn ich schlieszen will, dasz ein mir vorgegeben corpus gold sey Leibniz dt. schr. (1838 ff.) 1, 270; übertragen, wie vorsetzen: deshalb darf der langsame schreiber schon dem langsamen leser so ausgedehnte perioden vorgeben Jean Paul (1826 ff.) 41, 213. frei, und wohl schon mit dem nebensinn zum vortheil geben (s. unter 3): was euch der tag gab vor, das zog die nacht zurücke P. Fleming bei A. Olearius pers. reisebeschr. (1696) 43. so legen, dasz der gegenstand sich vor etwas anderem befindet, im bilde: sie nehmen ihr ihre schönheit und liebenswürdigkeit ... und geben ihr statt derselben eine larve vor J. E. Schlegel (1761 ff.) 5, 52; so sagt man in Österreich: dem kind eine schürze v. — im sinne von nach vorn reichen kann das wort wohl auch noch jetzt gebraucht werden, besonders wenn es durch weiter verdeutlicht wird: gieb die schüssel weiter vor. 22) vor in zeitlichem sinne, veraltet: der ist eyn narr und groszer dor, wer eym werckman den lon gibt vor (ehe er die arbeit gethan hat) Brant narrensch. s. 113 Z.; vorgegeben, früher gegeben: darin bestetiget er vil andere privilegia ... mit vil erclerung anderer vorgegebener gnaden Knebel chron. v. Kaisheim 339 H. — vorgegeben, vorher feststehend: man sieht auch die möglichkeit, dasz diese dinge ... schon vorgegeben sein können J. E. Schlegel (1761 ff.) 3, 124; vgl.geben 18, th. 4, 1, 1, sp. 1705. 33) jemandem mehr als nötig geben, im besonderen sinne einen vorschusz geben schweiz. idiot. 2, 90. — in älterer sprache nimmt das wort den sinn an: jemandem etwas zum vortheil geben (wohl ursprünglich vor anderen, zur bevorzugung), jemandem ein übergewicht, den vorrang zugestehen, sich ihm fügen; die entwicklung geht dahin, das v. die bedeutung annimmt, die wir mit nachgeben verbinden; beide verba sind daher auch zur paarformel verknüpft worden: seinem vatter gehorsam und vil vorgäbende, willferig, vil eer embietende, perindulgens in patrem Maaler 475b; cedere alicui eim nit widersträben, willfaren, v. Frisius dict. (1556) 203b; uxorius der sich vom weyb gar laszt meisteren und jren zevil vorgibt 1424b; wer v. kan, kommt durch die welt, vincit qui patitur Dentzler clavis ling. lat. (1716) 336b; vgl. schweiz. idiot. 2, 89; man sol den eltern v., inen wychen Keisersberg postill (1522) 2, 64; vergib, übersich, und gib dynen obren vor der ewigen wiszh. betbüchlin (1518) 98b; hab ouch den einfaltigen vorggeben Zwingli dt. schr. (1828) 1, 269; aber könig Ludwig besinnet sich dennocht ausz vermanung seines brders Lotharii so vil, dasz er dem vatter vorgab und abzoch Stumpf Schweizerchron. (1606) 234b; ich han lang vil vorgeben, bin selbs bym herzogen gsyn; aber es was vergeben bei Liliencron hist. volksl. 4, 141. 44) den vorrang zugestehen, einen vortheil einräumen: (dasz) man ihr (der dt. sprache) doch v. wird, sie dürfe sich bei übersetzung dem original in jedem sinne nahe halten Göthe 41, 2, 152 W.; er entschuldigte sich jedoch, dasz er keinem nichts v. wolle K. H. v. Lang Hammelburger reise (1817) 1, 73. 55) in dieser bedeutung besonders gern mit verneinung, wo jetzt nachgeben gebraucht wird; Kramer teutsch-ital. dict. verzeichnet in gleicher anwendung einem nichts bevorgeben 1 (1700) 467a: nichts v., non inferiorem, superiorem esse laude Dentzler clavis ling. lat. (1716) 336b; einem nichts v., alicui in re nulla cedere Steinbach 1, 573; dasz es (Deutschland) den edelsten ländern nichts vorgibt Stumpf Schweizerchron. (1606) 56b; die andern ... wolten den blättern der espen, so umbher stunden, am zittern nichts v. Opitz (1690) 2, 282; weil di (dt. sprache) disen an gütte ... nichts vorgibet Butschky hochd. kanzelley (1659) 24. 66) neben dem gleichbedeutenden nachgeben, s. schweiz. idiot. 2, 89; Fischer schwäb. wb. 2, 1653: sie giebt ihrer schwester an schönheit nichts vor, bevor oder nach Rädlein (1711) 1011a; gib inen vor und noch in zimlichen dingen Keisersberg postill (1522) 4, 37; das preusz. landrecht, welches andern bisherigen statutargesetzbüchern in dieser folgsamkeit nicht das mindeste vor- oder nachgiebt Hippel (1827 ff.) 11, 252. 77) erhalten hat sich diese anwendung des verbums in der einschränkung auf spiel und wettkampf irgend welcher art, dem schwächeren gegner von vornherein einen gewissen vortheil zugestehen (vgl. vorgabe 2), dann auch in bildlicher übertragener und freierer anwendung: zwey, drey points (beim billard) v. Adelung: wenn ihm der herr funfzig schritte vorgab, so konnte er ihn mit seinem besten renner nicht einholen Lessing Minna v. Barnhelm 3, 2; allen andern künsten musz man etwas v., der griechischen allein bleibt man ewig schuldner Göthe 48, 183 W.; in der eifersucht kann ich dem Othello ein duplee v. Nestroy (1890 ff.) 1, 8; als er dachte, Fröben habe die vorgegebenen schritte zurückgelegt, liesz er sein pferd weit ausstreichen Hauff (1890) 5, 102; er läszt sich von der phantasie des zuschauers einige points v. O. Ludwig (1899 ff.) 5, 123; wie im spiel man etwas vorgiebt Fr. Th. Vischer dicht. w. (1917) 3, 254. 88) jemandem etwas vorlegen im sinne einer aufgabe, etwas zu behandeln, zu beraten, zu bearbeiten, zu lösen u. ä.: eine frage v. Stieler 655; den schülern eine lection v. Spanutius (1720) 101; das pensum absolviren, heist das vorgegebene zu ende bringen Sperander (1727) 5a; v. etwas zu thun, proponere, pensum dare Frisch 1, 328b; 'im engeren verstande, zu thun vorlegen, wofür doch aufgeben üblicher ist' Adelung; vgl. schweiz. idiot. 2, 89: es sei zum exempel vorgegeben, ein zirckel mit 12 gezeichnet, von diesem begert man auffen land durch practic zu finden das centrum Curtius practica d. landmessers (1616) 50; das vorgegebene ist allerseits so wol beantwortet worden, dasz solche sinnbehendigkeit billich zu loben Harsdörffer frauenz.-gesprächspiele (1641 ff.) 1, c 5b; umb zwölff wird ein exercitium styli vorgegeben Chr. Weise erznarren 86 ndr.; erklärungsmittel einer vorgegeben sache Leibniz dt. schr. (1838 ff.) 1, 379; daraus zu ersehen, dasz die vorgegebene zahl sich nicht völlig in 3 gleiche theile theilen läst v. Fleming d. vollk. t. soldat (1726) 20; eine ode auf vorgegebene melodey Schwabe belust. (1741 ff.) 1, 29; (die sklaven) hatten täglich darin (in einem teiche) ihr vorgegebenes, welches sie sehr accurat ausarbeiten muszten Pierot (1742 ff.) 1, 304; die methode eines lehrers oder die materie der vorgegebenen übungen Herder 1, 378 S.; vgl. unten 14. 99) dann ganz allgemein etwa im sinne von lat. proponere, zur kenntnis bringen, anzeigen; v. kann auch die bedeutung von vorschlagen, beantragen annehmen; das subject kann unpersönlich sein: v., anzeygen, signifier, significare Hulsius-Ravellus (1616) 388b; affert lumen memoriae ordo, wo man ein ding ordentlich vorgibt, da fassens und behaltens auch die knaben leichter Corvinus fons lat. (1646) 606; vom aufbieten eines brautpaares Schmeller-Frommann 1, 866; zur anzeige bringen, quelle von 1556 bei Diefenbach-Wülcker 587; und wart vorgegeben, das der junge herre herczoge Wilhelm solde teyle, so sulde der alde herre herczoge Frederich kysze Stolle thür. chron. 3 lit. ver.; unde gheven den borgeren vore ..., dat me se de stad lete vorsweren dt. städtechron. 16, 464 (Braunschweig); so könten wir versuchen, ob und wie deinem v. nachzukommen A. Gryphius Horribil. 15 ndr.; hat er in dem gantzen in dem hofe zusammenberuffenen rath vorgegeben, dasz er seines vaters befehl zu vollziehen gesonnen trauerspiele 132 Palm; was die angekleibte zettul vorgeben Grimmelshausen 3, 340 Keller; wenn ein reuter, dragoner oder soldat sich ... zu vereheligen zu wollen vorgäbe v. Fleming d. vollk. t. soldat (1726) 104; so bin ich ein doctor: komm gib mir dein gebrechen vor B. Waldis Esop 1, s. 64 Kurz. 1010) mit dem genit. in besonderer wendung: freyens fürgeben, connubium praetendere Stieler 655 (auch ernst gemeintes); (sie) gab recht ordentlich freyens auch bey mir vor, dasz ich sie nehmen solte Chr. Reuter Schelmuffsky 38 ndr. d. vollst. ausg.; jetzt gibt er bey meiner nichte heirathens vor Weisze bei Adelung; wieder aufgenommen: (sie) sasz zur rechten und drückte mir immer die fäuste und gab freiens bei mir vor Brentano (1852 ff.) 5, 345. 1111) eine äuszerung machen, die eine meinung, behauptung enthält oder auch eine absicht, einen entschlusz ankündet. ursprünglich ist das verbum ganz neutral (s.fürgeben 7, th. 4, 1, 1, sp. 732), und diese anwendung wirkt auch in der neueren sprache nach, indem nicht ohne weiteres betont wird, ob die behauptung in der wirklichkeit bestätigung findet oder nicht, vor allem nicht, ob die meinung wider besseres wissens gemacht wird oder der entschlusz ernst gemeint ist; die folgenden beispiele zeigen die mählig eintretende verschlimmerung der mit v. verbundenen vorstellung: er hat das als eine wahrheit vorgegeben, adseveravit hoc firmissime; einige geben vor, quidam asserunt Steinbach 1, 573; v. für sagen, perhibere, adseverare, dicere Frisch 2, 328b; diese neutrale anwendung bezeichnet Adelung als veraltet; man gibt vor, das dieser name vom wörtlein weiszheit ... herkomme Rätel Curäi chron. v. Schlesien (1607) 10; item was Linus ... von erschaffung der welt, dem lauffe der sonnen und des mondes ... vorgegeben hat Opitz poeterey 9 ndr.; wenn man in gemeine vorgibt, das man das stroh aus den betten nicht verbrennen solle Prätorius philos. colus (1662) 8; ein schandt, wan man von einem forgibt, das er gschossen (ist im hirn) Abr. a s. Clara neue pred. 85 Bertsche; irren diejenigen gar sehr, welche vorgeben, als wenn das gesetze der natur viele handlungen der menschen unentschieden liesze Chr. Wolff ged. v. d. menschen thun u. l. (1720) 18; als er (Columbus) vorgab, die spitze von Portugal wäre noch nicht das ende der bewohnten erden d. vern. tadlerinnen (1725 ff.) 2, 307; die lehrer der logik geben vor, man verfalle in wortgezänke, wo man obige regeln nicht beobachte Schwabe belust. (1741 ff.) 4, 474; inzwischen will ich nicht v., dasz mein entwurf von allen widersprüchen frey sey Scheibe d. crit. musicus (1745) vorwort; nun ist mir nicht unbekannt, dasz wider diese consequenz ausflüchte gesucht werden, indem man vorgiebt: es sei eine grenze der welt ... ganz wohl möglich Kant 3, 297 ak. ausg.; man giebt vor, die anzahl der einwohner steige auf 8000 Nicolai reise d. Deutschland (1783) 1, 172; man giebt vor, es läge auf diesem gut von klosterzeiten her noch ein stein, der stets unberührt ... bleiben müszte br. Grimm dt. sagen (1891) 1, 195. — willensäuszerung: (er) hatte viel gut mitgebracht, welches er den folgenden tag auszupacken vorgab polit. maulaffe (1679) 16. 1212) weitere verschlechterung tritt ein, wenn deutlicher gemeint ist, dasz die ausgesprochene meinung zweifelhaft ist oder der wirklichkeit nicht entspricht, dasz der geäuszerte wille nicht zur that werden wird; dabei braucht aber die subjective wahrhaftigkeit nicht immer in frage gestellt zu sein. 12@aa) am häufigsten wird v. absolut gebraucht; mit abhängigem satz: (welche) auch wol v., man wisse einen poeten in offentlichen ämptern wenig oder nichts zue gebrauchen Opitz poeterey 11 ndr.; nehmlich andere geben vor, die mare stecke ihre zunge den leuten ins maul Prätorius anthropod. pluton. (1666) 1, 30; halt das maul, du stadt, es ist ein frevel, wann du vorgiebest, es habe dich gott ohne schuld verlassen Abr. a s. Clara mercks Wien (1680) 143; (die) bey unsrer jugend besonders dadurch viel unheil stiften, dasz sie v., als machten sie daheim epoke Klopstock gelehrtenrep. (1774) 38; es ist eine frau drauszen, die vorgibt, sie müsse mit ew. gnaden dringend sprechen Bäuerle kom. theater (1820 ff.) 3, 52. 12@bb) mit dem infin.: unser Gleim ist ein rechter böser mann, dasz er mir den tag seiner ankunft bey ihnen gemeldet zu haben vorgiebt Lessing 17, 143 M.; möchten sie nur an güte seyn, was die meisten an treuherzigkeit zu seyn v. Herder 25, 322 S.; unserm führer, der mutter und vater hier zu finden vorgab Göthe 33, 143 W.; wenn sie die nicht erwürgen wollen, die sie zu lieben v. Schiller kab. u. liebe 5, 2; leute, die nicht nur liebhaber jener schriften waren, sondern welche auch vorgaben, sie aus dem grunde zu verstehen Jung-Stilling (1835 ff.) 6, 115; er aber gibt vor, in die reiche sängerin Jenny Lutzer verliebt zu sein L. Schücking bei A. v. Droste-Hülshoff br. (1893) 202; kenntnis dessen ..., was er erlangen zu wollen vorgab G. Keller (1889 ff.) 2, 115. — infin. ohne zu: wen man nu widder die Turcken streytten vorgibt Luther 6, 418 W. 12@cc) gern in abhängigem satz nach wie, als: der aber, wie die alte vorgab, ... ohne das keinen wein trincken dorffte Grimmelshausen 3, 343 Keller; liebet er mich aber, wie er vorgiebt, so schone er meiner Lohenstein Arminius (1689 ff.) 2, 419a; aber ob dessen frau und tochter auch so unschuldig wären, als sie v., hatte ich einige ursachen zu zweiffeln Thomasius ged. u. erinn. (1720 ff.) 1, 2; begehrte seinen abschied mit ungestüm, weil, wie er vorgab, seine dienste nur übel belohnt würden Sturz (1779 ff.) 2, 295; die bibliothek (in Göttingen) ist jedoch nicht so erstaunlich reich, als man vorgibt Heinse 7, 341 Sch.; die kritik d. r. vern. habe nicht, wie sie vorgebe, bewiesen, dasz ... Fichte (1845 ff.) 1, 15; ob denn England so vollkommen ein erbreich sei, wie man vorgebe Ranke 15 (1875) 83. — mit inversion eingeschoben: in diese (anschläge), gab er vor, hätte er nicht geglaubt, sich mit ehren einlassen zu können Schiller 4, 131 G. 12@dd) der gebrauch des passivums gehört mehr der älteren sprache an: so dasz ohne grundt der warheit von ihnen vorgegeben wird ... Zinkgref-Weidner teutscher nation weish. 3 (1653) 10; dan ob schon euszerlich zum schein vorgegeben worden, dasz man hiedurch die ... monopolia abschaffen ... wolte Chemnitz schwed. kr. 1 (1648) 8; dasz so viel teutsches in Persien sey, als nach Elichmanns meinung vorgegeben wird Leibniz dt. schr. (1838 ff.) 1, 465; dasz das sylbenmaasz den groszen poetischen geistern nicht so leicht ankommen müsse, als wohl vorgegeben worden d. vern. tadlerinnen (1725 ff.) 2, 135; gleichviel, ob die übel da sind oder nur uns vorgegeben werden Gutzkow (1872 ff.) 12, 187. 12@ee) das part. prät. kann dann ganz den sinn von angeblich annehmen: mehr zuer offension dann bieshero vorgegebener defension gemeinte handlungen verh. d. schles. fürsten u. stände 2, 11 Palm; (gaben) die wichtigsten gründe an die hand, an eurem vorgegebenen geschlechte zu zweifeln d. vern. tadlerinnen (1725 ff.) 1, 37; einmal möchte ich sie wohl sehen, wenn es auch nur der vorgegebenen ähnlichkeit wegen wäre Lessing d. misogyn 3, 3; wo er (Wieland) seinen vorgegebenen griechischen autor ... redend einführt Gerstenberg hamb. n. zeitung 47 dt. lit.-denkm.; ich war einfältig genug, alle diese vorgegebene geheimnisse für ächt zu halten Wieland Agathon (1766) 1, 268; wie unterscheidest du solche vorgegebne von der wahren anmuth? H. G. Meissner Alcibiades (1781) 1, 226; ob dieser vorgegebne smaragd ein stück grünes glas ... sei grafen zu Stolberg (1820 ff.) 6, 74; es war bisher lauter scherz, meine vorgegebene liebe Jean Paul 1, 192 H.; mit Arrian, dem vorgegebenen verfasser des periplus Ritter erdk. (1822 ff.) 12, 332; der vorgegebene wahnsinn Hamlets O. Ludwig (1891 ff.) 5, 305; nicht nach den vorgegebenen, sondern nach den wirklichen gründen G. Keller (1889) 6, 166; ihr verhetzt durch einen vorgegebnen eifer gottes (under the counterfeited zeal of god) das volk Shakespeare könig Heinrich IV. 2. th. 4, 2. adverbial: wenn seine gesetze auch nur vorgegeben-göttlich wären Herder 12, 123 S. 12@ff) veraltet ist der gebrauch, den die ältere sprache vom part. präs. macht: vorgebende: sie kämen anitzo von dem beotischen berge Helikon Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) zuschrift 2; der von Schaumburg, vorgebend, er sehe wol, das es nichts mit der reuterey, ... gieng bald davon Chemnitz schwed. kr. 2 (1653) 160; ja er hielt sie noch höhnisch, vorgebende, dasz eine deutsche sclavin mehr denn zu viel ehre erlangt hätte, wenn sie ein römischer edelmann des beyschlaffs würdigte Lohenstein Armin. 1 (1689) 61b; vorgebend, dasz er hier ihm wolle zeigen, was möglichkeit erschien doch zu übersteigen Gries Ariostos ras. Roland (1804) 1, 124. passivisch: als wenn sie (goldmacher) wegen ihrer vorgebenden kunst, selbige jemand lernen zu wollen, viel geld verlangen allg. haushaltlex. (1749 ff.) 2, 323a. 12@gg) mit dem acc. verbunden im sinne einer meinungsäuszerung, oft mit pränominalem object, oder aber, dasz bestimmteres als vorhanden behauptet wird; diese anwendung wird dann in der entwickelten sprache weiter eingeschränkt (s.h): so yemants dir neben Christo etwas alsz nothlich zu der selikeit vorgibet, den saltu fligen alsz den teuffel Luther 10, 3, 362 W.; ein apt, ehe er zu den geistlichen würden getretten, hat grosze scheinheiligkeit und demuth vorgegeben Reinicke fuchs (1650) 163; mancher amtman gibt seinem herren groszen nutzen vor, da sieben schäden dahinder liegen Lehman florileg. polit. (1662) 1, 21; (dasz er) blind glaubt, was ihm der doctor, den er gewohnt ist zuhören, vorgiebet d. discourse d. mahlern (1721) 1, 7; wenn er so kühn ist, das gegentheil vorzugeben d. neueste aus der anm. gelehrs. (1751 ff.) 4, 57; ein listiger fuchs, der es trefflich gut vor zu geben weisz Stranitzky ollapatrida 129 Wiener ndr.; es wäre eine täuschung, wenn ich dies vorgäbe Herder 19, 21 S.; daher ist alles fabelhaft, was man von dem ursprunge des Orinoco aus einem see vorgegeben A. v. Humboldt ansichten d. natur (1808) 1, 295; es kann einer aus philisterei das trefflichste v. und vertheidigen Brentano (1852 ff.) 5, 411; dasz sie (die lyrik) solche empfindungen vorgibt Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 1, 325; disz alles gibt man vor (behauptet man) Opitz t. poemata 203 ndr.; aber mich einmahl zu nehmen will kein schlingel sich bequemen, geben viel des abends vor, morgen suchen sie das thor Voigtländer oden u. lieder (1642) 68; glaub ich gar nicht, dasz dein glauben, die du vorgibst, hat die stärcke Logau sinnged. 429 E.; im namen und zum nutzen irgend einer person, die rechte vorgiebt an die krone Schiller Maria Stuart 1, 7. 12@hh) die verbindung mit dem acc. wird dann eingeschränkt auf die bedeutung 'zum vorwand nehmen, etwas zur entschuldigung vorschützen': eine krankheit v. Adelung: zuletzt gab er eine ihm nothwendige entfernung auf eine zeit vor Herder 23, 410 S.; gab zur ursache davon (, dasz er nicht dableiben konnte) eine lustbarkeit vor Wieland (1794 ff.) 3, 274; er gab also geschäfte vor, als eine entschuldigung seiner abreise Bode gesch. d. Thomas Jones (1786 ff.) 1, 124; gedachte er ... eine kurze geschäftsreise vorzugeben G. Keller (1889 ff.) 5, 34. 12@ii) eine nachwirkung des alten neutralen gebrauchs des verbums ist es, wenn durch ein hinzugesetztes fälschlich die unwahrheit der behauptung bezeichnet wird: andere geben fälschlich vor, dasz sie zu denselben (eltern) reisen Zimmermann über d. einsamk. (1784 ff.) 1, 229; afterweisheit, betriegliche, fälschlich vorgegebene weisheit Kinderling reinigk. d. dt. spr. (1795) 353; falsch: damit keine falsch vorgegebenen apostolischen denkmale übrig blieben Ritter erdk. (1822 ff.) 5, 613. — die schärfste verschlechterung der mit dem verbum verbundenen vorstellung tritt dann ein, wenn es sich auf eine bewuszt falsche angabe bezieht, und es ist deutlich, dasz sich das verbum auf diese anwendung immer mehr einschränkt, mindestens immer die vermutung subjectiver unwahrheit vorliegt; wie das verbum gemeint ist, läszt sich natürlich nur aus dem zusammenhange der dinge, aus der situation erkennen: ich gebe vor, ... simulo Steinbach 1, 573; ward aus befehl der königin ein bequem schiff ... zugerichtet und versorget, wie sie vorgab, darinnen ihren vatter zu besuchen (die absicht ist eine andere) Kirchhof wendunm. 2, 96 Ö.; dasz die reuter vorgaben, ich hätte der sackpfeiff im fallen wehe gethan, darumb sie dann so ketzerlich geschryen hätte Grimmelshausen 1, 41 Keller; hernach gab man vor, ich hätte einen starken schlagflusz bekommen (er ist ermordet worden) Creizenach schausp. engl. comöd. 155; (er) solle v., er hätte einen erstochen Schupp freund in d. not 5 ndr.; er müszte sich verkleiden und v., dasz er, ich weisz nicht aus welchem, weit entlegenen lande käme Lessing 2, 139 L.-M.; sobald wir kopuliert sind, führ ich dich auf meine güter, wo ich aus vorsicht vorgegeben habe, ich wäre schon verheyratet H. L. Wagner theaterstücke (1779) 142; gib vor, du kämest geraden wegs aus Böhmen Schiller räuber 2, 1; das ganze geheimnisz, was du vorgiebst oder auch meinst nicht verstehen zu dürfen Bettine Cl. Brentanos frühlingskr. (1844) 323; er (Fleming) ist ein liberaler zecher und scheint das nicht blos v. zu müssen wie Opitz Gervinus gesch. d. dt. dicht. (1853) 3, 236; wie sehr sie v. mochte, über huldigungen ... hinweg zu sein Fontane I 1, 185; er gibt was andres vor und sagt nicht, was er meynt Stoppe Parnasz (1735) 25; warum betet auch der nicht, der einen schöpfer der welt oder vorgiebt zu glauben? glaubt Giseke poet. w. (1767) 37. 1313) der infinitiv wird sehr oft wie ein subst. gebraucht, natürlich in der schwankenden unter 12 dargestellten bedeutung: ein vorgeben, causatio, excusatio, propositio, narratio, praetextus, prophasis Stieler 565; ein falsches v., figmentum Frisch 1, 328b. 13@aa) während in der sprache der gegenwart fast immer die vorstellung der bewuszten unwahrheit mit dem inf. verbunden wird, zeigt der ältere sprachgebrauch, allerdings sehr lange nachwirkend, eine mildere auffassung und läszt sogar die möglichkeit der bestätigung unter umständen zu, wenn auch meistens das gegentheil erwartet wird; älter noch ist die neutrale bedeutung: (concilien,) welche schnurrecht wider die lehr und das v. unserer mutter, der h. kirchen streiten Fischart bienenkorb (1588) 40a; weil dann der gubernator nunmehr an meinem v. nicht zu zweifflen ursach hat Grimmelshausen 1, 135 Keller; seine eigene thaten werden der beweis meines vorgebens seyn d. neueste aus d. anm. gelehrs. (1751 ff.) 1, 350; obgleich sie ... mehr recht zu einem solchen v. haben als mancher J. E. Schlegel (1761 ff.) 3, 346; (ein werk des 15. jh.,) dergleichen der Reinicke fuchs nach seinem eigenen v. ist Lessing 8, 54 L.-M.; dadurch erweisen sie die wahrheit meines vorgebens Petrasch lustsp. (1765) 2, 605; gegenwärtige gelegenheit sein v. zu bestätigen J. G. Forster (1843) 2, 110; von der wahrheit dieses meines vorgebens mögen die beigeschlossenen atteste zeugen Grillparzer im jahrb. d. Grillparzergesellschaft 2, 4; dasz er ihn in dem v., diese geister seien die alten schloszbewohner, nicht belogen hätte br. Grimm dt. sagen (1891) 1, 113. 13@bb) mit verschlimmerung der vorstellung: diesem v. widersprechen alle historien Micraelius altes Pommerland (1640) 169; es ist aber an allem diesem v. ganz und gar nichts Leibniz dt. schr. (1838 ff.) 2, 464; wir sind so leichtgläubig nicht, dasz wir uns mit diesem v. befriedigen sollten d. vern. tadlerinnen (1725 ff.) 1, 30; ist euer v. aber auch wahr? Stranitzky ollapatrida 296 Wien. ndr.; darausz erhellet, wie grundfalsch das v. ist, als wenn ... Göthe IV 19, 270 W.; das v. der geringeren lebhaftigkeit und deutlichkeit der geträumten, als der wirklichen anschauung, verdient gar keine berücksichtigung Schopenhauer 1, 49 Gr. 13@cc) charakterisiert durch ungünstige epitheta: dieses ungereimte v. Winckelmann (1825 ff.) 2, 28; das (diese behauptung) ist aber ein närrisches v. Göthe 44, 176 W.; es ist ein wunderliches v. Fr. H. Jacobi (1812 ff.) 6, 107; sie beruht auf willkürlichem v. und einbildungen Gervinus gesch. d. dt. dicht. (1853) 1, 488; wegen seines betrüglichen vorgebens G. Keller (1889 ff.) 122. 13@dd) weitere verschärfung; im prägnanten sinne von äuszerungen, die auf bewuszte täuschung ausgehen, oder auch entsprechendem benehmen: ihren v. desto bessern schein der treue und wahrheit anzustreichen v. Fleming d. vollk. t. soldat (1726) 275; das war nur ein v. von mir, damit ich gelegenheit haben könnte, sie hier zu sprechen Gottsched dt. schaubühne 4, 101; fiction, erdichtung, verstellung, ein v. Kinderling reinigk. d. dt. spr. (1795) 267; glaube nur, dasz dies ein v. ist, um dich zu gewinnen Caroline 2, 90 Waitz; John Katzenberg besonders leistete groszes in solchem v. von intimität W. v. Polenz Grabenhäger (1897) 365. 13@ee) häufig in verbindung mit präpos.; nach wird meist nachgestellt: dasz ich seinem v. nach das heutige soldatenleben gahr zu hart angegriffen Rist d. friedew. Teutschl. (1648) 22; ein paar lägel wein ..., die er seinem v. nach von einem rebmann gekaufft hatte Grimmelshausen 3, 38 Keller; von denen dem v. nach weggekommenen mänteln Thomasius ged. u. erinn. (1720 ff.) 2, 60; um seine kenntnisse wenigstens dem v. nach auszubreiten Kant 3, 81 ak. ausg.; der ihrem v. nach einen arzt holen sollte Laube (1875 ff.) 3, 223. — in älterer sprache vorangestellt: dasz der storch nach etlicher v. eine feindseligkeit hege mit den krahen Prätorius winterflucht d. sommervögel (1678) 227; er deutet, nach seinem v. darauf, wie er ... die natur recht vollkommen ausdrücken will Schwabe belust. (1741 ff.) 1, 343; nach des betrügers v. Nicolai reise d. Deutschl. (1783 ff.) 1, 44; indem das übel, nach ihrem v., von den unterirdischen göttern herrührte Bürger 253 Bohtz.in der jetzigen sprache ist am häufigsten unter dem v.: setzest deine lehrstunden unter dem v. aus, dasz du krank wärest, und bist doch nicht krank Salzmann ameisenbüchl. (1806) 36; unter dem v., die siebente (kette) hätten sie verloren br. Grimm dt. sagen (1891) 2, 158; unter dem v., die gegend, land und leute recht anzusehen G. Keller (1889 ff.) 3, 217; unter dem v. einer musterung Moltke (1892) 2, 20. — veraltet mit v.: mit v., es wären seiner schwester söhne wider ihn Schweinichen denkw. 50 Ö.; mit v., es sey ja bekant genug Grimmelshausen 4, 722 Keller; mit v., dieser goldne mantel wäre den guten götzen bey sommerzeit zu schwer Lindenborn Diogenes (1742) 1, 247. 1414) in der bergmannssprache bezeichnet v. die masse des mit einem bohrloch abzusprengenden gesteins; die so vorgegebene masse heiszt vorgabe oder das vorgeben Veith bergwb. 547; diese anwendung geht von der unter 8 behandelten bedeutung (als aufgabe stellen) aus. 1515) vereinzeltes; in der folgenden stelle ist die vorstellung einer äuszerung durch worte ganz geschwunden: zwischen der mauer und dem gatter ist rings umbher ein gang, das die Türcken bei der nacht ... herumb gehen und besehen können, was die arme gefangene vorgeben Fr. Seidel türckische gefängnusz (1629) h 2a. 1616) hierzu vorgeber, m., einer, der etwas behauptet, lehrt: hie mercke, was die leut für ketzerische v. haben Nas d. antipap. eins u. hundert (1567 ff.) 4, 67b; s.fürgeber th. 4, 1, 1, sp. 733; peremptor vorgeber Diefenbach gl. 425b. —
28514 Zeichen · 614 Sätze

Lautwandel-Kette

Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

Pro Sprachstufe der prominenteste Beleg. Klick auf eine Form öffnet das Wörterbuch.

  1. 1050–1350
    Mittelhochdeutsch
    vor gëben

    Mhd. Handwörterbuch (Lexer) · +2 Parallelbelege

    vor gëben abs. einem v. g., die borgfrist verlängern? Chr. 8. 127,8. vgl. Oberl. 1890 ; tr. sît du mir den hâst vor gege…

  2. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    Vorgêben

    Adelung (1793–1801) · +4 Parallelbelege

    Das Vorgêben , des -s, plur. ut nom. sing. 1. Die Handlung des vorigen Zeitwortes in allen seinen Bedeutungen, und ohne …

  3. 18./19. Jh.
    Goethe-Zeit
    vorgeben

    Goethe-Wörterbuch · +1 Parallelbeleg

    vorgeben [bisher nicht publizierter Wortartikel]

  4. modern
    Dialekt
    vor gëbe(n)

    Elsässisches Wb. · +1 Parallelbeleg

    vor gë be (n) beim Spielen, bes. beim Billard oder Kegeln, einem weniger geübten Gegner Vorteile zugestehn; bildl. etwas…

  5. Sprichwörter
    Vorgeben

    Wander (Sprichwörter)

    Vorgeben Er gibt vor, er habe Feiertage und hat Fülltage.

  6. Spezial
    vorgeben

    Deutsch-Ladinisch (Mischí) · +1 Parallelbeleg

    vor|ge|ben vb.tr. dé da crëie, dé da capí, dé da intëne, savaié (-ia), fá finta.

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Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit vorgeben

2 Bildungen · 0 Erstglied · 1 Zweitglied · 1 Ableitungen

Zerlegung von vorgeben 2 Komponenten

vor+geben

vorgeben setzt sich aus 2 eigenständigen Lemmata zusammen. Die Klammerung zeigt die Hierarchie der Komposition; Klick auf einen Bestandteil öffnet seine Etymologie.

vorgeben als Zweitglied (1 von 1)

Ableitungen von vorgeben (1 von 1)

Bevorgeben

Campe

≠ Bevorgeben , v. trs. für vorausgeben, zuvorgeben.