vettel,
f. ,
aus lat. vetula,
mit verschlimmerter bedeutung; im eigentlichen mhd. noch unbezeugt; s. Lexer
mhd. hdwb. 3, 331; Jelinek
mhd. wb. 866;
anus, dy vetil
voc. von 1420 Diefenbach
nov. gloss. 27
a;
verzeichnet bei Maaler 440
d (1561): die vettel, ein alt weyb, item ein wöscherin,
vetula; vettel,
vetula Schottel 1437; vettel, die,
plur. vetteln,
anus Stieler 2466; vettel,
von vetula Frisch 2, 400
a; vettel, die, '
das alte weib, vielfach die vetteln;
aus dem lat. vetula' H. Braun
deutsch. orthogr. gramm. wb. (1793) 288
b; vettel,
f., een oud, en quad, boosardig wijf Kramer
deutsch-holländ. wb. (1768) 394
c; die vetteln,
f., altes weib, alte hexe Staub-Tobler 1, 1134.
vgl. Fischer schwäb. wb. 2, 1446. —
M. Heyne
deutsches wb. 3, 1279
und Fischer
a. a. o. nehmen mit recht an, dasz das wort zunächst in studentischer sprache aufgekommen ist. die bedeutung von vettel
entwickelt sich schon früh in der weise, dasz der eigentliche sinn, die vorstellung des alters ganz verschwindet oder doch nebensächlich wird (
daher alte vettel):
liederlichkeit, unzucht, hexenhaftes aussehen und wesen werden als die charakteristische eigenschaft der vettel
angesehen; so erklären sich die seltsamen ableitungen: '
non venit a vetula, ut multis persuasum est, sed a wetter ..
in quo etymo nos confirmat, quod vettel
semper in malam partem, et pro incantatrice, saga et venefica sumatur. hinc etiam tales striges alio nomine appellantur wettermacherinnen' Stieler 2466;
nach Birlinger
schwäb.-augsb. wb. 159
b kommt vettel
in augsb. schriften stets mit der vorstellung von zauberei und unzucht vor. es ist anzunehmen, dasz sich zunächst der sinn von hexe entwickelt hat. unter den beschuldigungen gegen die hexen steht die unzucht an erster stelle. '
da nun der begriff der unzucht, nicht aber des alters, in diesem worte der herrschende ist, so ist glaublicher, dasz die ähnlichkeit mit dem lateinischen blosz zufällig ist und dasz unser vettel
aus einer ganz andern quelle herstammt; vielleicht von fidel
und fideln,
eine geige und geigen, welche wörter in niedrigen sprecharten gleichfalls im unzüchtigen verstande gebraucht werden' Adelung; eine liederliche vettel; eine alte vettel, '
eine alte unzüchtige, oder unzüchtig gewesene person'
ebd.; fättel, vettel,
liederliche weibsperson, '
nicht von vetula
herzuleiten, sondern mit foedus, futire, foz
u. s. w. verwandt' Schmid
schwäb. wb. 173;
auch Schmeller
bayer. 1, 693
identificiert noch die derbe bezeichnung födel,
f., mädchen mit vettel.
es ist richtig, dasz födel (
s. oben füdel 2
th. 4, 1, 1, 363)
im gebrauch sich mit vettel
berühren musz (
annäherung an fiedel Andresen
volksetym.4 92). —
in der sprache der gegenwart scheint vettel insofern sich wieder dem ursprünglichen gebrauch zu nähern, als die beziehung auf das alter besonders in seiner äuszeren häszlichkeit wieder stärker hervortritt. es ist nicht unmöglich, dasz das bewusztsein von dem zusammenhang mit vetula
dazu beiträgt. zu beachten ist, dasz vettel
seiner unbestimmten bedeutung wegen meist mit einem charakterisierenden attribut verbunden wird. —
daneben aber besteht die anwendung in dem früher besonders entwickelten sinne fort; je nach den umständen können sehr verschiedene eigenschaften hervorgehoben werden; so führt Fischer
schwäb. wb. 2, 1446
folgende bedeutungen auf: magere weibsperson; schlampige, häszliche; dicke (
einwirkung von fett),
unreinliche; dicke, unzüchtige weibsperson u. a. 11)
mit hervorhebung des altseins: kein weib sy sei jung oder alt ein vettelen oder diern Hartlieb
das buch Ovidy von der liebe (1482) 110
b; das ein 66-järige vättel einem jüngling sich vermählet Herold
christenlicher ee institution (1542) 93
b; Lexer
mhd. hdwb. 3, 331
belegt vetel
im sinne von hökerweib (
Prager recht); do sprach die vetel zuo im (
vorher: begegnet im ain altes wyb) Stainhöwel
Äsop 325; die gut alt vettel (
eine alte reiche witwe) Wickram 3, 55; war ein handwercksmann, der sich heimlich mit einer alten verkuppelt hatte: aber hernach hat er sich mit einer junffer behangen ... ungeachtet der vorigen vettel Praetorius
blockes-berges verrichtung (1668) 61; und nun denk dir einmal die schwarzbraune, runzlichte, zottigte vettel (
die äbtissin) vor mir herumtanzen, und mich bey ihrer jungfräulichen sittsamkeit beschwören Schiller
räuber 2, 3
schauspiel; vetteln, deren stimmen so scharf sind, dass man ein stück brod damit abschneiden könnte, titulirt man ächt dramatische sängerinnen Grabbe 1, 290
Grisebach (
scherz, satire 1, 3); das gleiche findet sich. die deine liebt ein junger die vettel ist für dich Stieler
geharnschte Venus 114
neudr.; und jungen, blondgelockt wie cherubine, vergaffen sich in sommerspross'ge vetteln Immermann 16, 405.
alte hexe: was wuszten griechische veteln, in der anwandlung ihrer fallkrankheit, ob in Rom nach einigen hundert jahren dieser oder jener zustand sich ereignen werde Sonnenfels
ges. schriften (1783) 3, 214; der bauch der vetteln soll plötzlich mehr wissen als das haupt und das herz der weisen Immermann 2, 168.
schwatzhafte verleumderin: ich habe nie eine vettel orthographisch schreiben sehen. das klatscht ihr wieder nur so nach Lessing 13, 204.
unzucht, liederlichkeit: carogne, lat. prostibulum, meretrix eine vettel, hur Apinus
gloss. novum (1728) 104; dasʒ einer tausend eid schwüre er hette eine fromme fraw, so sie von art ein arge breckin und vettel ist Höniger von Königshofen
weltspiegel (1574) 236
a; vettel heiszt insgemein so viel als eine hure, oder liederliche weibsperson
allg. haushalt.-lex. (1749
ff.) 3, 584; eine fröliche vettel, und mit worten ein wenig leichtfertig Luther
tischr. 442
b; von dem fuchs hat eine prAechtige vettel die arglistigkeit Fischart
ehzuchtb. 25
Hauffen; bekennte sich der knecht dazu (
die köchin geschwängert zu haben) inmaszen die vettel denn solches auch geständig war Schweinichen (1878) 481; priester, welche ... beynebens ihre fetteln underhalten Albertinus
hirnschleiffer (1664) 87; die Corinthier ... erhielten in dem tempel Veneris 10 000 schöne fetlen 309; deine frau, die vettel (
ehebrecherin), schifft wirklich auf dem höllen fluss Pfeffel
poet. versuche (1812
ff.) 2, 148. vettel
verbindet sich gern mit bezeichnenden attributen, je nach dem zusammenhange werden alter, häszlichkeit, hexenhaftes aussehen, unzucht, geilheit, kupplerisches wesen, zanksucht betont oder verschiedene eigenschaften zusammen gedacht. besonders häufig ist alte vettel, häszliche vettel u. ä.: die groszen lerer gehn mit merlin umb, da die allten vetteln hynder dem offen von klaffen Luther 10, 2, 80
Weim.; das der alt, die alten vettelen, gleich wie ayn knab ayn maydlein ... liebt Erasmus
morie enc. 75
b; der ist ain schwetzer, gat mit alter vettel fablen umb Eberlin von Günzburg 2, 18
neudr.; bedenckend dasz mir die alte vettel Atropos des nechsten tag eins den faden meines lebens abschneiden mOecht Scheit
Grobianus 9
neudr.; ain schOene junge fraw .. die hett aine alte vettel bey ir Montanus
schwankbücher 142; die alt vettel wolt sich bucken ... so kracht ir das gesäss Frey
gartenges. 119; eine alte koplerin oder vettel Mathesius
Syrach (1586) 25
b; von ... der ertzney erfarnen männern, nicht von doctor Schmeltzkessel und den alten vetteln geredt Kirchhof
wendunm. 1, 146; darumb sind dise wort der alten vAetteln, ja sind zu achten für gespOett der betrüger G. Nigrinus
von zäuberern, hexen (1592) 38; da ersahe er eine scheutszliche weitaugete vettel, die voll blattern, grinds, unnd unlust war
pfaffensack, hinter Mäynhincklers sack (1612) K 3
b; da wo der henger selbst nicht hinwil, da schicket er ein mOench oder eine alte vettel hin Corvinus
fons lat. (1646) 61; drey abgefäumte alte vetteln, mit denen man den teufel im weiten feld fangen möchte
Simpl. 1, 132
Kurz; von da schickt man ihn nach Askalon zu einer alten vettel, die ihn auf einem schifflein in die canarischen inseln versetzet Gottsched
versuch einer krit. dichtkunst (1751) 208; sonst möchte aus der jungen Amerikanerin endlich eine alte vettel werden
allg. d. bibl. 2, 271; die alte vettel bat meine frau diese kiste auf etliche tage zu verwahren
Pierot 1, 448; gedachte alte vetteln
ehe eines mannes (1735) 282; da laufen die barbiers und alte vetteln immer aus und ein Miller
briefwechsel dr. ak. fr. (1778) 2, 65; so sah ich eine alte vettel .. nach einem kraftvollen jüngling blinzen Klinger (1809
ff.) 5, 149; nun du alte vettel kannst wohl gar nicht mehr beten Arnim 1, 64; ist das ein zustand, wenn man dann so eine alte vettel beim wickel nimmt Gutzkow
ritter vom geiste 4, 203; willst du jetzt wohl gleich still sein, alte vettel? Viebig
d. schlafende heer (1904) 1, 137; sie mant jn dasz er arbeit het, und die alt vettel uberredt C. Scheit
die frölich heimfart D 2
b; das man sol keiner alten vettel nicht, auch nach dem todt nichts trawen icht
M. Hayneccius
Hans Pfriem 18, 243
neudr.; ich muszte lügen, ich muszte borgen bei reichen buben und alten vetteln Heine 1, 416
Elster; wann nicht kreischend alte vetteln heischen Rückert (1867
ff.) 2, 343; alte vetteln anzuflehen um kyrie und litanei Droste-Hülshoff (1879) 1, 267;
gehoben: sind wir doch den zauber los, der alt-thessalischen vettel wüsten geisteszwang Göthe 15, 240
Weim.; sagt' es dir immer, wenn du dich mit den eiteln garstigen vetteln abgabst 8, 30; jene garstige vettel, die buhlerische welt heiszt man sie 6, 214; alte vettel
von einem mann: dasz er (
Börne) in seiner hämischen weise den ehrlichen Rotteck für eine alte vettel erklärte Treitschke
deutsche gesch. im 19.
jh. 4, 294.
lose, liederliche vettel: die weiber ... zu gemeinen vettlen ... werden Guarinonius
grewel d. verwüstung (1610) 1121; mancher tyrann hielte sein ehrlich weib ärger, als einen hund, und manche lose vettel ihren frommen mann vor einen narrn und esel
Simpl. 1, 148
Keller; sein weib eine ehebrecherische hur und leichtfertige vettel zu schelten
vogelnest 2, 443, 19
Keller; wie sie denn sagen, die losen vetteln, es sey wie ein kalter nasser sack, ... wenn er (
der teufel) mit ihnen zu thun habe Praetorius
Anthropodemus Plutonicus (1666) 1, 428; ist eine gottlose und verfluchte art der huren und anderer liederlichen vetteln Amaranthes
frauenzimmerlex. 28; eine unverschämte schlumpe, liederliche vettel, allmannsmetze, üppiges nickel Bode
gesch. d. Thomas Jones (1786/8) 1, 35; sie hat begangen ein böse that das sich einer billich soll schemen, der losen vettel anzunehmen Ayrer 1, 468; dise vettel schnOed (
Helena), an frombheit, ehr und tugend blöd Spreng
Äneis (1610) 36
a.
zu den schon oben angeführten stellen vgl. noch folgende, in denen das wort durch den zusammenhang genügend charakterisiert ist: eine brAeckin und vettel Geiler von Keisersberg
narrensch. 236; mein gutdünken über diese vetteln zu geben, so waren sie wolgestaltet genug Harsdörffer
frauenz. gesprechsp. 5, 8
b (1641
ff.); dasz ein mann, der doch wohl in der welt fort kommen könte, um einer eiteln und verdrieszlichen nahrung willen, sich mit einer solchen vettel verkuppelt Weise
erzn. 13
neudr.; du diebin, du fettel, du teuffelshure Zend. a Zendoriis
teutsche winternächte (1682) 576; die armuth ist eine vettel, so allen guten sitten hinderlich ist
der wohlgeplagte priester (1695) 39; was wird die vettel wollen? Gottsched
deutsche schaub. 6, 435; (
kupplerin) und sodann hat weder der mönch die vettel; noch die vettel den mönch zu beneiden Lessing 3, 479; ich bin auch eben so wenig eine geweihte vestalin, als ich eine vettel Baubo seyn mag Hamann 4, 229; hohl's der teufel! wenn man bey solch einer vettel dient wie ich, da liegt man daheim immer wie ne sau am troge Fr. Müller 3, 221; wie du vettel, treff ich dich hier an? gleich ins zuchthaus mit dir nickel 2, 68; schwang der mann im zorn seine axt und erschlug seine vettel (
seine frau, die eine hexe war) Birlinger
volksth. aus Schwaben 1, 308; halte sich ganz still dabei, damit die vettel (
Fortuna) nicht doch wieder aufmerksam werde Keller 6, 95; die haar' wollt' ich ihnen ausreiszen, diesen vetteln Rosegger (1895
ff.) 6, 288; verwegner hund, der du mir wehrst! ha, dasz du deiner besten kuh selbst um- und angewachsen wärst, und jede vettel noch dazu Bürger 70
b; he! der büttel! schmeiszt sie heraus dort, die verwünschte vettel! Kleist
zerbr. krug 9; heiszen dank für ihren zettel wirbelt zum Olymp empor meine muse, jene vettel, lieber alter herr major! Platen (1843) 1, 321. 22)
name einer meermuschel (
Venus exoleta) Campe;
balistes vetula Brehm
thierleben (1890ff.) 8, 411.