unbefleckt,
part.-adj. adv., eigentlich nur der bildung nach gegentheil von befleckt,
in bedeutung und gebrauch selbständig entwickelt, wobei bedeutungsentlehnung, und zwar nicht nur vereinzelt (
zeitschr. f. d. wortf. 4, 131),
in betracht zu ziehen ist. vgl. immaculiert Heyse - Böttger 432
a; immaculatus, intemeratus, intaminatus, incontaminatus, illibatus, impollutus;
it. immacolato;
fr. immaculé;
engl. immaculate;
mhd. unbevlecket
wb. 3, 338
a; Lexer 2, 1770;
mnd. unbevlecket Lübben-Walther 429
a;
mnl. onbevlecket, ombevleckt
wb. 5, 278;
nl. onbevlekt
wb. 10, 1109;
schwed. obefläckad;
luxemb. onbefleckt
wb. 313
b.
in bedeutung und gebrauch begegnet es sich vielfach mit dem adj. rein;
doch verneint dieses die trübung der eigenart durch fremdartiges, unbefleckt
die befleckung. vgl. auch mhd. unbewollen
und die part.-adj. des älteren nhd. unbemakelt (Abraham a S. Clara
etwas f. alle 2, 792), unbemasset Schmidt
els. wb. 374
a, unbemasget (ein onbemassgten gotsdienst Hedio
chr. 278
a), unbemaselt (ein reyne onbemaselt geistligkeit Clemen
flugschr. 3, 209), unbemeiligt, unbemaligt (das unbemaligte .. opffer Fabri
underr. f 2
b; unbemailigte warheit Guarinonius
gr. 1047; die unbemailigten Procopius
patrociniale 749).
die gröszte spannung besitzt der begriff etwa in der buch- und dichtersprache des 17.
jhs.; sparsam und wirksam erscheint das wort in der class. litt. und später, wie rein (
th. 8, 693
f.),
durch die geschlechtliche bedeutung (
nl. wb. 10, 1113, 2)
eingeengt. das wort unbefleckt, das der vernünftige in unseren tagen so ungern und so vorsichtig in den mund nimmt, ist seit dem kirchlichen process der jesuiten (!) und der dominicaner über die empfängnisz der mutter gottes nicht so arg strapazirt worden Hebbel I 10, 231.
die verbalen verbindungen wie unbefleckt bleiben, sich erhalten, bewahren
u. s. w. bedürfen hier keiner belege. auch wenn es sich um präpositionale verb. handelt, überwiegt verbale auffassung; es seien verzeichnet unbefleckt von Zwingli
d. schr. 1, 60, mit Fischart
binenk. 180
b, vor (
wie mhd.) Hegel 1, 7; an: der rainen keuschen unbefleckten junckfrauwen an leib und an gemt Tauler
serm. ccii
a; in: in jeder neigung unbefleckt J. A. Cramer
ged. 1, 213.
mit gen. wie rein
th. 8, 681: das sie ein einige natur haben, ohn befleckt des zusatzs mit feuchte oder kelte Paracelsus 2, 9
c.
das adj. 11)
in überwiegend sinnlicher bedeutung. 1@aa)
auf verneinung sich beschränkend: deren (
sind) zweyerley, eins mit braunen masen oder mackeln, das ander unbefleckt Ryff
confectbuch b v
a; die unbefleckten brunnen Opitz
op. 3, 270; taubenschwingen Stifter 1, 74.
auch ausdrücke wie sein unbeflecktes unschuld-kleid Dach 157, mit unbefleckter hand Gryphius
trauersp. 655
gehen sichtlich von der sinnlichen vorstellung aus. 1@bb)
über verneinung hinaus zu positivem inhalt hinstrebend bedeutet es '
hell, klar, lauter, schimmernd': mit unbeflecktem schein Weckherlin 1, 277; ganz unbefleckte sonnen Lohenstein
Ibrahim 68; der stifter unbefleckter flammen Gottsched
ged. 81; ein unbeflecktes kindes-auge J. Paul 1, 17;
vgl.: seine ehre is unbefleckt wie der tag Nestroy 2, 343; in dem ... unbefleckten lichte einer wahren tugend Cramer
nord. aufs. 3, 436. 1@cc)
von der kirchlichen anschauung sinnlicher geschlechtlicher befleckung gehen zahlreiche verbindungen aus: unbefleckte empfängnis
immaculata conceptio Pauli
schimpf 315;
nicht nur Marias, sondern auch übertragen die unbefleckte empfängnisz des buchs Jean Paul 7, 250; selig ist die unfruchtbare, die unbefleckt ist
weish. 3, 13;
d. bibel 2, 167, 1
Weim.; ein unbefleckte brut Zwingli
d. schr. 1, 140; jungfraw Kirchhof
wendunmuth 1, 333; schosz Gengenbach 171; ehbett Zimmermann
eins. 1, 144; leib Hebbel I 1, 26; legt sie in den grund, und ihrer schönen, unbefleckten hülle entsprieszen veilchen A. W. Schlegel
Shakesp. 3, 335 (
Hamlet 5, 1).
von abstractem: unbefleckte jungferschaft Zesen
Rosenm. 221; keuschheit Harsdörffer
gespr. 1, cvi
a; reinheit Stolberg
gesamm. werke 8, 133; sittlichkeit Ranke 25, 111.
die eigenschaft ritueller unbeflecktheit bezeichnend: des unschuldigen lambs und unbefleckten Keisersberg
bilgersch. b iiii
a; Droste-Hülshoff 3, 202; ein unbeflectiʒ opher Ködiz 12, 19; ein reiner und unbefleckter gottesdienst
Jac. 1, 27; Schade
sat. 2, 10; Lavater
verm. schr. 2, 348; Hippel
lebensl. 1, 329;
verallgemeinert Thomasius
ged. u. erinn. 4, 27.
vgl. oben unbeflechtig. 1@dd)
wie sich schon gegen ende von a, b, c
ergab, stehen zahlreiche bildliche ausdrücke auf der grenze sinnlicher und unsinnlicher bedeutung: (
die weisze farbe) ist die fünffte essentia, ein reines unbeflecktes kind Böhme 5, 99; hier dringt ein reiner dolch durch unbefleckte brüste Lohenstein
Arm. 1, 243
a; thut er auf Abram grosz, auf unbeflecktes blut Göthe 16, 20 (
jahrmarktsfest 244)
Weim.; unbefleckter stammbaum Raupach
kom. 1, 24; ahnen Löwen 4, 238;
sogar in gerader, unbefleckter linie von jemand abstammen Klinger 6, 151; die unbefleckte rose der jugend Herder 17, 347. 22)
auf das sittliche und logische übertragen. 2@aa)
sittlich rein, schuldlos, unschuldig, unentweiht, tadellos, makellos u. ä. von personen und persönlich vorgestelltem: der from und unbeflecket ist in seinem thun ohn arge list Dedekind
chr. ritter e v
a; dem zarten, unbefleckten ertzengel Ayrer
proc. 578; ein heilige und unbefleckte gesellschaft Guarinonius
grewel 271; man .. sol klug seyn wie die schlangen und unbeflekket wie die schwaanen Harsdörffer
gespr. 5, 303; (
engel) führen den unbefleckten geist .. vor den thron des vaters Iselin
verm. schr. 2, 213; der .. unbefleckte .. lama Ritter
erdk. 4, 270; ein gutmüthiger mann, ein unbefleckter, Ludwig XVI. Laube 4, 193; eine so frische, harmlose, unbefleckte natur Freytag 14, 236.
besonders gern von persönlichen eigenschaften: ein unbefleckt gewissen Mathesius
ausg. w. 3, 190; Paracelsus 2, 579; Klopstock
Mess. 4, 100
u. o.; trew Moscherosch
ges. 2, 148; sitten Schottel 137; unschuld Wieland I 3, 31; ehre I 3, 68; ruhm Zimmermann
eins. 1, 79; tapferkeit A. W. Schlegel
Shakesp. 6, 319; wandel Schiller 12, 560; ruf Alexis
Isegr. 1, 257; adel Hebbel I 6, 239; namen Allmers
marschenb. 1, 228; unbefleckter und sittenreiner charakter Mommsen
röm. gesch. 1, 360.
aber auch von andern begriffen wie: in einem unbefleckten leben H. Sachs 7, 246, 30
Keller; ein unbefleckt gespräch Gryphius
trauersp. 275; ein unbefleckter schertz Hoffmannswaldau 1, 365; wohnhaus
gewissenhafte priester a 4
b; erbtheil Brentano 5, 223; fahne Grillparzer 2, 141; tempelhallen Droste-Hülshoff 3, 90. 2@bb)
objectiv, logisch richtig, probus, probatus, sincerus: seines (
gottes) unbeflegkten gesetzes
flugschr. der schwärmer g. Luther 28
neudr.; unbefleckte, reine und unbemailigte warheit Guarinonius 1047; was in die natur glaubt, das .. musz auch gegen der natur unbeflecket sein Paracelsus 2, 496; auff unbeflecktem weeg Aeg. Albertinus
seelengejaidt 43, 9
neudr.; pfand eines unbefleckten gehorsams Weise
redner 11;
spöttisch: die scheinheilige fürsorge der regierung für die unbefleckte reinheit der wählerschaft Mommsen
röm. geschichte 2, 248. 2@cc)
sogar von personen sincerus im briefschlusz: meiner liebwerthesten Silvie unbefleckter und unveränderter Florindo Weise
erznarren 213
neudr. adv.: unbefleckt empfangen
sine labe originali concepta; di seelen, di hi inn der wonung des leybs .. keuschlich und unbeflegkt lebten Schwarzenberg
Cic. 54
b; die tugend, die nie schändliche rückkehr kennt, in hohem ruhme glänzet sie unbefleckt (
virtus repulsae nescia sordidae intaminatis fulget honoribusHoraz carm. 3, 2, 17) Herder 26, 213; unbefleckt fliegen sie ihren weg dahin 16, 154.
oft dem part. nahestehend. steigerungsformen: alle und iede kräuter .. dienten gott unbefleckter als die alberen menschen Lohenstein
Arm. 1, 553
a; die keuscheste unbefleckteste seele A. U. von Braunschweig
Oct. 1, 163; die schönsten und unbeflecktesten früchte
vern. tadl. anh. 39; das gepräge der einfachsten, unbeflecktesten sitten Knigge
rom. 1, 81, 13.
subst.: man lehrt die cantzel selbst auf unbefleckte wüthen Gryphius
trauersp. 378; zuflucht der unbefleckten Olearius
verm. reiseb. 55. —