umfallen,
vb. AA.
trennbar. A@11)
zu boden fallen; umbfallen, darnider fallen
tomber Hulsius-Ravellus (1616) 364
b; umbfallen
ruere, corruere, in terram prosterni Schönsleder
prompt. (1647) O 1
b: wenn in ein not antriffet von brunst oder von alters wegen, das ein haus umbfellet (1410)
weist. 6, 109; einem sölchen bilger gottes ist not ..., das er hab ein guoten ... stab, an den er sich heb ..., das er nit in den treck fall, oder ob er umbfiel ... Keisersberg
bilgerschaft (1512) 21
a; wenn ein mensch stirbt, ac si ein baum umbfelt Luther 34, 1, 15
W.; stach (
das jagdmesser) dem pfarrer in den leib, dasz er hinder dem tisch umbfiele und kläglich seinen geist aufgabe L. Sandrub
kurzweil 19
ndr.; so schossen dy andern ore partie, das eyn grosz stucke der muren umme vil und eyn kemmenate K. Stolle
thüring. chron. 86
lit. ver.; der leib ... verdirbet, als eine wiesenblume, so die nicht wasser hat umbfället J. Böhme
schr. (1620) 3, 5; schreibet einer ..., dasz er eben umgefallen und gestorben sey G. Arnold
ketzerhist. (1699) 187
b; ein würmlein, das nagte ... die stauden ab, dasz sie gähling umfiele Abraham a
s. Clara
etwas für alle 2, 41; wann etwo im pannwalt ein holz umbfallete oder ain gipfl von ainem stamm abprüchete (1721)
tirol. weist. 4, 413; von ansehen fällt kein baum üm Spanutius (1720) 569; wäre sie erschrocken, dasz sie umbgefallen Chr. Thomasius
ged. u. erinn. (1720) 1, 16; wenn ein gemeiner soldat vor strapaz umfällt Cl. Brentano
Godwi 1, 203; der kirchhof (
ist) voller leut worden und so voll, dasz keiner hätt umfallen können P. Rosegger
das zugrunde gegangene dorf in Wiesbad. volksb. 3 (1905) 43; ein haufe von kindern, dienstmädchen, ... die überall stehen bleiben, wo es was zu sehen gibt, sei es ein umgefallenes droschkenpferd ... H. Seidel
Leberecht Hühnchen (1899) 204.
in redensarten: die, so schnell grosz werden, fallen
auch liederlich wieder umb G. Mayr
sprüchw. (1567) A 8
b; lügen kurtze füsze han, fallen bald umb Petri
d. Teutschen weiszheit 2, P p p 2
b.
in fester verbindung tot, leblos umfallen: (
Tell) schosz einen pfeil in den herrn (
den landvogt), dasz er todt umfiel brüder Grimm
dtsche sagen3 2, 126; als bis es (
das kind) auf dem Buchenloo angekommen und leblos umgefallen ist G. Keller
ges. w. 1, 56. A@22)
abfallen, abtrünnig werden; dasz diese bedeutung sich aus 1
entwickelt hat, mag folgender beleg zeigen: wenn man schwanckt, kan man leicht umfallen Lehman
floril. polit. 2, 954; umfallen, abtrünnig werden
rivoltarsi, cangiar padrone Rädlein (1711) 961
b; umbfallen, abfallen
deficere Dentzler
clavis (1716) 319
a: (
graf zum könig) das land ist itzunt also gestellt, dasz ich nit weisz, welchs da blibt oder umbfelt (1489) Liliencron
volkslieder 2, 253
b; dairnae vielen si (
die von Lins) umb ind liessen buschof Ropertz vrunde wederumb in (1499)
städtechron. 14, 825; in kurzer zeit wurden die treulos, villen umb, erstachen den haubtman
Wilwolt von Schaumburg 172
lit. ver.; ... fiel er umb, wartt ain widerwartige parthei wider die kais. mt. G. Kirchmair
denkwürdigk. in fontes rer. Austr. script. 1, 475; umfallen von dem glauben oder religion
cangiar religione Rädlein (1711) 961
b: ein jeder (
ketzer) hat wollen ... Paulum zum schüler haben, und sobald Paulus ... aus der stadt gezogen ist, ists umbgefallen Luther 32, 196
W.; dasz ihr bisher beyder gestalt des sacraments gebraucht und darnach umbgefallen
ders. br. 4, 449
de Wette u. ö.; das abfallen vom glauben der väter ('umfallen' sagten unsere vorfahren schlechtweg) W. H. Riehl
naturgesch. d. volkes 3, 117;
noch heute im schwäb., wo man auch von etwas umfallendem sagt: fall um und werd lutherisch
Fischer 6, 86;
gelegentlich mit näherer bestimmung durch zu: so sie umbfielen zuo der römischen kirchen S. Franck (1531) 204
a.
in jüngerer zeit in einem weiteren sinne: '(
aus unbeständigkeit)
das wort nicht halten, nicht bei einem vorsatz, einer meinung u. dgl. bleiben'; umfallen, auf die hinterfüsze treten, sein wort nicht halten ...
se retracter ... Rädlein (1711) 961
b: wer diese überzeugung fest hält, der steht auch fest, das heiszt so lange, bis er umfällt Holtei 1, 60; etlich kämpfe — tugend und gewissen, nur noch schwach bewegen sie das herz, wieder umgefallen! Hölderlin 1, 37
Litzmann; vor allem in der politik: auch Lasker war schon schwankend geworden, ja selbst beim Fortschritt drohten ein dutzend oder mehr 'umzufallen' Bennigsen
nationallib. partei (1892) 90;
vgl.umfall 3. A@33) umfallen
vor physischer erschöpfung, umfallen, in die ohnmacht fallen
mancare Rädlein (1711) 961
b: die kajüte stank, dasz man hätte umfallen mögen Bahrdt
gesch. seines lebens (1790) 3, 261;
häufig in der festgewordenen fügung zum umfallen: bis zum umfallen ermüdet Thümmel
reise (1791) 1, 138; Hebbel
br. 4, 271
Werner; jetzt bin ich zum umfallen müde Laube
ges. schr. 11, 113; zum umfallen schwach Fr. L. Schröder
dram. w. (1831) 1, 331; unsere pferde sind matt zum umfallen Fontane I 1, 477; mein gesundheitszustand war zum umfallen Ötker
lebenserinn. 3, 461;
vgl. auch: das war zum todtlachen, zum umfallen Iffland
theatral. w. 8, 225.
nicht nur von physischer erschöpfung: in diesen gedanken wäre er umbgefallen, also vergasz er seiner
Amadis 49
lit. ver.; wäre sie erschrocken, dasz sie umbgefallen Chr. Thomasius
ged. u. erinn. (1720) 1, 14; umfallen
ist mundartlich auch '
niederkommen, ins kindbett kommen' Staub-Tobler 1, 753; Dähnert
plattd. 501
b; Strodtmann
id. Osnabrug. 263. A@44) '
sterben',
diese bedeutung, die schon in den unter 1
genannten belegen anklang, hat sich früh verselbständigt; umbfallen, sterben
interire Dentzler
clavis (1716) 319
a;
selten vom menschen: du warst mit übrig noch von allen ..., und nun bist du auch umbgefallen Simon Dach 750
lit. ver.; gebräuchlicher im vergleich mit tieren: umbfallen, verrecken, sterben wie das vieh Rädlein (1711) 961
b; nachmals kam die pestilentz in das her (
heer), starben, fielen umb wie das vieh Aventinus 1, 235
lit. ver. von tieren allgemein, zunächst noch mehr sinnlich, vgl. A 1,
neben sterben: das der elephant umbfiel auff in und starb 1.
Makk. 6, 46; ein gewaltig sterben unter das viehe kommen, welches ... plötzlich umbgefallen und dahin gestorben Binhardus
thür. chronica (1613) 129;
dann mit sterben
gleichgesetzt und so in der anwendung auf tiere vorherrschend: solls (
das kranke pferd) dann gar umbfallen, so ists mir dannochter lieber als ein mensch Paumgartner
briefw. 249; dasz ... ein stück von denen verkaufften pferden oder ochsen solte kranck werden oder wohl gar umfallen Menantes
neue briefe (1723) 686; das fleisch vom umbgefallenen viech Guarinonius
grewel (1610) 334; gestern ... ist mir mein bester fuchs im stalle umgefallen; ich glaube nicht, dasz mir mein bester freund so nahe gehen kann Rabener
s. w. 3, 359; als unsere nothdurft fast verzehret, fiel mir auch meine letzte kuh umb W. Meinhold
bernsteinhexe 7;
wie sehr dabei die eigentliche bedeutung '
zu boden fallen'
in den hintergrund tritt, zeigt sich an belegen wie: wo ein pferd an dem wurm umbgefallen were Seutter (1583) 9; itzt ... sind zu Sch ... an dieser plage 525 stück vieh umgefallen G. E. Scheibel (1752) 37. A@55)
in anwendung auf sachbegriffe ergeben sich ähnliche bedeutungen '
vergehen, untergehen, ein ende nehmen'
u. s. w.: künigrych und keiserthum eins nach dem andern fellet umb Th. Murner
narrenbeschw. 271
ndr.; so mag doch sin (
des menschen) fürnemen umbfallen A. v. Pforr
buch der beispiele 55
lit. ver.; so fällt auch menschen wohlfahrt ümb bey lauter guten tagen P. Gerhard
in Fischer-Tümpel
kirchenl. 3, 315;
im sinne von '
fallen, erobert werden': Spernal ... die selb stadt ist auch umbgefallen (1509) Weller
deutsche zeitungen 9.
als vereinzelte participiale adjectivform begegnet umfallend '
hinfällig': was ists das einen grund hatt, und nicht das einen umbfallenden grund tregt, den die motten fressen? Paracelsus
opera (1616) 2, 67
Huser; hierhin vielleicht in ähnlichem sinne: es sollte besser sein, dasz das practicirn als ein ganz vergeblich ding verbliebe und euer curf. gnaden solchs dem landgrafen als aus einem andern umgefallen bedenken schrieben
bei Melanchthon
opera 3, 153
Bretschn. A@66)
specialisiert in der anwendung auf wein oder essig im sinne von '
umschlagen, abstehen, trüb oder schal werden'
: vinum fugiens, exolescens ... wein, der abfalt, umbfalt, absteht Junius (1567) 106
b; umbgefallener wein
vappa Dentzler
clavis (1716) 319
b; das wein versuchen ..., ob er frisch und beständig oder aber umbgefallen und weych sei worden Sebiz
feldbau (1579) 523; der wein würd im Schwartzwald ubel gerhaten, im Böhmerwald gar umbfallen Fischart
praktik 23
ndr.; heute im schwäb. und schweiz., s. Fischer 6, 86
und Staub-Tobler 1, 753. A@77)
für sich steht wieder umfallen '
zurückfallen': ain erbschaftgut soll ... wider umfallen und wider keren an dem end, von dannen es herkummen ist (1427)
tirol. weist. 3, 353. BB.
untrennbar. wenig gebräuchlich, in der neuzeit vereinzelt poetisch. B@11)
im freundlichen sinn, umfassen, umarmen: amplectere umbfallen mit beyden henden Diefenbach 637
b; wie offt im traum ümbfal ich sie (
die geliebte), schmuck sie und drucks zu yeder zeit Forster
frische t. liedlein 8
ndr.; ich hatte die letzten worte noch nicht recht ausgesungen, so hinterschleicht und umbfällt mich Polus Fleming
dtsche ged. 1, 78
lit. ver. B@22)
feindlich, über jem. herfallen; supplantare umbfallen Diefenbach 568
a,
vgl. 561
b s. v. subruere, 389
a obruere, auch 122
c circumvallare: do ummevillen ene de Sassen und houwen ene (15.
jahrh.)
bei Schiller-Lübben 5, 13; und ob sy (
alle völker) mich gleych umbfielind wie ein ymmenschwarm
Zürcher bibel (1531) 2, 47
a; stand er (
Laokoon) unbekleidet da, als ihn die schlangen umfielen? Herder 8, 20
S.; uneigentlich: grosze schmerzen mich umfallen, weil die schönste unter allen ich an dir verlassen musz
schweizer. volksl. 1, 133
Tobler.