grat,
m. ,
spätahd. grat (
in der glosse spina ruogbein
vel grat [13.
jh.]
ahd. gl. 3, 354, 5
St.-S.),
mhd. grât
neben noch seltenem græte,
f. (
s. 1gräte),
mnd. grat,
m. aber nur vereinzelt (bis op den grait knagen [1420]
bei Wallraf
altdt. hist. dipl. wb. 30;
s. auch Lasch-Borchling 1, 2, 152)
neben geläufigerem grade,
f. (
s. 1gräte);
mnl. graet,
m., nl. graat,
m., jünger ausschlieszlich f. (
wohl unter einflusz von mnd. grade,
f., hd. gräte,
f.).
sehr seltenes engl. grate (
s. Murray
s. v. grate
3)
ist entlehnt. ursprüngliche germ. parallelen fehlen; germ. *grē-,
idg. *ghrē-,
erweiterung der wz. *gher- '
hervorstechen',
vgl.grasz sowie Walde-Pokorny 1, 606; Pokorny 440.
zur gleichen idg. wz. stellen sich auszergerm. mit reduktionsstufe russ. grot,
poln.grot,
tschech. hrot '
pfeilspitze, wurfspiesz',
s. Berneker
slav. et. wb. 1, 354; Vasmer
russ. et. wb. 1, 311. —
der lautstand des wortes weist vereinzelt metathese des -r-
auf: fisz gart (
obd. 1421) Diefenbach
n. gl. 274
b.
der dental begegnet inlautend nur selten als -d-
statt -t-,
so omd. im 16.
und 17.
jh.: des grades (1504)
Hedwigslegende H 1
a; grade (
acc. pl.) Chr. Lehmann
hist. schaupl. (1699) 641;
mundartl. im rhein. wb. 2, 1363.
stärker schwankt die schreibung des dentals im auslaut des wortes: vom 15.
bis 17.
jh. ist -d
hier überall häufig und begegnet vereinzelt auch jünger noch: Brockes
ird. vergn. 7 (1746) 466;
Noel Chomel öcon. lex. (1750) 5, 477; Heckscher
volksk. d. prov. Hannover 1 (1930) 780.
daneben treten im gleichen zeitraum obd., seltener md. auslautsformen mit -tt
und -dt
auf, während eine -th-
schreibung in- und auslautend vor allem dem 18.
und 19.
jh. zugehört, vereinzelt aber auch schon früher erscheint. vokalschwankungen entsprechen den mundartlich bedingten voraussetzungen. —
die flexion des wortes zeigt seit alters im d. sg. apokopiertes grat
neben seltenerem grate,
in älterer sprache erscheinen auch im n. acc. pl. häufig apokopierte formen. zu den umgelauteten pluralformen, die der mask. i-
deklination des wortes entsprechen, treten seit dem 16.
jh. umlautlose: die grad (
acc. pl.) Luther 46, 385
W.; bewaffnete grade Chr. Lehmann
hist. schaupl. (1699) 641;
sie behaupten in jüngerer und jüngster zeit den vorrang, wo die alten umlautformen eher der mundart zukommen, vgl. schweiz. id. 2, 820; Fischer
schwäb. 3, 801;
rhein. wb. 2, 1363
oder unter ihrem einflusz stehen, z. b.: die zacken und gräte (
der berge) E. Zahn
schattenhalb (1904) 344;
oben in den gräten Federer
berge u. menschen (1911) 474. —
namentlich für die ältere sprache ist in vielen fällen nicht mit sicherheit, sondern nur (
auf grund zeitlicher und regionaler kriterien oder manchmal auch der bedeutung)
mit einiger wahrscheinlichkeit zu entscheiden, ob der jeweilige nachweis zu grat,
m. oder zu gräte,
f. zu stellen ist. lautgleichheit gilt für den d. pl. beider wörter, sie besteht ferner zwischen dem n. acc. pl. des m. und dem n. acc. sg. des f.; besonders erschwert wird die scheidung der wörter darüber hinaus durch die tatsache, dasz auch die (
relativ häufigen)
nachweise des n. acc. pl. vor dem frühen 16.
jh. nicht eindeutig sind, weil mindestens bis zu dieser zeit, und gelegentlich vielleicht auch jünger noch, gräte,
f. starke flexion des pl. zeigt, und daher auch hier beide wörter gleichlauten (
vgl. die bemerkung im kopf von gräte).
durchaus zweifelhafte fälle sind zu grat
als der primären, bis zum 16.
jh. offensichtlich vorherrschenden bildung gestellt. AA.
für etwas spitz und hart hervorstechendes, der wurzelbedeutung des wortes entsprechend. eigentlich und gegenständlich, aber auch in unmittelbarem anschlusz daran bildlich u. redensartlich gebraucht. A@11)
zufrühest als '
fischgräte',
in dieser bedeutung aber literarisch nur bis ins 17.
jh., lexikalisch bis ins frühe 18.
jh., mundartlich z. t. noch lebendig; im übrigen durch jüngeres gräte (
s. d. A 1)
verdrängt. A@1@aa)
auf den fisch im eigentlichen sinn bezogen. im frühesten beleg als kollektiver sg., für die gräte als ein charakteristikum des fisches: uiske unde allez mer wnder. ob dem mere si uehtent, uil lute si brahtent. so wirt des luzel rat, swaz flozen unde grat hat Frau Ava
jüngstes gericht bei Diemer
dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. 284, 7.
meist konkret für die einzelne gräte: des rîches dinc vil ebene stât, wan daz im stecket noch ein grât — er weiz wol wâ — enzwischen sînen zanden Reinmar v. Zweter 140, 11
Roethe; vgl. noch 128, 3 (
wenn nicht zu gräte,
f.);
passional 170, 72
K.; man ... gab im fisch, da er die ass, da kam im ein grat zwerchs inn die kelen
winterteil d. heiligen leben (1471) 146
a; die patres essen die fisch unnd die fratres die grett B. Stanberger
ein dial. zw. einem prior, leienbruder u. bettler (
o. j.) B 3
b; aber wenn arme leut ... gestolen wildpret vnd fisch vmb ein geringes gelt annemen, da bleyben einem gemeiniglich die gredt vnnd beinlein im halse bestecken Joh. Mathesius
ausgew. w. 2, 129
Lösche; grat,
m. gräte
plur. arresta, resta, spina di pesce ... es ist mir ein grat in hals kommen Kramer
t.-ital. 1 (1700) 557
a; Wachter
gl. (1737) 609.
mundartlich ist die bedeutung für grat
noch lebendig, vgl. schweiz. id. 2, 1363; Fischer
schwäb. 3, 802; Woeste-
N. westfäl. 83
b.
daneben nicht selten in kollektivem sg. für alle gräten, das ganze grätenskelett des fisches (
s. auch unten 3 c): wenn aber ein jeder fisch gnug, und auf sein statt gesotten habe, erlernet man dabey, wenn sich der grad vom fisch schelet (
ca. 1660)
fischbüchlein 143; ein grosser fisch on allen gradt (1557) Waldis
Esopus 2, 244
Kurz. A@1@bb)
von den knochen des in älterer zeit als '
fisch'
beurteilten wals (
s. auch unten 3 c): es bwen auch veil leüt ... jre heüser auss diser grossen walfischen grAedt und bein Seb. Münster
cosm. (1550) 990. A@1@cc)
von grätenähnlichen stützorganen gewisser tiere, besonders der schlangen, in der sprache der älteren naturwissenschaft: etleich würm sint ân füez, iedoch habent si pain in irm leib oder græt, sam die slangen habent, und die selben slingent auf der erd von ainer stat zuo der andern ... aber anderlai würm sint, die kain pain oder kainen grât in irm leib habent und habent auch niht füez Megenberg
b. d. natur 287
Pf.; die schlang ceraste, hat kein gradt im leib, sonder wie der drach hat sie geknürpsel (
Albertus Magnus de animalibus 25, 21
Stadler: cereastes est serpens carens spinis in corpore, kartillagines habens pro spinis. dazu ebda 25, 1:
ossa enim [
serpentes]
non habent sed spinas sicut pisces) Heyden
Plinius (1565) 140; erschlag ... ein natter ... seud dann den graat wol ausz, dOerr jhn, vnd mache jhn zu pulver Gäbelkover
artzneybuch (1595) 1, 35; (
eine grosze, giftige schlange) wird daselbst todt gefunden, mit spannen langen und finger dicken grAethen, und einem kopf in grOesse eines fuchs-kopfes Chr. Lehmann
histor. schaupl. (1699) 615. A@1@dd)
im anschlusz an a
häufig in redensartlichem und bildlichem gebrauch. A@1@d@aα)
vor allem in der vom mhd. bis ins älternhd. oft bezeugten redensart nicht fisch bis auf den grat sein '
nicht echt sein' (
bei Lexer 3, 1073
falsch gedeutet),
in der das durchweg singularische grat
kollektiv zu fassen ist (
s. oben a): lîp, lâ die minne diu dich lât, und habe die stæten minne wert: mich dunket, der dû hâst gegert, diu sî niht visch unz an den grât Walther v.
d. Vogelweide 67, 31
Kraus; wenne alliu klœster sint gemacht durch reinez leben und süeze andâht: swelch münich der zweier niht enhât, der ist niht visch biz an den grât Hugo v. Trimberg
renner 3034
Ehrismann; an euch hab ich gefunden feyhl. mein bundt mit euch ein ende hat: ir seid nicht visch bisz auff den grad Waldis
Esopus 1, 302
Kurz; vnter den euangelischen ist auch eine solche mixtur vnd nicht alles reiner fisch bisz auff den grad, oder alles golt, was da von aussen schön scheint vnd gleist Dan. Schaller
theolog. heroldt (1604) 244; Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) Ss 1
a.
singulär in positiver wendung: dû (
Christus) bist ein visch unz ûf den grât: dîn süeze wandels niht enhât Gottfried v. Straszburg
Marienpreis 65, 11
Wolff. vereinzelt in anderer syntaktischer fügung: Vlnspiegel ... sprach zuo der frawen. welche fraw vil vor der thüren stat, vnd welche vil weisses in den augen hat, hetten sie zeit vnd stat, das wer nit alles visch vff dem grad
Eulenspiegel 67
ndr. A@1@d@bβ)
in der redensart keinen, nicht einen grat fangen, überkommen
u. ä. '
nichts fangen'
steht grat
als (
wertlosester)
teil für das ganze (
des fisches).
noch deutlich im vorstellungsbereich des fischfangs: swaz ich mit minem angel gevische in ir (
der herren) wage, swie vil ich ir hilfe lage, von in gevah ich nymmer grat Johann v. Würzburg
Wilhelm von Oesterreich 19 487
Regel; in diser reusz fæchst nit ainen grât (
sagt die spröde zu ihm) (1464)
bei Schmeller-Fr.
bair. 1, 1016; als sich die jnger bey der nacht, zu fischen hatten naus gemacht ... gieng jnen aber nicht von stat, vnd vberkamen keinen grat Ringwaldt
evangelia (
o. j.) D 7
b.
unter verlust des sinnlichen ausgangspunktes: ich hab gehört vil red gelatt (
liebeswerbungen), noch mer geschliffer, dann die dein, das glaub mir vff die triue mein, die nye erwurben ainen grat
liederb. d. Hätzlerin 136
b Haltaus; mundartlich: kene grat '
rein nichts'
rhein. wb. 2, 1364. A@1@d@gγ)
auf das mhd. beschränkt bleibt ein lebhafter, mannigfach variierter bildlicher und redensartlicher gebrauch, in dem grât
für etwas unangenehmes, fehlerhaftes, gefährliches steht, von der tatsache aus, dasz die gräten den ungenieszbaren teil des fisches darstellen und leicht im halse stecken bleiben. z. t. wird die bildhafte vorstellung noch deutlich empfunden: ez waren ander grete die ern in fremde kele het gestecket
j. Titurel 2403, 2
Hahn; vgl. 2900, 4; 241, 4
mit var. Wolf; vielleicht auch 6203, 2
Hahn; owê dîn (
der welt) visch hât græte, valsch kupfer gît dîn valwez golt
meisterl. d. Kolmarer hs. 478, 7; Suchenwirt 21, 65
Pr. auf ein abstraktum bezogen: mensche, swen din wille dich verkrieget in unvlæte, schaffe, daz dir biht mit riuwen zükke uz sünden græte meister-Rumelant
in: minnesinger 3, 63
b v. d. Hagen; (
dasz du) verslunten hast der sunden grat
passional 321, 40
K. von der vorstellung aus, dasz die gräte in etwas anderem verborgen steckt, das dadurch entwertet, verfälscht oder gefährlich wird: dez ewigen todes grat in dem pheffer (
der verlockung zur sünde) ist verborgen. si mugen sich wol dar an erworgen
kl. mhd. erzählgn. 25, 48
Leitzmann; vgl. jg. Titurel 3858, 2
Hahn. so (der) êre græte
geradezu '
schande': gein ritterlicher hende bevt ih min hant svnder eren grete, daz vns die (
d. i. die gräten) nicht pris darvnder wurgen
j. Titurel 2981, 2
Hahn; vgl. 2983, 2; so haben die herren etleich rät, die selben die sein eren grät, wann si raten auf alefanz Vintler
pluomen der tugent 6645
Zingerle. in der prägnanten formel sunder, âne græte
soviel wie '
ohne falsch': sin hohez herze gab im dise rete. daz ander werde minne. daz dritte richeit, daz ergie sunder grete
j. Titurel 1285, 3
Hahn; swer inneclîchen liep hât stæte den zarten süezen got ân alle græte Frauenlob 363, 2
Ettmüller. hierher vielleicht auch, wenn grat
hier nicht lediglich eine das adjektivattribut substantivierende funktion hat und zu grad (
s. d. II B 3 c
α)
gehört: beide mutes und der stat vereint si worn an valschen grat Tilo v. Kulm
von siben ingesigelen 5504
K. manchmal verwischt sich die grenze zu dem anders, in der vorstellung '
schärfe'
verwurzelten bildgebrauch unter B 4 a: ouch nicht wesen gantz noch stete uwer wort vol valscher grete
md. Hiob 9264
Karsten; vgl. 11 488; die fumfte (
gabe) geist des rates, der nicht in im hat grates Tilo v. Kulm
von siben ingesigelen 5750
K. A@1@d@dδ)
das den vorstellungen von γ verwandte sprichwort kein fisch ohne grat
prägt sich erst nhd. aus: es sey kein fisch ohne graat, vnd kein mensch ohne mängel Zinkgref
apophthegmata (1628) 304; ohne dorn kein ros, in nasser schôss kein fisch ohn grot wird g'fischet (1678)
in: schweiz. id. 2, 820;
ebda auch modern mundartlich. A@22) '
stachel, spitze, dorn'
besonders an pflanzlichen gebilden, in deutlichem, aber unhäufigem gebrauch. A@2@aa) '
granne'
an der kornähre: des ackers geil wil sie (
die gerste) sin. darnach ein teil hat der halm herwe grete ... der vlegel danne drumet (
zerschlägt) abe die grete stichel (
die spitzen grannen)
Daniel 2311
Hübner; was süllen ihm (
gott) die grät, so die creatur den waitz hinhat (14.
jh.)
bei Fischer
schwäb. 3, 802;
arista grad Aventin
gramm. (1517)
bei Schmeller-Fr.
bair. 1, 1016 (
dort zu gräte,
f. gestellt); grât,
m., ährengranne Schatz
wb. d. Tirol. maa. 1, 250. A@2@bb)
von anderen dorn- oder grannenartigen pflanzenteilen. im ersten beleg eigentlich, aber im rahmen eines bildes: ich mein swâ vriunt gein vriunde minne spart unt vînde si sich gît. hie mischt sich minne süez mit distels græten (: ræten) Reinmar v. Zweter 49, 7
Roethe (
vielleicht zu gräte,
f.); gräte von flachs oder hanff
lische ò gramolature di lino, ò canapo, arêtes ou tillûres de lin ou de chanvre Rädlein
dt.-it.-frz. (1711) 405
a; ihrer (
der kräuter) samenbehälter gestalten und stacheln und gräte Bodmer
d. Noah (1752) 219.
möglicherweise noch hierher ein mhd. beleg, in dem man grat
als '
stachel, dorn'
interpretieren mag, wenn man erwägt, dasz die hier summarisch vereinfachende beziehung auf Matth. 7, 3—5
den dort gegebenen gegensatz von festuca und trabs auszer acht läszt: dw geschrift spricht: 'du solt den grat aus dein selbs augen raten, e du redest von den laten!' der Teichner 1, 29, 66
Niewöhner. A@2@cc)
in der forstsprache speziell für die dünneren, spitzen zweige, auch die späne gefällter bäume, meist in synonymer verbindung mit afterschlag;
gewöhnlich als pl. grät(e), grat(e).
zufrühest in einer württemberg. forstordnung von 1614,
deren belege Fischer
schwäb. 3, 803
wohl zu unrecht als '
baumstumpen'
glossiert: dasz fürter niemandt ... einig brennholtz nit hawe, dann von den ligenden affterschlagen, vnnd gar kein frisch stendig holtz zum brennen hawe oder felle. es wer dann, dasz kein affterschlagen vnd grät mehr vorhanden ... so fern dann die affterschlagen vnnd grät also auffgehawen, vnd die wäld gesäubert seind (1614)
in: samml. württemb. geseze 16, 1, 266
Reyscher; als man auch in etlichen wälden viel verdorbener gret durch das unordenlich hawen befindt, die zum theil gute segblöcker hetten geben (1614)
ebda 254.
dann in lexikalischer tradition durchstehend: 'gräte
heiszen bey den arbeitern in dem wald das holz und die äste die von dem bau-holz und andern gefällten bäumen abgehauen werden, s. affter-schlag,
rami et partes tenuiores arboris quae abscinduntur Frisch
t.-lat. (1741) 1, 368
s. v. grat,
m.; im forstwesen werden die späne, kleine äste u. s. f. welche beym fällen oder bearbeiten des holzes abgehen, der afterschlag,
von einigen die grathe
oder gräthe
genannt Adelung
versuch 2 (1775) 780
s. v. grat,
m.; Mothes
ill. baulex. (1881) 2, 518;
vgl. noch grât,
m., baumnadel Schatz
wb. d. Tirol. maa. 1, 250.
besteht eine beziehung zu bedeutungsverwandtem gretz,
m. (
s. d. 1)? A@2@dd)
eine bei Fischer
schwäb. 3, 802
f. und gelegentlich auch sonst angenommene bedeutung '
zugespitztes instrument'
findet allenfalls eine stütze in erste dt. bibel 5, 54
lit. ver., wo grat
ein stimulus übersetzt, dies aber in einem sachzusammenhang, der eher an die bedeutung '
schärfe, schneide' (
s. u.B 4 b)
denken läszt, so dasz der bedeutungsansatz '
spitzes instrument'
als ganz unsicher zu gelten hat (
vgl. dazu noch unter 1grätig 1 b): dor umb die gescherpfften der seche vnd der hawen vnd der gabeln vnd der acksten die warn also breyt zeschlichten vntz zuo dem grate (
retusœ itaque erant acies vomerum et ligonum et tridentum et securium, usque ad stimulum corrigendum) (1.
Sam. 13, 21)
erste dt. bibel 5, 54
lit. ver. auch eine reihe mhd. bildlicher belege, die von der vorstellung '
stachel, spitze'
her deutbar wären, fügen sich doch eher den im eigentlichen gebrauch fester verwurzelten bedeutungen '
fischgräte' (
s. ob. 1 d
γ)
oder '
schneidendes instrument' (
s. unten B 4 a)
ein, soweit sie nicht überhaupt zu grad '
stufe'
gehören (
vgl. s. v. grad II B 3 c
β). A@33) '
rückgrat'.
zunächst an stelle dieses erst seit dem 15.
jh. belegbaren, bis über 1800
hinaus maskulinum bleibenden wortes, das freilich in jungem sprachgebrauch das ältere, seit dem 13.
jh. bezeugte simplex grat
ebenso verdrängt wie die gleichfalls älteren synonyma rückenbein, rückendorn
und rückenknochen (
s. überall dort),
vgl. s. v. rückgrat.
eigentlich der durch die '
dornartigen'
fortsätze fühlbar markierte teil der wirbelsäule, meist aber diese als ganzes bezeichnend. wenn auch die vorstellung des langgestreckten (
und kantigen)
verlaufs eher in B
ihren ansatzpunkt haben könnte (
s. u.B 2 b)
und in jüngerem gebrauch eher von da her empfunden wird, scheint doch ursprünglich einfache lehnübersetzung von lat. spina vorzuliegen, das neben '
dorn'
und '
fischgräte'
die bedeutung '
rückgrat'
hatte. dem grat
vorauf liegt das seit dem 9.
jh. in glossen vielfach bezeugte ahd. ruckibein,
neben ihm steht das auch die ausgangsvorstellung von grat
besonders deutlich charakterisierende rucksdorn,
vgl. Konrad v. Megenberg
b. d. nat. 131
Pf.; dazu 24; 261. A@3@aa)
beim menschen. literarisch bis ins 17.
jh., darüber hinaus bis etwa 1800
noch lexikalisch verzeichnet und in lebender mundart, vgl. z. b. Lexer
kärnt. 122; Fischer
schwäb. 3, 802; Gangler
luxemb. 190; Frischbier
preusz. 1, 248:
spina ruogbein
vel grat (13.
jh.)
ahd. gl. 3, 354, 5
St.-S.; valtzone (
krummsäbel) wart geswenket, des manic lip enpfant hindvrch zv grate
j. Titurel 4222, 4
Hahn; ietweders teil des grates oder des rucken von dem haubt bisz zuo dem arszbürtzel Hier. Braunschweig
chirurgia (1497) 72
a; wann alle sennen gond von dem hirn von inen selber, oder durch den grot wachszen sye in dem fleisch Gersdorff
wundarzney (1517) 2
a; denn in des haupts hindertheil berühet des hinderhirns aller edelste cammer mit sampt dem anfang und ursprung des marcks im grath unnd ganntzen rucken
J. B. Porta physiognomy (1601) 83; der grat, der rückgrat
spina del dosso, schiena Kramer
t.-ital. 1 (1700) 557
a; Krünitz
encycl. 19 (1780) 693; grat
ou grath ...
der rückgrat; l'épine du dos Schwan
nouv. dict. 1 (1783) 786
a.
vereinzelt, wenn auch offenbar nicht ursprünglich, prägnant für den einzelnen wirbel: (
ist die quetschung) aber in den vndern grätten (
d. h. im unteren teil des rückgrats), so geschicht ehs den fuchssen (
d. h. ist es tödlich) Hier. Braunschweig
chirurgia (1539) 91
d;
vgl. 104
a. A@3@bb)
daneben beim pferd, seltener beim rind und allenfalls beim schaf, anscheinend aber nicht bei anderen verwandten tieren; über 1600
hinaus nur noch lexikalisch und in spuren mundartlich nachweisbar: als ein penselstrich er (
der strich) gienc zwischen den ôren dan, vil ebene über die man, engegen den goffen über den grât, unz dâ daz phärt ende hât Hartmann v. Aue
Erec 7319
Haupt; Konrad v. Würzburg
Engelh. 2548
Gereke; wann sich ein rosz vberspringt, ... so lasz mit einem scheermesser die haar abscheren vom grad an bisz auff die nieren
M. Seutter
hippiatria (1599) 331.
fraglich, ob im sinne von '
die wirbel und das an ihnen sitzende fleisch'
hierher: das übrige, weniger wertvolle fleisch des rindes wie hächszen, grätt (
Augsburg 1435)
städtechron. 5, 168
anm. (
im glossar anders gedeutet).
offenbar mehr von der unter B 2 a
gegebenen vorstellung her: der grat des rückens, sonderlich der pferde, so nicht gar fett sind, und des rindviehes,
spina dorsi Frisch
t.-lat. (1741) 1, 368
a; grath
die oberste in die länge gehende schärfe eines dinges ... z. b. der obertheil des rückens an dem rindviehe, magern pferden Adelung
wb. 2 (1811) 785.
wohl in diesen zusammenhang gehörig: grat ...
name einer kuh mit weiszem streifen am rückgrat schweiz. id. 2, 820;
vgl. ferner gratbraten '
rückenstück vom kalb, schaf, hammel. auf der speisekarte wird unterschieden brust-, schlegel-, gratbraten' (
Augsburg) Fischer
schwäb. 6, 2065. A@3@cc)
in enger sachbeziehung zu 1 a
und mit dem dortigen gebrauch gekreuzt auch vom rückgrat der fische, insoweit dieses die hauptgräte darstellt: nym ein hecht bereyt in schOen vnd lOedig (
löse) im den grat ab vnd mit würtzen abgesoten
kuchemaistrey (1493)
t. 2,
cap. 22; warumb sterben die fische bald, nach dem jnen der gradt entgentzet (
verletzt) ist? antwort. dieweil der rückgradt in den fischen an stat des hertzens ist
problemata Aristotelis (1568) G 4
a;
spina der grat, ruckgrade (
bei den fischen) Junius
nomencl. (1577) 49
b.
entsprechend 1 b
vom rückgrat des wal'
fisches': so worent die schiben von dem grote als dicke, als min beine oben umb E. Windecke
denkwürdigkeiten 90
Altmann. A@3@dd)
von a
her in redensartlichen präpositionalwendungen, mhd. unz, biz ûf den grât,
nhd. (bis) auf den grat '
völlig, ganz und gar'
; vgl. die analoge wendung bis auf die knochen,
der sich Luther
in vereinzelt pluralischem bis auf die grat
noch stärker nähert, ohne dasz daraus für grat
eine allgemeine bedeutung '
knochen'
gefolgert werden dürfte: rapientes pellem ab ipsis et carnem eorum ab ossibus ... er schint ßie bis auff die grat (1524) Luther 13, 314
W. vom mhd. bis ins 17.
jh. sehr geläufig, mundartlich in resten weiterlebend. der sinnliche ausgangspunkt '
bis auf, bis an das rückgrat'
tritt gelegentlich noch ganz deutlich heraus: daz im (
einem menschen) daz verch biz ûf den grât wart schiere endecket unde enbart (
entblöszt) und im daz bein enblœzet wart Konrad v. Würzburg
Trojanerkr. 38 520
Keller; daz iuwer lip niht triuwen hat, ... ach, daz derret mich biz uf den grat
minnesinger 3, 468
p v. d. Hagen; sie wolden ihn bis op den grait knagen (1420) Wallraf
altdt. hist. dipl. wb. 30; er ist schwindsüchtig bis auf den grat
fin' alla spina del dorso Kramer
t.-it. 1 (1700) 557
a.
meist in formelhafter verbalverbindung. besonders bis auf den grat schinden
mit noch spürbarer beziehung auf das körperliche bei Luther: (
sie) schinden eynen ... bisz auff den grat, nehmen hyn auch das marck (1524) 13, 274
W.; vgl. 15, 36; 49, 350;
br. 3, 633; der arm mann wird geschunden bis auff den gradt Joh. Agricola
sprichw. (1534) 272; kommt er bey fürsten auff, was weisz er nicht zu finden, das arme bürger-volk bisz auff den grat zu schinden J. Rachel
sat. ged. 72
ndr. in doppelgliedriger verbalverbindung: unde schintten unde schraptin das folck biss uff den grait (1483) Wigand Gerstenberg
chron. 464
Diemar; als mst yderman deiner gnaden leben, schindest und schabst bis auff den grat Luther 30, 1, 168
W. bis auf den grat aussaugen: wücherern und geitzhelsen, welche die leute aussaugen und schinden bis auff den grat
ebda 28, 638;
br. 9, 362; viele extorquirn das geld von jhren underthanen, auff mancherlei art und weise, und saugen sie ausz bisz auff den grat J. Betulejus
discurs v. d. höchsten gut (1615) 133.
mit der erweiterten, von '
rückgrat'
her nicht mehr verständlichen fassung bis auf den letzten (äuszersten, höchsten) grad schinden, aussaugen
treten diese verbindungen in den bereich des wortes grad
als eines abstrakten intensitätsbegriffes hinüber (
vgl. s. v. grad II C 1 c
β).
unsinnlicher bis auf den grad schätzen: und (
die herzöge) schätzend ir lüt bisz uf den grat
d. teufels netz 7599
Barack; Hutten
op. 4, 667
Böcking; denn so du wurdest hingenommen, so wurd gewisz ein erger kommen, der vns wurd schAetzen auff den grad Waldis
Esopus 127
Kurz. anders mehr gelegentlich. schon früh in ganz unsinnlichem gebrauch: wan si (
die untugend) der reinen sele wat gehonet wol vntz vf den grat Hugo v. Langenstein
Martina 23, 92
Keller. vereinzelt mit anderer präposition: was aber die andern aufrührer und teufelskinder anlangt, sollten die teutschen fürsten sie ab dem grat ausrotten und vertilgen (1581)
bei N. Frischlin
dt. dichtgn. 214
Strausz. jüngere mundart kennt die alten fügungen noch, gestaltet sie aber teilweise zu neuen redensarten um: bis auf den grat verderben, einen ausziehen
u. dgl., d. i. bis aufs äuszerste, ganz und gar verderben usw. Crecelius
oberhess. 432; ärgerlich bis en de gröt
rhein. wb. 2, 1363; et geit em an e grâd
es greift ihn scharf an Frischbier
preusz. 1, 248;
aber auch, wieder ganz in die körperliche vorstellung zurücklenkend: hei ös gôt bî grâd
er ist wohlgenährt ebda; in ähnlichem sinne: de hät gröt en
und do es grot an
rhein. wb. 2, 1363. A@44)
fraglich, ob als übertragener gebrauch an 3 '
rückgrat'
anknüpfend eine sonst ganz isolierte bedeutung '
achse'
bei Kepler: graat, axlini
axis (1616)
op. omnia 5, 611
c Frisch; entlich so sie (die wellen oder walger [
d. i. wohl '
zylinder']) gerad abwärtz gespalten wurde, es wäre durch den mittlern graat oder auff einer seitten, so gewinnt der schnitt ein rechtlinische gerechte oder ablenge vierung, nach dem die wellen lang oder kurtz
ebda 524;
vgl. dazu Tropfke
gesch. d. elementarmathem. (1924) 7, 30. BB.
für schmal oder scharfkantig verlaufende gebilde verschiedenster art, besonders sofern sie durch zwei abfallende flächen entstehen. z. t. schon mhd., aber etwas später als in der bedeutung A 1. B@11)
vornehmlich '
schmale kammlinie eines berges, kante eines felsens'.
zunächst obd., seit dem 19.
jh. allgemein, speziell aber in der sprache alpiner touristik. in genauer definition, auf die aber der gewöhnliche sprachgebrauch nicht einzuschränken ist: der gebirgskamm wird durch das zusammenlaufen der beiden seiten des gebirgs gebildet, und stellt sich als eine linie dar, welche wir uns über die höchsten puncte des gebirges gezogen denken. man nennt ihn auch gebirgsrücken. schneiden sich aber die seiten scharf in eine kante, so erscheint er als graht Oken
naturgesch. (1839) 1, 548. B@1@aa)
eigentlich. im frühesten beleg im zusammenhang einer allegorie: er muoz sich üeben ûf dem plân der tugenden, und muoz erbeit hân, ê daz er ûf den hôhen grât müg komen, dâ der boum ûf stât Ulrich Boner
d. edelstein 4, 25
Pfeiffer; wann si faren mit irem vich über den grat hinz auf an das joch, so phenten wir si umb drei kreizer (1474)
österr. weist. 3, 301; sye fürten jn bisz zuo dem grot, bühel oder abstürtze des bergs ... do sye jn nun uff den grot des berges brochtent Keisersberg
post. (1522) 2, 57;
dorsum ... der rugk oder grat eines bergs, ein buck an einem berg Frisius
dict. (1556) 449
a; von diesem schlos steigt man in gemeltem velsichtem grod ein guten buxenschus her hinauff zu einem andern und festern schlos
M. Quad
teutscher nation herrligk. (1609) 54; hier und dar steht ihr (
der erde) rücken mit hohen gräten erhaben Bodmer
d. Noah (1752) 76; jetzo auf den schroffen zinken hängt sie (
die gazelle), auf dem höchsten grat, wo die felsen jäh versinken, und verschwunden ist der pfad Schiller 11, 403
G.; sie (
die felswände und '
flühen') sprachen von damals, da die erde barst und sich bog und aus ihrem gequälten leibe in stöhnender werdenot gipfel und grate hervortrieb H. Hesse
ges. dicht. (1952) 1, 219
Suhrkamp; von hier aus: wie er auf einem buckligen grat des säckegebirges, gebückt, aber fast laufend, vorwärtsschritt
V. Klemperer
l. t. i. (1949) 93.
in der alpinen literatur in einer fülle von zusammensetzungen wie