[]wiehern,
wieheln; weien, weihern,
vb. ,
hinnire. zugrunde liegen ahd. (h)wei(j)ôn
und möglicherweise (
s. u.)
im ablaut hierzu (h)wi(j)ôn (
vgl. Kögel
beitr. 9, 543,
weiteres Braune
ahd. gramm. 8§ 117
anm. 1;
ansatz der schwundstufenform als wihên
bei Kluge
urgerm. 3161)
aus der lautnachahmenden idg. wz. ei- Pokorny 628.
weitere angehörige dieser gruppe von schallwörtern s. u. winsen
teil 14, 2,
sp. 417
sowie Johannesson
isl. et. wb. 258
und Pokorny
a. a. o. enger zu den angegebenen formen stellen sich in gleicher oder ähnlicher bedeutung
engl. dial. whicker;
isl. hvía;
schwed. dial. hwija,
auch vigra.
auszer den zu behandelnden haupttypen sind mundartl. zahlreiche vereinzelte sonderformen bezeugt, vgl. besonders die frühen intensivierungen wehaaczen (1420,
rhein.) Diefenbach
nov. gl. 204
a (
s. ob. teil 14, 1, 1,
sp. 65),
dazu '
die in ganz Südböhmen übliche bezeichnung' wihɐtsn Prexl
mittl. Böhmerwald 26; wienheintzen Er. Alberus
dict. (1540) R 2
b und das lautmalende wihahen Kirchhof
wendunmuth 1, 428
Öst. ahd. normalform ist (h)wei(j)ôn:
hinnit huuaiiot (8.
jh.)
ahd. gl. 3, 6, 58
St.-S.; hinni:ens hueionti (9.
jh.)
ebda 1, 97, 8; (
equus emissarius, sic et amicus subsannator, sub omni suprasedente hinnit) vueiiot (
ecclesiasticus 33, 6) (9.
jh.)
ebda 1, 562, 10;
hinnio uueion (9.
jh.) 4, 327, 29;
hinni (
gl.: vueio, 10.
jh.)
voce tua, filia Gallim (
Jes. 10, 30) 1, 600, 57;
hinni uueio (11./12.
jh.)
ebda 58.
im 11./12.
jh. steht gelegentlich e
für ei,
vgl. Braune
ahd. gramm. § 44
anm. 4, Franck
afränk. gr. § 31, 2:
hinnient uuehiunt (
Jes. 24, 14) (11./12.
jh.)
ahd. gl. 1, 605, 44 (
nach W. Wissmann,
vgl. nom. postverb. 1, 91,
gehören nicht hierher, sondern zu ahd. wegon,
adhinniuit uuegota
ahd. gl. 2, 466, 27 [11.
jh.],
adhinniuit zuoeruuegota
ebda 2, 570, 12 [11.
jh.]).
in der silbenfuge erscheint vom 10.
bis zum 13.
jh. gelegentlich g
mit spirantischer geltung: (
hi levabunt vocem suam, atque laudabunt: cum glorificatus fuerit dominus,)
hinnient vueigon (
de mari) (
Jes. 24, 14) (10.
jh.)
ahd. gl. 1, 605, 42
St.-S.; fremit uueigot (11.
jh.)
ebda 2, 668, 54;
hinnit weiget (12.
jh.) 3, 241, 45;
hinnient weigint (13.
jh.) (
Jes. 24, 14) 1, 605, 42; waygeten (
um 1290) Heinrich v. Neustadt
Apollonius 6265
Singer. weien ist mhd. noch gut bezeugt, erfährt aber seit dem 12.
jh. konkurrenz durch wihen
und wird seit dem 13.
jh. in zunehmendem masze, besonders im obd., durch wiheln
überlagert: hinnient weient (
Jes. 24, 14) (12.
jh.)
ahd. gl. 1, 605, 43
St.-S.; hinni weio (
Jes. 10, 30) (12.
jh.)
ebda 1, 600, 58;
hinnit weiot (12.
jh.) 3, 241, 44; waiet (13.
jh.)
ebda 45; weiot (13.
jh.) 3, 301, 52;
hinnire weyen (14./ 15.
jh.) Diefenbach
gl. 277
c.
literarisch in mhd. texten: weien pfaffe Lamprecht (
Straszburger) Alexander 328
Kinzel; (
um 1208) Wirnt v. Gravenberc
Wigalois 6426
Kapteyn; Stricker
Karl 11 521
Bartsch; (1287) Konrad v. Würzburg
trojan. krieg 36 931
Keller; (1277)
ders. Partonopier u. Meliur 6152
u. 10 609
Bartsch; wayen (
um 1290) Heinrich v. Neustadt
Apollonius 8681
u. 8683
Singer; weien Frauenlob in:
dt. liederdichter d. 12.—14.
jhs. 279, 59
Bartsch. das wort begegnet noch in hss. des 15.
jhs.: weien
Karlmeinet 63, 45
Keller; vom esel Suchenwirt
bei Schmeller-Fr.
bayer. wb. 2, 825
und Hugo v. Montfort
bei Lexer 3, 742.
heute ist es nur mundartl., meist obd., vereinzelt zu belegen (
dabei im schweizerdt. mit nasalierung, zu vergleichen sind formen wie winheln
teil 14, 2,
sp. 337
neben wiheln
sowie wienhern
Lancelot 1, 545, 34
Kluge und wingere
n Martin-Lienhart
elsäss. 2, 840
zu wi[e]hern): wejenen
schweiz. id. 4, 1100; weienen, weyenen Stalder
schweiz. 2, 442; woajə Fischer
schwäb. 6, 586; woaje, waiε Schatz
Tirol 683; weien Müller
rhein. wb. 5, 17 (
wortkarte).
die wohl von wiehern
beeinfluszte ableitung weihern hält sich dagegen bis weit ins nhd.: we
ihirn (15.
jh., md.) Diefenbach
gl. 277
c; weihern S. Franck
chron. (1539) 5
b; furor hippomanicus ... weihernde wansinnigkeit Dannhawer
catech.-milch (1657) 2, 250; dasz man mit einem pferde weiherte Schupp
schr. (1663) 1, 546;
[] weyhert Pietsch
geb. schr. (1740) 31.
auch mundartl. ist sie noch bezeugt: weiere
n Martin-Lienhart
elsäss. 2, 777; Müller
rhein. wb. 5, 17
f. (
wortkarte);
im material d. brandenb.-berlin. wbs.; nur sporadisch erscheint neben weihern
auch weiheln: hinnire annitrire weihelen Verantius
dict. (1595) F 2
b.
seit dem 12.
jh. tritt neben weien
die form wion, wi(h)en,
auch wihenen (
vgl. ob.);
der ansatz von ahd. (h)wijôn (
wohl nicht mit Kluge wihên,
s. ob.)
ist angesichts der möglichkeit nicht lautgesetzlicher wandlungen der onomatopoetika nicht zwingend, wegen der übrigen schwundstufigen bildungen zur gleichen wz. (
s. winsen
a. a. o.)
aber möglich. auch die verbreitung von wihen
ist durch seine iterativableitungen auf -el-
und -er-
stark eingeschränkt: hinnit wíot (12.
jh.)
ahd. gl. 3, 241, 45
St.-S.; hinnient wihint (
Jes. 24, 14) (12.
jh.)
ebda 1, 605, 44;
wihen (
mitte d. 13.
jhs.)
Virginal 662, 8
Zupitza; ir ros wihenten
ebda 45, 7; die pfert wihettent (
Straszb. 15.
jh.)
predigtmärlein in: Germania 3, 433, 18; wyhan (15.
jh.) Diefenbach
gl. 277
c; gewiehet G. Schwartzkopff
Herodot (1593) 156.
die iterativbildung wiheln, wih(e)len
tritt zuerst im 13.
jh. auf. sie scheint aus dem alem. zu stammen. dort ist sie auch heute noch mundartl. vertreten (
die nasalierte form winheln
s. teil 14, 2,
sp. 337): wihelon (13.
jh.)
anz. f. kde d. t. vorzeit 8, 396
Mone; wieheln (15.
jh., md.) Diefenbach
gl. 277
c; wihelen (15.
jh.)
ebda; ein yeder wyhlet gegen seines nächsten eeweyb (
Jer. 5, 8)
Zürcher bibel 4 (1529) 84; wie die schälen wyhletend jr (
Jer. 50, 11)
ebda (1531) 2, 128
b; ein schälhengst wyhlet (
Jes. Sir. 33, 6)
ebda 1, 282
b; da wyhelten die pferd S. Franck
bei Fischer
schwäb. 6, 851; wihelen Dasypodius
dict. (1536) 458
b; wiheln J. Heroldt
v. d. zung (1544) 7
b; wihelen Frisius
dict. (1556) 629
b,
auch 102
a; das pferd wyhelt J. Vogel
vngrische schlacht (1626) 73; wieheln J. Helwig
Ormund (1666) 9; wiheln Prätorius
glückstopf (1669) 230; wielen Stieler
stammb. (1691) 2534.
in den hist. wbb. nun bis Campe 5 (1811) 724
fast regelmäszig gebucht (
nicht bei Adelung).
noch mundartl.: wihele
n schweiz. id. 4, 80; wihele Hunziker
Aargau 296; wihelen
neben wihern Weinhold
al. gramm. 219.
neben wiheln
tritt im 15.
jh. wicheln, wichlen
mit geschärfter spirans; auch diese form ist vorwiegend im alem., doch auch andernorts bis in die heutige ma. bezeugt: wicheln (1421
obd.) Diefenbach
nov. gl. 204
a; wicheln Niclas v. Wyle
transl. 15
Keller; wichlen Frisius
dict. (1556) 26
b; das röszlin, dasz ... stets wichlet
F. Platter 186
Boos; wichlen Forer
fischb. (1598) 200
a; wicheln J. L. Gottfriedt
hist. chron. (1630) 2, 27; wichelen Binnaert
dict. (1702) Kk 2
b; wichlen Scheuchzer
physica (1711) 1, 50; wicheln
bucht Steinbach
als '
vocem non ubique usitatam'
dt. wb. (1734) 2, 990.
mundartl. noch: Weber
Zürcher oberland 134; Seiler
Basel 320; O. Weise
unsere mundarten 102; Mensing
schlesw.-holst. 5, 616;
hierher gehört nach schweiz. id. 4, 61
f. auch schweizerdt. michele
n.
die nhd. hauptform wiehern ist als iterativbildung zu wihen
auf md. boden entstanden. vereinzelt schon mhd. belegt, dann in Claus Cranc
s prophetenübers. regelmäszig für hinnire (
aber nirgends in den vorlutherschen vollbibeln),
verdrängt sie seit Luther
s bibelübersetzung (
vor allem Jerem. 5, 8)
konkurrierende formen und synonyma. vereinzelte formen mit binnennasal sind oben unter weien
genannt. an weiteren lautlichen varianten sind zubemerken: wehern (15.
jh., md.) Diefenbach
gl. 277
c;
im 18.
jh. gelegentlich wiehren,
so Triller
poet. betracht. 1, 609; 5, 330; Rabener
s. schr. (1777) 5, 151.
seit dem 17.
jh. ist verschärfung der spirans bezeugt (
zur sonderbedeutung obersächs. und nordböhm. belege s. u. 2): wicheren Comenius
güld. sprachenthür (1638) § 178
Docemius. so noch mundartlich: wichern fürs alem. bei O. Weise
unsere mundarten 102; I. Petters
beitr. z. dialektforsch. in Nordböhmen (1865) 9; Knothe
schles. ma. in Nordböhmen 542; Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 665;
[] Mensing
schlesw.-holst. 5, 616. wiecher(e)n
mit länge des wurzelvokals ist wohl kontamination von hochsprachl. wiehern
und mundartl. wichern: wiecheren Kramer
t.-ital. (1678) 1240
a; wiechern Jakob
Wien 219.
neben wiechern
stellt sich wiegern,
das im ostmd., vorwiegend bei schles. autoren des 17.
jhs. auftritt: wiegern (1579) Ludin
Ad. Sibers bearb. d. nomencl. H. Junii 141; ich wigere
dict. nominum verborumque (
Breslau 1620) Gg 6
a; ich wiegere Comenius
jan. ling. vestib. (1650)
index; (
er) wiegert (1650) Logau
sämmtl. sinnged. 318
lit. ver.; wiegert (1651) Simon Dach 498
Öst.; wiehern
mit dem ieh ... (
wiewol die gemeine ausrede ist wiegert) Gueintz
dt. rechtschrb. (1666) 160; wiegern Troilo
oriental. reisebeschr. (1676) 566; wiegern Lohenstein
Arminius (1689) 1, 552
b; 2, 271
b; wiegernd
ebda 2, 975
b; wiegern Neukirch
pr. von Ithaca (1738) 2, 104.
weitere belege bei P. Drechsler
Wencel Scherffer u. d. spr. d. Schlesier (1895) 272.
heute ist wiehern
der herrschende ausdruck in der hochsprache und in den binnendeutschen maa., aber auch in nd. und obd. maa. ist es eingedrungen. doch sind besonders in randlage noch zahlreiche synonyma fest in gebrauch. dabei ist scharfe trennung in der bezeichnung der verschiedenen lautäuszerungen des pferdes nicht immer möglich. wiehern
meint jedoch wie die oben behandelten historischen varianten hochsprachlich und meist auch mundartl. den hellen, freudig klingenden ruf des pferdes, gelegentlich speziell den brunstlaut. zur sache und zur mundartl. synonymik s. Hauschild in:
zs. f. dt. wortf. 12, 21
ff. vgl. auch hinnen
teil 4, 2,
sp. 1460
f.; lachen
teil 6,
sp. 24; meckern
ebda sp. 1837; ranschen, reinschen
s. v. reinisch 8, 708; rintschen 8, 1025; riheln
s. v. röcheln 8, 1091; rücheln 8, 1342; wrinschen 14, 2, 1687
f. sowie anwiehern 1, 521; gewieher 4, 1, 3, 5795
und gewiehert 4, 1, 3, 5796. 11)
im eigentlichen sinne. 1@aa)
von der typischen lautäuszerung des pferdes, nicht selten als ausdruck freudiger erregung, doch auch der ungeduld und angst: mit dem hort er (
Ywan) ein rosz wiehern und sah uber ein kurcze wil darnach, wo vier sariande ein roszbar brachten gefurt (
um 1225,
hs. v. 1430)
Lancelot 1, 549
Kluge; sîn ors begunde schrîen und ze weien sêre (
westmd. var. ende d. 15.
jhs.: wyherne) Wirnt von Gravenberc
Wigalois 6426
Kapteyn; welich pfert nit wyhert noch schreiet ... ist taub
Petrus de Crescentiis, v. d. nutz der ding (1518) 125
a; nach verflossenem (
stündlein) ... fieng das pferd abermal an zu wiehern, da wolte er (
Faustus) kurtzum fort Widmann
Fausts leben 302
Keller; hier brüllt ein satter ochs, dort wiehern muntre pferde, im grase rauscht und knirscht der bisz der fetten herde Brockes
ird. vergnügen in gott (1721) 1, 28; ein kutschpferd sah den gaul den pflug im acker ziehn, und wieherte mit stolz auf ihn. wenn, sprach es, und fieng an, die schenkel schön zu heben, wenn kannst du dir ein solches ansehn geben? Gellert
s. schr. (1839) 1, 148; zu verstehn schien ihn das thier, ... stampfte mit dem vorderhuf und wieherte laut Meissner
Alcibiades (1781) 4, 294; das schnelle roszgespann, voll gier nach streit schon wiehernd Bürger
s. w. 167
Bohtz; so rennt er (
der hengst) wiehernd zum gewohnten bad
ebda 175; vor angst und zagen taucht sich's (
das rosz) in die fluthen und wiehert zum himmel maler Müller
w. (1811) 1, 366; unser handpferd war ... mutter geworden und wieherte die süszesten gefühle einem kleinen falben entgegen Holtei
vierzig jahre (1843) 1, 43; (
als briefschluszwendung) die rosse stampfen, wiehern und bäumen vor der thür und ich habe heut noch viel vor (1847) Bismarck
br. an s. braut u. gattin 7
H. v. Bism.; aber kaum
[] sasz er droben, so fuhr dem thier ein wiehern wie ein lustschrei aus der kehle Storm
s. w. (1900) 7, 224; jetzt stiesz er ein wiehern aus, dasz die stille sich erschreckte und machte einen entsetzten satz, bei dem er die hinterfüsze hoch in die luft warf Cl. Viebig
kreuz im Venn (1909) 290; und die rosse streckten die köpfe vor und schnaubten und wieherten Sperl
söhne d. herrn Budiwoj (1927) 161; die menschen (
flüchtlinge) sprechen nicht, die pferde wiehern nicht Feuchtwanger
Simone (1950) 84.
gelegentlich mit innerem akk.-objekt: ihre muthigen rosse scheinen triumph zu wiehern Wieland
ges. schr. I 3, 27
akad.; seine (
eines jünglings) brust (
hat) nicht festigkeit des streit wiehernden pferdes Lavater
physiogn. fragm. (1775) 2, 245. 1@bb)
in ausgeprägtem gebrauch vom brünstigen hengst, seltener von der stute: der hengst wiehert Kramer
t.-ital. (1702) 1347
b; so pflegt ja zum exempel ein hengst zu wiehern und gleichsam seine hitzige begierde schreyend zu bezeigen, wann er einer stutte ansichtig wird Hohberg
georg. cur. 3 (1715) 2, 76
b; wiehern, schreyen wie ein hengst Ludwig
t.-engl. (1716) 2486; es wiehert mancher hengst, die spröde zu gewinnen Hagedorn
poet. w. (1769) 2, 234; oft lacht bey meinen scherzen Oberon, ich locke wiehernd mit der stute ton den hengst, den haber kitzelt in der nase
Shakespeare 1 (1797) 198; sich bäumende hengste, wiehernde stuten, die an kurz gehaltenen zügeln zum beschälen herbeigeführt wurden El. Langgässer
Argonautenfahrt (1950) 99.
sprichwörtlich sind: der stangenhengst (
als zugpferd benutzt) wiehrt allerlängst Eiselein
sprichw. 576; Simrock
dt. sprichw. 431; Binder
sprichwörterschatz 188; Wander
sprichw.-lex. 776; hüte dich ... vor einer stute, die wiehert, und einer frau, die lateinisch spricht Düringsfeld
sprichw. (1875) 1, 419
a.
verallgemeinert: die sprache der liebe ist im nest der nachtigall süszer gesang, ... im forste des wildes wiehernde brunst, und im winkel der katze zetergeschrei Herder 5, 57
S. 1@cc)
das wiehern des pferdes als glück- (
heirat, ernte u. ä.)
oder unglück- (
tod, krieg)
verheiszendes vorzeichen (
näheres im hdwb. d. dt. aberglaubens 6, 1619
ff.): wer auff der pferde wihern acht't, und solches als ein glück betracht't derselbe kan nicht besser seyn, als die mit denen stimmen ein, die achten auff der vogel g'schrey J. G. Schmidt
rockenphilosophie (1707) 2, 137; überm berge stand das rosz (
dessen wiehern den könig küren soll) und wiehert einem manne, der den acker pflüget Herder 25, 455
S. (
vgl. d. königswahl d. Darius); die ahnungsvolle stille im saal, nur unterbrochen von dem mutigen sieg versprechenden wiehern der husarenpferde, die drauszen hielten E. T. A. Hoffmann
s. w. 10, 339
Gr. 22)
bildlicher und übertragener gebrauch. selten steht wiehern
von der lautäuszerung anderer tiere, so vom delphin Wieland
Lucian (1788) 4, 219;
vom esel Holtei
erz. schr. (1861) 14, 124;
vom schwein (?) Böning
Oldenburg 133;
oder von wind und sturm, s. R. Reinick
lieder (1881) 96; Watzlik
pfarrer von Dornloh (1930) 316.
dagegen ganz üblich vom menschen. nur auf einem begrenzten mundartlichen gebiet im sinne von '
wehklagen, jammern',
s. Anton
Oberlausitz 5; Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 665; Knothe
Nordböhmen 542.
dagegen schriftsprachlich allgemein, parallel den beiden oben unter 1
angeführten möglichkeiten. 2@aa)
an 1 b
anschlieszend vom geschlechtlichen verlangen. der gebrauch erwächst aus der übersetzung des im gleichen sinne verwendeten lat. hinnire: sy sint wurden phert, liebe tragende zu mutirn unde schelin, eyn iczlicher hat gewijrt
[] (
hinniebat) zu sines nehesten husvrouwe (
Jer. 5, 8) Claus Cranc
prophetenübers. 87
Ziesemer; dyne snodekeit ougete sich, din ebrechen, din wyirn und daz lastir dinir unkuschheit (
Jer. 13, 27)
ebda 100; ein jglicher wiehert nach seines nehesten weibe, wie die vollen müssigen hengste Luther
Jer. 5, 8; was ist ietzund gemeiners, neben grawsamer gottlestern und fluchen, denn diese sünd und der ehebruch, ja es wehert einer, Jer. 5, nach des andern eheweib, sie zu schänden, wie die müszigen, vollen hengste Kirchhof
wendunmuth 2, 43
Öst.; sie ... lauffen ins hurenhauss, ein jeglicher wiehert nach seines nächsten weib Dannhawer
catech.-milch (1657) 2, 449; ja die geilheit stieg so hoch, dasz auch ein jeglicher nach seines nechsten weib wieherte Paullini
zeitkürtzende erbaul. lust (1695) 13; einer der nach seines nechsten weib wiehert, der in seinem hertzen mit ihr ehebruch treibet Ludwig
t.-engl. (1716) 2486.
hiervon ausgehend: was sol mir (
jungfrau) so ein alter gaul (
greis), der nichts als wihern kan
Venusgärtlein (1656) 190
ndr.; sie aber sähe ihre ehre in der höchsten gefahr für dem nach ihr wiegernden August Lohenstein
Arminius (1689) 1, 1209
b; wenn er (
der wollüstige) nach den weibespersonen wie ein geiler hengst wiehert Thomasius
kl. dt. schr. (1894) 137; die wollüste, nach denen er wiehert, werden sich wie schlangen um ihn winden Wieland
ges. schr. 2, 350
akad.; vgl. ebda 3, 70; selbst diejenigen unter ihnen, denen das alter die körperlichen kräfte geraubt hat, zittern, wiehern und spreizen sich vor liebe Bode
Montaigne (1793) 5, 102; sie (
die sinnlichkeit) dramatisierte das entsetzliche stück culturgeschichte ... zu einer furchtbaren tragödie, deren katastrophe in Frankreich in den taumelnden figuren des wiehernden herzogs von Orleans, den roués, in der ... scenerie des hirschparks angezeigt ... wurde Avé-Lallemant
gaunerthum 3, 99.
in etwas freierer verwendung: in die (
muschelgrotten) entschlüpften mit glühender stirn wollüstige mägdchen; jünglinge folgten nach mit wiehernden blicken der wollust Bodmer
der Noah (1752) 2, 616; der wunsch, des lebens zu genieszen, wieherte aus den zartgespaltenen lippen Veit Weber
holzschnitte (1793) 301; und die liebe frau sieht mich an so seelenvoll, so verständnisinnig, sie wiehert mit dem auge, sie sperrt die nüstern, sie kokettiert mit der kruppe Heine
s. w. 3, 179
E. ähnlich auch in allgemeinem sinne von stürmischem begehren: weh dem erobrer, welcher im blute der sterbenden geht, wenn die rosse der schlacht gezähmter wüten, als der schäumende held nach lorbern wiehert Klopstock
oden (1889) 1, 115; da steht er, mein unbarmherziger ankläger, und wiehert blut und verdammung Lessing 13, 151
L.-M.; der pöbel vergöttert ihn, und foderte wiehernd den purpur Schiller 3, 155
G.; der pöbel wieherte zwar nach freiheit Schubart
s. ged. (1825) 2, 238; die wiehernde blutgier der mordbanden der Bartholomäusnacht ... Treitschke
dt. gesch. (1897) 4, 467. 2@bb)
zur charakterisierung der menschlichen stimme oder sprache. gelegentlich (
dabei meist im bild)
ohne weiteren beisinn: man wiegert den discant, man brüllet den tenor; man billt den contrapunct; man heult den alt hervor (1650) Logau
sämmtl. sinnged. 318
lit. ver.; der andre (
sänger) wiherte wie ein hengst. der dritte zischerte wie ein sperber Lindenborn
Diogenes (1742) 1, 266.
in festem gebrauch zur besonderen kennzeichnung menschlichen lachens: vorn war es laut, denn das kleine mädchen jubelte, und Ida stimmte mit ihrem eigentümlich tiefen, gutmütigen wiehern ein Th. Mann
Buddenbrooks (1901) 1, 445.
dabei ganz überwiegend von lautem, durchdringendem, übermäszigem lachen: [] so glichen sich wohl niemals herr und knecht. ... der herr lacht laut; der diener wiehert recht Hagedorn
poet. w. (1769) 1, 131; hierbey schlug Haberwald eine wiehernde lache auf Nicolai
Seb. Nothanker (1773) 3, 145; komödie — nicht karikatur, zum wiehern nicht, zum lächeln nur Ayrenhoff
w. (1814) 5, 61; und hörst du erst des wahnsinns lache wiehern, klingt's mit des unheils weinen schon versetzt Grillparzer
s. w. 2, 131
Sauer; erzählung vom aufenthalt in Sagan, der könig hat 'gewiehert' vor freude Varnhagen v. Ense
tageb. (1861) 3, 482; er lauschte mit glänzenden augen den rauhen rachentönen des lauten gesprächs und den wiehernden jodlern, die es unterbrachen Vischer
auch einer (
251904) 13; (
der minister erklärte,) dasz, wenn es uns (
sozialdemokraten) im lande nicht gefiele, wir von der freizügigkeit möglichst ausgedehnten gebrauch machen sollten, eine bemerkung, die die kammer mit wieherndem gelächter aufnahm Bebel
aus meinem leben (1946) 3, 178; der andere brach in wieherndes, krankes, hohes gelächter aus El. Langgässer
d. unauslöschl. siegel (1946) 60.
heute umgangssprachlich zur charakterisierung von in hohem grade lächerlichen vorkommnissen: es ist (war) zum wiehern (
neben: ... zum piepen, lachen, schreien, brüllen
u. ä.).
gelegentlich in laszivem sinne (
s. a): er steht nicht auf, euch beifall zuzulächeln, und wiehert keine zoten mehr Schubart
sämmtl. ged. (1825) 2, 68; beide ... wissen durch ... zweideutigkeiten in einer ... bierhalle ihr publikum zum wiehernden lachen zu bringen Gutzkow
ritter v. geiste (1850) 4, 121; mit diesen worten verschwand der gestrenge herr in die küche, und alsbald hob sich drinnen ein heidenspektakel; ihn hörte man tapsen und wiehern und das dienervolk aufkreischen, lauter als alle kreischte die böhmische köchin, die Mila Handel-Mazzetti
Jesse u. Maria (1911) 9; sie hob ... den kittel bis zu den knien hoch, und unbekümmert über die wiehernden zoten der männer ... trachtete sie die Sibill einzuholen Watzlik
pfarrer v. Dornloh (1930) 199; einem publikum, das bei zweideutigen szenen vor vergnügen trampelt, wiehert, klatscht und beifall brüllt Carossa
tag d. jungen arztes (1955) 38.
speziell vom höhnischen lachen der teufel: die teufel wieherten und zischten. doktor juris: wiehert nur, ihr spötter, und schneidet nur gesichter Klinger
w. 3 (1815) 42; Gothland: bist du denn taub? der satan wiehert! Erik: die Ostsee hört ihr um die klippen brausen Grabbe
w. (1874) 1, 137
Blumenthal; furcht ... empfinde ich (
bei) ... dieser aus johlen, kläffen, kreischen ..., wiehern schauderhaft gemischten salve von ... triumphgelächter der hölle Th. Mann
Faustus (1948) 598.
im anschlusz hieran: der götze (
eine eisensäge) kreischte und wieherte weiter und langte gierig mit der kralle nach dem nächsten block J. Schaffner
grobschmiede (1918) 139.