grille,
f. ,
heimchen; laune. II.
das thier. I@AA.
herkunft und form. I@A@11)
nicht zu grëllen '
schreien'
gehörig, obgleich früh so empfunden: der stolze grille niht anders gert denne daz er ... lute grelle H. v. Trimberg
renner 5574;
vielmehr lehnwort aus lat. gryllus (
γρύλλος)
; das wort ist bis ins späte mittelalter beschränkt auf das bair.-ostfränk.; auszerhalb dieses gebietes bleibt ihm lange eine gewisse volksfremdheit anzumerken; ahd. grillo,
m., grillus Graff 4, 320 (
cod. S. Gall. 9.
jh.); grille
cicada ib. (
cod. Vindob. 12.
jh.); W. v.
d. Vogelweide
und H. v. Trimberg
zeigen grill,
m., im zusammenhang der äsopischen fabel (
s. u.B 1),
bei Boner
dagegen höustüffel
edelstein 63
Pfeiffer; weiter belegt beim Marner (
s. u. B 4),
bei Muskatblüt (
s. u. B 3),
bei Hadamar v. Laber 323;
seit dem 15.
jh. im schwäb. nachzuweisen (
mehrfach bei Steinhöwel);
seit dem 16.
jh. auch dem alem. geläufig, wo man den namen z. th. onomatopoetisch erklärt: cicada ist ein wurm, den etlichen grillen nennen, von seines geschreis wegen, den er rufet und schreiet ohn unterlasz grill, grill Ryff
thierb. 311;
bis ins hess. hinauf: grill
grillus, heymchin Alberus
dict. (1540) 195
a;
bei Kirchhof
anscheinend noch erklärungsbedürftig: dass die grillen oder heimen ... in das haupt zu eim ohr ein gekrochen
wendunm. 2, 553
Österley; unter der fülle der übersetzungen für grillus
in spätmhd. und frühnhd. glossaren tritt grille
ganz zurück Diefenbach 270
a;
cicada heuschreck, gryllen, dreckwybel 639
c;
grillus grille
gemma gemm. (
Straszb. 1508) l 6
a;
erst den alem. lexicis des 16.
jh. wird es geläufig: achetae ... etliche sagend muhenheim oder grillen Frisius
dict. (1556) 23
a; die grillen, muhenheim
cicadae Maaler 192
c;
gryllus heimenmuck, gryll Golius (1585) 326;
gryllus ein muheim, hauszheim, feldheim, gryll Calepinus
XI ling. (1598) 631
a;
seit dem 17.
jh. dann auch bei nordd. lexicographen: grill, grille,
f., cicada, gryllus, locusta Stieler 702; grille,
f., gryllus, achata Steinbach 1, 642
f.; der gröszte theil der nordd. mundarten kennt das wort nicht; bei Luther
vereinzelt und ganz deutlich als der ma. fremdes wort: also haben die alten poeten und weisen gespielet von den grillen oder heuschrecken
ausleg. d. ep. u. evang. von ostern (1544) Xx 6
b; bei B. Krüger
Clawert 10
neudr. aus hd. quelle (
s. u.B 2);
noch im 17.
jh. bei nordd. autoren selten (
s. u.B 1 Warnecke);
erst die poetische production, vor allem die liederdichtung des 18.
jh. gewinnt dem wort seine heutige allgemeine literarische verbreitung. I@A@22)
noch in heutiger ma. in der hauptsache auf bair.-österr. boden, und zwar zumeist als masc.: der grill '
österr.' Popowitsch 163; der grill, grillen
neben die grillen Schmeller 1, 994; grill,
m., Unger-Khull 307; grille,
m., f., Lexer
kärntn. 124; grillo,
m.; Schmeller
cimbr. 126
a; gril,
f., Bacher
Lusern 263; grille
meist f., im osten m., Fischer
schwäb. 3, 835;
demin. grilli,
n., feldgrille Staub-Tobler 2, 730;
das masc. herrscht bis ins 16.
jh. durchaus vor, so stets bei Steinhöwel, H. Sachs;
auch im 17.
jh. noch: [] das mirs nicht geh gleich wie dem griln (
der fabel) Eyering
proverb. 2, 8;
acc. sg. den gryllen Paracelsus (
s. u. B 4); der heissre grill am feuerheerdt Warnecke
poet. versuch (1704) 390;
noch in neuerer literatur aus dem dialect heraus bei Raimund
und Rückert (
s. u. B 3);
das fem., das sich wie bei heuschrecke,
und vielleicht in parallele mit diesem wort, aus dem meistgebrauchten plural entwickelt haben wird, zuerst sicher nachzuweisen im 15.
jh.: als eyne grille Musk. 77, 6 (
Trierer hs. von 1433); ime ist als der grillen
städtechr. 3, 42;
von den lexicographen gibt zuerst Stieler
deutlich die grill, grille
stammb. 702. I@BB.
bedeutung. I@B@11)
wissenschaftlich bezeichnen grillen
oder grabheuschrecken
die gryllidae, eine familie der geradflügler Brehm
thierl. 9, 586
Pechuel-Lösche; für dialect und literatur kommen wesentlich nur in betracht die hausgrille (
heimchen),
gryllus domesticus, und die feldgrille, gr. campestris; die hausgrille in älterer sprache vielfach in ungezieferlisten: da erschiene in des
d. Fausti gemach ... allerley unzifer, als omeissen ... grillen
volksb. v. dr. Faust 49
neudr.; (
sind in einem wirthshaus) mäuse und grillen, wantzen und flöhe Hohberg
georg. cur. 1, 51;
als angelköder, im bilde: dann was ist die welt anderst als .. ein silberner angel mit grillen überködert Abr. a St. Clara
mercks Wien (1680) 39;
als medicament: nim ein guten theil grillen, zerstosz sie in einem saubern mörser Gäbelkover
arzneibuch (1595) 1, 113;
im volksglauben: und wenn der heiszre grill am feuerheerdt zirpt und schwirrt, so weisz ich gantz gewisz, dasz ander wetter wird Warnecke
poet. versuch (1704) 390; die grillen oder ofen eimichen bringen ein unglück Leyer-Matz
lust. corresp. geist (1668) 173;
die feldgrille nimmt ihren einzug in die literatur mit der bekannten äsopischen fabel, vgl. H. v. Trimberg
renner 5565
ff., daselbst der stolze grille 5572, mîn her grille 5589,
im wechsel mit heime;
im gedanken an die fabel: owê der wîse, die wir mit den grillen sungen, dô wir uns solten warnen gegen des kalten winters zît W. v.
d. Vogelweide 13, 26; von der amais und dem grillen (
de formica et cicada) Steinhöwel
Äsop 188; die ameis und der grill H. Sachs 6, 78
Keller; sie verbreitet sich ungeheuer im 18.
jh., nicht zuletzt durch die idyllische und bucolische dichtung; hervorstechende wendungen: das lied, das eine grille singt J. G. Schmidt
rockenphilosophie (1706) 1, 255; auch hier (
bei den grabkreuzen) singen dann die grillen; aber es sind nicht die heimchen des häuslichen heerdes Storm (1877) 8, 75;
das verbum singen
ist altgebräuchlich, vgl.: die Stumpf von Stumpfberg sein desz willen, und hörten sie einen grillen singen von ritterspil, sie legten darauf costung vil Hund
bayr. stammenbuch (1585) c 1
b;
entsprechend: man hörte nichts als den gesang der grillen Fr. H. Jacobi
Woldemar (1796) 2, 33; alsbald die sicheln dengle ich, der grille lied ergötzet mich Schubart
sämtl. ged. 3, 50; grillen zirpen aus dem moose Miller
ged. (1783) 190; wenn ... der klingende ton der grillen durch die feierliche stille schrillte Göthe 21, 33
Weim.; wo ... ungestört im gras die sommergrille zischt Wieland 12, 73
Hempel; die grille und die heuschrecke zwitscherten Gessner
werke (1778) 2, 23; lieblicher tönt dein gesang, wie der grille gelispel Overbeck
verm. ged. (1794) 181; die frösche singen und die grillen pfeifen Uhland
ged. (1852) 203;
[] die grillen geigten Th. Mann
tod in Venedig (1913) 89; die zirpende, ... hüpfende grille Treuer
deutscher Dädalus 1, 527; wie uns die well entschlüpft und wie die grille hüpft, so schwindet freundlich uns die zeit
F. L. v. Stolberg 1, 349;
neben heimchen: es schweigen grillen und heimen Becker
mildheim. liederbuch 43; grillen, heimchen, zittertönig spielen auf von fern und nah Rückert 1, 133;
gelegentlich auch für nahestehende thiere gebraucht; für heuschrecken: gleich dem heere schwirrender grillen, die vor sich blühende fluren und hinter sich wüsten sehn Ramler
poet. werke (1800) 1, 87;
für cicade: (
die alten auf dem skäischen thore) redner reich an rath, sie waren den grillen zu gleichen, deren schwacher gesang auf bäumen des haines ertönet (
τεττίγεσσιν ἐοικότες Γ 151)
grafen Stolberg 11, 97; I@B@22)
bildliche wendungen: grillen sticken
als bild für das treiben des stubenhockers: wer allzeit hintern ofen sitzt, nur grillen stickt und höltzlin spitzt .. der bleibt ein aff in seiner haut B. Krüger
Clawert 10
neudr., offenbar aus hd. quelle, denn dieselben verse bei Henisch 1744;
ebenso grillen schieszen: dasz sy (
die Schwaben) hinausz ziehen, sich was zu versuchen, da andere nation lust haben, hinder den ofen zu sitzen und grillen schüessen Krafft
reisen 402
lit. ver. im 16.
jh. öfter: einem eine grille im loch verkleiben
grosze dinge gegen jemanden ausrichten: Barack, der Israelit, sey kommen und hab seins volcks mit im genomen ... ich gedenck mir, er wer auf gleuben uns ein grillen im loch verkleiben mit seinem handtvölligen heer H. Sachs 10, 136
Keller; s. auch unter verkleiben 1,
th. 12, 657;
vgl. nicht deszweniger wöllen sie (
die evangelischen ketzer) dargegen grosz grillen mit dem verkleiben, dasz dort steht: dasjenig dasz zum mund eingeht, verunreinigt den menschen nicht Fischart
bienenkorb (1588) 218
a. einen stechen die grillen,
ähnlich wie einen stechen die fliegen, die mücken,
namentlich im 16.
jh. nicht selten; von verschiedenen gemüthsverfassungen, übermuth, ausgelassenheit (
vgl. II B 2),
doch auch hitze, zorn (
vgl.stechen,
th. 10, 2, 1245. 1259): ich mein, es stechen dich die grillen
sagt die bäurin zu ihrem sich närrisch gebärdenden manne H. Sachs 14, 175
Keller-Götze; wenn sie heim kommen von dem wein, so sticht sie der narr und die grillen, wln dweiber zwingen umb nichts willen Montanus
schwankb. 557
lit. ver.; er ist grimmiger und wilder dan das er mit eyniger wolthat mOeg versOenet und gestillet werden, er ist gar zu schellig, wann in die grillen stechen Fischart 3, 326
Hauffen; im westfäl. sagt man: de re het de grillen
ist wüthend (
vom tollen hunde) Woeste 85
b,
möglicherweise eine contamination von grille
gryllus mit grille
zorn (
vgl. 2grell
sp. 102
und grillen) Schiller-Lübben 2, 146
b. I@B@33)
im vergleich: wa sich unreyn eyn mentschen duot, gelichet Muscapluot als vogel und eyn grillen Muskatblüt 78, 75; si (
das böse weib) grynet als eyne grille 77, 6; ime ist als der grillen hinter dem offen, er redet so man doch nit gern hört
städtechr. 3, 42; wo er (
Witzel) troffen ist, da schweigt er still, er nach schreiet unnütz wie ein grill Alberus
contrafactur A 1
a;
[] was nutzen ... mir meine heldenlieder, wenn ich wie grillen nur im winkel singen musz? Neukirch
ged. (1744) 264; machens s' eine beschwörung, kitzeln wir ihn (
den zauberer) wo heraus bei einem loch, wie einen grillen Raimund 1, 199;
im gedanken an die fabel: während er dabei so harmlos wie eine grille lebte Spielhagen
probl. nat. 152, 481; ich lebe still vor mich hin und zirpe wie eine grille Freytag 4, 347;
nach der schlanken, verhungerten gestalt der hausgrille: eingeschrumpft wie eine grille sasz das fromme mütterlein Chr. v. Stolberg 1, 254; ach du gott, wie ist es möglich, dass der drach, der doch so viel, menschenköpf' in seinem leib hat, klein ist worden wie ein grill Rückert
Napoleon 1 (1815), 49; iszt alləwal und seggst dennəst aus wiə də grill am le'zelt
.n Schmeller 1, 994; augen wie grillen
unschöne, grosze Fischer
schwäb. 3, 835. I@B@44)
metaphorisch von personen; noch als bild empfunden: doch was halte ich mich mit diesen schwätzern auf? ich will meinen gang gehen und mich unbekümmert lassen, was die grillen am wege schwirren Lessing 10, 191;
ähnlich schon früh: wer kan dirre werlte nâch ir willen nû wol sprechen, alde sînen sanc verzern? wes, deswæne ich, des müggen sûsent, schrîent ouch die grillen: wer kann dirre tumben diet ir muot erwern? Marner 89, 20
Strauch; darüber hinaus reines appellativum: grill,
m., spottname für kleine magere leute und zwerghafte thiere Unger-Khull 307; grüll,
m., magere person Hügel
wien. 71; ha! alter grill, bist aus dem loch? (
zum alten Rott) Schönherr
glaube u. heimat (1910) 78; sei still, du kleiner grill, dort; nehm dich nicht mit Rosegger 14, 119;
kleine, sich bemerkbar machende person Fischer
schwäb. 3, 835;
speciell: mageres, naseweises weibsbild, ib.; grille,
f., homunculus, ein geringer mensch Steinbach 1, 642;
Laura: ich will nicht, scheuszliches höllengebild!
ungeheuer: ho, winzige grille, nur nicht so wild! Raupach
dram. werke ernster gattung 13, 40; so enne alte grille!
grillige person Müller-Fraureuth 1, 442;
im schwäb. nennt die katholische bevölkerung die protestanten grillen Fischer 3, 835 (= '
speculierer, ketzer',
vgl. grillen '
ketzerische phantasien'
u. II B 3 a); '
narr': der musz ja wohl ein grill seyn, der sich auch solche thorheit wünscht Moscherosch
gesichte 1, 155 (
vgl. grillen
possen II B 2);
als versteckwort alter soldatensprache: da kamen bald die grillen gegangen, sie wollten dasselbig mädelein fangen, ... 'ach lieber grill, fang mich nicht eben, ich wil dir hundert stickle geben' (
aus einem in Cöln 1608
gedruckten soldatenlied)
zs. f. d. wortf. 1, 59 (
bedeutung unklar; landsknecht?);
zu ärzten, die ihm das kopfweh mit klistier vertreiben wollen, sagt der kranke: sie weren wie meister Grill, dasz sie ihn unten wolten curiren, da er die schmertzen im kopf hett Lehmann
florileg. polit. (1662) 1, 59,
vielleicht zu erklären aus grill
als bezeichnung des vitriols: solchen allen ist das höchst und das best purgieren mit dem vitriol, den man in der gheim und heymligkeit den gryllen geheissen hat Paracelsus
opera 1, 1051
Huser. IIII.
laune. II@AA.
ursprung. die öfter versuchte zurückführung dieser bedeutung auf gril, grille '
zorn' (
zu grellen
schreien, s. o. sp. 104;
vgl. I B 2
schlusz)
ist kaum angängig. schon die entwicklung der bedeutung aus einem verbum des sinnes '
schreien' (
vgl. Verwijs-Verdam 2, 2140)
ist nicht ohne künstlichkeit möglich. man beachte weiter, dasz grille '
laune'
denselben weg genommen hat wie grille '
heimchen',
von süden nach norden, während die sippe grell-
auf nordd. boden reicher entwickelt und [] nach süden vorgedrungen ist (
s. o. grell
sp. 95).
wahrscheinlicher ist anknüpfung an lat. grylli
gebilde der groteskmalerei (
s. u.B 1).
doch wird das wort schon beim auftauchen der neuen bedeutung im 16.
jh. vom volksbewusztsein nicht selten mit grille '
heimchen'
identificiert (
vgl.hummel, motte, mucke, schnake
u. a.),
und diese gleichsetzung hat seinen gebrauch je länger je entschiedener bestimmt. zu beachten ist, dasz die ausbreitung der jüngeren bedeutung nach norden anscheinend in einem schnelleren tempo vor sich ging als die von grille '
heimchen'.
daher denn auf nordd. boden frühzeitig wendungen wie grillen machen (
s. u.B 4)
fusz faszten, während echte bilder wie grillen fangen, vertreiben
selten bleiben, bis im 17.
jh. die reception von grille. '
heimchen'
im md. gänzlich vollzogen ist. II@BB.
bedeutung. II@B@11)
die dem lat. grylli
unmittelbar entsprechende bedeutung im älteren nhd. nur bei Fischart
mehrfach nachzuweisen: von selsamen fantastischen thieren und grillen
geschichtklitt. 440
neudr.; malerträum, hlengrillen 18; ja malen selsam grillen dar, wie die welt gar á rebours fahr, wie die leut auf den köpfen gehn
d. gelehrten d. verkehrten 331, 10
Kurz, ähnlich flöhhatz 67, 91
neudr.; vgl. grillisch; der nichts als syrische, chaldeische, persische, aethiopische, samaritanische grillen an die tafel mahlen kan Weise
die drei ärgsten erznarren 88
neudr.; dass überall ein guter triftiger sinn zum grunde liegt, auch wenn nichts als lauter aegyptische gryllen und chinesische fratzenhäuserchen daraus empor steigen Lessing 13, 191; so zerrüttet auch Dürer mit apokalyptischen bildern, menschen und grillen zugleich, unser gesundes gehirn Göthe 1, 318
Weim.; vgl. (
zeichnete er) einen ordentlichen baum, ein haus .. nach einem braven original, so hätt' ich nichts dagegen, aber da sind es nur immer seine eigenen grillen, hexenhafte karikaturen und was weisz ich Mörike 3, 193;
auf plastische gebilde angewendet: opfern bald hände, bald füsze, bald kopf, bald ochsen, bald schaf und dergleichen grillen mehr, alle von wachs gemacht J. A. v. Brand
reisen 157; dann schlenderten sie in dem garten von büste zu büste, von grille zu grille, von statue zu statue Siegfr. v. Lindenberg 2, 309;
vgl. grillenwerk. II@B@22)
närrisches gebahren, faxen, possen, dann auch abstracter: närrische, lustige einfälle (
auch im mnl. reich entwickelt Verwijs-Verdam 2, 2140): grille possenreiszung,
gestus, gesticulatio Henisch 1743; grillen treiben, possen treiben
gesticulari, gestire 1744; grillen
gesticulationes et gestus ridiculi Stieler 702;
im 16.
jh. sehr häufig, im 17.
allmählich erlöschend; nur im plur. gebräuchlich: so findt ich meinen man da sitzen in einem korb hie auf der dillen, treibt so seltzam egel und grillen H. Sachs 14, 176
Keller-Götze; ebenso 9, 392, 19; auch wo eim etwas wurd gestoln, dem sag ich war gar unverholn und lass in sehen in die brillen und reiss in seltzam zottn und grillen 17, 130;
ähnlich 1, 411, 32; grillen und zotten reissen Seb. Franck
chron. 3, 484; ich ... reiss bossen, grillen und brillen Frischlin
com. 46; grillen und pfrillen seynd alle lust und gust der welt gegen dem, was Paulus schon gekost Abr. a St. Clara
mercks Wien 32; (
der gesell) reisz viel schnacken und grillen, das ein jederman zu lachen hatte Hertzog
schiltwache J 1
r; das wir ... sind ... ... vollen narry und grillen Manuel
weinspiel 4100
neudr.; (
die freien knaben) mehr lust .. haben zuo guoten grillen, visierlichen schwäncken Lindener
katzipori 61
lit. ver.; (
der ich) viel tausend fantastischer fantaseien, grillen, schnaken und bossen gesehen Messerschmidt
esels adel, vorr. 1
b;
[] das ist ein alte lumperey, possen, grillen, esels gschrey Spangenberg-Fröreisen
griech. dr. 2, 213
lit. ver.; wenn einer nicht .. lustige schwencke, und visirliche tauben und grillen zu marckte bringen ... kan Prätorius
philosophia salustiana h 9
a;
von närrischen anschlägen: der grillen steckt er voll Gryphius
ged. (1698) 1, 693. II@B@33)
hauptbedeutung: seltsame, wunderliche einfälle. auch hier tritt in älterer zeit, bis ins 17.
jh., gelegentlich concreterer gebrauch auf: seltsame geschichten: Merkurium, von welchem die alte poeten viele wunderseltzame grillen haben gedichtet Rist
friedewünsch. Teutschland (1648) 45; wie denn in Rom etliche curiosi gantze bücher von dergleichen .. spitzfündigen reden und satyrischen grillen vollgeschrieben besitzen sollen Prätorius
anthropodemus pluton. (1666) 2, 220;
auch im sing.: die schöne grill ward im concilio zu Nicen von mönch Stephano ausz dem buch Sophronij gelesen (
von einer legende) Fischart
bienenk. (1588) 156
b; davon in folgender grille das seinige zu verstehen ist, welche aber, ich weisz nicht von was für einem authore, aufgesetzet ist also Prätorius
saturnalia (1663) 52;
in der regel aber ganz abstract: er hat vil hummeln, mucken, tauben, meusz oder grillen im kopff Seb. Franck
sprichw. (1541) 2, 40
a; seltzame ... köpf in der welt stecken voller seltzamer ... gedancken, humorn, hummeln, grillen, mucken und tauben Aeg. Albertinus
hirnschleifer (1664) 60; darin sie alle lehr und satzungen irer rabinen, alle ire träum und gesichten und alle ire grundlose tieffe speculationen und wunderfremde grillen ... zusammen getragen ... haben Fischart
bienenk. (1588) 55
a; ich seltzame und wunderliche grillen und anschläg unterwegs hatte Grimmelshausen
Simpl. 4, 528
Keller; meist ist der begriff durch verschiedene accentuierung schärfer bestimmt: II@B@3@aa)
das phantastische, unwirkliche wird stärker betont: hirngespinst, einbildung, erfindung, täuschung; oft, aber nicht nothwendig, mit dem nebenbegriff des schrulligen; in älterer sprache gern religiös gewendet: dass noch ein jeder phantast seine närrische einfäll und thorechte grillen mit h. schrift behaupten will Grimmelshausen
vogelnest 2, 388
Keller; hinweg mit allen fleischlichen, irrdischen, mahometischen grillen und einbildungen Dannhauer
catechismus milch 5, 1280; und was die andern grillen sein, dadurch man gott entweder per directum oder per indirectum zu der sünden ursache machen will Weise
d. drei ärgsten erznarren 140
neudr.; doch von je auch auszerhalb dieses feldes: Democritus spricht, es sey die seele ein geist, auss denen ... stäublein zusamen gesetzt. und was dergleichen wunderbarlichen grillen seyn Spangenberg
ganskönig 5
Martin; so wird die antwort fallen: dasz Jesaias nicht den igel, sondern die amsel verstanden haben wolle, und fallen dahero alle unzeitige grillen auf einmal hinweg Göchhausen
notab. venat. (1741) 69; mich in den ruf zu bringen, dasz ich ... ein kleiner phantast sey, der in nichts als in seine eigenen grillen verliebt wäre Schreyvogel 1, 104;
auch im sing.: da man .. zu diesen zeiten eine alte grill oder traum wieder im schwange bringet Prätorius
catastr. muhamm. S s 2
a; oder glauben sie etwan auch an die grille, dass der rang einen einfluss aufs herz hat und kein fürst der freundschaft fähig seyn kann Kretschmann 3, 133; man musz also diese erzählung für eine blosze grille von gewissen lustigen ... reisenden ansehen Forster 2, 101;
häufig in wendungen wie: wer mit den wissenschaften ein wenig bekannt geworden, der weis, dasz es mit dieser eingebildeten ordnung eine grille ist Lessing 8, 23; das ganze goldene weltalter, in welches die Schweizer die alten schäfer sezzen, ist also eine schöne grille Herder 1, 345; aber was wil man mit den ratzen machen, so nach dem Martiale im schlaf fett werden? ich halte es für eine poetische grille Prätorius
winterflucht (1678) 289; es giebt andere, welche die verschönerung der natur für eine grille halten Lessing
[] 10, 81;
auch ohne artikel: denn glaube ohne empfindung ist grille Heinse 4, 330; philosophie ohne geschichte sind grillen und wortkram Hamann 6, 223
Roth; ich halte es jetzt für grille, dass dann, wenn nur ein musenalm. wäre, der desto willkommener seyn müsste Bürger
br. 2,
nr. 432
Strodtmann. II@B@3@bb)
das unbegründete, willkürliche, launische wird stärker betont: marotte, schrulle, bizarrer einfall; bisweilen mit dem nebenbegriff des eigensinnigen oder mehr durativ: fixe idee. II@B@3@b@aα) müsste man ... den gerichtsstyl den neuerungen und grillen jedes modischen witzlings preis geben Adelung
magazin 2, 1, 142; es ist umsonst, für die willkürlichen grillen der menschen vernünftige gründe aufsuchen zu wollen G. Forster 1, 363; dieses ist nun eine ihrer romantischen grillen Klinger 1, 94; es war eine seiner stolzen grillen, von den teufeln für den erfinder der wissenschaften gehalten zu werden 3, 33; das hier angeführte besteht übrigens nicht aus einzelnen grillen der Franzensprache Fouqué
gefühle, bilder 1, 82; und nicht ein püppchen, welche nur der mode grillen ehrt Novalis 1, 124
Minor; häufiger noch im sing.: des verfassers grille, nicht unter der academie stehen zu wollen Göthe IV 10, 237
Weim.; die grille des Prokrustes, seine gefangenen zu tode zu dehnen O. Ludwig 5, 137; der grund, oder vielmehr die grille, welche diese schnelle auswanderung veranlaszte, war wie folget Bode
Tristram Schandi (1774) 33; das wofür er fällt, heiszt nicht idee, sondern es heiszt grille Fichte 7, 51; ich überlasse denen finanzverständigen zu urtheilen, ob es gedanke oder grille war Göthe 37, 85
Weim.; jeden deiner wünsche erfüll ich, keine grille Hebbel
Nibel. IV 11; warum du dich nur sträuben magst? wärs grille, bloszer eigensinn? Mörike 3, 50;
namentlich mit laune
gern in parallele oder contrast gesetzt: eine ... kluge matrone, welche die grillen und launen ihres eheherrn gelassen ertrug Pfeffel
pros. versuche 1, 140; seine laune wird nie zur grille D. Fr. Strausz
schr. 6, 236;
gern werden solche grillen den frauen und dem alter nachgesagt, wobei das wort öfter gefärbt ist durch den begriff des miszlaunigen, morosen: glauben sie mir, das beste weib hat seltsame launen, und taumelt unter grillen und thorheiten herum
dtsche erzähler des 18.
jh. 1,
Fürst; und bei den grillen der hübschen frauen muszt du immer vergnüglich schauen Göthe 2, 280
Weim.; das sind so alte grillen der alten verlebten leute, welche der jugend die freude miszgönnen, die sie selbst ... nicht mehr geniessen können
ollapatr. 36, 32
neudr.; gegen das ende seines lebens ward (
der fürst) capriciös, voll grillen, tyrannisch, geizig Ritter
erdk. 4, 1195. II@B@3@b@bβ)
feste verbalverbindungen: er hat seine grillen; sonst aber weisz man von ihm nichts unredliches Petrasch
sämtl. lustsp. 1, 108; das canonische recht hat nun einmal die grille, dasz sich nur mann und weib verheirathen dürfen Raupach
dram. werke kom. gattung 4, 4; die bisweilen aus unwissenheit oder übereilung auf solche grille verfallen, daran zu zweifeln Gottsched
d. neueste aus d. anmuth. gelehrsamkeit 1, 83; ein zweyter Don Quixott, in dessen kopf die thorheit heckte, kam einst auf die grille, er wäre todt Ramler
fabellese (1783) 2, 534; wenn mein vater die grille kriegen sollte, es (
das geld) nach Frankfurt zu haben Göthe IV 1, 160
Weim.; mit einem mal überkommt ihn die grille, die gesellschaft ... hierher bescheiden zu lassen Beer
sämtl. werke (1835) 737; und in Wien hab' ich häuser sehr viele, das ist halt schon so meine grille, dasz ich immer in einem fort bau' Raimund 1, 22;
[] es war eine grille der Griechen, ... ihre mythologie mit der ägyptischen zu vermengen Wieland
Lucian 2, 37. II@B@3@b@gγ)
nach präpositionen: meine weigerung dir zu folgen, wenn du aus noth oder grille wandern würdest Göthe 25, 257
Weim.; tochter und schwiegersohn, aus romantischer grille, machen verkleidet irgend eine wallfahrt ans meer 41, 1, 70;
vgl. 33, 265; aus eurer grille, nicht der meinen, soll ich mein alt erprobtes urtheil von ihm ändern? Schiller 12, 246
G.; wie er ihr aus grillen den einzigen umgang ... verdränge Arnim 7, 140
Grimm; nun wünsche ich nur, dass er es annimmt und nicht grillen halber ausschlägt W. Grimm
an Jacob, briefw. 398; bald zürnend, lockend bald, nach ihrer grille ... entzündete sie mich so ungeheuer Gries
Bojardos verliebter Roland 2, 272. II@B@3@cc)
seit dem 17.
jh. mit zunehmender häufigkeit von den wunderlichen einfällen grübelnder gelehrter, philosophen, theosophen: die wunderlichen sachen, welche der discursus sol vorgebracht haben, sind philosophische grillen Harsdörfer
frauenz. gesprechsp. 5, 162; wenn euch des Plato grillen besser gefallen als meine gespräche Lohenstein
Armin. 2, 1025
a; die allegorischen grillen der grammatiker übergehen wir Voss
krit. blätter 1, 202;
ebenso im sing.: (
da) die ganze idee von dieser wiederkunft .. Christi auf erden als eine schwärmerische grille verspottet ... wird Jung-Stilling 3, 438; wollen wir sagen, dasz die ganze regel vom setzen des accents eine unnütze grille sei? J. J. Engel 7, 66;
ähnlich auch bei unpersönlichem regens: dasz sie sich mit den alterthümern und mit den römischen rechts grillen den kopf sehr zumartern v. Fleming
vollk. teutscher soldat 9; lasz deine bücher stehn, vergisz der rechte grillen Neukirch
ged. (1744) 135;
bisweilen fühlbar abgeschwächt und mit annäherung an begriffe wie theorie, hypothese: wir bemerken, ... wie sie (
die naturforscher) neu sich bildende grillen mit freuden aufnehmen Göthe II 5, 2, 377; wirst du etwa mich auslachen über eine etymologische grille?
grafen Stolberg 8, 175;
gehörte bis hierher das wunderliche des einfalls noch zum wesen des begriffs. so sondert sich in der 2.
hälfte des 18.
jh. eine neue bedeutungslinie ab, die dies element des sinnes beinahe aufgibt: poetischer, wissenschaftlicher einfall, gedanke, project schlechthin: dieser anfang eines briefes, der sich mit einer grille über eine stelle ihrer philosophischen gespräche ... schlieszen sollte Lessing 18, 288
M.; gegenwärtige poetische grillen ... (aber wie viel besser, wird man sagen, klingt reveries!) 5, 438;
ebenso antiquarische grillen 17, 262; füllhorn philologischer und kritischer grillen Hamann 2, 279
Roth; ich habe wieder neue grillen über das tragische und epische, die ich ihnen ... mittheilen will Göthe IV 13, 256
Weim.; oft bei Göthe,
vgl. I 19, 254; 28, 142; IV 21, 233; 42, 29; ästhetische betrachtungen, philosophische grillen, gedichte, übersetzungen Mörike 3, 140
Göschen. II@B@44)
im 17.
jh. und anscheinend auf md. boden entwickelt sich die bedeutung: trübselige, sorghafte gedanken, von sorge
meist dadurch geschieden, dasz es sich um grundlose, einer wunderlichen einbildung oder melancholischen gemüthsverfassung entspringende kümmernisse handelt; curae et agitationes animi Stieler 702;
cura, sollicitudo Steinbach 1, 642;
fast nur im plural: Cotys .. mühte sich ihm seine grillen auszureden Lohenstein
Armin. 2, 46
b; wenn man sich gleich einmahl wieder erholet .. hat, .. so hats doch nicht bestand, es kommen die alten grillen immerzu wieder, und suchen ihr voriges quartier Carpzov
leichpredigten (1698) 32; verächtlich lächelnd schlich er dort herum am walde, grillen murmelnd und betrübt Seume
ged. (1804) 9; ich bin ... vielen sorgen und grillen ... entwischt Thümmel
reise 8, 20;
das wort war bis ins 19.
jh., anders als heute, auch hoher sprache durchaus gemäsz: [] der ort an sich bringt grillen der verzweiflung auch ohne weitern grund in jedes hirn (the very place puts toys of desperation)
Hamlet I 4; laszt fern uns von zanken und eifersucht sein, und nimmer die stunden mit grillen entweihn Novalis 1, 128
Minor; festes requisit des älteren studentenliedes; ungemein häufig in: studentenspr. u. studentenlied in Halle vor 100
jahren, anhang (1781),
z. b.: jubelt, laszt die grillen fahren 5; laszt uns fort die grillen jagen 9;
stereotype verba: er macht grillen
inquietus est; curis, sollicitudine affectus Serz 58
b; ich sehe, wie Herodes selbst in seinem gemach auf und ab spatzieret, ein haufen grillen gemacht .. hab Schupp
freund i. d. not 31
neudr.; hier kömmt eine nahrung, bey der man eher grillen machen kann. der liebe melancholische kaffee! Lessing 2, 227
M.; ich mache mir hundert grillen und mährchen, was alles daraus erfolgen könne Göthe 25, 79
Weim.; er läszt sich die grillen gantz einnehmen
dedit se totum aegritudini Steinbach 1, 643; und wird sich stets umsonst mit leeren grillen schlagen Stoppe
nach Steinbach
a. a. o.; wer wollte sich mit grillen plagen Hölty
ged. (1869) 203; doch wer wird am weihnachtsabende solchen grillen nachhängen, die doch eigentlich gar keinen grund haben? E. Th. A. Hoffmann 12, 17
Grisebach; er solle eine fuszreise nach Spanien machen, da würden ihm die grillen vergehen Laube 8, 311;
der sing. erscheint nur selten und in poet. sprache: kam einmal eine grille mir, so schlosz sie mich in arm; und hatt' ich einen kusz von ihr, weg war der sorgen schwarm Miller
ged. (1783) 349; ich nehm' es auf, und weisz in allen fällen das schönste glück durch grille zu vergällen
Faust 5371;
auch in heutigen mundarten '
unbegründete besorgnisse' Doornkaat-Koolman 1, 684; Dähnert 161;
ebenso im oberd.: Loritza 55
a; ich mache mir grillen (in den kopf); ich plage mich mit grillen Fischer
schwäb. 3, 835; do macht merr sich ken grille Martin-Lienhart 1, 272
a; '
wie nhd.' Staub-Tobler 2, 730;
im älteren obd. nur in spuren: avertere sensus infandos non sani pectoris bösz grillen lassen fallen Frisius
dict. 1200
a. II@B@55)
feste wendungen. II@B@5@aa) grillen im kopf
u. ä. die wendung schwankt nach zeit und ort in der bedeutung ebenso wie bloszes grille;
in älterer sprache zumeist: wunderliche gedanken, einbildungen: atrabilis (
i. e. mania) gryln im kopphe Diefenbach 57
c (
quelle von 1517); grille im haupt, falsche einbildung, fantasey Henisch 1743; er hat grillen im kopf Luther
br. 4, 549; ich glaub das Luther mehr grillen im kopf gehabt dann Marckolphus Nas
antipap. eins u. hundert 3, 71
a; wunderseltzame dauben und kauderwelsche grillen stiegen mir damals ins hirn Grimmelshausen
Simpl. 1, 41
anm. Keller; närrische einfälle (
vgl. 2): da sie ... nicht wuste, was vor närrische grillen in meinem kopf steckten 1, 180;
trübselige gedanken (
vgl. 4): melancholische grillen im kopf haben
nil nisi triste cogitare Apinus
gloss. novum (1728) 348; ich habe gar zu viel verdrieszliche grillen im hirnkasten Elisabeth-Charlotte v. Orleans
br. 4, 265
lit. ver.; mein tage habe ich mir die grillen nicht lassen zu kopfe wachsen Gottsched
deutsche schaubühne 1, 160;
laune, schrulle, fixe idee (
vgl. 3 a. b. c),
besonders im sing.: da vil mir in kopf ein grill, wolt uff die hochzeit nit kommen Alex. Seitz
vom groszen abendmahl (1540) d vi
a; die oden der Sappho hab ich längst besser und deutscher übersetzt; damals hatte ich eine sonderbare grille von treue im kopfe Heinse 10, 271;
so namentlich in der wendung gr. in den kopf setzen: wenn der verfasser
[] sich nicht die grille in den kopf gesetzt hätte, die briefe ... fast durchgängig zur basis seiner betrachtungen zu nehmen Gerstenberg
recens. 4, 27
lit. denkm.; anders: das ist aber nicht artig, ein einfaltiges landmädchen .. zu vexiren und ihr grillen in den kopf zu setzen Miller
Siegwart 1, 166; einem grillen in den kopf setzen
inanes species anxio animo figurare Steinbach 1, 643;
vgl. einem eine grille, einen floh ins ohr setzen Schellhorn
sprichw. 67.
auch im dialect: grillen im kopf haben Fischer
schwäb. 3, 835; hê hed grillen in de kop Doornkaat - Koolman 1, 684;
vgl. nl. grillen int hooft, in de kop hebben (
seit dem 16.
jh.);
umgekehrt: liebe mutter, lasz mich mein allerliebste braut ... sehen, ob mir die grillen ausz dem kopf kämen
buch d. liebe (1587) 214
a; schlage dir nur diese schwermüthigen grillen aus dem kopfe Cronegk
schr. (1771) 1, 76; bis ihm alle grillen wieder aus dem kopfe sind Göthe 43, 345
Weim.; und welche sich bemüheten, ihm, was sie nannten, die grillen aus dem kopfe zu sprechen Knigge
roman meines lebens 3, 173;
oft in anschaulicherem bilde: von grillen schwärmt der kopf Günther
ged. (1735) 416; mir schnurrt eine grille im oberhaus Mörike
Nolten 4, 86; leute .. die, wenn ihnen eine grille bei den ohren in ihren hohlen schädel hineingekommen ist, .. sich die ohren zustopfen, dasz diese grille in ihrem hirnkasten erst recht rumoren kann Seb. Brunner
erzähl. u. schr. 1, 320;
selten: uber diese worte entsetzte er sich, und bekam eine grille in sein hertz Olearius
verm. reisebeschr. (1686),
pers. baumg. 100; wo die verliebten grillen hertz und gehirne füllen Neukirch
anfangsgründe (1724) 60; II@B@5@bb) grillen fangen
u. ä. meist im sinne trübselig, miszvergnügt sein (
vgl. 4),
seit ende des 17.
jh.: grillen fangen
angi vana meditatione Steinbach 1, 643; sonst wer schon grillen fangen und mit schwermüthigen gedancken handeln wil Weise
die drei klügsten leute (1675) 111; ich will lachen ... andre mögen grillen fangen! Günther
ged. (1735) 179; der gast im lehnstuhl .. der hausherr ihm gegenüber grillen fangend Polenz
Grabenhäger 1, 138;
auch im dialect Fischer
schwäb. 3, 835; Doornkaat - Koolman 1, 684;
auf einen einfall kommen (
vgl. 3 c): verwünscht sey doch der tag, da ich die grille fing und zur philosophie als jung in dienste ging!
neue samml. v. schauspielen (
Wien 1764—69) 1,
Democrit 3; seit dem ich Klopstocks abhandlung gelesen, habe ich ganz eigene grillen über die prosodie gefangen Lessing 17, 236
M.; die theorie von der individualität, über die ich nun meine eigne grillen mir fange Cramer
Neseggab 1, 34; wer wird bei vollen flaschen .. die stirn in falten ziehn und magre grillen haschen? Wieland 16, 20
Hempel; dagegen hat das ältere grillen schieszen
trübselig sein (
s. th. 9, 43)
einen anderen ausgangspunct, vgl. I B 2. II@B@5@cc) die grillen vertreiben
u. ä., gegentheil von b,
ebenfalls erst seit dem ausgehenden 17.
jh.: dieses vertreibt mir die grillen
hoc a sollicitudine me abducit Apinus
gloss. nov. 255; da Gelanor oben auf dem gange die melancholischen grillen vertreiben und auszspatziren wolte Weise
die drei ärgsten erznarren 217
neudr.; es vertreibt die motten! die motten im kopf, die grillen, die raupen, den ärger Gutzkow
ritter v. geiste 3, 173; alle grillen verbannisiren,
omnes cogitationes animum perturbantes expellere Apinus
gloss. nov. 61; denn dir die grillen zu verjagen bin ich, als edler junker, hier
Faust 1534; Reinekens freunde blieben beisammen die nacht durch und scheuchten seine grillen durch muntre gespräche Göthe 50, 167
W.; [] bei Lessing
wieder im sinne '
einfall' (
s. o. 3 c): bald aber ward die grille von einer andern verjagt
werke 1, 300
M.; deutlicher als bild empfunden: ich musz die grillen heunt im wein zu tode schlagen Stieler
geharnschte Venus 86
neudr.; die pfeif hat lang genug gefeiert, ich musz mir die grillen ausräuchern, die wurlen mir jetzt so viel häufig im kopf herum Anzengruber 3, 118;
in jüngerer sprache gern in wendungen wie: dann müssen sie ihre geigen und flöten holen und sich die grillen und den — hunger verspielen Gleim
briefw. 1, 101; eigentlich aber sang er .. nur, um sich selber die grillen zu versingen, denn ihre lage war übel genug Eichendorf 3, 235. II@B@5@dd)
andere bildliche wendungen sind seltener: brüt' nur, brüt' über deinem bücherschrein, .. weid' grillen unterdesz, schulmeisterlein Eichendorf 3, 529; denke an meine freunde und füttre meine grillen Chamisso 5, 105;
etwas häufiger: so kan ich leicht schliessen, dasz es (
das ammenmärchen) eine in einer wochenbettstube ausgeheckte grille sey Schmidt
rockenphilosophie 1, 277; wer diesen zweck nicht hat, der bleib nur in der stadt und heck betrübt zu haus die magren grillen aus Triller
poet. betracht. 4, 177; '
einfälle': die astronomisch phantasey: die bracht mit sich wunderbar grillen: die sie allein, umb der gansz willen, auf Martins tag wolt fliegen lassen W. Spangenberg
ganskönig 81, 2
Martin; lasz, greiser wunderkopf, den schwarm der grillen fliegen Weichmann
poesie d. Niedersachsen 1, 242.