glotzen,
vb. , '
starr blicken'.
mit anord. glotta '
höhnisch lachen, so dasz man die zähne zeigt',
norw. und schwed. glutta,
norw. und schwed. dial. glotta,
norw. glytta
dass., jüt. gløtte '
die ohren nach etwas spitzen', '
gucken'
auf ein germ. *gluttēn
mit intensivgemination (
s. Wissmann
nom. postverb. 1, 191)
zurückweisend, dessen wurzelform *glut
in engl. to gloat (
aus ags. *glotian) '
hämisch blicken, anstarren, anglotzen'
vorliegt, vgl. ferner engl. to glout '
starren, betrübt oder mürrisch aussehen' (
aus *glūtian).
zu idg. *ghld-,
einer erweiterung von *ghlŭ-
zur wurzel *ghel- '
glänzen, schimmern',
s. Walde-Pokorny 1, 627; Persson
beitr. z. idg. wortforsch. 796; Falk-Torp 331; Torp 166, 168, 169; Hellquist 192. —
neben glotzen
auch klotzen,
vereinzelt glutzen
zimmer. chron.2 2, 304
Barack; glötzen Huberinus
spiegel d. hauszucht (1553) 253
a.
die bezeugung bleibt vom mhd. bis ins 18.
jh. spärlich, erst mit dem 19.
jh. wird das wort sprachläufig und entwicklungsfähig. mundartlich ist glotzen
vornehmlich im gesamten md. bereich zu hause, obd. nur in den nördl. und westl. teilen, während es im süden, namentlich im Alpengebiet, fast ganz unbekannt ist (
doch vgl. Hunziker
Aargauer wb. 108
und kärntisches glotzar
in Frommann
dt. mundarten 4, 158).
für das nd. verzeichnen es auszerhalb kleinerer, unmittelbar ans md. angrenzender gebiete nur Frischbier
preusz. 1, 238; Fischer
Samland 141. 11) '
mit starren, weit aufgerissenen oder hervortretenden augen blicken, stieren'.
in absolutem gebrauch, daneben häufig in verbindungen wie mit (aus) den augen glotzen, mit glotzenden augen
u. ähnl. in jüngerer sprache auch mit präpositionalem objekt auf, nach etwas glotzen,
s. auch anglotzen. 1@aa)
mit beschränkung auf das körperliche. so vorwiegend im älteren gebrauch, der sich in der anwendung auf den menschen häufig des tiervergleichs bedient. so schon im ältesten beleg: daz in (
den spielern) die ougen glotzen dicke als einem kater in einem stricke Hugo v. Trimberg
renner 6585; er lief herzu, begriff den Gabriel beim hals, truckt den in aim grimmen und neid uf den bank, inmaszen das Gabrieln das gesicht vergieng, mit den augen glutzet und anders nit gestalt, als ob er gleslin in augen hett
zimmer. chron.2 2, 304
Barack. '
stur auf einen punkt blicken': denn hart zuvor, da
s. Paulus hat gesagt: 'das ist mein leib' ..., das ist nichts, da thun sie, als were dieser text an keinem ort in der welt, und sehen yhn nicht
an. widderumb hie, da er nicht stehet, da glotzen sie, sperren maul und nasen auff und suchen solchen text Luther 26, 480
W. besonders vom stieren, glasigen blick der betrunkenen: (
eine betrunkene frau) glotzt sam ein erstochner pock begeyfert schleyer, hemd und rock
fastnachtsp. 1212
Keller; als sie abzüegen vom thürnier, rüechen sie all nach pier und gloczten wie die pöck Hans Sachs
fabeln u. schwänke 4, 207
ndr.; und glotzt sam ein erstochen kalp
branntweinlied (1493)
bei Crecelius
oberhess. 426;
als redensartlicher vergleich, vor allem in d r mundart, festgeblieben: er glotzt wie ein gestochener bock oder kalb Schellhorn
sprichw. (1797) 63; Spiesz
henneberg. 80; Müller-Fraureuth
obersächs. 1, 426.
auch sonst drückt jüngerer gebrauch gelegentlich das blosz körperliche, das stiere, vorquellende des blickes aus: so machte sie (
die natur) mich und warf mich neben andre pagoden, einige mit dicken wohlgesättigten bäuchen, kurzen hälsen, klotzenden vorliegenden augen von apoplektischem ansehn Göthe 45, 138
W.; welcher das schöne mädchen ... mit seinen glänzenden, gesunden, aber leider etwas glotzenden augen ... bis zum tode langweilen konnte W. Raabe
d. hungerpastor (1864) 2, 208; er wendete sich drohend zu den treibern, deren einige ... herbeigelaufen waren und mit aufgerissenen augen glotzten Cl. Viebig
d. schlafende heer (1904) 1, 137.
namentlich bei bestimmten tieren mit groszen, runden, starren augen: ne eule klammert sich ans fenster an! auch sie sucht schutz vorm sturm! — was das ding glotzen kann! Zach. Werner
d. vierundzwanzigste februar (1815) 28; von einem kasten glotzte goldäugig eine ausgestopfte schleiereule herab Watzlik
der alp (1923) 165; glotzende kröten Meschendörfer
d. stadt im osten (1933) 279; schaut, wie der stumme rächer, der gräszliche stierkopf glotzt Strachwitz
ged. (1850) 194; über dem spitzbogen ruhte auf seinem sockel der steinerne ochse und schaute mit glotzenden augen herab Sperl
burschen heraus13 4.
nicht selten spielt dabei etwas von dem für b
geltenden nebensinn des stumpfen, ausdruckslosen mit: die tiere (
kühe) saszen mit hingelegten köpfen da, glotzten stier auf die laterne Rosegger I 2, 84; daraus schauten ihre (
der kühe und zuchtstiere) braunen, behörnten häupter mit rosa mäulern, dumm und glotzend wie auf wappenschildern Kahlenberg
Eva Sehring (1901) 53; sie (
die fische) glotzen mit glasigen augen dumm in die fenster und in die thüren hinein Freiligrath (1870) 1, 60. 1@bb)
mit einer über das rein äuszerliche hinausgreifenden nebenbedeutung, insofern der stiere blick ein inneres enthüllt, einen typus kennzeichnet. als ausdruck plumper, zudringlicher neugier oder naiven erstaunens, vornehmlich in niederer gesellschaftssphäre: der rohe knecht, die dicke magd mit klotzenden augen und offnem maule den tollen herrn auf seinem gaule begaffen Wieland 4, 207
Hempel; besorgt denselben dienst seit dreiszig jahren und gafft und glotzt, als wärs zum erstenmal Grillparzer
s. w. 9, 62
Sauer; wir sollen nicht glotzende maulaffen vor der natur sein Roszmäszler
m. leben (1874) 338; die weiber, so vor den thüren stunden, glotzeten nach meinem rothen rocke und stieszen sich mit den ellenbogen Storm
s. w. (1904) 5, 14; in der stadt standen die leute dick und glotzten auf hebel und räder (
des autos) Heinr. Zillich
zw. grenzen u. zeiten (1936) 141.
für den ausdruckslosen blick stumpfer, ungeistiger, primitiver menschen: man führt die in pelz genähten Hyperboräer herein. da stehen sie und glotzen mit ihren dummen augen in die gescheidtesten, die je unter augenwimpern geblitzt haben Gutzkow (1872) 9, 161;
komponiert: ein volk ..., das stumpfsinnig zu ihren (
der Karwendelgipfel) lichten höhen hinaufglotzt H. v. Barth
Kalkalpen (1874) 296; verschlafene knechte glotzten aus den stalltüren Herm. Hesse
Peter Kamenzind (1905) 98.
seltener für einen falschen, heimtückischen blick: tückisch glotzten sie (
die bauern) mich an Watzlik
d. pfarrer v. Dornloh (1930) 171; glotzen wie der bock an Michaeli '
von arglistiger freundlichkeit' Fischer
schwäb. 3, 708. 1@cc)
in bildlicher oder übertragener anwendung auf gegenständliches, von dem, was einem den blick stier macht oder was einem aus den augen heraussieht: ein dieb gemeiniglich lauffen thut, der kein frolichen ansehen thar, es glotz der wein dan ausz im gar
fastnachtsp. 1289
Keller; das gifft glotzt inen (
den schlangen) zuo den augen härausz, gaben auch ein gifftigen athem von inen Seb. Münster
cosmogr. (1564) 1401; da schmählte mein herr informator und sagte, der Kupido glotzte mit schon aus den augen Gotter
ged. 3 (1802) 285; dem glotzt der teufel aus den augen Fischer
schwäb. 3, 708.
mit abstraktem subjekt: aus dem gespensterblassen gesicht glotzt irrsinnige angst R. Hohlbaum
Stein (1935) 88.
in jüngerem dichterischem gebrauch namentlich in der verlebendigung naturhafter eindrücke: und mit tausend flammenaugen starrt die nacht mich glotzend an Grillparzer
s. w. 4, 44
Sauer; der Himmelreicher hatte sich ... auf die waldblösze geschlichen und in die glotzende finsternis emporgeguckt Watzlik
der alp (1923) 338; weil mich der mond, ins zimmer glotzend, nicht schlafen liesz in dieser nacht Lenau
neuere ged. (1838) 241; und endlich die sonne ..., eine scharfgeschnittene scheibe aus wallendem, blühendem, weiszgeschmolzenem metalle: so glotzte sie mit vernichtendem glanze aus dem schlunde Stifter
s. w. 1, 22
Sauer; wie dort der berg, der Mollkopf, glotzt und prahlt Mörike
ges. schr. (1905) 4, 73; die hohen häuser ... glotzten mit ihren schwarzen fenstern recht dumm in die stadt hinaus Storm
s. w. (1897) 2, 208. 22)
auch einfach als derber ausdruck für '
blicken, hinblicken': ich bin wahrscheinlich nur deshalb hier in Wien, um auf es aus dem fenster zu glotzen wie auf einen Krodebecker düngerhaufen W. Raabe
schüdderump (1870) 3, 37; da glotz hin!
u. ähnl. Fischer
schwäb. 3, 708. 33)
in spuren findet sich eine alte bedeutung '
glühend leuchten, glimmend scheinen',
wenn den seltenen belegen nicht statt 1glotzen glosten
zugrunde liegt (
doch gibt es ein nebeneinander der bedeutungen '
glänzen, scheinen'
und '
glotzen, starren'
auch sonst, s. glaren,
gloren,
auch 2glasen): dar ynnen brent fur von agrimantin und von glotzendem rubin
minneburg cod. pal. germ. 455,
fol. 140
a;
in der wendung faules holz glotzet im finstern,
die sich lexikalisch von Stieler
stammb. (1691)
über Kramer 1 (1700) 539
b bis Adelung
und Heynatz
antibarb. (1796) 2, 66
hält. hierhin vielleicht auch, wenn nicht zu 1 a: darzu ein trüncklein weins sie thet, ... darvon wurd sie glotzent und rot Hans Sachs 9, 463
K. (
vgl.glosten 1, glosen 2).