sprachlos,
adj. ohne sprache, unfähig zu sprechen, stumm. alte, westgerm. zusammensetzung: ags. spǽcléas
elinguis Bosworth-Toller 904
b,
engl. speechless Skeat 579
a;
nl. spraeckeloos,
elinguis, mutus, qui fari non potest, infans. Kilian,
jetzt sprakeloos
geschrieben; mnd. sprakelôs (
nur in besonderer bedeutung, s. 5,
in einer Oldenburger urk. von 1533
belegt). Schiller-Lübben 4, 341
b,
neund. sprake-, sprâklôs ten Doornkaat Koolman 3, 287
a;
ahd. sprâhhalôs(es)
elinguis (
oris). Graff 2, 272. 6, 386. Höfler 377
a (
Prud. gl.),
mhd. sprâchelôs Lexer
handwb. 2, 1110;
nhd. sprachlosz, stumm, o.
muet. Hulsius 304
a; ein bedachtsamer ist zwar nicht stumm (sprachlosz,
elinguis). Comenius
sprachenth. 839;
mutus, sprachlosz, stumm. Corvinus
fons lat. 425
a; sprachlos,
adj. elinguis, mutus, tacitus. Stieler
nachsch. 28
b. 11)
wer nicht spricht, schweigend. so mhd.: der wirt niht swîgen sol, alsô ein stum: unsælik wirt, der alsô sprâchelôs ie wart gevunden gegen sînen gesten âne gruoʒ und âne vrâge.
minnes. 3, 34
a Hagen; ähnlich noch nhd.: denn der fremde herr war klug genug, blosz sprachlos zu bewundern.
Siegfr. v. Lindenberg4 2, 176; ich glaube gar, du denkst, mein schäfer sey Damöt, der ohne sprache kömmt, und sprachlos wieder geht. Gellert 3, 358.
vgl. ferner 3. 22)
im ältern nhd. bezeichnet sprachlos
gewöhnlich einen, der nicht sprechen kann, dem das vermögen der sprache fehlt: die tauben macht er hörend, und die sprachlosen redend.
Marc. 7, 37; mein unmundiger sohn, welcher sprachlos ist.
urk. von 1553
bei Dief.-Wülcker 859; alle sprachlose geschöpffe trachten nach gesellschafft, wie vielmehr dann der mensch, als eine mit der sprach begabte creatur.
Jan. Perus 58; der zarten säugling stim, und noch sprachloser mund. Weckherlin;
so auch: ich habe meinen son her bracht zu dir, der hat einen sprachlosen geist.
Marc. 9, 17; du sprachloser und tauber geist. 25. —
anders sprachlose zeiten,
da es noch keine sprache gab: zugegeben, dasz die menschen die sprache selbst erfinden können; wenn gleichwol auf die erfindung derselben ... eine so geraume zeit ... vergehen müssen: so war es ja wol der güte des schöpfers gemässer, zum besten derer, welche in diesen sprachlosen zeiten ein so kümmerliches ... leben gelebt hätten, dem dinge seinen langsamen ganz natürlichen lauf nicht zu lassen. Lessing 10, 5. —
im bilde: denn von vielen empfindungen tönen nur wenige, sprachlos wanken, wie seelen am styx irrend die schwestern umher. Stolberg 1, 375. 33) sprachlos
bezeichnet nicht immer einen dauernden, sondern auch und häufiger einen vorübergehenden zustand, vgl. dazu sprache 2. 'sprachlos, ...
des vermögens zu sprechen beraubt, wo man es doch am häufigsten von der zufälligen beraubung der sprache braucht, zum unterschiede von dem stumm. sprachlos da liegen. ein sprachloser kranker.' Adelung,
vgl. Krünitz 161, 572.
sprachlosigkeit kann eintreten als folge heftiger affecte: derhalben der maler erschrocken, sprachlosz und kranck worden. Kirchhof
wendunm. 1, 132
Österley (1, 103).
sie ist daher auch heilbar: so ein mensch sprachlosz ligt. nimb ringelblumen .., seudt sie in einem weine auf ... und giesz ihm ein löffelchgen voll in den mund, ist bewehret dasz die sprach wieder kommet. Carl de Gogler
hausz- u. feld - apothec (1667,
bei Coler) 78
a,
ebenso Hohberg 3, 1, 232
a.
scherzhaft ist die vorstellung von einem schlosse, das den mund verschlieszt (
wie bei Papageno): kein meister hat das schlosz erdacht, das rohe mäuler sprachlos macht. Hagedorn 2, 42.
doch meistens in milderem sinne, wenn infolge von schreck oder heftiger erregung die sprache momentan versagt (
zuweilen auch blosz das verstummen ausdrückend, dann also in die bedeutung 1
übergehend).
so schon mhd.: des zenden tages vor groʒen surgen so sullen die lute gan zu vilde sprachelos sam si sin wilde von angest den si heten vor. Brun v. Schonebeck 10993 (
et errabunt undique veluti dementes prae timore nimio loqui nescientes. 10988
f.).
diese mildere bedeutung drückt das ältere nhd. vereinzelt durch die form des vergleichs aus: ein vil zu starcker glantz durchdringet und bezwinget mein hertz und geist so sehr, dasz gleichsam ich sprachlosz, ja, sinnlosz, weil in euch ich die schönheit so grosz und wunderreich befind. Weckherlin 739. sprachlos
in diesem sinne wird in der klassischen zeit des 18.
jahrh. üblich und seitdem ist dies die gewöhnlichste gebrauchsweise; es wird dabei in der regel prädicativ (
oder als apposition)
verwendet und jetzt leicht als adverb empfunden: Franz ... das war dumm! (wirft sich sprachlos in einen sessel). Schiller 2, 291 (
räuber 4, 8
trauersp.); Gianettino heftet den blick sprachlos zu boden. 3, 65 (
Fiesko 2, 13); Bourgognino blickt ihm staunend und sprachlos nach. 83 (3, 1); (
der jüngling) fiel zitternd auf sein angesicht, schien sprachlos, wie vor groszer angst und reue. Mörike
erzähl. 271; derselbe ... schwieg betroffen einige sekunden. Mozart, gleichfalls sprachlos, auf seinem sitz wie angenagelt, schaute ihm ... in's gesicht. 337; hinter uns stand der wirth und sah zu, starr, sprachlos, 'zur statue entgeistert'. Vischer
auch einer 1, 117; gemächlich hebt er sich, sitzt sprachlos auf, und hebet; wie einer, der sein haupt kaum aus der fluht erhebet, der von den wassern trunken, und noch von angst betäubt, am ufer niedersinket, und lange sprachlos bleibt. Dusch
verm. w. 130; wonne durchströmt' ihm das herz, er athmete bang', und sprachlos drückt' er die kleine hand, mit bebenden fingern durchfaltend. Voss 1, 19 (
Luise 1, 108); doch der bräutigam stand sprachlos und verstummend. 142 (3, 209); sprachlos drückte der greis an das klopfende herz sein gellebtes töchterchen; laut nun rief er im stammelnden ton der entzückung. 148 (259); überwältigt vom gefühl der wehmut, lange sprachlos, drückt die holden kinder fest an's herz der überraschte Harun. Platen 345
a (
Abbassiden 9).
in anderm sinne auf einen einzelnen fall bezogen: werd ich aber gereytzet, wil ich, ob gott wil, nit sprachlosz noch schrifftlosz sein. Luther
sendbrief an papst Leo s. 11
neudr. (7, 9, 35
Weim. ausg.).
nur poetisch kann eine grammatische ergänzung im inf. hinzutreten, '
unfähig etwas auszusprechen': dem stillen stammeln der (
seele), die unsterblich ist, und sprachlos ihr gefühl zu sagen, nur, wenn sie weinet, nicht ganz verstummet. Klopstock 1, 60. 44)
in verschiedener weise wird sprachlos
mit unpersönlichen substantiven verbunden. ganz an die letzte stelle schlieszt sich an: o! der schmerz der wonne befriedigte ihn. ... unter diesen tönen, nach diesen tönen gab es keine worte mehr; ... das sprachlose herz sog schwellend die töne in sich. J. Paul
Hesp. 2, 99.
mit personification sprachlose empfindungen,
s. 2
zu ende. ähnlich sprachlose gedanken,
die nicht ausgesprochen werden: wir langten unter sprachlosen gedanken in Unterscheerau
an. unsichtb. loge 3, 66;
Faust. gefühl und sehnsucht, alle die sprachlosen empfindungen, die gleich gewitterschauern uns durchbeben — was sind sie?
ritter. nur nebel, nebel! was sprachlos ist, ist ohne sinn und klarheit! Grabbe 2, 47
Grisebach (
don Juan 2, 1).
ferner: wie zwei selige vor gott schauen sie einander in die augen und in die seelen — wie ein zephyr, den zwei schwankende rosen fortsetzen, wehet zwischen den zitternden lippen der sprachlose wonneseufzer. J. Paul
Hesp. 3, 89.
sogar: weder Argus selbst ... noch Briareus ... wird nicht verhütten, noch erwehren, dasz sie einander, ihre brunst, u. w. mit solcher sprachlosen sprache, nicht anbieten. Butschky
Pathmos s. 35 ('17. stumme sprache').
andrerseits mit leichter tautologie: indem sie dieses sagte, umarmte sie den glücklichen Agathon mit einer so rührenden zärtlichkeit, dass die entzückung, die ihre herzen einander mittheilten, eine zweyte sprachlose stille hervorbrachte. Wieland 1, 55 (
Agath. 1, 4).
am gewöhnlichsten wird die empfindung, die dem menschen den gebrauch der sprache benimmt (
s. 3),
selbst als sprachlos
bezeichnet: er sah noch in sprachloser entzückung nach dem orte, wo sie zum lorberbaum erstarrte. 248 (4, 6); der gefühlvolle Agathon war bis zu sprachloser entzückung gerührt. 375 (6, 5); Albano war in sprachloser rührung auf das geliebte angesicht geheftet. J. Paul
Titan 4, 162; Waser konnte ... den blick nicht verwenden von diesem nachtbilde sprachlosen grimms und unversöhnlicher trauer. C.
F. Meyer
Jürg Jenatsch 80. —
unklar ist die wendung: als ihm (
Voltaire) herr von Schönaich sein geist- und sprachloses heldengedicht, Hermann. das befreiete Deutschland, zusandte. J. Paul
vorsch. der ästh. 3, 26 (
ohne sprachgefühl, undeutsch?). 55)
in ganz abweichender bedeutung zuweilen in der ältern rechtssprache (
vgl.spruchlos und sprache 5,
a, γ,
sp. 2720), '
liber et expeditus ab impetitione': doch also, dass die jhenen, die sich bussen unser stadt odder landen wenden werden, uns und die unsern schult und anspruche halber
etc. zuvor nach pilligkeit clage und sprachloss gemacht haben.
hess. urk. v. 1489
bei Haltaus 1708.
so auch mnd. sprakelôs '
ohne anspruch auf etwas, frei von ansprache': dat ick und myne husfrouwe ... umb szodane moltroggen ... nummermehr scholen jenigerleye ansprake edder thosage hebben beholden, sunder scholen upgenante capitel ... gantzlich unde al sprakelosz holden und darup vortegen hebben ewiglich.
Oldenburger urk. v. 1533
bei Schiller-Lübben 4, 341
b. 66)
preusz. '
baufällig, dem zusammenstürzen nahe; auch von einem menschen, der durch krankheit gebeugt seinen körper schwer aufrecht erhält'. Frischbier 2, 355
b.