schlingen,
verb. glutire, devorare, älter schlinden,
mhd. slinden,
ahd. slindan, slintan Graff 6, 797,
goth. in fraslindaidau,
καταποθῇ 2 Cor. 5, 4;
mnd. slinden,
nnd. slinden
neben slingen ten Doornkaat Koolman 200
b. 201
b,
mndl. slinden Kilian,
holl. ebenso, vielleicht urverwandt mit mhd. slîten,
gleiten, zu dem schlitten,
m. und schlittern,
verb. gehören. Schade
2 2, 824.
das wort ist ein starkes verbum und stimmt in seiner flexionsgeschichte mit dem vorigen überein. wie bei diesem ist der vocal des sing. heute in den plural gedrungen, während anderseits das ältere nhd. belege für den umgekehrten vorgang bietet: ich schlang
et schlung Stieler 1852,
nach Adelung '
im gemeinen leben' ich schlung.
der übergang von nd
in ng,
der sich hier wol durch die nahe lautliche beziehung des wortes zu dem vorigen festgesetzt hat, ist eine mundartlich weitverbreitete erscheinung, die nach Weinhold
mhd. gramm.2 § 219
zuerst im md. des 12.
jahrh. begegnet und im md. überhaupt am häufigsten vorkommt, aber nach seiner bair. gramm. § 171
auch aus dem bair. vom 13.
jahrh. an erwiesen werden kann. vgl. weiter darüber desselben dialectforsch. 69. Weigand
4 2, 592. Kluge
etym. wb.5 327
b und oben theil 7,
sp. 3.
formen mit ng
sind hier zuerst aus dem 15.
jahrh. zu erweisen: vorslingen, vorschlingen,
glutire Dief. 266
c, inslingen, inschlingen, einschlingen, vorschlingen,
ingurgitare 298
c.
bei Luther
überwiegt verschlingen (
das simplex ist in der bibel nur einmal belegt und zwar als schlingen.
Hiob 7, 19,
die stelle s. unter 1,
a, α),
neben dem jedoch auch verschlinden
erscheint: denn ewer widersacher der teuffel gehet umb her, wie ein brüllender lewe, und suchet, welchen er verschlinde. 1
Petr. 5, 8.
andrerseits bleibt aber die ältere form im früheren nhd. noch sehr lebendig: verslinden, verschlinden,
devorare Dief. 178
b, verschlinden, verschlinten,
glutire 266
c, slinden, verslinden,
gurgitare 271
b, inslinden, verslinden, einschlinden, inschlinden,
ingurgitare 298
c, verslinden,
vorare 629
b. Dasypodius
führt nur eine form mit d
an: verschlinden,
sorbere, glutire, ebenso Maaler: schlucken, schlinden, verschlinden,
vorare, gulare 356
d. Schottel
gibt beide formen: schlind, schlinden,
glutire 1401, schling, schlingen,
sorbere, vorare 1402. Stieler 1852
bezeichnet schlinden
als selten, Frisch 2, 199
c als veraltet. Steinbach 2, 455
und Adelung
bieten nur schlingen.
mundartlich hat sich das wort noch theilweise bis heute der umbildung widersetzt, so besonders in Oberdeutschland, wo der dentallaut seit alter zeit stimmlos war (
s. oben): slintan, slinten Schm.
cimbr. wb. 232
b. 260
b, slinten Zingerle 51
b (
neben slingen
im sinne von schluchzen. ebenda), schlinten Schöpf 623, schlinten,
seltener schlingen Lexer
kärnt. wb. 220
b, schlinten Schmeller
2 2, 525
neben schlingen 2, 527.
schriftgemäsz ist das d
heute noch in dem zu dem verbum gehörigen subst. schlund,
m., dessen nebenform mit g
auf ältere schriftquellen und heutige mundarten beschränkt geblieben ist (
s. dieses unten). Frisch 2, 200
a verzeichnet neben schlang, geschlungen
auch schlank, geschlunken, wie es einige aussprechen,
eine form, die auch sonst in älterer sprache belegt ist: thu geitzig dein essen schlincken (: trincken). H. Sachs 4 (1578), 3, 95
d,
heute jedoch höchstens mundartliche geltung hat. erwähnt werden mögen noch die formen verschlunden,
devorare Dief. 178
b, slenden,
ingurgitare 298
c, schlünden,
vorare 629
b,
deren abweichungen im stammvocal entweder lediglich als mundartliche trübungen anzusehen sind oder sie als ableitungen von schlinden
kennzeichnen. die allgemeine bedeutung des worts ist '
schlucken, hinunterschlucken'.
durch den formalen zusammenfall mit schlingen,
nectere, flectere erklärt es sich wol, dasz wir heute meist den begriff des hastigen, gierigen schluckens, des schluckens ohne zu kauen, bei dem die bewegung des schluckens besonders sichtbar ist, damit verbinden, vergl. Andresen
volksetym.4 257.
auch Adelung
setzt als gewöhnliche bedeutung an '
heftig und in groszen massen hinunter schlucken'.
im einfachen sinne von '
schlucken'
wird es fast nur noch intransitiv gebraucht, und auch hier nur selten, s. unten 2.
vergl. auch oben schlingbeschwerde.
in transitiver anwendung ist das compositum verschlingen
häufiger. 11)
im transitiven gebrauch. 1@aa)
im eigentlichen sinne. 1@a@aα)
von menschen: uuanda imo lussam uuas ubelo zetuonne, also manne ist oleum zeslindenne. Notker
ps. 108, 18; die lectvari (
latwerge) slinden.
arzneib. Diemers im mhd. wb. 2, 2, 402
b; der tumme mensche swenne der wuorze (
muskat, näglein u. dergl.) iʒʒet, so slindet er sie zuo hant und enphet keine craft dar von. Schönbach
altd. pred. 1, 3, 13; do vuorn suomeliche in der stat zu und namen ir silber und ir golt und edele gesteine und legetinʒ in warm brot und sluonden iʒ. 119, 41; lasz es (
das salz) in dem munde umblaufen und hüt dich, dasz du es nit schlindest. Ortolff v. Bayrlandt
arzneib. (1477) 23
b; wer vil öpphel essen wil, der sol newer den safft schlinden. 58
b; untz wie lang schonst du mein nit, noch lassest mich, das ich schlinde mein speicheln.
bibel von 1483 (
Nürnb.) 253
a Hiob 7, 19 (
bei Luther: bis ich meinen speichel schlinge,
Zür. bibel von 1530: schlind); do truoge si als gross laid, das si schlant glüende kolen, als lange bis si den geiszt jres leibs ausz dem leib verjaget. H. v. Muglein
Valerii Maximi die geschicht d. Römer (1489) 62
b; so ist nu dieser text starck, das Christus leib uber tissche gebrochen und zustücket, zubissen, zudruckt, und geschlungen wird, wie ander brot, doch im brots gestalt, oder im brot. Luther 3, 499
a; geschwült dir das maul wie einer gartenkrotten, kannst kaum einen löffel voll warmer brühe schlinden. Minderer
medicina milit. (1620)
bei Schm.
2 2, 526; thymian mit honig vermischt, und wie ein lattwergen sittiglich geschlungen, reiniget die brust. Tabernaemont. (1664) 742 F; ab sie nu slunden flinse (
wie '
eisen fräszen',
vgl. Haupts
Neidhart 215), sie mussen geben tzinse von lîbe und von land. Reinb. v. Dorn
heil. Georg 5040; die selbe vremde geschicht (
dasz man ihm öl als getränk vorsetzte) was ihm dannoch unbekant, ouch die wîle er daʒ olei slant.
pass. 401, 70
Köpke; mînen slunt ich prîse: mich würgt niht ein gans sô ich si slinde. Steinmar 1, 5, 7
Meiszner; du solt ein dreck fur zucker han ... den schlint, das dir der hals werd krachen.
fastn. sp. 478, 19; gedencken nur auff wein zu schlinden (: finden).
Grobian. 64, 2060
neudruck; ob du einstiest zu grosse klumpen, und möchstt mit schlinden solche grumpen, so trinck darzwischen offt und dick. 87, 2900. ingwer schlinden
als angebliches gottesurtheil: ich hoff, der dieb werdt sich baldt finden; Herman kan sein ingwer nit schlinden. H. Sachs 14, 230, 5
Keller-Götze. freier einen kusz schlingen: spielt vielleicht mit seines mädchens locke? schlingt den kusz, den sie entgegenbringt? Schiller 1, 227.
mit adverbialen zusätzen, wie ein, hinab, hinunter
verbunden, häufig mit dem nebenbegriffe des gierigen (
s. oben),
so meist in neuerer sprache: dasz er seinen speichel nit hinab schlinden mag.
Celsus übersetzt von Khüffner (1531) 10
b; er schlingt mit dem weine eine spinne ein. Steinbach 2, 455; ein heiszhungriger schlingt die speisen ungekauet hinunter. Adelung; er .. beschäftigte sich blosz, die gerichte, die er nachzuholen hatte, eifrig hinunterzuschlingen. Göthe 25, 363;
nd. hê slingd dat êten man so hêl binnen, henunder. ten Doornkaat Koolman 3, 201
b; aber wofern euch dieses behaglicher scheint und erwünschter, so des einzelnen manns erbgut ohn' entgelt zu verprassen, schlingt es hinab! Voss
Odyss. 1, 379 (
κείρετ'); gewürze, süsze sachen, stark getränke, eins um das andre schlingt er (
der mensch) hastig ein, und dann beklagt er seinen trüben sinn, sein feurig blut, sein allzu heftig wesen. Göthe 9, 222. 1@a@bβ)
von thieren: der hirʒ slindet den uuurm. Notker
ps. 41, 2; ain iegleich tier, daʒ sein eʒʒen slindet und niht kewt, daʒ ist mager, sam der wolf und der leb. Megenberg 118, 11; eʒ (
das kameel) slint die gersten gar snell und behelt si, dar umb, daʒ eʒ si des nahtes mit idrucken (
wiederkäuen) anderwaid eʒʒe. 124, 14; (
auf gelderwerb bedachte mitglieder eines geistlichen ordens) tuont als die hund, die ain eʒʒen undäwent und slindent eʒ wider. 257, 31; ûf sînen (
des mannes) val was er (
der drache) bereit, ginende, als ich hân geseit, als er in wolde slinden. Rud. v. Ems
Barlaam 117, 39; dô sant er (
gott) einen storch aldar, der slant si (
die frösche) sunder zal. Marner 14, 89
Strauch; mit ûfgetânem munde lief er gegen im (
der drache gegen den mann) die strâʒe, rechte in sulcher mâʒe, als er begerte in slinden.
pass. 228, 83
Köpke; mnd. ein wulf dorch sîn girichede grôt lêt to enem male dede, went he slinden ein bên begunde, dat he inbringen nicht ne kunde in den hals. Gerh. v. Minden 8, 3; weil sie (
die frösche) die beerlein schlungen, hat sich die post zurück geschwungen und dem könig vermeldet schon, dasz ankehm des meusskönigs sohn. Rollenhagen
froschm. (1595) D 1
b.
mit adverbialen zusätzen: der fisch schlang die angel ein. Steinbach 2, 455;
mndl. wel cort had hijt (
der wolf das fleisch) op gheslonden.
Reinaert 6627;
mnd. do slant ek se (
der fuchs die hühner) in den kragen. Gerh. v. Minden 101, 131; jtzt ists (
die tochter) mir hingfürt durch den trachen der sie wirt schlinden in sein rachen. H. Sachs 3 (1561), 2, 236
b. 1@bb)
in bildlichen wendungen, doch der art, dasz der begriff des worts der ursprüngliche bleibt. so von körperlich und lebendig gedachten abstracten wesen: der ougen zeher ist ein tranc, daʒ muoʒ diu sêle ân ir danc, ûʒ dem herzen slinden, wil sie der wâren minne enphinden. Lampr. v. Regensburg
tochter Syon 3394
Weinhold; im (
dem tode) was der herre, als der knecht, wand eʒ im quam alleʒ recht zu slindene in den wîten giel.
pass. 196, 63
Köpke. auf abstracte objecte bezogen, in ausgeführtem bilde: gesoten lüge, gebrâten lüge, ... swaʒ man in lüge mac zuo getragen, die slindents alle mit ir cragen. Reinmar v. Zweter 169, 11
Roethe; ähnlich: auch ich schlang deinen (
Schillers) gesang, wie der langdurstende mit wollüstig geschlosznem auge schlürft aus des baches frische. Schubart 2 (1829), 58;
mhd. den itewîʒ slinden,
den tadel hinunter schlucken, verbeiszen, unterdrücken: in zorne slint den itewîʒ unt lege dîme munde ein verbiʒ.
altd. blätter 1, 92, 95.
ähnlich: zeigte sie ihrem manne, der seinen kummer schweigend in sich hinein zu schlingen suchte, eine so heitere stirne, ein so liebevolles auge, eine so ungezwungene herzhaftigkeit. Wieland 8, 340.
anders: mit dem weine courage einschlingen,
gewissermaszen schlingend in sich aufnehmen, ähnlich: den tod mit glühenden kohlen einschlingen,
freier durch ausschweifungen einschlingen,
s. die oben theil 3,
sp. 278
und 279
gegebenen belege. den angel des todes schlingen: der doit slichet fast hir zu ... mir enwisszen nit, wen hi [in] sin necze ziehet adder wer sînen angel sal slingen.
Alsfeld. pass. 143, 4486
Grein. 1@cc)
der begriff des wortes erweitert sich durch die anwendung auf sächliche concreta, die etwas in sich aufnehmen, in denen etwas verschwindet, wie speise im munde. diesen gebrauch vermitteln fügungen gleich der folgenden: die erde tet ûf iren munt und slant, swaʒ ir daʒ vuer lie.
pass. 263, 3
Köpke; vgl. auch: einen goldnen becher werf ich hinab, verschlungen schon hat ihn der schwarze mund. Schiller 11, 220.
dann ohne dasz der gegenstand ausdrücklich als belebt dargestellt wird: in slant daʒ ertrîch (
Christus nach dem tode). Konr. v. Würzburg
goldn. schm. 1622; ich wolte daʒ mich slinden müeste daʒ abgründe.
Engelh. 6316;
mit adverbialem zusatz: wer wird künftig deinen kleinen lehren speere werfen und die götter ehren, wenn hinunter dich der Xanthus schlingt? Schiller
räuber schauspiel 2, 2.
doch ist selbst in solchen verbindungen immer noch die neigung zu einer persönlichen fassung des verhältnisses erkennbar. das gilt auch für die nächsten belege, in denen die hölle ganz sinnlich, wie ein abgrund gedacht ist: ich warte alleʒ ob diu helle in lebende welle slinden. Walther 85, 16 (
Wilmanns vergleicht ps. 54, 16:
descendant in infernum viventes); hilf uns (
Christus), daʒ wir von schame rôt vor dir iht stên und uns der sôt der helle iht slinde in wernder nôt! Rud. v. Ems
Barlaam 406, 10. 1@dd)
wie verzehren, aufzehren im freieren sinne, vermittelt durch wendungen wie die folgende, die sich auf die fabel vom storch und den fröschen bezieht (
vgl. den beleg Marner 14, 89
unter a, β): storche, wenne kumestu? die des rîches erbe slindent, der ist vil. Marner 14, 95
Strauch. als übersetzung des lateinischen devorare in derartigem freieren gebrauche: daʒ fiur die erde slindet.
quelle bei Graff 6, 797 (
devorabitque (
ignis)
terram 5 Mos. 32, 22); fleisc mîn suert slindet.
ebenda (
gladius meus devorabit carnes 42).
dann aber auch selbständig in obigem sinne: daʒ (
vierte) leben ist wuocher genant: daʒ slindet liute unde lant. Vridanc 27, 6 (
bei Cl. Hätzlerin 2, 77, 6: schlindet huos, pürg und lannd).
vergl. auch den räubernamen Slinteʒgeu
meier Helmbrecht 1237.
wir gebrauchen noch verschlingen
ähnlich, s. dieses. 22)
im intransitiven, absoluten gebrauche, zur bloszen bezeichnung der thätigkeit, nur in eigentlicher bedeutung belegt und so noch heute gebräuchlich, auch mit dem nebensinn des gierigen (
s. oben),
in den folgenden stellen vom menschen, aber ebenso auf thiere anwendbar: dem (
hurnaussen, der hornisse) geriet ain stich, wie der abt schlande, in die kelen, das dem abt gleich der hals und der schlundte .. verschwal.
Zimm. chron.2 2, 534, 3; man kan nicht zugleich singen und schlingen,
nemo potest simul flare et sorbere Stieler 1852; er kan nicht schlingen,
angina laborat, spiramenta faucium ei libera non sunt. ebenda; wer schlingen will, musz erst kauen,
injecti boli dentibus molendi sunt, non tuburcinando glutiendi. ebenda; nicht schlingen können Adelung; so dasz es durch thränen und schluchzen zuletzt dahin kam, dasz ich kaum mehr schlingen konnte und der genusz von speise und trank mir schmerzlich ward. Göthe 25, 9; ainer schluckt, der ander schland, und ettlicher gar hart verprant die zungen und den rachen. Cl. Hätzlerin 2, 67, 156; trincket und schlinget, der krug wird nicht holl! wie mag das zugehn! schaut, bleibt er doch voll. A. Gryphius (1698) 1, 635.
im bilde: wie lange muszte nicht der barbar am römischen reiche schlingen, bis das eine raubthier das andere in sich gezogen, so widrig dem auge, wie wenn die grosze sumpfschlange ein lebendiges krokodill hinunterwürgt. J. Paul
dämmerungen 1, 1. 33)
substantiviert das schlingen,
schlucken Adelung, schlingen,
sorbitio, glutiendi actus et facultas Stieler 1853: sprach das vöglin (
zum bauer), sag mir wie du mich essen wöllest, ob du mich südest, so würd ich so klein das du mein an dem schlinden hart empfinden würst. Steinhöwel
Esop 95
b (1487). 98
b (1555); die verruckung der öbersten spöndeln (
wirbel), schadet dem schlinden, die mittelsten dem athem, die nidersten dem stuolgang und harnen. Braunschweig
chirurg. (1539) 104
a; das schlingen vergehet ihm, wie einem erdroszelten vogel,
glutit vocem velut strangulatus corvus. Stieler 1853.