vorschrift,
f. ,
vgl. fürschrift
th. 4, 1, 1,
sp. 802;
mhd. vürschrift
mhd. wb. 2, 2, 209
b;
ahd. forescrift Graff 6, 570;
essempio di scrivere vorschrifft Hulsius (1618) 2, 141
a; vorschrift,
exemplum, abcdarium Stieler 1927; Kramer
teutsch-ital. dict. 2 (1702) 662
a; Spannutius (1720) 326; für-
et vorschrift,
praescriptum, exemplar, formula Steinbach 2, 511; vorschrift Adelung; Campe;
mnd. vorschrift Schiller-Lübben 5, 437
a;
mnld. voreschrift Verwijs-Verdam 9, 1069;
entlehnt ist dän. forskrift,
daneben foreskrivelse. vorschrift
ist in der jetzt üblichen bedeutung wohl dem lat. praescriptum nachgebildet (
vgl. zeitschr. f. dt. wortf. 4, 132
a),
ebenso forescrift
dem lat. praescriptio bei Notker
ps. 56, 1.
heimisch aber ist vürschrift
im sinne von empfehlung. 11)
geschriebenes vor geschriebenem: fone diu sprichet disiu forescrift prophetice ze iudaico populo Notker
ps. 56, 1; die schribenden person in vor- und underschrifft zesetzen Riederer
spiegel d. waren rhetor. (1493) p 2
a. 22)
muster zum nachschreiben oder abschreiben (
vgl. oben vorgeschrift
und schweiz. idiot. 9, 1585): wo hast du deine vorschrifft, die ich dir vor wenig tagen geschrieben habe? Orsaeus
nomenclator method. (1623) 297; nach der vorschrift schreiben Kramer
teutsch-ital. dict. 2 (1702) 662
a; so bald der schulmeister die vorschrifft macht, so schreiben die knaben nach Abr. a
s. Clara
etwas f. alle 2 (1711) 226; vorschrift: derjenige, so sie nachschreiben soll, leget sie vor sich, ... folglich musz sie nicht fürschrift, sondern eine vorschrift heiszen Gottsched
beob. (1758) 410 (
s. aber fürschrift 2); wenn sie (
sprichwörter) ihnen in lesebüchern, in vorschriften vorgedruckt, vorgeschrieben werden Herder 24, 398
S.; die schreibbücher lagen ... vor ihm, um vorschriften im schönschreiben zu machen Bettine
Göthes briefw. mit einem kinde (1835) 2, 162; (
du) schreibst das alphabet noch zwei mal nach der gestochnen vorschrift ins reine Holtei
erz. schr. (1861) 18, 218; wenn einst sein schüler unrecht schreibet und nicht stets bei der vorschrift bleibet Warnecke
poet. versuch (1704) 267.
in gesuchtem bilde: die Venus hatte selbst um deinen mund geschrieben: die vorschrifft ist verlöscht, die nachschrifft ist geblieben
abbildung einer toten jungfrau) H. v. Hoffmannswaldau
u. anderer Deutschen ged. (1697) 2, 109.
in freierem sinne auch von vorlagen zum zeichnen oder nachbilden: landschaftliche umrisse, in kleinem format, als vorschriften für die jugend, in steindruck Göthe IV 42, 258
W. und so öfters bei ihm. —
noch mehr vom eigentlichen sinne gelöst: oder (
haben) doch die schwalben und anders geflügel mit ihren wohlverwahrten und bekleibten nestern zu den privathäusern anlasz und gleichsam eine vorschrifft und modell gegeben Hohberg
georg. curios. (1682) 1, 20. —
original: es ist nicht möglich ohne rührung die vorschrift des eydes zu lesen, den zu Athen ein jeder jüngling ... schweren muszte Zimmermann
von d. nationalstolze (1758) 231. 33)
die zuletzt angeführten stellen zeigen schon den leichten übergang zu der gebräuchlichsten anwendung des wortes, die der bedeutungsentwicklung von vorschreiten
entspricht (
vgl. vorschreiben 5
und 6): '
eine verbindliche regel des verhaltens, sie werde nun schriftlich oder mündlich erteilt' Adelung;
im allgemeinen ist zu bemerken, dasz der eigentliche sinn bei vorschrift
nicht ganz so verblaszt wie bei dem verbum. aber wenn auch vorschrift
gern von solchen regeln des verhaltens gebraucht wird, die schriftlich niedergelegt sind, so fällt der ton doch fast immer auf das den willen bindende oder ihm richtung weisende und nicht auf das festlegen in schrift oder druck. 3@aa)
von bindenden bestimmungen in gesetzen, statuten, schriftlich niedergelegten ordnungen aller art; der sinn von -schrift
kann noch deutlicher gefühlt werden: die vorschrift für den souffleur qua notenschreiber liegt hier bei Göthe IV 9, 285
W.; er schlug vorschriften und gesetze ... an alle thüren I 21, 262; in meiner vorschrift ist des besondern falles nicht gedacht Schiller 5, 1, 165
G. die vorschriften des gesetzes,
auf die einzelnen bestimmungen gehend; nach vorschrift des gesetzes,
seine bindende kraft bezeichnend, vgl. vorschreiben 6 b; in ermanglung reichsgesetzlicher vorschriften
bürgerl. gesetzb. § 22. — nach vorschrift und inhalt der waldordnung Göchhausen
notabilia venat. (1741) 296; demjenigen, der nach vorschrift von stein baute Göthe 34, 277
W.; von der buchstäblichen vorschrift der liturgie abgehen Schleiermacher (1834) I 5, 79; von der strengen vorschrift der gesetze abzuweichen H. v. Kleist 3, 233
E. Schm.; aus gesetzen,
d. h. ausdrücklichen vorschriften der höchsten staatsgewalt Savigny
v. beruf uns. zeit f. gesetzgebung u. recht (1814) 6; dasz wir hier im paszwesen etwas strengere vorschriften haben Bauernfeld (1871) 3, 176; den vorschriften unserer statuten entsprechend Mommsen
reden u. aufsätze (1905) 39;
frei: (
in Freiburg) trat man die vorschriften des wahlgesetzes geradezu mit füszen Treitschke
dt. gesch. im 19.
jh. 3, 352; ich bin ein officiante, ich thue meine pflicht, und thue gar nichts weiter, als was die vorschrift spricht Hoffmann v. Fallersleben (1890) 4, 91. 3@bb)
auf die schriftlichen und mündlichen anordnungen des arztes bezogen, vgl. vorschreiben 6 e;
auf den in der apotheke bereiteten heilmitteln steht bisweilen nach vorschrift
mit bezug auf das rezept des arztes: mittel gebraucht, nach vorschrift. merckliche besserung Göthe III 6, 268
W.; dasz
dieses dem kranken mehr aushilft als des arztes vorschrift Klinger
neues theater (1790) 2, 222;
gegensatz schriftlicher und mündlicher verordnung: der herr geheimerath verschrieb mir nun eine mixtur ... auch gab er (
der arzt) eine lange diätetische vorschrift Kerner
bilderbuch (1849) 222. —
rezept für herstellung eines stoffes: eine vorschrift für einen eigenartigen firnisz Karmarsch-Heeren
techn. wb. (1876) 3, 496; nach diesen vorschriften (
die vier elemente zu veranschaulichen) nahm ich eine grosze phiole G. Keller (1889) 1, 101. 3@cc)
auch wenn die regeln und anweisungen schriftlich
oder im buche niedergelegt sind, wird der eigentliche sinn des wortes meist nicht mehr gefühlt: er hatte die artige vorschrift auf einen papierstreifen geschrieben G. Keller (1889) 7, 13. — alles nach vorschrifft der schrifft, welche warlich nicht so vor die lange weile einig wörtgen redet Prätorius
winterflucht d. sommervögel (1678) 440; dasz alle toll und wahnsinnig seyen, die sich hierinnen von des Aristoteles vorschrift entfernen Bodmer
samml. crit. poet. schr. (1741) 1, 64; das buch aller bücher ... welches uns zu allen tugenden die sichersten vorschriften ertheilen soll Lessing 2, 54
M.; gar viel vorschläge aber werden von sängern und spielern ohne vorschrift des tonsetzers (
vor den noten) gemacht Sulzer
theorie d. schönen künste (1792) 4, 691; der horazischen vorschrift ne fabula sit quinto productior actu achtete er nicht Gervinus
gesch. d. dt. dicht. (1853) 3, 456. 3@dd)
in dieser freien anwendung dann in allgemeinem unerschöpflichem gebrauch; beachtenswert sind die fälle, wo es sich ausdrücklich um mündlich gegebene regeln und anweisungen handelt, und die, wo das regelgebende unpersönlich, ein abstractum oder gott ist: beide hörten weniger auf die ihnen ertheilten vorschriften als auf das rollen des wagens Holtei
erz. schr. (1861) 21, 133; in Leporellos kleidern ... giebt er (
don Giovanni) Masetto und seinen begleitern vorschriften O. Jahn
Mozart (1856) 4, 392; denken sie sich, der Wilten will mir vorschriften machen, ich soll nicht den verheirateten frauen den hof machen W. v. Polenz
Grabenhäger (1897) 2, 7; (
der organist) erwartet itzt von euch (
orgelpfeifen), dasz ihr und ohne seine vorschrift singt aus freien stücken Stoppe
Parnasz (1735) 68; die rosse sind bereit, und, herr, dein wort allein wird selbst der königinn statt einer vorschrift sein J. E. Schlegel (1761) 1, 80. (
der poet soll) auch in seiner wahl der vorschrift und dem exempel der natur folgen Breitinger
crit. dichtkunst (1740) 1, 92; allen vorschriften der vernunft widersprechen Kästner (1755) 1, 13; vorschriften der tugend und des wohlstandes S. v. Laroche
gesch. d. frl. v. Sternheim (1771) 1, 137; sich nach der vorschrift des obersten wesens zu bilden A. v. Haller
Usong (1771) 194; die vorschrifften einer gesunden logicae Lichtenberg
nachlasz (1899) 45; die vorschriften der ehre
F. Th. v. Schubert (1823) 2, 280; nach den vorschriften der natürlichen billigkeit Dahlmann
gesch. d. franz. revol. (1845) 52; vorschriften der etiquette Spielhagen (1877) 2, 475; (
das glück) richtet sich nach keinen schrancken, nach keiner vorschrifft der gedancken Henrici
ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 1, 140; nach vorschrift meiner pflicht und schuld Gottsched
ged. 1 (1751) 102; herrin, ihr kennt der liebe vorschrift (
rules of charity) nicht, mit gutem böses, fluch mit segen lohnen
Shakespeare Richard III. 1, 2; die schönste mode ist, nach gottes vorschrift leben Hartmann
volksschausp. 183.
in edler wendung: ich trage eine innere vorschrift in meiner brust H. v. Kleist 5, 259
E. Schm.; vgl.: dazu dein edles herz dir selbst die vorschrifft giebt König
ged. (1745) 145. 44)
veraltet im sinne von empfehlungsschreiben statt fürschrift,
s. dieses unter 4
und vgl. vorschreiben 8; Schiller-Lübben 5, 437
a; Fischer
schwäb. wb. 2, 1871;
schweiz. idiot. 9, 1585;
auch hier, obwohl seltener, kann das wort verblassen und sogar auch den sinn einer mündlichen empfehlung annehmen, vgl. z. b. die belege aus Moscherosch
und Guarinonius:
breve ricomandatione eine kurtze vorschrifft Hulsius (1618) 2, 64
b; eine vorschrift machen,
tabellas commendatitias exarare Stieler 1927;
intercession vorbitte, vermittlung, vorschrifft Belemnon
curiöses bauernlex. (1728) 93; drey ding seyn noth zu Rhom sollicitanti, vil geldtes, vil vorschrifft, vil lügen Hutten 4, 266
B.; ifg. wollten ... vorschriften von ihnen an
s. kais. maj. nehmen Schweinichen
denkw. 194
Ö.; o wol deme, welcher mit der vorschrifft deiner (
Marias) zuvor erlangten gnaden für gott ... kombt Guarinonius
grewel d. verwüstung (1610)
dedicatio 3
b; dessen die arme, wurmstichige gesellschafft hefftig erschrack, bisz sie endlich auff vorschrifft etlicher kauffleute angenommen worden Moscherosch
ges. (1650) 1, 370; allermaszen ich auch
N. N. um vielmögende vorschrifft bittlich angelangt Harsdörffer
t. secretar. (1656) 2, a 8
a; hierauf hätte ihn ... Polycrates mit einer fürtrefflichen vorschrifft zum könige Amasis in Egypten geschickt Lohenstein
Armin. (1689) 1, 682
b; bey dem vorfallenden avancement musz er sein absehen nicht auf interesse, eigennutz, spendagen, vornehme vorschrifften ..., sondern auf eines jeden meriten ... richten v. Fleming
d. vollk. t. soldat (1726) 161; dieweil ir (
jesuiten) so demütig redten und von dem bapst selbst vorschrifft hetten Fischart
dicht. 1, 14
Kurz. zu vorschrift
für verschrift Haltaus 1888,
vgl. verschreiben 4
th. 12,
sp. 1156.