-weide,
f. ,
begegnet zu frühest in glossen: aviaria, uugaluueidun Steinmeyer-Sievers 2, 702, 18 (
Verg. georg. 2, 430:
sanguineisque inculta rubent aviaria bacis, hierzu Servius:
aviaria secreta nemora quae aves frequentant)
; aviarium, vogilweida Steinmeyer-Sievers 3, 222, 66; 294, 23; 266, 8 (
Heinrici summarium buch xi);
da die quelle der glossen dieses buchs in erster linie Isidor ist, kommt dessen definition für aviarium
in betracht, die auf dem commentar des Servius zur Vergilstelle beruht u. das wort sowohl zu avis
wie zu avius
in beziehung setzt (
orig. 14, 8, 32):
aviaria, secreta loca et a via remota aut tantum avibus adibilia. das aviaria
der Vergilstelle wird jedoch in einer anderen glosse durch fogalhus
falsch übersetzt (Steinmeyer-Sievers 2, 635, 38).
diesem glossator war also der gewöhnliche sinn des lat. wortes bekannt. ein sicherer schlusz auf die bedeutung von vogelweide
ist zwar aus diesen glossierungen nicht zu ziehen, jedenfalls ist es aber nicht erst zur erläuterung des latein. wortes gebildet, musz also zunächst von der ursprünglichen bedeutung von weida
aus verstanden werden: weida
bezeichnet das ausgehen auf nahrung, dann das gebiet, wo diese nahrung gesucht wird und diese selbst; in diesem sinne wird es von wilden thieren ebenso gebraucht wie von zahmen: in der naht farent ûz in iro uueida alliu uualdtier Notker
ps. 103, 20 (
s. weiteres unter weide
th. 14, 1,
sp. 546); tiorweida
glossiert lustrum Steinmeyer-Sievers 3, 16, 57; 116, 33; 406, 66; 443, 13; 607, 35;
gemeint ist der aufenthaltsort wilder thiere: saltas ac lustra ferarum Verg. georg 2, 471.
in silvis inter deserta ferarum lustra Aen. 3, 646. vogilweida
also ist aufenthaltsort, futterplatz von vögeln, zunächst natürlich von wilden vögeln; es bezeichnet also einen ort abseits des von menschen bewirthschafteten landes. die vogelweide
gehört dem walde zu, wie übrigens auch in der Vergilstelle unmittelbar vorher vom freien walde die rede ist. daher kann vogelweide
den wald schlechthin bezeichnen wie vogelsang (
s. dieses): daz ich sie iemer gerner sehen wolt dan alle vogelweid, für bluomen ûf der heid und für aller welte zier
lieders. 2, 190, 41.
wo die vögel sich gern aufhalten, ist der fang am ergiebigsten. die bedeutung von vogelfangplatz entwickelt sich also ganz natürlich aus der ursprünglichen und danach die von vogelfang, vogeljagd, wobei im zweiten falle die in weide
liegende bedeutung von jagd mitwirkt. so erscheint das wort im liter. mhd., mhd. wb. 3, 553
b; Lexer 3, 428,
und später: closter Heinrichaw mit gulden czinsen renten ... weyden geyegden vogelweyden wassern (14.
jh.)
lehnsurk. u. besitzurkunden Schlesiens 2, 649; Lampel
blätter f. landesk. von Niederösterreich n. f. 26, 9; die kleine vogelweyd (
jagd auf kleine vögel) Heppe
aufricht. lehrprinz (1751) 166; da geht auch an die vogel-weyd (
im september) H. Sachs 4, 68, 1
lit. ver.; übertragen: also lange czeit die frau in (
den liebhaber) an der vogelweyd hielt Arigo
decam. 497
lit. ver.; das veraltete wort wird in neuerer sprache gelegentlich wieder aufgenommen, so von R. Wagner
im werbelied des Walther Stolzing: im wald dort auf der vogelweid', da lernt' ich auch das singen.
die nhd. wörterbücher zeigen, dasz das wort dem allgemeinen sprachgebrauch entschwindet: Frisius
u. Maaler
bringen eine erklärung, die durch das allerdings dürftige belegmaterial nicht gestützt wird: ornithoboscium, hünerstal, hünerhausz, ort da
man die hüner und gefügel zeucht und neert, vogelweid oder hünerweid Frisius
dict. (1556) 930
a; vogelweid, die,
ornithoboscium Maaler 471
c;
vgl. aviaria, die vogelziehung Orsäus
nomenclator method. (1623) 203;
es tritt hier die gewöhnliche bedeutung von lat. aviarium
hervor, deren einwirkung schon in der glosse aviaria, fogalhus (
s. oben)
zu erkennen ist. Frisch 2, 405
a bringt nach älterer quelle: vogel-waid und vogelheerd schlagen ... ist eine species des kleinen wildprets, Adelung
verzeichnet das wort überhaupt nicht. eine sehr interessante entwicklung der ursprünglichen bedeutung wird durch das mnld. bezeugt: unbebaut, wüstliegendes land; man beachte besonders die redensart: veugelwee loopen, lanterfanten, ledig loopen Verwijs-Verdam 9, 779;
in gleichem sinne wie vogelweide
wird vogellant
gebraucht (776); de hofsteden zullen bliven te voghelweede,
sie sollen wüst liegen. hiermit vgl. man: vogelweyde,
f., un endroit de terre, ou le blé ne peu venir, ou rien ne croist Hulsius (1616) 386
a (
hiernach bei Campe
in diesem sinne, der aber auch die erklärung des wortes aus Frisch
übernimmt).
diese bedeutung entspricht durchaus der verwendung von vogel-
in deutschen pflanzennamen, die dadurch als wilde von den für menschen verwendbaren und von diesen gezogenen unterschieden werden. im streite um die heimat Walthers von der Vogelweide
ist das wort in verschiedenen gegenden Deutschlands als flur- u. hofname nachgewiesen worden (Burdach
Walther v. d. Vogelweide 17; Wilmanns
leben u. dichten W. v. d. V.2 69).
die falken beize kommt hierbei nach dem, was wir über die bedeutungsgeschichte des appellativums wissen, durchaus nicht in betracht, vogelweide
ist nicht ein ort, '
wo jagdvögel gehegt und abgerichtet werden',
sondern ein solcher, wo vögel nisten und ihrer nahrung nachgehen, wo der vogelfang, die anlage eines vogelherdes oder einer vogeltenne sich besonders lohnt (
in der nähe des Inner - Vogelweidhofes bei Klausen in Tirol ist eine vogeltenne
nachweisbar Lampel
bl. d. vereins f. landesk. von Niederösterreich n. f. 26, 14).
auch wenn Walther durch seine herkunft von einem solchen hofe veranlaszt war, sich von der Vogelweide
zu nennen, kann der name sinnvoll von ihm gewählt und so von seinen zeitgenossen verstanden sein: es läge ein schmerzlicher ausdruck des ausgestoszenseins darin, denn vogelweide
ist wildnis, bezeichnet den gegensatz zum bebauten feld, zur gepflegten wiese; die verwünschung durch Leopold von Österreich (35, 17)
scheint an diesen sinn anzuknüpfen. —