reinigkeit,
f. reinheit. reinigkeit,
in der modernen sprache durch die junge bildung reinheit (
s. dieses)
verdrängt, herrscht im älteren nhd. durchaus und schwindet erst anfang dieses jahrhunderts (
belege s. unter den beispielen);
ältere schreibungen reinicheit, reinickeit, reinikeit,
mhd. reinekeit,
mnd. reinecheit Schiller-Lübben 3, 451
a,
mnl. reynigheyd Kilian,
ahd. unreinigheiti
impuritate Graff 4, 1162.
in der bedeutung folgt es den mannigfaltigen verzweigungen des gebrauches von rein,
adj., s. dieses. 11)
in eigentlicher bedeutung das freisein von schmutz, flecken, fremdartiger, verschlechternder beimischung bezeichnend: die reinigkeit eines zimmers, eines gefäszes. Adelung; reinigkeit der hände (
sinnbild innerer reinheit): und der unschüldige wird errettet werden, er wird aber errettet umb seiner hende reinigkeit willen.
Hiob 22, 30; die farblosigkeit und reinigkeit der stoffe, auf welche er (
der färber) wirken will. Göthe 54, 249; reinigkeit
als habitus, so viel als reinlichkeit: sohn! die äuszre reinigkeit ist der innern unterpfand. Rückert
ges. ged. 2, 434. 22)
freiere anwendung. 2@aa) reinigkeit der farben oder töne. Kant 7, 69; die reinigkeit der kategorien von aller beimischung sinnlicher bestimmungen. 3, 255; im nackenden hat er die Rafaelische reinigkeit nicht erreichet. Winckelmann 2, 416; sonderbarer fleisz in ausübung deutscher reinikeit (
der reinen, durch fremdwörter nicht entstellten deutschen sprache). Neumark
neusprossender palmb. 222; sondern er sahe lediglich auf die sprache, die sich in dem Martial viel zu weit von der reinigkeit und dem vollen männlichen gange des ciceronischen zeitalters entferne. Lessing 8, 462; büttel der sprachreinigkeit. 5, 38; Firdusi scheint überhaupt zu einem solchen werke sich vortrefflich dadurch zu qualificiren, dasz er leidenschaftlich am alten, ächt nationellen, festgehalten und auch, in absicht auf sprache, frühe reinigkeit und tüchtigkeit zu erreichen gesucht, wie er denn arabische worte verbannt und das alte Pehlewi zu beachten bemüht war. Göthe 6, 53. 2@bb)
sittlich gewendet. 2@b@aα)
keuschheit: wenne man die (
jungfrau) laet aine sitzen in den walt, sô eʒ (
das einhorn) dâ zuo kümt, sô læʒt eʒ alle sein grimmikait und êrt die rainikait des käuschen leibs an der juncfrawen und legt sein haupt in ir schôz und entslæft dâ. Megenberg 161, 24; Lucretia ein führerin römischer ehrbarkeit der frauwen, unnd ein heylige hohe zierd aller reynigkeit.
buch d. liebe 311; auf das man einst ir (
der Susanna) tück erfar, die sie verborgn hat etlich jar im schein der ern und züchtigkeit, als wer sie selbs die reinigkeit. Rebhun
Susanna 3, 3 (59, 184
Tittmann); eur (
des pfarrers) rainikait ist gancz hüerisch. H. Sachs
fastn. sp. 6, 38, 296
neudruck; ich beschwer dich auff diesen tag, du teuffl, bey aller betlers blag, bey aller pfaffen reinigkeyt, bey schwiger und schnur einigkeyt. 3, 94, 217; stellt eure anschläg nach dem richtscheid heilger ehr, dasz meine reinigkeit kein geile red anhör. A. Gryphius 1, 689.
prägnanter, die jungfräulichkeit: erdachte er ein verdampte böse listigkeit, jhre reinigkeit zu beflecken.
buch d. liebe 311, 3;
mnd. he berovede se (
das mädchen) in der selven nacht van erer reynecheit. Schiller-Lübben 3, 451
a; der busch behielt die sîne scônecheit, dîn (
der Maria) heilig lîf die sîne reinecheit. Müllenhoff-Scherer 38, 58; betreugst nit offt durch list und renck, kupplerey, schmeichlerey und schenck frawen und auch junckfrawen mehr umb reinigkeit und weiblich ehr? H. Sachs
fastn. sp. 1, 59, 188
neudruck. 2@b@bβ)
allgemeiner, von unschuld, sittlicher vollkommenheit. ohne weitere bestimmung: darumb vergilt mir der herr nach meiner gerechtigkeit, nach meiner reinigkeit fur seinen augen.
2 Sam. 22, 25; gottes wort, das rein, ja die reinigkeit selb ist. Luther 8, 337
a; das gottes wille geschehe, der wil friede, warheit, reinigkeit, mildigkeit haben. 1, 77
a; als die lieben heylige engel im himmel sind, die in jrer angeschaffenen gerechtigkeit unnd reynigkeit bestanden.
d. Faust 7
neudruck; diese schönen groszen augen, aus denen die reinigkeit und energie ihrer seele wiederstrahlt. Thümmel
reise 4, 225; verspottung der einfalt, unschuld, reinigkeit und der heiligsten gefühle. Knigge
umgang 3, 47; er lehret uns die furcht des herrn, liebt reinigkeit und wohnet gern in frommen keuschen seelen. P. Gerhardt 175
Gödeke; kannst du schuld von unschuld denn so gar nicht unterscheiden? musz ein verhaszter nebel deinem aug' allein die hohe reinigkeit verbergen, die hell in aller augen strahlt? Schiller
Phädra 5, 3;
mit näherer angabe im genitiv: aber diese reinigkeit, davon er redet, ... heisset eine reinigkeit des geists, das man wisse aus gottes wort, wie man jm dienen sol in allen stenden. Luther 6, 38
a; die schönheit und reinigkeit der seele. Wieland 2, 16; dieser junge, edle, den besten willen hegende mann (
Schlosser), der sich einer vollkommenen reinigkeit der sitten beflisz. Göthe 25, 83.
von der sittlichen reinheit eines dichtwerkes: denn wenn sich das hiesige theater auf einem beständigen fusze erhalten soll, so musz man durch die neuheit und reinigkeit der stücke, die man auf dasselbe bringt, nach und nach bey den zuschauern geschmack an schauspielen und liebe zum theater zu erwecken suchen. J. E. Schlegel 3, 275.