gesuch,
m. ,
collectiv zu such (
s. d.),
wie erwähnt der älteren sprache angehörend; in die neuere sprache ragt es nur auf dem wege litterarischer überlieferung herein. in der bedeutung berührt es sich am engsten mit dem erst mittelhochdeutschen geniesz, nutzen,
einem bedeutungsgehalt, aus dem sich bei unserem worte durch verengerung des umfangs und isolierung bestimmter begriffsfärbungen synonyma zu gewinn, wucher, zins
ergaben. II.
formen: ahd. kasuah, gisoh, gesuoh Graff 6, 85,
mhd. gesuoch, gesuech
mhd. wb. 2, 2, 7. Lexer 1, 937,
md. gesuch: wand er ez .. den armen teilte durch den ewigen gesuch.
passional (
Köpke) 355, 45.
in den verwandten germanischen sprachen hat sich diese bildung nicht entwickelt, in niederdeutschen denkmalen taucht sie wohl gelegentlich auf, ist aber dort zu beurtheilen, wie in unserer neuhochdeutschen sprache, als litterarischer eindringling. vereinzelt tritt als nebenform auch ein masculinum gesuche
auf, das hier vielleicht aus dem überwiegenden dativgebrauch des wortes zu erklären ist: da sein die burger mit den juden überayn worden ... daz alle die juden und jüdinne ... all leihen sullen umb den hernachgeschrieben gesuche.
Nürnberger poliz.-ordn. (
Baader) 325;
in einer andern aus dem 16.
jahrh. und aus Sachsen übermittelten form, gesucht (
vgl. sp. 4277),
liegt anlehnung an sucht
vor, welches wort sich in bestimmten bedeutungen nahe mit dem unsrigen berührt, vgl. die Augsburger variante gewinstssucht
zu Luthers gewins gsuoch
werke (
Weimar) 12, 386, 20.
vgl. auch dat eigen gesoec het zoeken van zich zelf, eigenzucht. Verwijs
u. Verdam.
bemerkenswert, dasz diese nebenformen nur an der peripherie des stammgebietes unseres wortes auftauchen. IIII.
bedeutung. 1)
auch hier liegen die anhaltspunkte für die begriffsbestimmung des wortes nicht in den ältesten belegen, die es verzeichnen; die früheste litterarische verwendung zeigt schon abgeleitete bedeutung: fenus, commodum Graff 6, 85.
das wort ist hier ganz in das vermögensrechtliche gebiet abgedrängt, auf dem es die oben gekennzeichnete entwicklung genommen hat, ebenso ist aus dem nomen actionis die bezeichnung des ergebnisses dieser thätigkeit abgeleitet, während die thätigkeit selbst in der älteren sprache durch andere composita (Graff 6, 85)
und durch feminine ableitungen vom selben stamme zum ausdruck gebracht wird, wie suochunga (Graff 6, 87)
und das erst im mittelhochdeutschen voller entwickelte suoche
mhd. wb. 2, 2, 8. Lexer 2, 1320.
reste dieser grundbedeutung haben sich aber in der mündlichen tradition auch an unserem worte erhalten, sie treten in der späteren litteratur zu tage. II@11)
in der jägersprache vereinzelt neben suche
auch gesuch: furbaʒ uf den gedingen an den gesuch ich kêrte durch frouden widerbringen .. als einen jungen bracken der nie gesach wild und doch suochet gern. Hadamar 25,
ebenso 34; mir was uff den gesuch gach, min hunt zoch man mir nach. Laszberg
liedersal 2, 293,
jagd nach minne. II@22)
im wirthschaftlichen leben der älteren zeit spielt der gesuch
eine rolle, dessen sielpunkt ein brunnen, eine weide, eine nutzung irgend welcher art bildet. aus der sinnlichen grund bedeutung lassen sich diese begriffsschattierungen alle leicht erklären, namentlich, wenn man sich vergegenwärtigt, wie das wort den rahmen des nomen actionis sprengt, wie es den bedeutungsgehalt am zielpunkt der thätigkeit localisiert. nicht ohne einflusz war jedenfalls auch hier die vermögensrechtliche entwicklung des wortes, die sich unter römischem einflusz vollzogen hatte. ausgangs- und endpunkt der entwicklung treten sich in einem beispiel gegenüber: auch sol die rechelpewnt der grundt des gotzhaws zu Poumburch sein als vor, doch sol sy ligen also ungefridet ze ainem gemainem gesuech.
monumenta boica 2, 233;
vorausgegangen war: umb die aw die da leit enhalb der Traun, da hat der probst seinen willen ze geben, daz wir purger von Trostperch, und die purger von Altenmarkht den gesuch an der selben awe mit einander getailt haben mit sichtigen märchen (
mit sichtbaren grenzmarken) und mag fürbaz ainer den andern wol pfenntten, ob er in vindet an seinem schaden.
die übrigen belege halten sich meist in der mitte zwischen diesen beiden gegensätzen. II@2@aa)
zugang, anspruch: von dez gesuchs und zugangs wegen den unser igleicher aus seinem haus zu dem prunnen hat, den wir mitsambt im in den vingergässel gegraben haben .. welcher under uns obgenanten viern, den gesuch zu dem egenanten prunnen nu fürbaz aufsait und zu demselben prunnen nicht mer gen wolt, was geltz dem vorgenannten Ulrich Schuster vnd seinen erben dann also abgieng, daz sullen wir die andern drey under uns taylen und yn jarlichen geben in allen vorgeschriben rechten.
monumenta boica 20, 43
und 44 (
anno 1387); wann es hat von alters daselbs hin niemant kain gerechtigkait mit etzen noch tretten ausgenomen die herren von der albm, haben daselbs zu einem guet, genannt Enntleiten, gesüch.
österr. weisth. 1, 285; sonst niemands darauf kain angsuech haben sondern gemainer markt oder wer mit gemainem markt mitleiden trägt, wo aber ein ausländer sein gsuech drauf wollt haben, mag ihn ein richter hie zu W. am dritten tag darab straffen.
ebenda 6, 286, 42 (16—18.
jahrhundert); item von erst unter St. Andree am Mitteregg, unter dem Brantner in dem berg, hat niemand keinen gsuech zu haben, weder mit
holz noch mit halten, dann allein gemainer markt. wo man aber ain ergriff, der nit gerechtigkeit darzue hatte
u. s. w. ebenda 286, 47.
die beiden letzten beispiele sind dadurch belehrend, dasz sie das aussterben des durch überlieferung festgehaltenen wortes kennzeichnen, das im ersten beleg mit dem neu auftauchenden ansuchen (ersuchen)
in beziehung gebracht, im zweiten durch das identische gerechtigkeit
abgelöst wird. ähnlich wird in den späteren ausgaben des nach Salzburg zuständigen Pegius gesuch
schon auf dem titel in vie weyd, vieh tränck
geändert (
ausg. von 1718
Regensburg gegen die von 1559),
während in der einleitung noch sätze festgehalten werden, wie waidrecht oder blum gesuch ist eine gerechtigkeit, dasz ich mein vieh darff auf eines anderen grund von meines ackers wegen waiden.
an diese bedeutung knüpfen zusammensetzungen an, wie gesuechweg
österr. weisth. 6, 95, 39 (
vgl.bsuchweg
ebenda 57, 13), viechgesüch 6, 319, 36. 47, holzgesüch 6, 319, 36 (
vgl. holz und bluembesüch 1, 253), gesuechholz 6, 516, 35. 37.
wie lebendig neben diesen prägungen die grundbedeutung des wortes fortwirkte, zeigt die nach anderer richtung abgezweigte verwendung in einer schenkungsurkunde für die bibliothek von St. Peter in München (1447): wie wir die benanten liberij und puchkamern und puchen besetzen und versorgen thun und lassen damit man die gesuech zu den puechen dareyn und daraus gehaben mag.
monumenta boica 21, 136. II@2@bb)
mit übertragung auf den ort, an dem der gesuch
ausgeübt wird, waideplatz. den übergang vermitteln beispiele wie: als vill ainer über winter auf seinem guet viech habe und darauf wasz ihme nächst fuern und ernähren mag, so vill darf er an den gesuech und tratten treiben.
östr. weisth. 1, 34 (
Kessendorf); item danach melden sie gan Pfaffenhofen hünz ainem, haisset des Kargen paumgarten, mit allem irem gesuch, grossem und klainem vich mit gesuch der waid. 3, 51, 8 (1491); das ein zwiträcht und mishellung gewesen ist .. von ains waldes wegen genant die Gerünseit und auch von ander gesüch wegen holz und auch waid. 2, 252, 10 (
pergamentbl. von 1434).
deutlich vollzogen ist der übergang in: wer von meiner frawen und von irem gotshaus alben hiet oder ander gesuech, wie die genant wären, der er selber nit bedörft, und als vil aigens vichs nit hiet, daz zu den alben und zu den gesuechen (
vgl.albe theil 1, 201) gehört, und im sein ze wenig wär, derselb soll meiner fraw laüt und ires gotshaus auf dieselben alben treiben lassen ir vich umb ainen zins. 2, 156, 25 (
Wising 16.
jahrh.),
dieselbe stelle in Grimms
weisth. 3, 725; bedarf awer ein erzman eines lantmans hab ze ichten, es sei holz, wismat, äcker, gesüch oder ander sach, wi das genant sei, das sol er an im werben.
öst. weisth. 1, 200, 31,
ebenso 3, 45, 44;
hier liegen, namentlich in der zusammensetzung haimgesuch,
berührungen mit besuch
vor, vgl.: welcher aber aigen hölzer oder haimbsuech zu seinem guet hat, dabei soll er gelassen. 1, 256, 10. II@33)
in den bisherigen beispielen hatte das object des nieszbrauches für die nutznieszung selbst immer wieder die form eines aufsuchens, besuchens
nahe gelegt, die grundbedeutung des stammes also lebendig erhalten. diese verblaszt, wenn an stelle des geländes, wie es in waide, forst und brunnen sich anschaulich darbietet, abstract das werthverhältnis tritt. im geldverkehr kennen die fränkischen formelbücher die praestatio librae argenti ad beneficium sub vinculo cautionis, vgl. Gengler 920.
dieses beneficium tritt ebendort auch als jus usufructuarium auf, Gengler 789. 790,
und eröffnet eine neue parallele mit usura, mit wucher
und geniesz.
die besondere art, in der im geldverkehr der ertrag der nutznieszung neben das object des nieszbrauches sich stellt, erweckte die vorstellung einer vermehrung, einer steigerung des objectes selbst, daher die parallele mit gewinn,
die zudem noch durch die lateinische entwickelung quaerere-quaestus begünstigt wird. noch bei Emmel
sylva vocabul. (1592)
erscheinen gewinn, nutz, gesuch
als synonyma. wie weit daneben die privatrechtliche bedeutungsentwicklung von suchen
mitwirkte, läszt sich vielleicht aus den glossen für fenerator erschlieszen (
s. u.)
; im nordischen sökia
haben sich aus dem besuch, den der gläubiger beim schuldner macht, nach einander die bedeutungen der forderung, der gerichtlichen beitreibung einer schuld ergeben. Amira,
nord-germ. obligationenrecht 1 (1882) 73
ff., vgl. creditor scultsuocho Steinmeyer-Sievers 1, 449
u. a. II@3@aa)
die entwicklung scheint vom südosten, auf bairisch-österreichischem boden, ausgegangen zu sein und von hier aus vor allem nach westen, weniger nach norden, sich verbreitet zu haben. in der hrabanisch-keronischen sippe der glossen steht wuohhar
als ersatzwort für fenus, usura Steinmeyer-Sievers 1, 154
ff. gewinn
für questus (
ebendort 1, 225),
aber im Karlsruhe-Reichenauer codex (8.—9.
jahrh.)
tritt kasuah, kafuori
für commodum, lucrum ein (Steinmeyer-Sievers 1, 276)
und für fenerator werden fast in allen biblischen glossen (Steinmeyer-Sievers 1, 522, 16
ff.) intlehnari
und scultsuohho
als gleichbedeutend aufgeführt. die ersten litterarischen beispiele bietet Notker,
bei dem sich die eigentliche und die in der geistlichen litteratur beliebte übertragene verwendung neben einander beobachten läszt: geometrae habent ze site chad. nâch kezeigôtên frâgô
n. eteuuaz ungefrâgetes iro iungerôn zuogeben. dîa zuogeba sie questum heizent. also gibo ih tir ze gesuoche daz ih tir nû ungefrâgêt sago.
Boethius 3, 86 (Hattemer 3, 137
b); hêrro funf phunt gabe du mir, funfiu geuuan ih in gesuoh,
alia quinque superlucratus sum. psalm 111 (Hattemer 2, 405
b).
ebenso qui pecuniam suam non dedit ad usuram, der scaz sinen nihne gab ze gesuoche.
Windb. psalter (Schm.
2 2, 216).
vgl. auch in glossen des canon. rechts aus dem 11.
jahrh. gisoche-
fenore. Diutiska 3, 33
b. II@3@bb)
die mittelhochdeutsche zeit bot nur in der satirisch-didaktischen litteratur gelegenheit, das wort festzulegen;
nach den verordnungen der christlichen kirche hatten eigentlich nur die juden die möglichkeit gesuch
zu nehmen, und um diese verbindung des wortes mit jüdischem brauch —
sofern er von den christen angenommen, bekämpft oder ganz aufgehoben wurde —
dreht sich die ganze spätere litterarische und urkundliche verwendung: II@3@b@aα) bœslîch getât ân alle scham ein herze frumes muotes lam juden gesuoch in kristen hant meinswern — der engült ein lant. Seifried Helbling 2, 433; her künec, heizet ûf sliezen ir silbers volle kisten die ab ir ebenkristen gefüllet sint mit gesuoch. 8, 995; diu welt ist ein müelich lêhnære, swer des ir iht hât, den lât si nimmer geruowen, si vorder tägelîchen und ouch willigen gesuoch von im, von sorgen, von ängsten, von müeje, von betrahten, von vremedem nîde! David v. Augsburg
in Pfeiffers
mystiker 1, 314, 8; dâvon spriche ich, daz ir von den armen liuten gewisheit nemet und in darûf lihet. wan swaz er dem jüden die wîle ze gesuoche müeste geben unde swaz er sîn geniuzet, daz leit dir der almechtige got ûf die wâge, als ob dû imz ûz der hant geben hætest. Berthold von Regensburg 1, 281, 7. II@3@b@bβ)
in der rechtssprache ist es vor allem der Schwabenspiegel mit seinem capitel über den wucher, der beispiele bietet; aus dem schwanken der lesarten läszt sich sowol die landschaftliche abneigung gegen das wort als auch das allmähliche absterben desselben kennzeichnen: unde lîhet mir ein man sîn guot ûf mîne huobe oder ûf anderiu phant umbe wuocher unde ich muoz sweren daz ich den gesuoch nimmer wider gevordere. (Wackernagel) 141, 2,
hdschr. A (
in der Basler pergamenthandschrift des 13.
jh. B wuocher)
ähnl. 141, 10. (
im ersten druck erklärende umschreibung: gesuch daz ist wucher)
u. a.; es verbiutet got unde der pâbest unde der kaiser unde alles gerichte unde reht, daz dehein kristen mensche von dem andern sol gesuoch nemen (
B dehein gesuoch noch dehein wucher nemen). 295, 2.
aus dem Schwabenspiegel ist das wort auch in das kulmische recht übergegangen (5, 65)
vgl. Lehmann 192,
während es in die eigentliche norddeutsche rechtssprache nicht übertrat, wie sich namentlich an dem capitel vom gestohlenen und bei juden verkauften gut zeigt, Sachsenspiegel I: 3; 7, 4.
dagegen erscheint es in den süddeutschen stadtrechten: swaz ainem juden ze phant gesetzt wirt, ez sey diebich oder raubich, wirt daz funden in seiner gewalt, wes dann daz selb pfant ist gewesen, dem ez enpfürt ist, der geit dem juden neur sein hauptguot daz der jud bereden mach und nicht gesuochs.
Münchener stadtr., art. 172.
Auer 67 (
vgl. Schwabenspiegel 349
nr. 25)
; Augsb. stadtbuch (
Meyer) 127, 7; ir schult machen, das man chainem juden von verstollen phanten, do er auf leichet, in vier wochen nicht gesueches geit, und swaz es lenger stet, so muez man im gesuech geben.
Wiener stadtrecht (
ende des 13.
jh.)
Schuster art. 79; ez sol auch kain iude von eime halben phunde phennige mer naemen ze gesche danne zer wochen zwene phennige unde von sachzigen einen.
Augsburger stadtbuch 56, 12; von der juden gesuch wil ich nitcz sagen, wen sye sullen nach gepot, sam dy Cristen, arbeiten, und keyn gesuch nemen von ymand.
Ofener stadtrecht (
Michnay) 114; das ein man sein erib setzt hintz eim juden, do verleust er es mit verziehen und mit gesuech.
Wiener stadtrecht 134. II@3@b@gγ)
noch ergiebiger sind einzelne urkunden, namentlich aus dem geschäftsbereich der fürsten und freien herren; den ältesten beleg bietet der landfrieden (1255)
zwischen herzog Heinrich von Bayern und den bischöfen von Passau, Freising und Bamberg: ez so(l) dehain man sin guot auf gesuch lihen, noch verchauffen, daz er tiurer hingebe oder er is fridbraech, und wucher und vurchauf hilt, den sol man ze banne thun.
quellen und erört. zur bair. gesch. 5, 146; es sol chein christen gesuch nemen noch phant auf den schaden setzen, niwan an di iuden, oder er ist fridbræch. 149; 1259
verschreibt sich das neustift in Freising an Woelflin den juden um 20
pfund Münchener pfennig gegen ein 'gesuch'
von einem halben pfund weniger 10
pf. regest. boica 3, 128; da von dem heutigen tag gesuoch aufget auf ein isleich phunt alle wochen seches phennige als lange unz wir si paide hauptguetes und schaden gar gewert.
urkundenbuch d. stiftes Klosterneuburg (
fontes austr. 2, 10)
nr. 90 (
anno 1303),
nr. 94 (
aus 1304),
u. a.; da ist der rat gebunden uf den eit, beide, hauptguot und gesuoch in (
den klagenden gläubigern, juden oder kawerzen) ze gewinnen.
Zürich. ratsverordn. v. 1324.
jahrb. f. schweiz. gesch. 2, 289.
der Frankfurter senat verschreibt sich 1368
den juden für 1000
gulden 5
gulden 'zu gesuche zu geben'
in jeder woche. Senckenberg
selecta juris et hist. anecdot. 1, 645.
im besonderen gibt das 14.
jh. durch die kaiserlichen gnadenbriefe, mit denen sich hohe herren ihrer judenschulden entledigen lieszen und durch ähnliche bestrebungen der städte, gelegenheit, das wort in urkunden zu verfolgen. schwankungen im gebrauche lassen sich hier als gegensätze innerhalb der kanzleien deuten, vor allem scheint in dem nördlich gelegenen Nürnberg die verwendung strittiger. Ludwig der Bayer spricht den burggrafen von Nürnberg 1343 alles des gelts, hauptguts und schadens
ledig. monum. Zollerana 3
nr. 110,
aber die bestätigung dieser freiheit durch Karl IV. (1347)
setzt dafür ein: aller der schuld, hauptguot und gesuochs,
nr. 181,
und so lauten auch die entsprechenden verfügungen Wenzels und Rupprechts. das wort schade,
das seine eigentliche bedeutung nie ganz verleugnet (
vgl. theil 8, 1976),
wechselt in allgemeinerer verwendung mit gesuch
auch in urkunden des burggrafen Friedrichs von Nürnberg, vgl. monum. Zoll. 8
nr. 332, 467,
desgleichen erscheint gült
und zins:
monum. Zoll. 8
nr. 336;
dagegen: so get darnach zu ieder wochen besunder auf ieden gulden zwen neuwe haller zu gesuche.
monum. Zoll. 4, 263 (
von 1374),
ebenso 8
nr. 389 (
von 1390);
ähnlich in der vereinbarung des städtebundes in Schwaben (
Ulm 1385): item ob einer gelt an den juden vor einem jar gewunnen het und het die scheden bezalt und daz daz hauptgut noch gantz an den juden stünde, do solt man das selb hauptgut und die scheden, die er dem juden dann bezalt het, zu samen rechen von dem tag als er daz gelt dann gewunnen het, oder von dem tag ob ein rechnung vor dem jar geschehen wer; und solt aber hauptgut und gesuch zusamen rechen und solt aber das virteil lassen faren.
d. städtechron. 1, 115, 27
u. a., vgl. auch die verwilligungen Wenzels von 1385: das der gesüch und schade, der dorauf verreyt und gegangen ist, genczlichen ab sein sol.
ebenda 116, 38
u. a. desgleichen in der Nürnberger vereinbarung von 1390: daz unter den herren und steten nymant kaym juden weder hawbtgut noch gesuch geben solt.
chroniken 1, 26, 9,
vgl. 129, 12
ff., vgl. auch 3: 295, 3
; und in den Nürnberger polizeiverordnungen, die den zinsfusz regeln, Baader 325.
bis an das ende des 15.
jahrh. reicht die lebendige verwendung des wortes, nur dasz die synonyma, mit denen es zusammengestellt erscheint, auf seine kosten immer mehr raum gewinnen: und were dennocht der obgenant zins, die drie und achczig guldin gelts nit gericht noch vergolten, oder darumbe denne gemant were, so mag der obgenante Jacob Zibolle, sine erben und nachkomen, obe er nit were, denselben versessen zins nemen uff gewönlichen schaden, an juden, an kawertschen oder an kristen luten, wo si daz denne uff schaden vindent und ufbringen mögen, denselben schaden oder gesuch sönt wir .. jnen och ufrichten und geben mit dem zinse.
urkunde graf Conrads v. Freiburg (1386),
zsch. gesch. Oberrheins 18, 94; und der herzog hat im sein geschäft in nicht enpholhen sein guet umb zins oder gesuch auszegeben.
copeibuch der gemeinen statt Wien (
fontes austr. 2, 7) 40
aus der mitte des 15.
jahrh.; wir Eberhart graue zu Wirtemberg der jung
etc. bekennen und tun kunt offenbar mit disem brieff, daz wir .. Märgen Seligmann juden tochter und irem elichen man gen Göppingen zu ziehen gegöndt und erloubt haben füro alda zu sitzen und doch nichzit umb gesuch auszulyhen (1462). Sattler
Wirtemberg unter den grafen 3,
beilage nr. 19. II@3@cc)
das 15.
und 16.
jahrh. weist unterschiede zwischen der allgemein litterarischen verwendung auf, in der das wort bald abstirbt, und dem besonderen juristischen gebrauch, der es künstlich festhält: II@3@c@aα) all die minn mit falschait pflegen den seî rainer vrawn segen auf erden hie der grözzist fluoch und wuocher als der juden gesuoch. Suchenwirt 24, 309
Primisser; eyn wuocherer ist eren muode recht als ein juode der nympt den gesuoch der ewige fluoch wirt es dort an eren rechen. Muskatplut 76, 44
vgl. 75; er tuot ain kauf nach dem ander als ob er für gen Flander, es sig linwat, spezri ald tuoch und slecht im daruff den gesuoch.
teufels netz (
von den kaufleuten) 9042
vgl. 9083; gar lydlich wer der juden gesuoch aber sie mögen nit me bliben die krysten juden, sîe vertrieben mit juden spiesz die selben rennen. Brant
narrenschiff 93, 22
vgl. die anmerkung von Zarncke s. 437; o gott, behütt vor iüdschem gsuoch und vor des apoteckers buoch. Murner
narrenbeschw. 30, 58
Spanier. II@3@c@bβ)
in der rechtssprache wird das wort auch in diesem zeitraum noch in südwestdeutschen und mitteldeutschen druckwerken länger gebucht, gewöhnlich liegen aber die muster hier auf bairischschwäbischem gebiet. so in den artikeln, die kaiser Sigismund in Frankfurt 1435
den ständen vorlegen liesz: von manigveltigen ungepurlichen grossen wucher und gesuch, die durch kristen geschehen in den deutschen landen, weg dawider zu finden.
reichsabsch. 1, 150.
ebenso in den Frankf. polizeiverordn. (
reichsabschiede 3, 390),
die theilweise auf Augsburger muster zurückgehen und die in der Frankfurter reformation ein längeres litterarisches leben fristen; sie verwenden in den betreffenden stellen das wort gesuch,
während der freie text wucher
und zins
aufweist. ähnlicher zusammenhang verknüpft auch die mannigfachen verwenduugen unseres wortes in den berechnungen des zinsertrages, den die juden durch zins auf zinsnehmen anhäufen: wann ain gülden reinisch alle wochen zwen Frankforter haller zu gesuoch oder wuocher gibt, und derselb wuocher jerlichen auch für an wuochers wuocher zu hauptguot gerait und also 20 jar unbetzalt ansteen bring es am gesuoch oder wuocher nachvolgendt summen. Tengler
laienspiegel, Augsburg (Otmar) 1509,
J. und ebenso auch in den Straszburger drucken von 1510. 1520. 1560.
dieselbe stelle kehrt bei den chronisten und reiseschriftstellern, wo diese auf die juden zu sprechen kommen, im wortlaut wieder, so bei S. Franck im
weltbuch 156
b und ebenso in dem reisbuch des heiligen lands (1584), 89
u. a.: solches und anders der juden lästern und schmähen, zusampt jhrem verderblichen gesuoch und wuocher hat auch der bermpt, gelert und erfaren man, herr Ulrich Tengler, praeses altipolitanus in seinem leyenspiegel wol vor dreissig jaren .. angezeygt. Gobler
der rechten spiegel (
Frankf. 1558) 250
b.
von der geislerpredigt berichtet Closener
den buszeruf: alle die wuocherere und alle die do gesuoch nement und die dornach stellent, uber die kummet gottes zorn.
d. städtechron. 8, 115, 12. Rothes
Thüringer chronik erzählt für 1391, das alle juden wo die under dem romischen reiche woneten alle phand umbe sust âne houptgelt und âne gesuch musten weder geben.
cap. 740.
hier bewahrte die litterarische tradition den gebrauch des wortes. die führenden dichter und prosaisten des 16.
jahrh. gebrauchen das wort nicht, obwol sie viel über den wucher
und das zinsnehmen
schreiben, so Hutten
vgl. Boecking 4, 178, 29
ff., 185, 24
ff. 239, 20; Hans Sachs
im fastnachtsspiel vom 'wucher'
neudruck 63. 64
und in der klag über den 'aigen nutz'
litterar. ver. 104, 304.
neben wucher, fürkauff, finantz, zins
tritt auch interesse
auf, das schon bei Eberlin von Guenzburg
in unserer besonderen bedeutung erscheint (
vgl. theil 4, 2, 2147): man mög wol interesse nemen von früntlichem lyhen.
neudrucke 139, 8. Luther,
der in der schrift an den adel (
Weim. ausg. 6, 466, 13)
den zinskauff
bekämpft, und der die sermone vom wucher verfaszt, gebraucht das wort gesuch
nur in anderem zusammenhang und anderer bedeutung, vgl. 5).
dagegen gehört hieher die copie eines mandats des Moritz v. Sachsen gegen die handelsbestrebungen des adels von 1551,
das kurfürst August wiederholt und einschärft: als ob ihnen frey und ihrem stande gemAesz sey, allerley nahrung gesucht, gewinst und handthierung zu üben und fürzunehmen. Luenig
codex Augusteus 1, 66.
hier ist das substantiv miszverständlich in die kategorie der participia übergeführt; auch ein beleg für den untergang des wortes. über die nebenform gesucht
neben gesuch
sp. 4272.
auch im stammgebiet unseres wortes stirbt der lebendige gebrauch ab, die synonyma überwuchern theils in der form erklärender umschreibung: darnach gelichen gelt, davon man kainen gesuech begert, wo man aber gesuch und genuesz begert, das man zins nent (1565
Rauris).
öst. weisth. 1, 215, 30,
theils in der form der komposition, die das schwächere glied unterdrückt: so sol man die haubtsumme zuelassen und den gesuechzins abstellen.
ebenda z. 33. II@3@c@gγ)
das absterben des wortes läszt sich auch in den wörterbüchern verfolgen, nur zeigt sich später, dasz die lexikalische existenz in dem maasze neu auflebt, als die wörterbücher auf ältere quellen wieder zurückgreifen. während in dem vocabular von 1429 (Schm.) usura
mit gesuch
wiedergegeben wird, tritt in späteren vocabularen (Diefenbach 631) wuocher
und geniesz
dafür ein, für fenus (Diefenbach 230) zweifältig wucher;
nur für quaestus erscheint neben gewin, geniesz
auch gesuch (Diefenbach 479). Henisch
kennt noch gesuch =
usura, judengesuch
für usura usurarum; ebenso Hulsius (2, 1646).
am längsten hält sich das wort in den Schweizer wörterbüchern: Frisius
hat im deutschen theil gesuoch, wucher,
questus, usura, während er im lateinischen theil unter diesen stichwörtern unser wort nicht anführt; ebenso wird es gebucht von Spieser (
Basel 1700); Dentzler 2, 116.
breiteren raum sodann nimmt gesuch
in den gelehrten wörterbüchern des 18.
jahrh. ein: gesuch
captura, captura lucri, questus, foenus, usurae pecuniariae tam licitae quam improbae. Scherz 540.
vgl. Wachter 577
; noch ausführlicher Haltaus 692. II@44)
vereinzelt treten in älteren mitteldeutschen denkmälern belege für eine bedeutung auf, die an das verbum suchen
unmittelbar anknüpft und ein nomen actionis zum ausdruck bringt: wand er ez .. den armen teilte durch den êwigen gesuch.
passional 355, 45.
in anderen belegen ist das geschlecht nicht zu erkennen, sie scheinen aber doch hieher zu gehören: so las er latinesch dort bisweilen criesch durch gesuch,
passional 505, 39,
vgl. 422, 46; daz er pflegelichin las und offinbâr der kunste bûch den pfaffin durch lêre gesuch. Jeroschin 15458. swer ein cristenmensche wîl sîn dem vuget wol ein herin tuch an dem ende durch gesuch.
passional 610, 62.
vielleicht auch daz si als e die swarzen buch wider angriffen durch gesuch.
ebenda 209, 98. Köpke
will beiden beispielen die bedeutung versuchung
zu grunde legen (
vgl. unten),
die aber hier nicht mit zwingender notwendigkeit gegeben ist. II@55)
an die unter 4
gekennzeichnete bedeutung läszt sich die reichere entwicklung anknüpfen, die das masculinum in der frühneuhochdeutschen prosa erfährt; deutlich tritt der etymologische zusammenhang mit dem verbum suchen
als gestaltender factor in diesen entwicklungsprozesz, daneben zeigt aber die vielgebrauchte parallele mit geniesz,
dasz auch die grundbedeutung des alten collectivums (
sp. 4272)
nach dieser richtung sich ausbreiten konnte;
verbalsubstantiv und collectivum sind also hier nicht auseinander zu halten: aigner will ist aigner gesch, da ain mensch sich selbst scht, er will jm selber genuog sein. Geiler v. Keisersberg
spinnerin 8.
predigt (
Augsburg 1510)
fb; da man von wellt lichen dingen sagt, da streckest du die oren hin, aber was got antrifft das württ dir zu schwAer. es ist ymer me der gesuoch und gesuoch, wie man sein ledig werd.
has im pfeffer (
Augsburg 1510)
Aa 4
b; den glauben sol man zuo im hon die werk der lieb dem nechsten thon on allen eigen gsuoch und gniesz sunder frei willig on verdriesz. Schade
sat. u. pasqu. 2, 207, 405,
ebenso 3, 14, 16; bisz die münch ire ablasz, guote wAerck und ires orden helgen lob, mit sampt eygnem gsuoch und eer an tag legen. Eberlin (
neudruck) 51; aber so sich under disem erlichen deckmantel verborgen hat ein so schedlicher got missfalliger vasznacht butz eigens gesuochs, menschlicher blendung und hindernüsz der rechten hylff.
ebenda 69,
vgl. 82; summa, sy sagend was sy wöllind, so ists ein schalck, ein eigner gesuoch, ein misstraw gegen got und dem wyb, oder des wybs gegen dem mann. Sebastian Franck
sprüchwörter (
Zürich 1545) 135
b; da ist .. kain zorn, widerwill, verdamnüsz, aigennutz oder gesuoch sonder eitel art gottes.
paradoxa (1539) 66
a.
bei Luther ist aus den hieher gehörigen belegen das geschlecht meist nicht ersichtlich, und da er sonst das neutrum gebraucht (
s. d.),
so mag für ihn auch eigen gesuch
zu dem verwendungskreise des neutrums gehört haben, das überhaupt von hier aus in das masculinum übergriff. die flexionsformen lassen uns hier im stich, da Luther
in den obliquen casus auch eigen nutz
schreibt: gleichwie er lieben und geben leret also auch leihen, das es alles on gesüch und on eigen nutz geschehe.
werke (
Weimar) 6, 48, 7; die ander bedeutet die geister, die angefangen gott zu dienen und wol etwas mangel leiden, doch nicht ganz, noch ohn eigen geniesz und gesucht sein.
magnificat (1521)
werke (
Erlangen) 45, 230; ein volk auf seinen nutz und gesuch gericht.
postille (1528) 3.
adventepistel 40
c.
nur ein beleg entscheidet für das neutrum: das niemand etwas guts thut on solch eigen gesuch.
werke (
Jena) 5, 397.
als masculinum ist eigen gesuch
nur bis zum ende des 16.
jh. gebucht, vgl. öster. weisth. 4, 20, 9 (
aus 1587)
; es wird durch das synonym eigennutz,
mit dem es sich so oft verbunden, verdrängt (
s. wb. 7, 1026
und 27)
; und andererseits von dem neu ausgebildeten neutrum unseres wortes aufgesogen, vgl. dort ii 1)
b. fraglich ist, wie weit das folgende beispiel hieher gehört: wo doch nicht ist gsuch und genies des acht man nicht das ist gewis. Greff
Lazarus E 4. II@66)
nur vereinzelt ist in den bereich des masculinums die bedeutung eingedrungen, die heute die kennzeichnende des neutrums ist, eines ersuchens, ansuchens. Dief.-Wülcker
führt allerdings schon aus 1362 (
Frankfurter archiv)
an: den gesuch abeslan;
dazu kommt: wie auch alle thörechte frauen thun, die denen, so da wol und hübsch können reden .. jhren thorechten gesuch verwilligen und dadurch zu spott und schanden komen.
buch der liebe 292, 9.
im 18.
jahrh. bekämpft Gadebusch
in seinen '
zusätzen zu Frischens deutschem wörterbuch'
das neutrum von gesuch
und empfiehlt mit hinblick auf besuch
und versuch
das masculinum, vgl. idioticon der deutschen sprache in Lief- und Ehstland. Riga 1795. 77. Weigand
wb. 1, 429
erklärt dieses masc. für mitteldeutsch, und so beruht vielleicht hierauf der vereinezlte gebrauch bei Jean Paul: man findet unsern gesuch unbescheiden.
grönländ. processe 2, 58.
doch ist bei Jean Pauls antiquierenden neigungen auch eine andere erklärung möglich.