krittlich,
adj. zu kritteln. 11)
gebrauch und verbreitung. 1@aa)
im schriftdeutsch nicht häufig, weit seltener als kritteln, krittler : der, der (
beim weintrinken) .. alle kleinen scherze krittlich abwägt. Lichtenberg 1, 331 (2, 44); patrioten und philosophen sind krittliche geschöpfe. Thümmel 4, 551 (144); der zimmermann konnte das kindergeschrei nicht leiden, er ward überhaupt immer krittlicher und unzufriedener. Auerbach
dorfg. (1846) 1, 227.
aber die wbb. geben es häufiger an als kritteln: kritlich
jurgiosus, impatiens Stieler 1029, krittlich,
wunderlich, leicht anstössig Ludwig 1075, krittelicht
rappelicht, wunderlich M. Kramer 1719 2, 128
a (krittlich
in den ausg. 1768. 1787), krittlich,
der leicht zum zanken zu bewegen Frisch 1, 548
a,
und sie alle haben kein kritteln
daneben. Adelung
führt es gar nicht auf, nur unter gricklich
beiläufig grittelicht
als '
oberdeutsch',
d. h. aus Frisch
genommen. 1@bb)
auch sachlich: grittelicht (
s. 2,
a)
controversus, das ist gar eine grittlichte sache,
ingentis praejudicii res est, capitosa est quaestio Stieler 705, ein grittliche sach
res delicata Aler 983
a, eine krittlichte sache
a ticklish or slippery business Ludwig, eine krittelichte
kitzlichte sache
M. Kramer, eine krittliche materie
quod facile lites et rixas movere potest Frisch.
so z. b. pomm. bei Dähnert 255
b ene krittlike sâk,
misliche sache, von der es ungewiss ist ob sie gut oder schlecht ausfällt, vgl. auch unter c, α.
β. 1@cc)
auch die mundarten bieten es weit häufiger als kritteln,
nd. md. wie oberd. 1@c@aα)
nd. bei Dähnert
eben, bei Schamb. 113
b krittelig
zum ärger geneigt, im brem. wb. kriddelig
zänkisch und '
kützlich',
von sachen, '
woraus leicht zank entstehen kann',
verdrieszlich, verworren, nordfries. kreetlagh
zänkisch, nordschlesw. kritjle Kok. 1@c@bβ)
auf md. boden find ichs im osten und westen, schles. kritlich (
und krötlich)
zänkisch Weinh. 47
b,
nass. krittelig
empfindlich, wunderlich, ärgerlich Kehrein 247,
auch in Coblenz Wegeler 28,
westerw. z. b. krittlich in essen Schmidt 91;
auch luxemb. krideleg, '
kricklich, gern tadelnd, unzufrieden' Gangler 256, in
Aachen 'krötlich (
krittlich),
zu Köln krüddelich,
von menschen mürrisch, reiszbar, von dingen kritisch, kitzlich' Müller
und Weitz 131. 1@c@gγ)
als oberd. find ichs nur schwäb., krittlig
und krittig
streitsüchtig Schmid 327;
aus dem Bregenzerwalde gab mir Felder ein krittischer mensch,
der überall schwierigkeiten macht, wobei an eine übernahme des gelehrten kritisch
kaum zu denken ist, vgl. nd. kriddsk,
eigensinnig, zänkisch brem. wb. 2, 870. 22)
andere nebenformen, ursprung. 2@aa)
mit gr-,
wie Stieler 705 grittelicht
rixosus, controversus, freunde müssen undereinander nicht grittlich sein, Frisch 1, 374
a grittlich,
der gerne einwürfe macht und zankt (
s. auch u. 1,
b),
so in den briefen der Elis. Ch. v. Orleans,
die es als pfälzisch, mrh. bezeugen: das ich seider eine zeit her so gritlich
[] und von bösem humor gewesen bin.
bibl. des Stuttg. vereins 88, 15,
v. j. 1681; die sach von monsieur Braun mag ma tante woll gritlich gemacht haben. 432; gritlich und incompatible. 355,
auch 423. 448; dasz ordinarie den alten jungfern eine rewe ankompt, welches sie hernach trawerig und gridlich macht. 279; gridtlich 179. 247. 255.
auch mit einem eignen vergleich: ich schreib eüch jetzt, ob ich zwar heüte schon so gritlich bin wie eine wantlaus (
wanze). 21,
auch 392 (
noch westerw. bei Schmidt 91 der mensch ist so krittlich wie eine wandlaus).
nur ein paarmal mit kr-: wen ich dan von sachen höre, so ich nicht recht begreifen kan, den werde ich blutsleünisch (
launisch) und kritlich wie eine wandtlaus. 239; Valbel .. hat zum könig gesagt mit einen kritlichen thon (
gereizt). 5. 2@bb)
um 200
jahr älter aber grüdlig,
bei Keisersberg,
von ungerwigen mönschen,
die das beichtwee
haben (
eine plage für die beichtiger wovon er öfter spricht): die erst regel ist beichten kurzlich. es ist sollichen grüdligen mönschen nütz, dʒ sie nit haben ein zuo fil enge conscienz, zuo beichten kleine sünd, sunder kurz und in einer gemein die selben sagen.
irrig schaf 1510 4° G ij
a,
in einer andern ausg. grüdlechte (
s. Schilter
thes. 3, 377
b); sollichen grüdligen mönschen ist gar nutz, das sie mit rat irer obren .. handlen wider ire scrupul und grüdelikeit. G iiij
b.
es sind nach der weitern beschreibung religiöse grübler, die ihr thun und denken mit ängstlicher genauigkeit beobachten und so reizbar, nervös, unleidig werden, und jenes gritlich
der fürstlichen Pfälzerin, unser krittlich
ist darin nicht zu verkennen. 2@cc)
dieses grüdlich
gehört weiter zusammen mit eschengrüdel,
der in der eschen grüdlet,
bei dems. (
s. u. aschengrittel, eschengrüdelein),
und grüdlen
musz bedeuten mit den händen stören, stochern, kleinlich arbeiten. daher wol folg. gritlich
von kleiner fingerarbeit: er verwundere sich über seine (
des goldschmidts) gritliche arbeit.
zeitvertreiber 1668
s. 243.
also jenes grüdlig
eigentlich grübelig, wie grübeln
eig. auch von fingerarbeit, dann von ängstlich kleinlichem denken gilt. dasz ü
zu i
ward und gr-
zu kr-,
ist in dem rhein. deutsch vom Elsasz abwärts durchaus begründet, wie im gesamten md., auch d
und t
vor l
wechseln in der aussprache. 2@dd)
aber das erklärt nicht alles. das nd. krittlik, krittelig, kriddelig
hat mit jenem oberrh. grüdlig
nichts zu thun, ihm musz man einen ursprung für sich suchen (
s. kritteln 3,
b).
von beiden aber trennt sich wieder das nrh. krüddelich, krötlich (1,
c, β),
letzteres auch schles., und hess. im 16.
jh.: wie kompts, dasz ihr mich so anfahrt? ihr seit krödlich, ubel zufrieden. Gilhusius
gramm. 49 (Vilmar
hess. id. 228),
es gehört zu krot
beschwerde, verdrusz, s. dort. daher wol auch bei Frisch 1, 548
a krüttlich
neben krittlich,
bei M. Kramer 1719 2, 128
a krüttelicht
neben krittelicht,
auch diesz ü
gieng in mrh., md. aussprache notwendig in i
über. 2@ee)
so erscheint denn das nhd. krittlich
wie aus drei verschiedenen quellen, von drei verschiedenen seiten her zusammengeronnen, der zusammenflusz kann auf mrh., md. boden geschehen sein. in den älteren angaben von gritteln, kritteln (
s. d. 2,
a. b)
scheiden sich die begriffe noch deutlich, das '
durchgrübeln'
schlieszt sich klar an das oberrh. grüdlen
unter c an (
auch das bei kritteln
u. a. lange festgehaltene gr-
könnte eine nachwirkung davon sein),
das '
zanken'
u. ä. findet sowol in der nd. wie in der nrh. quelle seinen anhalt, nur für das '
tadeln'
scheint noch eine vermittelung wünschenswert, wäre sie doch bei criticus
zu suchen? auch für das oberd. krittig, krittisch
u. 1,
c, γ weisz ich keinen rat.