wissenheit,
f. ,
scientia, conscientia, ahd. wizzentheit,
gebildet zum part. präs. wizzend,
in mhd. zeit neben dem häufigeren gewissenheit (
s. d.)
nur vereinzelt bezeugt, dagegen im 16.
jh. weithin gebräuchlich. zu beginn des 17.
jhs. tritt es hinter wissen
subst. (
s. d.)
und wissenschaft (
s. d.)
stark zurück. Chr. Lehman
wählt in seinem floril. polit. (1662)
bereits wissenschaft und unwissenheit
als capitelüberschrift. die spätere zeit hat nur noch spuren. in der gegenwart lebt das wort noch in allwissenheit
und unwissenheit (
s. d.).
die frühneuhochdeutschen dictionarien verzeichnen wissenheit
regelmäszig, vgl. Diefenbach
gloss. unter conscientia 143
c;
peritia 427
b;
prescientia, prescium 456
b;
sagacia 507
a;
scientia 518
b.
bis ins 18.
jh. lebt es in den wörterbüchern weiter: scientia das wüssen, wüssenheit, geleerte kunst Frisius
dict. (1556) 1187; wissenschaft
et nonnunquam wissenheit Stieler
stammb. (1691) 2567; wissenheit
scienza Kramer
dict. 2 (1702) 1368
b;
notio, cognitio, eruditio das wissen, wissenheit, wissenschaft Aler
dict. (1727) 2, 2202
b.
die erste deutsche bibel gibt '
scientia'
stets mit wissenheit
wieder. Luther
setzt dafür erkenntnis,
vgl. genesis 2, 9;
Luc. 1, 77;
1. Cor. 12, 8;
Röm. 2, 20; 15, 14.
in den meisten fällen folgen ihm darin die herausgeber der Zürcher und Lübecker bibel (1531
und 1534).
sie wählen daneben auch wissen (
subst.)
oder freiere übertragungen, doch nie das ihnen wohlbekannte wissenheit
bzw. wetenheit.
bei Otfrid
und im Tatian begegnet wissenheit
nicht, dagegen verwendet es Notker
in ausgedehntem masze, nie jedoch in objectivem sinne, näheres s. Jost Trier
der deutsche wortschatz (1931) 55
f., auch späterhin hat wissenheit
vornehmlich subjectiven charakter. 11)
allgemein als '
kenntnis, wissen': begerende wissentheit der sachen, dorumb sie von seiner gnoden zcum tage waren geladen unnd geruffen (1476)
acten der ständetage Preuszens 5, 286; und soll nemlich dise frag in der peine von andern mitwissenden und auff eine fremmde wissenheit geschehen Beuther v. Carlstatt
praxis rerum criminalium (1565) 70
a; zu deren wissenheit und nachricht
österr. weist. 3, 269, 18; etwas in wissenheit bringen 5, 346, 7; einer sache wissenheit haben 5, 677, 24,
schon bei Melber
voc. (
ca. 1493) e 2
a; H. Fründ
chron. 62
K.; wer die lande Polen, Behmen ... und sonst die gantze welt hat besetzet, ist wenig bei wissenheit der leute Schütz
hist. rerum Pruss. p 1
a; wissenheit tun
gewiszheit geben: he sprach ... nu saltu mir die vrauwen gebin so beneme ich or daz lebin ... do sprach der koning rîche: du sagist mir die wârheit wer tut mir des wizzenheit Eilhart 4282
L.; in präpositionaler verbindung: ane Junonis wizentheit Notker 1, 724, 17
P.; auch mhd. bezeugt, s. mhd. wb.; in der bekräftigungsformel: dusses in ohrkunde, wethenheit, wissenheit, tuchnisse und warheit (1524)
bei Schiller-Lübben 5, 745.
als nähere kenntnis, vertrautheit mit einem gebiete, einem gegenstand: ritterlich übung und rechtens wissenheit und gebruch sich undereinander verbrüdrend Riederer
rhetoric (1493) n 3
a; dann allain die kunst und wissenheit gots macht uns got angenem Wurm v. Geydertheim
Balaams eselin (1523) g 4
b; wie das er on alle wissenheit der buochstaben die göttlichen geschrifften auszwendig gelert und gefasset hab C. Hedio
christl. leer (1532) 1
b; wann der kunst gründtlich wissenheit ist dem armen in diser zeit ein zerpfennig H. Sachs 7, 329
K.; wisheit des rechten ist ein wissenheit des rechten und ungerechten Th. Murner
instituten (1519) 10
b; ander seint uffgeblasen und unnütz worden mit eitteler wissenheit und verstand deren dingen, welche got allein im selbs verborgen haben wil
M. Sattler
brüderl. vereinig. 44
K.; ein christglaubig hertz ... forcht sich dobi, das ihm die wissenhait (
irdischer dinge) nicht mehr schaden bring dan nutz Eberlin v. Günzburg 1, 203
ndr.; hingegen die gereisigen nicht wissenheit oder verfahung der artollerey sich underwinden Fronsperger
kriegsb. (1578) 1, j 1
a; einen durch treffsinnige wissenheit der waren und geübten oder in der natur gegründeten kunst ... bereitteten arsenic L. Thurneisser
magna alchymia (1583) 81; was ist das glück anderst dann ordnung halten mit wissenheit der natur Paracelsus 1, 218
B H.; der artzneiischen wissenheit eitel und lähr
ebda 361
C; gute kundschaft und wissenheit haben,
s. Jelinek
mhd. wb. 965; gründlich verstand und wissenheit einer sachen haben Fischer
schwäb. 6, 900,
vgl. auch die belege bei Ch. Schmidt
hist. wb. der elsäss. sprache 428.
als erworbener wissensbesitz: mit meiner wenigen wissenheit in der natursprache Ph. Zesen
rosenmand (1651) a 10
b. —
ohne inhaltliche bestimmung: weil er das vertrauen zu meiner wenigen wissenheit träget Ph. Zesen
Assenat (1670) 34; er verachtet die künst so keinen nutz brachten, auch die so mehr umb wissenheit dann tugendt zu üben, studieren Zoleckhofer
vilvaltig beschreibung (1564) 51; es sind ihrer mehr, die ihre unwissenheit zu bedecken als ihre wissenheit an tag zu geben wissen P. Winckler
gutte gedancken (1685) g 2
a.
das wissen an sich dem tun gegenüber: keine wissenheit macht euch seelig, sondern dasz ihr in das wissen eingehet und der wissenschaft thäter seid und werdet Jac. Böhme
s. schr. 7, 132.
als '
erkenntnis, einsicht': er (
Lucifer) bechande ane got, daz er sin schephare was. ubir die warun wizzintheit sprach er in sineme muote, mit gedanchin, nuit mit offener stimme, daz er wolti werdin ebinhere dem aller hohistime, sime herrin ...
bei Wackernagel
altd. pred. 3,
fast wie wider besseres wissen.
überleitend zur objectiven bedeutung (
s. u. 4): wie lieblich, ergetzlich und zierlich solche wissenheit einem jeden sei, ist durch vieler anderer schreiben ... bekannt geworden Xylander
Polybius (1574)
vorr. 5
a; dann dieselb wissenheit (
vom jüngsten tag) ist gottes allein Guarinonius
greuel der verw. (1610) 7. 22) wissenheit
nicht als erworbenes wissen, sondern als persönliche gabe, wie '
weisheit, einsicht': so saltu ... dich flîzen, daz din leben ... moge gode lobelich sin ... unde dar zu horent ouch driu dinc, daz eine ist die reinekeit dez herzen und die rechte wiszentheit
bei Adrian
mitteil. 430; sein (
des königs) hohes groszmütiges herze, seine wissenheit in streitlichen sachen, sein groszes glück in allen dingen P. Eschenloer
gesch. d. stadt Breslau 1, 122; doch hoff ich das die wisen all werdent harinn han wolgefall und sprechen usz ir wissenheit das ich hab recht und wor geseit Seb. Brant
narrenschiff 3
Z.; fast wie ein titel: also vele (
an busze) juwe wetenheit wol kan irkennen, dat wi mit eren nemen mogen (1460)
Lübeck. urkundenb. 9, 938,
in einem gesuch des rates von Plön an den rat von Lübeck; von gottes allwissenheit und weisheit: reine gedanke sîn dir kunt, alliu hôchvart sî dir leit wider gotes wizzenheit
Laubacher Barlaam 15979; dann gotts gnad und fürsichtigkeit ist so voll aller wissenheit, das sie nit darff der menschen ler Seb. Brant
narrenschiff 30
Z.; weil dann nun gewisz und wahrhaftig ist, dasz seine wissenheit und macht unendlich, so werden seine gerechtigkeit und gütigkeit dergleichen sein Opitz
Arcadia (1638) 649.
mehr als intellectuelle gabe; vgl. sagacia wissentheit (
md. 15.
jh.) Diefenbach
gloss. 507
a: keiner mag ietz- und weisz geachtet werden, es sei dann ein grecus und künde an ein wand mit kriden schreiben gleich als ob des menschen wissenheit in einer sprach und nit im verstand stecke Laurentius Fries
cartha marina (1530) c 2
b; des dieners übermeszige wiszenheit, hoheit und gewalt Kirchhof
wendunmuth 2, 103
lit. ver.; deshalb mit verwandten begriffen oft zu zwillingsformeln verbunden, darunter das häufige wissenheit und kunst,
das in wissenschaft und kunst
seine fortsetzung findet: darnach erhebt er mich mit mächtigem lob ... mein wissenheit und kunst lobende L. Lavater
historia (1564) 21
b; ausz sollichen argumenten und ursachen kommen ich dahin, das ich achten es seie diese meinung von der seelen unsterblichkeit ... darumb nicht under des glaubens artickel gezellet, dieweil man sie durch die kunst oder wissenheit begreiffen mag H. Pantaleon
warhafftige bestätigung (1571) 71; de redelike unde vernuftighe wetenheit unde verstant des enhebn se nicht Joh. Veghe 54, 40
J.; euer verstandt und wissenheit ... köndten sie weniger verdienen
Amadis 1, 144
lit. ver.; gleichwol kan ich sagen, dasz viel meiner poetischen stücke ... verfärtiget, eh ihr (
der gegner) vermeinte grössere wissenheit und kunst bekant gewesen Weckherlin 1, 294
F. anm.; was mir hat die natur und die erfahrenheit versaget an verstandt, an kunst und wissenheit Opitz
poemata 161
ndr. singulär als '
selbstkenntnis': di heliwin scheidit er von demo chorni: da sihit ein igilichir nach sin selbis wizintheit an demo gotis (suni) imo selbimo lib odir leit
summa theologiae v. 303;
der baum der erkenntnis
heiszt auch baum der wissenheit Stainhöwel
de claris mulieribus 23
lit. ver.; Berthold v. Chiemsee
teutsche theologie 205
R.; die vierdte thorheit war ihr uppich gesicht auf die früchte der wissenheit
buch der liebe (1587) 292
a.
bildlich: durch welche in dir ein gross liecht der wissenheit wurt angezündet C. Hedio
chron. Germ. (1530) q 1
a; weil aber das liecht der wüssenheit verduncklet H. Pantaleon
warh. bestät. (1571) t 3
a. 33)
als '
bewusztsein, gewissen'
: conscientiam wizzanheiti
ahd. gl. 1, 766, 22 (
zu 2. Kor. 4, 2:
commendantes nosmetipsos ad omnem conscientiam hominum coram); tauganiu wizzantheiti unsera sehanti spor (
secreta consciencie nostre videns vestigia)
Murbacher hymnen 24, 13
S.; pihabet warun pantirun kipuntane wizantheiti (
tenebamur vinculis ligati conscientiae) 24, 6; der getrewe gott etwan beweisett und sich etwan verbirgett der wissenhait des innwendigen gesichtes Joh. Tauler
sermones (1508) 19
a; mit luter wyszenhait irer herzen (
in innocentia cordis sui)
bei Diefenbach-Wülcker 906; darumb verdam ich euch albed ausz fürstlicher wissenheit und gwalt J. Ayrer 2351
lit. ver. vereinzelt steht eine erneuerung aus jüngster zeit: für jene zeit umschirme ich mich hier in meines eignen wertes wissenheit Stefan George
Shakespearesonette 55.
die worte der vulgata: in eodem sensu et in eadem sententia gibt die erste deutsche bibel (2, 62)
wieder mit: seint durnechtig in demselben sinne und in derselben wissentheit (Luther: in einem sinne und in einerlei meinung).
vom physischen bewusztsein: den pracht man herhaim auf ainem karren, der leit on sprach und on wissenhait
städtechron. 5, 311.
alt sind die präpositionalen formeln: de industria fona wizzantheiti
ahd. gl. 1, 410, 14 (
quia de industria servatum est tibi 1.
reg. 9, 24);
zum folgenden vgl. mit (ohne) wissen
u. ä. (
s. o. sp. 744): ich bin ez, Jesus Cristus, den du mit barmherzikeit suchest sonder wizzenheit, sit du gelouben ane sist
bei K. Roth
denkm. 57; so aber deren ettlich sind, die hin und wieder louffend gschwind on wuiszenheit und on verstand
schweizer. schausp. 3, 148
Bächtold; besonders in fest formulierten texten: so ih iz bi wizzantheiti dadi so unwizzandi
Lorscher beichte bei Müllenhoff-Scherer
nr. 72
b, 36,
s. auch nr. 75, 29; mit guttem bedocht und unsser gewissen wissenheit (1511)
lehnsurk. Schlesiens 1, 535; so heb wy unse ingheseghele mit unser wetenheit unde witscap ghehenget laten vor dissen brif (1380)
mecklenburg. urkundenbuch 19, 530;
vgl. ebda 20, 398; desz zu einem grossen gedechtnusse so haben wir unser ingesigel mit wissenheit bi uns. cappitels ingesigel gehengt lassen
bei Scherz-Oberlin 2049. 44) wissenheit
in objectivem sinne ist nur spärlich zu belegen. wenn es bei den lexikographen Dasypodius, Golius, Chyträus
und Emmelius
zur wiedergabe wissenschaftlicher disciplinen (
früher als wissenschaft
selbst)
erscheint (
angeführt unter wissenschaft C 1 a),
kann man daraus nicht auf allgemeinen objectiven sprachgebrauch schlieszen: das ferren meer weiszhait, kunst und wissenhait in teutscher dann in italiänischer zunge mit buchstaben verfast ... ist Scheidenraiszer
Odyssea (1537)
vorr. f 4
b; dardurch sie ein ubernatürliche erkenntnusz und wissenschafft aller künst und wissenheit erlangen Äg. Albertinus
Lucifers königreich 76
L.; wie wir ... ersuchten die wissenheit der natürlichen künsten (
mathematicorum disciplinam perscrutantes)
Bebel facet. 1 (1589) 55
b; uber den mond stehet der geflüglete Mercurius ... den suchen sie alle falten ausz, wo etwann ein laus oder lob steckt einer sondern wissenheit und doctrin Abr. a
s. Clara
Judas 2 (1689) 296; solche nothwendige wissenheiten ... und dafür meinetwegen ein paar sprüch und vers weniger H. Kurz
der sonnenwirth (1855) 301. Luther
überträgt Maleach. 2, 7
labia enim sacerdotis custodient scientiam: denn des priesters lippen sollen die lere bewaren;
in der übersetzung seiner captivitas Babylonica lautet sie: die lefftzen des priesters behuten die wissenheit (
s. Bindseil 4, 455
anm.),
worin sich die oberdeutsche herkunft des anonymus verrät. etwas abweichend hat die Zürcher bibel von 1531 (2, 191): dann die läfftzen desz priesters söllend mit wüssenheit und kunst bericht sein.
dem niederdeutschen: wo in Christo alle gades wissheit unde wetenheit is gelegen (B. Rotmann
restitution 9
ndr.)
entspricht das oberdeutsche: in dem (
Christo) do sint verporgen alle die schecze der weisheit und der wissenheit
erste deutsche bibel, Koloss. 2, 3,
ebenso die Wenzelbibel (Luther
dagegen: alle schätze der weisheit und der erkentnis).
vgl. weiterhin: ob ich derkenn alle taugen und alle wissenheit, wan hab ich der lieb nit
erste deutsche bibel, 1. Kor. 13, 2 (Luther: und wüste alle geheimnis und alle erkentnis).