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reiszen

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DWB
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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

reiszen verb.

Bd. 14, Sp. 754
reiszen, verb. vellere. II. Formales. dem starken verbum nhd. reiszen entspricht mhd. rîʒen, ahd. rîʒan (Graff 2, 557), altn. rîta, schwed. rita. vor r ist anlautendes w ausgefallen, welches alts. wrîtan, altfr. wrîta, ags. wrîtan, engl. write noch hewahren. ein goth. wreitan kann aus vrits m. strich, punkt erschlossen werden, vgl. ahd. riʒ m. apex, iota Graff a. a. o. 558. indogermanische verwandtschaft des gemeingermanischen verbums wrîtan ist nicht nachgewiesen. die starke flexion des verbums hat sich ungetrübt bewahrt: mhd. rîʒe, reiʒ, geriʒʒen, nhd. reisze, risz, gerissen. im älteren nhd. ist das präteritum reisz erhalten: da reisz alles volck seine gülden ohrenringe von jren ohren und brachten sie zu Aaron. 2 Mos. 32, 3 (und so immer in der bibelübersetzung); sunder weil er an der pestilentz war gestorben, war er seinem nammen also feind, dasz er das gantz blatt .. ausz dem schuldbuoch reisz. Wickram rollwagenb. 42, 5 Kurz; ich war auch garstig mit dem mund, reisz grobe zoten, flucht darneben. Ringwaldt tr. Eckart (1608) H 3b; ebenso noch im 17. jahrh. vereinzelt: so bald als sie beginnen an schlechter einfalt klein und bauen grosz zu seyn, reisz schand und uppigkeit mit hellem hauffen ein. Opitz 1, 133; die form risz begegnet im 16. jahrh. neben reisz: semlichs geredt, risz er jr die handzwehel vom kopf und mit beiden feisten fieng er an zuo schlagen. Wickram rollw. 77, 7 Kurz. im 17. jahrh. ist risz die gewöhnliche form: ich reisse, ich riss, gerissen. Schottel 591, daneben risze Stieler 1591: die kranken macht er frisch und stark und risse, was schon lag im sarg, dem tod aus seinem rachen. P. Gerhard 30, 7 Gödeke; neben risz auch riesz, beispiele aus Dietenberger bibelübers. bei Kehrein gramm.2 1, 251; (er spielte) mit den Johannissbeerblättern, und riesz eines nach dem andern vom stocke. Chr. Weise erzn. 75 neudruck; der pfaff, der bliesz, kunt im kein antwort geben, sich von im riesz und was dem dieb nachstreben. H. Sachs meisterl. 121, 37 Gödeke; sie warff die hauben gar geschwind vom kopff herab und riesz die haar. Rist poet. lustgarten G 5. für die participialform gerissen ausnahmsweise blosz rissen: mit der keuschheit flieht der geist davon, wie der balsam aus zerknickter rose, wie aus risznen saiten silberton. Schiller 1, 190. IIII. Bedeutung. die älteste bedeutung ist einritzen, linien ziehen, im feldbau, vgl. altn. reitr m. die furche: sô daʒ veld underriʒen wirdit. Notker bei Graff 2, 557; besonders vom einritzen der runen oder sonstiger zeichen, bilder auf holz, stein, metall u. ähnl., ags.: on þæm (schwertgriffe) wäs ôr writen fyrn-gewinnes. Beówulf 1689. dann übertragen vom schreiben auf pergament, vgl. engl. to write; altfries.: hy is schyldich dyo peen to bytellien, deer in da forwirda ut-writen sint. Richthofen 1161a; alts. it is giu sô oBar is hôbde giscriBan, wîslîko giwritan. Hel. 5560. ebenso ahd., die alte bedeutung tritt bisweilen lebhaft hervor: selbo druhtin nidar sahtho man zimo thiʒ gisprah; in erdu tho, so man weiʒ,mit themo fingare reiʒ. Otfrid 3, 17, 35. mhd. des morgens maʒ der werde die wîten und die lenge geriʒʒen ûf die erde. jüng. Titurel 6146; Wolfram ein kriuze vür sich reiʒ. Wartburgkrieg 114, 1. im nhd. ist dieser gebrauch von reiszen eingeschränkt auf zeichnung, radierung u. ähnl. vgl. risz, umreiszen, umrisz, reiszbrett, reiszfeder. II@11) eine zeichnung, einen plan reiszen. die ursprüngliche bedeutung noch zu erkennen: dasz man die platte mit dem ganzen chemischen grunde überdeckte und mit einer nadel die lichter herausrisz (bei der glasmalerei). Göthe 43, 101; jr solt kein mal umb eins todten willen an ewrem leibe reissen, noch buchstaben an euch pfetzen. 3 Mos. 19, 28. zeichnen, zunächst vom holzschnitt und kupferstich, dann freier in modernem gebrauch besonders vom zeichnen von plänen: 1566 erschien zu Frankfurt am Main schöne und kunstreiche figuren uber alle fabeln Esopi, allen malern, goldschmiden und bildhauwern zu nutz gerissen durch Vergilium Solis, so sein letzter risz gewest. was ich hierinnen setze, das meine ich von der groszen mappen, so ich selber auf das holz gerissen. Hennenberger preusz. landtafel (1595) 7; ehren lied an eben denselben über vorgedachten künstlich gerissenen kalender. Rist Parnasz 476; denn er (der Dürer) allein mit schwartzen linien und strichlein, alles das, so ihm vorkommen, ohn allen behülf der farben, dermassen lebhaft und künstlich gerissen und gestochen ... Schottel 1165; eine blume reiszen. Adelung; die bauleut dir gerissen habn, wie du wilt machen ein stadtgrabn. J. Ayrer 12d (78, 4 Keller); ... auch ist bey euch in gunst die schwester der natur, die schöne mahlerkunst: urtheilet recht und wol, was gute meister heissen, und was gesudelt sei; könt selber artlich reissen. Opitz 1, 135; Archimedes reissen mahlen künstlichs messen und mit zahlen alles rechnen ausz geschwind. Rist Parnasz 479; so hat auff dieses mahl der adler euch gefallen, herr Tammke, dasz ihr ihn gerissen nach der kunst mit eurer klugen hand. 475; in Kärnten das bauholz mit der rötelschnur dort bezeichnen, wo es behauen werden soll. Lexer 207. II@22) von der technischen bedeutung übertragen scheint der ausdruck possen, witze, schwänke, zoten u. ähnl. reiszen, ursprünglich wohl eine possenhafte gestalt zeichnend entwerfen (vgl.posse 7, 2014 und bosse 2, 262): das man der schrifft zuweilen einen spruch abborget und reisset damit einen bossen. Luther 5, 167a; ja neulich zu alten Olting, hat Canisius dem teuffel keyn ärgern bossen reiszen können. Fischart bienenk. 176b; der teuffel reisz im manchen possen. M. Neander vom sel. absterb. 28; halt, ich will dir ein practica reissen. Lindener Katzipori 101 (94 Lichtenstein); ein unerhörter fratze, von einem kramer, Hans im kittel genandt, geryssen. 96; darum so reiszens solch zotten und solch figuren, dasz mit ihnen die kurzweil vertrieben wirdt und nicht mit gott. Paracelsus (1590) 9, 95; der posse, den ich meinem kostherrn mit dem hasen risz, war mir nicht genug. Simpl. 1, 355 Kurz; schalcksnarren unnd singer, welche unzüchtige lieder singen, prillen reiszen, grobe zotten und possen treiben. Albertini narrenh. 12, vergl. theil 2, sp. 383; ein krumbe hahnenfäder, von einem edelman einem münche gerissen. Lindener Katzipori 195 (125 Lichtenstein); dasz man, wegen der nahen verwandtschaft eben so gut suiten reiszen sagt, als possen reiszen. Göthe 25, 114; so hatten denn auch muthige studenten die gewohnheit, während der ferien schaarenweis das land zu durchziehen und nach ihrer art suiten zu reiszen. 23, 108; reime reiszen, reime aus dem stegreif hersagen Campe; was reist dann also unnütz zotten? H. Sachs fastn. sp. 2, 103, 289 neudruck; reisz seltzam schwenck, zotten und bossen! so wirst den leutten angenem. 1, 102, 125; wo er nur kund, ein possen reisz. Ringwald spec. mundi (1590) J 4a; du hast vil grober stück gerissen. Grobian. v. 85 neudr.; ir wolt uns da faul zotten reissen. 2521; und reisz als mit ein guoten schwanck so machst du jn die weil nit lanck. 711; das müszt ir selbs am besten wiszen was ir für bossen habt geriszen. Rebhun Susanna 5, 3 (s. 87 Tittmann); übers haupt habn wir ihn possen grissen. Opel u. Cohn 105, 26; diejenigen .. die wildwesen einführen, stutzen, prahln, brillenreiszen. 416; mein gröszte freude ist ein poss, ein schwank zu reiszen, eine zoten. Tieck 1, 101. II@33) in weiterer freierer anwendung. II@3@aa) durch zerren, ziehen in schnelle bewegung versetzen. II@3@a@aα) mit bloszem object, gleich fortreiszen: victoria brüder, schrecken reiszt die faigen glieder! und seine fahne sinkt. Schiller 1, 233; bald erhebt sie (des kampfes wolke) schnell ein windstosz wieder, der reiszt und wirft die schlacht. Tieck 1, 377; unaufhaltsam reiszen die wogen, reiszen die zeiten unglück und glück. 10, 394. II@3@a@bβ) mit adverbialen fügungen: heraus-, hinweg-, fort-, auseinander-, hin-, hin und her-, nieder-, entzwei-, zurückreiszen. da musz ich einen starken possen reiszen, bis ich mich heraus reisze. Luther tischr. 221a; mordjo! mordjo! — Schweizer — Spiegelberg — reiszt sie auseinander. Schiller 2, 300 (räuber, trauerspiel 4, 13); der herr hat meine feinde fur mir von einander gerissen, wie die wasser reissen. 2 Sam. 5, 20; des generals tod reiszt den sieg mit hinweg. Stieler 1592; Emanuel, erscheinst du mir? rief bebend Horion und risz seine thränen herab. J. Paul Hesp. 1, 248; der apotheker, welcher bisher schon vor den bleich gezeichneten himmelkarten seiner hoffnungen geblendet und wie auszer sich gerissen stand. komet 2, 96; deszgleichen soll dir auch gerhaten wo man jung färcklin hat gebraten. saum dich nit lang, und reisz hinwegk ein wol geferbten breiten fleck. Grobianus 4385; zwar jhn kein schmerz abnagt das hertz, augen nichts beisset, gar kein unstandt jhnen von handt das glück nit reisset. Melissus bei Opitz (1624) 170; und ich faszte das messer, das krummgebogene, scharfe, trennte schneidend, und risz ranke nach ranken herab. Göthe 1, 324; du reiszest mit diesem geflechte das du gewaltig zerstörst, grausam das leben mir aus. ebenda; wie er, sie schauend, im tiefsten entflammt ist, zieht sie, ach! reiszt sie ihn ewig zurück. 40, 411; man reisse sie von hinnen. Schiller Tell 4, 3; übertragen auf geist, sinn, herz: mein gegenstand reiszt mich dahin. Schiller 5, 2, 311 (don Carlos 3, 10); der knabe ging zu jagen und es treibt und reiszt ihn fort. werke 11, 403; den geist, der im ganzen corps thut leben, reiszet gewaltig, wie windesweben, auch den untersten reiter mit. Wallenst. lager 6; und wollt ihr ruhig lauschen, laszt mich die kleider tauschen: im schmuck nur reiszt Apoll mich hin. A. W. Schlegel bei Wackernagel leseb.3 2, 1323. II@3@a@gγ) mit bezeichnung des ausgangspunktes, in sinnlicher bedeutung: man reisset beche aus den felsen. Hiob 28, 10; gleich wie ein hirte dem lewen, zwey knie, oder ein ohrleplin aus dem maul reisset, also sollen die kinder Israel eraus gerissen werden. Amos 3, 12; inzwischen weil er nichts zu reden hatte, spielte er mit den johanniszbeer - blättern und riesz eines nach dem andern vom stocke. Chr. Weise erzn. 75 neudr.; sich die haare vom kopfe reiszen, einen zahn aus dem munde reiszen; reiszt sie von meinem halse! tödtet sie. Schiller 2, 196 (räuber, schausp. 5, 2); reisz ihn vom krucifix, wenn er betend vor ihm auf den knien ligt! 5, 4; hab mit mein schlüsseln mich geflissen, das tischtuch von dem tisch gerissen. H. Sachs fastn. sp. 5, 64, 251 neudr.; risz den wunden rittersmann aus seiner ruhestelle, risz ihm das bubenherz heraus. Hölty 34 Halm; jetzo eilet' ich selbst, und das schwert von der hüfte mir reiszend, haut' ich die haltseil' ab des schwarzgeschnäbelten meerschiffs. Voss Od. 10, 126; graf Terzkys regimenter reissen den kaiserlichen adler von den fahnen, und pflanzen deine zeichen auf. Schiller Wallenst. tod 3, 16; und der meister risz aus der scheide den stal. Arndt ged. 57. in bildlicher oder freierer bedeutung: so wil ich auch das königreich von dir reissen und deinem knecht geben. 1n. 11, 11; er wird dich reissen aus dem weiten rachen der angst. Hiob 36, 16; Christus wird selbs seinen namen von euch reissen. Luther 3, 117b; das er (Carlstadt) helle klare wort, beide aus den augen und ohren reissen wil, on alle schrifft, reden und zu setzen, wie es jn dünckt. 3, 64b; denselbigen gibt die besoldung kaum das saltz, und aus harter mühe reissen sie kaum so viel darvon, dasz sie den hunger stillen. Schuppius 712; der uns so einen fetten bissen aus dem munde gerissen hat. Lessing 1, 305; geschwind reiszen sie mich aus meiner ungewiszheit. 2, 46; Laertes risz ihn aus seinem nachdenken, und führte ihn auf ein kaffeehaus. Göthe 20, 105; ich bin eben darum in einiger besorgnisz, woraus mich die gefälligkeit meines freunds Doria reissen könnte. Schiller Fiesko 3, 10; und ihr musz ich diesen Karl aus dem herzen reissen, wenn auch ihr halbes leben dran hängen bleiben sollte. räuber (schauspiel) 1, 1; aber wird es uns auch aus dieser vermaledeiten lage reissen, was du wagen wirst? 1, 2; geliebter Fenk! dein herz reiszet mir niemand aus meiner brust. J. Paul uns. loge 2, 57; das risz blut aus Victors herzen. Hesp. 3, 161; irgend eine hand risz vor einer stunde seinen innern menschen aus der engen schläfrigen wiege der kindheit auf. Titan 1, 110; aus jemandes händen, armen reiszen; darzu der könig haben wolt, dasz ich auff seinen sohn warten solt, und den zur zucht und tugend weissen, das bösz von sein gedancken reissen. J. Ayrer 169d (844, 30 Keller); er wird uns reiszen aus den banden dieses leibs und allem bösen. P. Gerhard 277, 94 Gödeke; ja hier hältst du, herr, deine ruh bei uns, die nach dir heiszen, und bist bereit, zu rechter zeit uns aus der not zu reiszen. 216, 133; eilt jhr stunden! bringt mein ziel mit euch her getragen, dasz mich reisst ausz diesem orth, der nur stürmt und netzet, und mich an den himmelsport seeliglich auszsetzet. Königsberger dichterkreis 82 neudruck; das schrecken, das mich aus mir reiszt, weicht, als der geist mich ruft und winket. E. v. Kleist 1, 132 (Körte); ach, Salomo, aus welchen leiden reissest du mich! Klopstock 9, 146; sie schaut, und da sie so, wie aus sich selbst gerissen, so unersättlich schaut, kommt sie ein lüstern an. Wieland 10, 152; reisze mich aus diesem zweifel. 26, 32; sagt, edler ritter! wie erging es euch, in diesem feindlichen, unholdem lande, seitdem man euch von meiner seite risz? Schiller M. Stuart 5, 6. II@3@a@dδ) mit bezeichnung des zieles. in sinnlicher bedeutung: er wird zum grabe gerissen. Hiob 21, 32; so soll das gantz Israel stricke an die selbige stad werffen, und sie in den bach reissen. 2 Sam. 17, 13; sie reiszt ihre kinder zu boden. Schiller Tell 4, 3; die hund, die kamen on geferd ins selbig tal, rissen zur erd den esel .. Gödeke-Tittmann liederbuch 112; nie hat Charibdis schlund so jämmerlich viel volks gerissen auf den grund, als dieser krieg gethan. Rist Parnasz 835; nur mich zum tod und leiden, mich reiszet ohn verbot. Spee trutzn. 33, 125 Balke; Daphnis, freundlich in gebärden, seufzet mit gar sanftem sinn. bald man reiszet ihn zur erden. 174, 121; nach jagt' ich ihm, erreicht ihn auf der flucht, und risz ihn zu den füssen meines vaters. Schiller Tell 5, 1; morgen sie (die welle) reiszt ihn brausend ins grab. Arndt ged. 134; hussa! rief der herr. die hunde fielen wie die löwen drauf: aber — rechts und links hin flogen sie gerissen in den schnee. Müllner schuld (1821) 3b. in freierem gebrauch: dasz er nur mit einem wort und in einem augenblick die ganze welt könnte in einen haufen reissen, gleich wie ein töpfer einen topf zubrechen und zuschmettern kann. Luther tischr. 2, 1; ist gnug das wir wehren, das sie die heiligen schrifft nicht mügen auff jren thand reissen. werke 1, 396a; das studium der metaphysik machte ihm zuletzt alle wahrheit verdächtig und risz ihn zum andern extrem über. Schiller 1, 109; dasz weiber von welt und die sonne, die planeten unter dem schein, sie in einem kreise um ihre stralen herumzulenken, in der that in einer feinen schneckenlinie zu ihrer brennenden oberfläche hinanreiszen. J. Paul uns. loge 3, 7; jeder risz seine hintersassen und die freien seiner landschaft in seinen kampf. G. Freytag bilder 114, 470; er sprach: den jeger reisz zu tot, er wil die tierlein in dem walde fahen. H. Sachs meisterl. 140, 31 Gödeke; allein es risz, vor allen andern, den an- und fast durchstralten sinn, ein vorwurf, der sie übertraf, durch seinen schimmer auf sich hin. Brockes 9, 363; es schwillt der lüste strom, der den betäubten geist in das gethürmte meer der bangen unruh reiszt. Lichtwer 194; die tugend ... ... die nur allzu oft den ihr geweyhten geist, von grossen thaten ab, zu kleinen scrupeln reiszt. Lessing 3, 347; jeder sekundenschlag reiszt uns dem sterbebette näher. Hölty 106 Halm; ein süszer blick, ein wink, ein nick reiszt mich zur himmelssphäre. 202; reisz mich, flügelgeschwind, über die wolkenbahn, in den goldenen sternensaal. 72; wo sind wir hingerathen! meine tochter! wie hat der sonderbarste zufall uns auf einmal weggerissen nach dem ziel. Göthe 9, 270; den edelsten rissen zum kriege unbegränzte begier nach ruhm und die bande des schicksals. 40, 350; darum verzeiht dem dichter, wenn er euch nicht raschen schritts mit einem mal ans ziel der handlung reiszt. Schiller Wallenst., prolog 119; meine Laura! nenne mir den wirbel, der an körper körper mächtig reiszt. werke 1, 209; wohin reiszt euch der schwindel? M. Stuart 2, 8; was reiszt ihr (gedanken) mich durch aller himmel himmel? Arndt ged. 406; es reiszen mich ketten zu dir! zu dir! Tieck 10, 229; zwar des leidens ganze bürde risz mich oft schon halb zu boden. Platen 83. mit infinitiv: seyt zubekennen jr mich rayszt, Hans Unmuot auch mein namen hayszt. J. v. Schwarzenberg 151. II@3@a@eε) besonders häufig mit sich, an sich (dafür in älterer sprache zu sich), von sich reiszen: der heillosen geizhälse schuld, die alles zu sich reissen. Luther tischr. 2, 89; und ein jeglicher zu sich reisse, was er erhäscht. briefe 2, 383; (die Orlamünder) stellen sich, als geben sie einen dreck auff jren natürlichen erbherrn und landsfürsten, des gut und recht sie frey zu sich reissen. werke 3, 48b; hett er mögen alles zu sich reiszen, er hett es gern gethan. Agricola sprichw. 6b; die königlichen beamten rissen die landschaften, denen sie vorstehen sollten, als ein erbliches eigenthum an sich. Schiller 7, 27; alles entschied in ihm (Albano) den vorsatz, eine einsame minute an sich zu reiszen und darin vor Lianen den schleier von seiner seele zu werfen und von ihrer. J. Paul Titan 2, 205; sol das denn recht gesegnet heissen, ein freyes herz nur an sich reissen? Königsberger dichterkreis 213 neudruck; wie jeder mich an sich zu reiszen strebte, jeder mich zu fassen, so stöszt mich alles weg und meidet mich. Göthe 9, 217; denn dieser königliche (Wallenstein), wenn er fällt, wird eine welt im sturze mit sich reiszen. Schiller Piccol. 5, 3; und als wollte sie (die flamme) im wehen mit sich fort der erde wucht reissen, in gewalt'ger flucht wächst sie in des himmels höhen riesengrosz! werke 11, 312. II@3@a@zζ) reflexiver gebrauch: sich auf-, los-, fort-, weg-, hervorreiszen, aber auch ohne solche zusätze sich reiszen, schnelle bewegung machen: er aber reis sich von Saul. 1 Sam. 19, 10; sie reiszen sich gewaltig, dasz sie starck schreyen, toto corpore contentioni vocis asserviunt. vocab. von 1618 bei Schmeller 2, 145; das zischende, dampfende, wirbelnde, kochende gewirre risz sich von einander. Klinger 5, 367; er risz sich durch Maienthal. J. Paul Hesp. 4, 130; verwar in (den Ichabot) auch mit gutem vleisze auf das er sich von dir nicht reisze. Rebhun Susanna 5, 3 (s. 87 Tittmann); als wie der wällen flutt, die an den fölsen schmeisst, und ruck-warts widerum sich von den fölsen reisst. Rompler v. Löwenhalt 81; mit wass gebärden er mir seine wunden weiss und wie in seiner brust das hertz sich reisz und schmeiss. 80; ist Cato gleich berühmet, so fällt er endlich doch in ungerechtigkeit, umb dasz er ausz der welt sich reisset vor der zeit. Opitz 3, 293; da sich mein geist ... zu seines ursprungs gottheit reiszt. Drollinger 16; so reiszt sich durch den wald der stärkere sturm. Klopstock Mess. 14, 663; (Satan) reiszet ergrimmt durch die pforte sich. 2, 275; er hatte zween söhne .. diese rissen, vom haufen gesondert, sich ihm entgegen. Stolberg 11, 143; allein das wunder reiszt sich schnell vom boden auf, gebietrisch mir den weg vertretend zeigt es sich. Göthe 41, 187; da risz die göttliche Here schnell vom sitze sich auf. 40, 352; begeistert reiszt euch durch die nächsten zonen in's all und füllt es aus! 1, 141; vom mädchen reiszt sich stolz der knabe. Schiller 11, 307; entfliehe, sag' ich, ohne wiederkehr, reisz dich von dannen, fort und reinige vom greuel deines anblicks meine staaten. Phädra 4, 2; zitternd meinem zorne risz sich die schaar herfür. Tieck 1, 377; es reiszt ein strom sich durch die englischen (das engl. heer). 1, 375; ihr kraftgesang soll himmelan mit ungestüm sich reiszen. Claudius auswahl d. lieder 9; sich reiszen in älterer sprache soviel als sich beeilen, schnell laufen: saget der fuohrman: .. 'ich will aber wol selbst lauffen.' der papyrer spricht: ja, du muost dich aber reyssen, es ist von nöthen. Lindener Katzipori 209 (129 Lichtenstein); in die welt, wer vor soll gehn, musz der höchste heissen, in der welt, wer vor soll gehn, pflegt man sich zu beissen, ausz der welt, wer vor soll gehn, wil sich niemand reissen. Logau 2, 192, 86; sich mit jemanden reiszen, sich balgen, prügeln: das du auff dem bette müssest ligen, und dich lange mit deinen sünden, mit dem tod und teufel reissen, beissen, kempffen und ringen in aller fahr und not. Luther 4, 478b; lässet sie bey allerley wollüsten und nachtdäntzen herum schweiffen, und sich mit jungen gesellen und andern fremden männern reissen, und allerhand gauckeley küssen und leckens unter einander treiben. Schuppius 511. II@3@bb) an etwas heftig zerren, ziehen und dadurch verletzen, zertheilen oder doch in diese gefahr bringen. II@3@b@aα) etwas oder an etwas reiszen: als ich das leichenläuten seinetwegen hörte und daran dachte, wie die wittwe im stummen kirchthurm mit rinnenden augen das seil unten reisze. J. Paul uns. loge 3, 174; er sticht sich erstlich selbst, und als man ihn verbunden, musz doch dasz pflaster fort, er reisset in die wunden. Opitz 3, 293; tief unter ihm klettern die ziegen an jähen wänden von stein und reiszen an bitterm gesträuche. Kleist frühling (1754) 35; er risz mich warlich derbe in den haaren. Tieck 1, 214; in bildlicher anwendung: der hunger risz an ihm, der durst brannte an ihm. J. Paul Quint. Fixlein 42; der himmel und Ferdinand reissen an meiner blutenden seele. Schiller kab. 1, 3; (ich) .. will reiszen, will mächtig reiszen an dem vaterherzen. don Carlos 2, 2 (werke 5, 2, 199). II@3@b@bβ) aus dieser bedeutung ist die redensart sich um etwas reiszen abzuleiten: man zerrt und zaust sich um den gegenstand, den man vor anderen zu erlangen wünscht: wenn man etwas wil anzeigen für pündigs, darum sich yedermann ryszt als umb das lieb gelt, wyn, wyber, fasznacht und spricht man haec Helena. Franck sprichw. 2, 83b; sprichwörtlich: man reiszt sich umb jhn, wie umb die marterwochen. 1, 117b; und merckt, das umb solchs herlichs büchlein eyn grosz reiszens. Fischart bienenk. 5b; wie offt reissen sich solche untaugliche umb dergleichen ämpter. Schuppius 722; ja wohl, sie werden sich sehr um mich reissen, wie umb das saure bier. Chr. Weise erzn. 71 neudr.; verkleidet erschien er (Friedrich) in der Unterpfalz, um welche Mansfeld und der bayrische general Tilly sich rissen. Schiller 8, 111; es musz ein fürchterliches reiszen darum (um den almanach) sein und wir werden wohl auf eine zweyte auflage denken müssen. an Göthe 223; in Berlin .. sei zwar groszes reiszen darnach. 228; erst rissen sie sich all drei um den alten man, ein iede wolt den vatter bei ir han. H. Sachs meisterl. 285, 44 Gödeke; was haben die herrn vom regiment sich um das niedliche lärvchen gerissen. Schiller Wallenst. lager 5. II@3@b@gγ) ebenfalls von der bedeutung α abzuleiten ist der medicinische gebrauch von reiszen und dem substantivisch gebrauchten das reiszen: es reiszt mir in den gliedern; und im rennen fiel er von dem wagen so hart, dasz jn in allen seinen gliedern reis. 2 Macc. 9, 7; eine andre gute salbe vor schmertzen und sonderlich vor das reissen in gliedern. Eleonore von Troppau granatapfel (Nürnberg 1731) 80; wenn man ein reissen an den kindern merkt. 327; ein säcklein, in ruhren, und andren reissen zu gebrauchen. 391; aus rheumatismus hat die volksetymologie reiszmatismus gemacht. Andresen volksetym.4 99; du wirffst dich umb im bett allein, als ob dich reisz der harmstein. H. Sachs fastn. sp. 1, 86, 138 neudruck; das marck verschwindet aus, dasz reissen macht mir bange, das meine beine kreischt. P. Fleming ged. 16; mir reiszt es in den gliedern. Tieck 10, 331. in übertragenem sinne sagt man auch: verzweiflung, angst, gram, schrecken u. ä. reiszt jemanden: der unsauber geist reis jn. Marc. 1, 26; Gelanor sagte, ihr lieber mensch, reissen euch die contradictoria so sehr im leibe? Chr. Weise erzn. 163; doppelsinnig: der reiszende gram hatte ein gemälde seines sterbens entworfen, und er hatte den risz gebilligt. J. Paul Hesp. 4, 129. II@3@b@dδ) durch zerren, ziehen verletzen, verwunden; zerstören, plagen, martern; absolut: mhd. er hât gar scharpf klâen geschickt ze reiʒen und ze vâhen. Megenberg 167, 33; diu taub reiʒt nicht mit irm schnabel. 179, 27; das er je ein fleissige warnung thet, die wir teglich für augen hetten, uns zu hüten, und fliehen für menschen gesetzen und geboten, als für dem grösten unfall auff dieser erden, da nichts hübschers gleisset und nichts grewlicher reisset. Luther 1, 501a; so geben sie (die schwärmer) wol zu verstehen, was sie für einen geist haben, als der nur brechen und nicht bawen, reissen und nicht heilen wolle. 3, 441b; und gleich wie ich uber sie gewacht habe, auszureuten, zureissen, abzubrechen, zu verderben und zu plagen, also wil ich über sie wachen zu bawen und zu pflantzen, spricht der herr. Jerem. 31, 28; sein grim reisset, und der mir gram ist, beisset die zeene uber mich zusamen. Hiob 16, 9; es rotten sich die hinckende wider mich, on meine schuld, sie reissen und hören nicht auff. ps. 35, 15; dannoch man in kûme behielt, swAe er sîn selbes indert wielt dâ beiʒ er vaste unde reiʒ. passional 163, 85; mit object: das hat jn (Carlstadt) gott gezwungen von sich selbs zu reden, damit jederman sehe, das er ... willens gewesen sey, mit solchem wahn zu der schrifft lauffen, und dieselbige beugen, reissen und martern auff solchen seinen dünckel. Luther 3, 63a; ist er (Carlstadt) aber nicht der man, so sihestu, wie jn der teufel reit, das er gottes wort reisst, setzt, endert, deutet, martert nach seinem mutwillen. 3, 64b; da waren d. Eck drey heilige tag nicht gnug, mich mit meinem sermon zu reissen, und für allem volck zu schmähen. briefe 1, 317; ihn schleppt man aus, nachdem er zuvoren mit glüenden zangen gerissen ward. Hennenberger preusz. landtafel (1595) 82; der falk reiszt den raub mit der hinteren klaue. Heppe jagdbuch (1784) 3, 196; wer sich hie nit will kratzen lon, den wird man dort mit zangen reissen. Murner Badenfahrt 13, 48 Martin; du den bären, löwen, drachen fertig warest auf der haub, riszest ihnen schlund und rachen, nahmest wieder allen raub. Spee trutzn. 175, 167 Balke; rissen seine füsz und hände weiszer als das helfenbein, rissen seine seit behende, schlugen zähn und tappen ein. 199, 41. in dieser bedeutung ist das part. präs. zum adjectiv geworden: reiszende tiere. ein reissend tier hat Joseph zurissen. 1 Mos. 37, 33; wan bei tage sich ein reiszendes tier sehen lesset, dan komt (in Ethiopien) alles ins gewehr, was gewehre führen kan. Dapper-Zesen (1670) 623a; reiszende wölff und lemble milt. Schwarzenberg 129, 2. II@3@b@eε) in stücke zertheilen, zerreiszen: er (der donner) hillt auch oft sam der ain leinein tuoch nâch der leng riʒʒe, daʒ ist wenn er nâch der tiefen diu wolken und den luft reiʒt. Megenberg 93, 1; die sklaven werden ihre ketten reissen. Schiller Fiesko 5, 2 (werke 3, 137); und wenn kein grosser hecht hier in die darge beiszt, so gilt mein giebelfang (fang von kleinen fischen) der offt das netze reiszt. Canitz 118; wer, o tochter, so der zunge läszt den zügel, reiszet auch der ehre zaum. Herder lit. u. kunst 5, 110; das kränzel reiszen die buben ihr und häckerling streuen wir vor die thür. Göthe 12, 188; was haben die unschuldsvollen bande dir gethan, die du mit höllischer geschäftigkeit zu reiszen dich beeiferst? Schiller don Carlos 4, 13. mit ausdrücklicher bestimmung, in stücke, in fetzen reiszen: und reisz jn (den mantel) in zwelff stück. 1n. 11, 30; dessen fleisch will ich in stücken reissen. Schiller räuber (schauspiel) 4, 5; mit deiner unsichtbaren blutgen hand durchstreiche, reisz in stücken diesen groszen schuldbrief. Macbeth 3, 5; da hob die löwinne sich von der erde und risz in stück den buben alsobald. Tieck 1, 158. mit jemandem reiszen, wie mit jemandem brechen: vollbracht ist die that! ich hab' mit den menschen durch mein eigen leben gerissen. Klinger 2, 233; sieh' herauf auf Medea, die sie (die kinder) ermordete, die mit den sterblichen furchtbar risz. 2, 241; auf den knien fleht' ich dich, du möchtest meiner dich erbarmen, und nun hab' ich gerissen! ebenda. II@3@b@zζ) mit innerem object, einen risz, ein fach, eine lücke, spalte u. ähnl. reiszen: warumb hastu umb deinen willen solchen risz gerissen? 1 Mos. 38, 29; nu ist der aufzug (aufschub) die länge fährlich, dasz der satan durch bose zungen die sach auf beiden seiten bitter und ärger mach und zuletzt ein boses fach reiszen mocht im pöbbel. Luther briefe 2, 380; nu er aber sihet, das man ein loch in sein regiment wil reissen, wehret er auff allen seiten. werke 4, 145a; canonen, so die allerstärkste bresche schüssen und die weitesten lukken und löcher reissen können. Butschky Patmos 729; langsam zieht er zur flur und reiszet seitlang die furchen. Zachariä 2, 8; spalten risz ich in die felsen. Göthe 5, 273; lücken reiszt die streifende kartetsche. Schiller 1, 232; im passiv: ja, und durch barmherzigkeit ist ein weiter risz gerissen, welcher volk und land entzweit. Arndt ged. 382. II@3@b@hη) technische ausdrücke, bei den jägern: reiszen oder werfen heiszt dieses, wenn ein wolf etwas gefangen hat, alsdann wird gesprochen: der wolf hat gerissen oder geworfen. Heppe wohlr. jäger (1763) 241; im weinbau: den wein reiszen, das überschüssige holz an den stöcken abschneiden. Stieler 1591; im bergbau: feuerreiszende steine sind solche, welche bei rascher und scharfer berührung mit eisen funken erzeugen. Veith bergwörterb. 184; gestein ... welches sehr zähe ist und sich daher wenig reiszen läszt. ebenda; kupfer reiszen, die kupferscheiben, welche sich durch erkalten der oberfläche bilden, von der noch flüssigen masse abheben. Jacobsson 3, 364b; leinwand, seide reiszen, beim verkaufe nach der elle, wo nur ein kleiner schnitt in die ware gemacht, das übrige vom stück abgerissen wird. 7, 59a; holz reiszen, spalten: thürstöcke, welche meistens aus gerissenem holze bestehen. Veith a. a. o.; bäume reiszen oder harz reiszen, die rinde an den fichten etwa drei finger breit an den bäumen losmachen und abschälen, zwei hand breit darüber wieder einen streifen abschälen und so weiter, bis der ganze baum gerissen ist; pferde reiszen, hengste verschneiden oder ihnen in gewaltsamer weise ihre zeugungskraft benehmen; federn reiszen oder schleiszen, den weichen flaum vom kiel reiszen; wolle reiszen, eine art, die wolle zum weben vorzubereiten; reiszen, stechen, im kartenspiel Frischbier 2, 221b; den acker reiszen, ihn zum ersten male pflügen, aufbrechen. II@3@b@thθ) zum adjectiv geworden ist auch das part. pass. gerissen, in der neueren sprache steigerung von gerieben (sp. 564): ein gerissener mensch; jemand ist (oder handelt) gerissen; wol von der technischen bedeutung von reiszen (η) ausgehend, die zugleich das verfeinerte in sich schlieszt. II@44) intransitiv. II@4@aa) schnelle reiszende bewegung machen: mhd. reht als der wilde dunerslac von himel kæme geriʒʒen. Ecken liet 105, 9. nhd. II@4@a@aα) absolut: bachari reissen Dief. 65c; ich wil einen windwürbel reissen lassen in meinem grim. Hes. 13, 13, vgl. auch einreiszen; es blitzt und donnert, stürmt und kracht, die fluthen reiszen über. Göthe 10, 250; kann ich doch eins, ein schreckenvollers nennen, was tobt vor den erdbeben und orkanen, mehr reiszt als fluth, mehr glüht als flammen brennen. Tieck 1, 219. II@4@a@bβ) mit bezeichnung des ausgangspunktes, in eigentlicher bedeutung: der lappe reisset doch wieder vom kleid. Matth. 9, 16; werf ihn (den hund) mit einem stein so derb an die ripp, dasz er vor wuth von der kette reiszt und auf mich dar. Schiller räuber, schausp. 1, 2 (werke 2, 34); da risz er (Jesus) aus leilach, grufft und banden, und ist ... in warheit aufferstanden. A. Gryphius (1698) 2, 256. übertragen: die ordentliche und verständige (liebe) ... reiszet nicht aus dem schranken, so ihr von recht und vernunfft vorgestellet. Butschky Patmos 599; da risz schwerere nacht von meiner seele. Fr. Müller 1, 19; wie aber kan ein freier geyst, der aus des wahns gefängnis reiszt, in diesem paradiese schmachten? Haller 116. II@4@a@gγ) mit bezeichnung des zieles, sinnlich: da rissen die drey helden ins lager der Philister. 2 Sam. 23, 16; so wolt ich unter sie reissen und sie auff einen hauffen anstecken. Jes. 27, 4; dazu ist er (Ham) so weit hinein gerissen, das er in Chaldea und Babylonia weit gegen dem morgen gegrieffen hat. Luther 4, 64b; wan sie (meine frau) würft oft mit heffen nach mir, so schmiz ich den mit dellern zu ir, und reiszen auch oft aneinander, das wir wern pluetrünstig paidsander. H. Sachs fastn. sp. 1, 156, 277 neudruck; wie wann ein grimmes thier in einen garten reisset, wühlt stämm' und stauden um und alle frucht zerbeisset. Opitz 3, 34; drauszen in die saiten reisz' ich, weisz nicht, wo ich abends ruh. Eichendorff poet. w. 1, 6. bildlich: da reis auch die plage unter sie. ps. 106, 29; da Christus ist untergangen und vertunckelt worden, hat sich der irrthum angefangen, da hat die frage in die gantze welt gerissen, wie man künde selig werden. Luther 2, 331a; aber für heute hatten solche erschütterungen tief in sein herz hineingerissen. J. Paul Hesp. 2, 187; pein, trauren, noth und qual, und wie ihr andern heisst, die ihr so auff mich reisst. P. Fleming 536; doch stärcker hat mein freyer geist gerissen auff weiszheit zu. Tscherning (1642) 124. in älterer sprache nach etwas reiszen, auf etwas jagd machen, in übertragener bedeutung auf geld oder ämter: Flavius Domitianus .. ist gar geitig gewesen, hat grissen nach guet, wie er kund und mocht. Aventin. 1, 842, 2; die ambt besezet er alle mit leuten, die rauch und grob, tag und nacht nach guet rissen. 923, 15; die rentmeister hetten auch gern gelt, rissen tag und nacht darnach. 1159, 3. II@4@a@dδ) durch etwas reiszen, sinnlich: ich reis hindurch und gieng hinzu. Luther 5, 198a; durch des feindes ordnung reiszen Stieler 1591; der flammende blitz, der diesen augenblick durch jene schwarze wolke reiszt. Klinger 3, 54; wie wann der printz der lufft der adler ohn gefähr durch sein gefängnüsz reisset. Opitz 2, 105; er (der ur) bricht endlich hervor, reiszt hin durch jegliches stellnetz. A. W. Schlegel bei Wackernagel 23, 1357. bildlich: wil man aber alweg, unangesehen die umbstend, ursach und das hertz des gsatzgebers allweg nach dem inhalt und buochstaben hindurchreiszen, so würdt aus dem zuvil recht ein unrecht. Franck sprichw. 2, 188a; nie faszten wir (Messener) den völkerverderbenden entschlusz, unsre gränzen zu erweitern! zum erstenmal risz der Spartaner durch die rechte der natur, und fiel ein freyes volk mit den waffen an. Klinger 2, 95; wenn ein solcher geist durch dieses spinnengewebe reiszt. 3, 37; doch ohne weitere erforschung dieser quelle (des ehrtriebes) brauchen wir sie nur als strömung durch die ganze geschichte reiszen zu sehen, um zu erstaunen. J. Paul nachdämmerungen für Deutschland 77; er reiszet durch den tod, durch welt, durch sünd, durch not, er reiszet durch die höll. P. Gerhard 75 Gödeke; ein theil (des bundesvolkes) risz seliglich seit Jesu seitenstich durch des satans stricke. brüdergesangbuch nr. 1776, 2. II@4@a@eε) auch mit der intransitiven bedeutung a ist das part. präs. zum adjectiv geworden: reiszender wind, reiszender strom; einem bürger ist die souveräne herrschaft ein reiszender strom, der seine gerechtsame überschwemmt. Schiller 7, 46; vom reiszenden gewühle (der schlacht) flieszt hier gehirn, liegt dort ein rumpf gestreckt. E. v. Kleist 1, 135 Körte; hier (in tannen und eichen) hingen sie (bären) ängstlich im wipfel, von reiszenden winden ... gescheucht. 1, 154; so sprang, von kühnem muth beflügelt, ein reiszend bergab rollend rad, von keiner sorge noch gezügelt, der jüngling in des lebens pfad. Schiller 11, 25; wo aber waren denn die tapfern degen .. dasz der feind so allgewaltig reissend vorwärts drang? jungfrau, prolog 3; sie allein vermocht aus den wolken die reissenden flammen Jupiters niederzuflammen. 1, 120; ein geizhals fiel in einen flusz, der tief und reissend war. Blumauer 1, 47; sah oft von der felsigen schwelle hinab zu der Donauwelle, in reiszende wirbel hinein. Platen 16b. hierher gehört auch wohl der ausdruck reiszende geschäfte machen, reiszend abgehen, doch scheint nicht ausgeschlossen, dasz zu erklären sei: geschäfte, bei denen die leute sich um die waaren reiszen. so erklärt Frisch, der die redensart erst in beschränkter anwendung kennt: reiszend adverb., nicht ohne miszbrauch in der redens-art der krämer, die waare geht reiszend weg, emptores pugnant inter se, qui plura habere possit, certatim emunt, et venditori e manibus dato pretio quasi eripiunt; sie (die gelehrten frauen) gehen unter anderen leuten, als du bist, reissend weg. Lessing 1, 233; wir könnten die vier evangelisten aufs maul schlagen, liessen unser buch durch den schinder verbrennen, und so gieng's reissend ab. Schiller räuber (schausp.) 1, 2; und selbst die käsehändler sind mit druckpapier auf lange zeit vom Dresdner liederkranz versorgt, der viele geschäfte jetzo macht und reissende. Platen 249. II@4@bb) durch reiszen zertheilt werden, auseinandergehen. II@4@b@aα) eigentlich: das die berge unter jm schmeltzen und die tale reissen werden. Micha 1, 4; sihe, der altar wird reissen. 1 n. 13, 3; wenn nur ein löchlein im kleide ist, so reiszt es bald nach. Stieler 1592; solt ich von dem nicht wissen, an dessen wort es hieng, dasz mir die netze rissen von fischen, die ich fieng. Königsberger dichterkreis 111 neudruck; ob dieser schandenliste reiszt die saite. Schiller 1, 194; die sonne kommt, der nebel reiszt. Körner 1, 113; die geschwader brechen, reiszen. Tieck 1, 183; der könig spannt den bogen schnell: doch die sehne reiszt entzwei. Uhland ged. 305. II@4@b@bβ) übertragen: jede gefahr, diese verfassung reiszen zu sehen, wird sie fester zusammenziehen. Wieland 15, 399; sie meinen es gut und werden mich noch umbringen. vorgestern dacht' ich, das herz müszte mir reiszen. Göthe 19, 129; dem gott reiszt die geduld. Gotter 1, 63; (wo) leichter als das nez der fliegenden Bajouten die tugend junger schönen reiszt. Schiller 1, 234; frisch mitten durchgegriffen, das ist besser! reisz dann, was mag! Piccolomini 1, 2; gott, ich fasz es nicht, und meine nerven fangen an zu reiszen. don Carlos, werke 51, 44; ich fühl's: des glaubens letzter faden reiszt, anweht mein herz ein kalter finstrer geist. Lenau Faust 9.
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Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

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  1. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    reiszenverb.

    Grimm (DWB, 1854–1961)

    reiszen , verb. vellere. I I. Formales. dem starken verbum nhd. reiszen entspricht mhd. rîʒen, ahd. rîʒan ( Graff 2, 557…

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Zerlegung von reiszen 2 Komponenten

reis+zen

reiszen setzt sich aus 2 eigenständigen Lemmata zusammen. Die Klammerung zeigt die Hierarchie der Komposition; Klick auf einen Bestandteil öffnet seine Etymologie.

Ableitungen von reiszen (5 von 5)

bereiszen

DWB

bereiszen , scindere: die Türken sind beschnitten, aber nicht berissen.

entreiszen

DWB

entreiszen , scheint der früheren sprache abzugehn. 1 1) intr. effugere, avelli: herr, Ibrahm ist entrissen ( ausgerissen ), die lsabelle we…

erreiszen

DWB

erreiszen , exornare, excolere, aufputzen, errisz, errissen: wenn sich die jungfrau erspitzt, erreiszt und zum danz aufmutzt, so kan man lei…

verreiszen

DWB

verreiszen , verb. in stücke reiszen, zerreiszen. heute aus der schriftsprache gänzlich verdrängt, jedoch mundartlich z. b. da, wo überhaupt…

zerreiszen

DWB

zerreiszen , verb. , mhd. zerrîzen, mnd. torîten, mnld. teriten; ältere belege im schweiz. id. 6, 1354 und bei H. Fischer 6, 1142 ; eine zu …

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Cotta, M. (2026). „reiszen". In lautwandel.de — Aggregat aus 53 historischen deutschen Wörterbüchern. Abgerufen am 19. May 2026, von https://lautwandel.de/lemma/reiszen/dwb
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Cotta, Marcel. „reiszen". lautwandel.de, 2026, https://lautwandel.de/lemma/reiszen/dwb. Abgerufen 19. May 2026.
Chicago
Cotta, Marcel. „reiszen". lautwandel.de. Zugegriffen 19. May 2026. https://lautwandel.de/lemma/reiszen/dwb.
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