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zerreiszen

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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

zerreiszen verb.

Bd. 31, Sp. 737
zerreiszen, verb. , mhd. zerrîzen, mnd. torîten, mnld. teriten; ältere belege im schweiz. id. 6, 1354 und bei H. Fischer 6, 1142; eine zu allen zeiten und in allen landschaften beliebte zs. von reiszen (s. th. 8, 754 und vgl.: toriten Doornkaat-K. 3, 425b; brem. wb. 3, 506; Dähnert 492a; te- Woeste 270b; Bauer-C. 103b; sodann lux. wb. 502b; Hönig 207b; u. a.; z. th. in besonderen redewendungen). lex.: Diefenbach gl. 51a; 137a; 182a; 183c; 184b; 186b; n. gl. 136b; 138b; Frisius 276b; 327b; 418a; 424b; 434a; Stieler 1592; Steinbach 2, 270; Frisch 2, 108b. im sing. prät. erscheint -ei- noch bis ins 17. jahrh., vgl. zerreisz bei P. Gerhard (Fischer-T. kirchenl. 3, 305) und bei M. G. Schütz hist. rer. pruss. 1, H 1a. trans. kaum durch reiszen eingeengt (vgl. etwa: er reisz sein gewand 1. Sam. 4, 12 erste bib. 5, 23, wofür später jüngere handschriften mit zerrissem kleyd setzen), dagegen intrans. in der alltagssprache reiszen vorgezogen, vgl.: der faden, das netz, der vorhang reiszt, auch: die mauer reiszt (d. h. sie zeigt risse), und Adelung 2 4, 1690 und Heynatz antibarb. 2, 666 nennen das einfache wort für die intrans. anwendung der gesprochenen sprache üblicher. einige zeugnisse des intrans. reiszen bei Luther s. th. 8, 763, doch überwiegen weitaus die fälle mit z. II. transitiv I@11) die grundbedeutung ritzen, einschneiden des simplex (th. 8, 754) begegnet noch, a) wenn z. die vom pfluge in den erdboden eingeritzten furchen ausdrückt: der pflug ..., da man den acker mit zerreiszet und zurichtet Harsdörfer secret. 1, 491; v. Hohberg georg. cur. 3, 44a; einen acker zureiszen Kramer teutsch-it. 2, 323b; ebenso von schrammen oder kratzwunden im gesicht und auf der körperhaut: ir lichtez antlicz sie zureiz, daz von ir ran des bluotes sweiz herzog Ernst D 2749; ein arm alt weib, so ... mit den nAegeln ir angesicht zerrisse theatr. amor. 95; Tieck schr. 17, 339; ähnlich von wilden thieren (daher reiszendes thier th. 8, 760): sîn lîbel daz was überal zekratzet und zebizzen, zezerret und zerizzen schrätel u. wasserbär 316; freier: da kam der blattern wuth, zerrisz mir diese glatten wangen Chr. Fel. Weisze lied. f. kind. 31; Bettine Göthes briefw. 2, 238; auch meist von wegen und fluszbetten, welche von fluthen aufgerissen sind: die ... wege ... waren von gewitterfluthen äuszerst zerrissen Göthe IV 22, 125; IV 28, 46; IV 12, 31 W.; Gutzkow ges. w. 6, 301; b) zu 2 leiten über fälle, in denen sich zum aufreiszen der haut die zerstückelung des körpers gesellt, wie: was die thier zurissen, bracht ich dir nicht, ich must es bezalen 1. Mos. 31, 39; ein von dem wolfe zerrissenes lamm Adelung 2 4, 1690; einen mit den zähnen z. Frisch 2, 108b; I@22) so ist mit H. Paul d. wb. 3 413b die bedeutung 'gewaltsam durch ziehen, zerren, rucken oder stoszen in theile zerlegen' von diesem soeben dargestellten wortgebrauch herzuleiten. anstatt der heute üblichen wendung in stücke z. (maler Müller w. 2, 110; Ritter erdk. 3, 64) galt früher zu stücken (volksb. dr. Faust 102 P.) und auf stücken ( v. Ziegler asiat. Banise 7; Hayneccius Hans Pfriem 35 ndr.); I@2@aa) menschen- und thierleiber in stücke reiszen, α) im eigentlichen wortsinne: daz si der lewe niht zureiz pass. 513, 18 K.; ein reiszend thier hat Joseph zurissen 1. Mos. 37, 33; öft.; H. Sachs 19, 54 G.; J. H. Vosz Od. 250 B.; als grausame todesstrafe: mit vier pferden will ich dich zureiszen Chr. Weise grün. jug. 223 ndr.; Ranke s. w. 9, 109; bisz ... die auffrhrer erstochen, die anfenger jemmerlich mit zangen zurissen ... wurden Mathesius ausgew. w. 3, 239; zur betheuerung als häufige wendung: ich wolt mich ehe z. lan (ehe ich dies thäte) Eyering prov. 3, 77; mich sollen die wilden thiere z., wenn ich je zu ihrer hOehle zurückgeh S. Geszner schr. 1, 102; maler Müller w. 2, 110; von körpertheilen: wann sich ein rosz uberspringt oder ihm das netz zerrissen wird Seutter hipp. 332; Göthe 10, 54 W.; β) abgeschwächt ohne erreichung des effectes in einer reihe übertragener wendungen; so steht z., wie zerpflücken, in kraftvoller ausdrucksweise für jem. durchhecheln, 'herunterreiszen': Frisius 1081a; einen ... zerbeiszen und z. in seinen eren Murner an d. adel 37 ndr.; sihe, wie der arm sanct Franciscus ... von seinen eignen rottgesellen ... gemartert, zerrissen, zerbissen ..., zerzert, zerstückt, zerketzert ... und zuschanden gemacht würt Fischart barfüszer 409 H.; ein büchlein, das ich höchlich loben kann ... die z-den werden nicht damit zufrieden seyn Göthe IV 35, 141 W.; sodann handgreiflich zu etwas nöthigen: die haben mich bald zerrissen Müller-Fr. 2, 347b; s. hierzu auch b α; ferner das maul mit scheltworten und übler nachrede so weit aufsperren, dasz man meinen könnte, es zerrisse: warumb weiset ... jederman mit fingern auf ihn und zerreiszet das maul? J. B. Schupp schr. (1663) 406; die leut wrden sich die mAeuler z. ber die kaufmannsfrau Stranitzky ollapatr. 328 Wien. ndr.; auch auf den bauch bezogen, weil dieser zu bersten droht, wenn er sich des blähenden inhaltes von wissen und kunst oder neid nicht entladen kann, vgl.: der ubel nachreder mainet ..., dasz im dasjenig, so er von seinem nechsten gewust, den bauch zerrissen hette, wann ers nicht hette ausgeschrien Jac. Gretter ep. s. Pauls an d. Römer (1566) 371; die kunst wyrth dyr den bauch nicht zureyszen Luther 29, 263 W.; Fischart glückh. schiff 44 ndr.; ferner auf den kopf oder das hirn bezogen: so erlang ich weder danck noch ehr und zureisz umb ein sonst mein hirn mit schwermerischem speculirn H. Sachs 17, 262 G.; 7, 188 K.; was mögt ihr euch den kopf zerreiszen Göthe 38, 63 W.; Schupp schr. (1663) 30; sich den kopf, s hirn zreiszn Schmeller-Fr. 2, 145; s. auch IV 1 c α im kopf zerrissen; γ) die wirkung übermäszigen blutdrucks infolge stärkster seelischer erregung bezeichnet die wendung das herz z. nach neuerem sprachgefühl noch treffender als die verwandte das herz brechen, zerbrechen, woraus sich ihre beliebtheit in der nhd. periode erklärt; auch förderte ihren gebrauch das kräftige bibelwort Joel 2, 13: zureiszet (scindite: reyst erste bib. 10, 32) eure hertzen und nicht eure kleider d. h. zerknirscht sie und ändert euern sinn, ein wort, welches vielfach nachwirkt, vgl.: sie haben die hertzen durch busze nicht zerrissen, sondern durch unbusze bevestiget J. M. Meyfart jüngst. gericht (1637) 2, 132; Woltersdorf s. n. lied. (1773) 146; auszerhalb der religiösen sphäre treten gemütserregungen als ursachen auf: das (dasz meine kinder hunger leiden) wil mir aber s hertz zerryszen R. Manuel weinspiel 2752; dieser anblick ... zerrisz uns allen das herz S. v. Laroche frl. v. Sternheim (1771) 1, 76; die antwort Friederikens ... zerrisz mir das herz Göthe 28, 118; 19, 59 W.; mit seele, gemüt u. a. als object; vgl. noch sinnlich bildlich: weil die geitzhälsz in den dörnern der reichthum ben umbgehen, so wirdt ihr gemüt zerrissen und von der gottsforcht abgezogen Äg. Albertinus Lucif. königreich 24 L.; sodann von seelischer kraft: Klopstock od. 2, 119 M.-P.; seys mein bruder, mein leiblicher sohn, zerrisz mir die seele sein jammerton, über seinen leib weg musz ich jagen Schiller 12, 54 G.; schlieszlich mit persönlichem object: es ist entsetzlich, was mich oft erinnerungen zerreiszen (1787) schr. d. Göthe- ges. 2, 288; diesz (der anblick eines disharmonischen bühnenschauspiels) hat dich bey einer so bedeutenden exhibition zerrissen Göthe IV 40, 217 W.; die weitere ausgestaltung am partic. perf. s. IV 1 c β; I@2@bb) gegenstände aller art, sofern sich diese vermittelst zuges, ruckes oder stoszes zertheilen lassen; α) gewänder, schuhzeug, gewebe, tauwerk: Herbort v. Fritzlar 9753; in der bibel als zeichen der trauer oder des schreckens: zureiszet eure kleider und grtet secke umb euch und tragt leide um Abner 2. Sam. 3, 31; 1. Mose 44, 13; Matth. 26, 65; öft.; sprichw.: die kinderschuoh z. S. Franck sprw. (1541) 2, 72b; wir alten, die wir die kinderschue längst zurissen haben J. B. Schupp (1663) 193; hier geht z. auf die wirkung dauernden gebrauchs, was dann auch den fall unachtsamer behandlung von kleidern mit erfaszt: vieles rutschen zerreiszt die hosen Binder 165; wie oben 2 a β zum zwecke eines dringlichen anliegens jem. am mantel oder rocke zerren: einem den mantel zerreyszen, einen mit gewalt underston zebehalten, das er nit hinwAeg gang Frisius 1187a; er läst ihm den mantel nicht z., wann er geladen wird Kramer teutsch-it. 2, 25a; ich lasse mir den rock nicht lange z. ich lasse mich nicht lange bitten (obersächsisch) Müller-Fr. 2, 347b; (der sturm) zerrisz die flatternden segel J. H. Vosz Od. 152 B.; niemand fasset most in alte schleuche, anders zureiszet der most die schleuche Mark. 2, 22; zuviel gepackt zerreist den sack Lehmann flor. (1662) 3, 504; wenn man ihre spinneweben zerreiszt Kant 3, 21 ak. ausg.; sofa, sessel, alles zerrissen G. Hauptmann web. 98; er zerraisz die bande (Luk. 8, 29) erste bib. 1, 238; s gschirr zreiszn sich übermäszig anstrengen (wie pferde vor dem wagen) Schmeller-Fr. 2, 145; β) papier, brief, buch, pflanzliche bestandtheile: wurden ... zornig, zerrissend den brief Tschudi chron. helv. 1, 75; er that mir gutes — doch, wenn er ein schelm ist, verdamm ihn gott! die rechnung ist zerrissen Schliler 12, 254 (Wall. tod 2, 5) G.; das ... buch, welches er in tausend stücke zerrisz G. Keller ges. w. 1, 153; eine blüte, ein buchenblatt z.; γ) in älterer sprache (wol noch nicht mhd.) baulichkeiten niederreiszen, häuser ein-, abreiszen, festungen und städte schleifen; hierbei trägt die vorsilbe zer- mit ihrer bedeutung auseinander den wortgebrauch; vgl.: die clöster und kirchen wurden zerrissen (Nürnb.) chron. d. st. 3, 177; die bauern ... zerrissen schlösser und klöster Luther 32, 50 W., wo kurz danach das du die clöster einreist zu lesen ist; anno 1277 zerrisz Ruodolf zway raubschlOesser am Rein gelegen S. Franck chron. Germ. (1538) 189a; 49a; 2. n. 14, 13; brannten die festung aus und zurissen sie in grund v. Fleming vollk. sold. 278; fenster und thuren zerrissen und zerschlagen (schwäb. 1525) H. Fischer 6, 1142; (die taube) kreucht auf die böden, zerreiszet die dächer schweiz. id. 6, 1354; als augsburgisch führt Birlinger augsb. wb. 439a an: teller, porcellangeschirre z. (zerbrechen); sodann auch vom erdboden und gelände: wann ... die sAew ... alles ... zerwülen und z. Sebiz feldb. 42; durch kriegsschaden: was wil denn daraus werden, quando land zerrissen und kirchen verwust? Luther 34, 2, 436; 24, 70 W.; der keyser ... zerreiszt und zuorschleyfft ir landt S. Franck chron. Germ. (1538) 101a; δ) auseinanderreiszen, was zusammenhangt, es zertheilen, spalten; so den erdboden spalten: den stein zerreis er (nämlich der grúwelich geist, d. h. wind; 1.n. 19, 11) Tauler pred. 226 V.; dürres, zerrisznes land Heinse s. w. 5, 111 Sch.; fortwährend ... z. erdbeben den boden Büchner kraft u. stoff 60; wälder: Hagedorn poet. w. (1769) 2, 25; gern vom gewölk, s. IV 1 a; blitz und ein heller strahl zertheilen die finstere himmelsfront, hierher die kraftvoll dichterische bibelstelle Jes. 64, 1: ah, das du den himel zurieszest und frest herab, das die berge fur dir zerflOessen, wie ein heis wasser vom hefftigen feur verseudet, wonach H. Sachs 22, 86 G.; ferner Klopstock Messias (1780) 4. ges., s. 106; Schleiermacher II 4, 123; zerreiszt, ihr blitze, zerreiszt den nächtlichen himmel! Gotter ged. 2, 510; fühle die grosze wahrheit, welche die nacht des irrthumes zerrisz Adelung lehrgeb. 2, 383; auch donner und schall zertheilen gewaltsam: seufzen, ächzen und schreien zerreiszt die luft Bürger 308b Bohtz; mit eins zerreiszt die luft der graue donner Shakespeare 3, 221; schrille, gellende töne gefährden das trommelfell und die nerven: hundegebell mir verhaszt, kläffend zerreiszt es mein ohr Göthe 1, 256; 25, 161 W.; ε) staaten, besitzungen, verbände auseinanderreiszen, roh zertheilen: zerzerrent zerreis ich dein reich und gib es deim knechte (1.n. 11, 11) erste bib. 5, 291; H. Fischer 6, 1143; sein regiment ward nach dem frieden zerrissen Lessing 2, 191 M.; wollten sie die feindlichen phalangen ... z. und in verwirrung bringen Droysen Alex. 68; I@2@cc) einrichtungen, zustände, verhältnisse u. ä., wie α) versammlungen, tagungen ab-, unterbrechen, aufheben: ein neuer landtag wird gehalten, aber auch wieder zerrissen Lohenstein Arm. 2, 1092; ich sage veto, ich zerreisze den reichstag Schiller 15, 2, 456 (Demetrius 472) G.; ein spiel z. Stieler 1592; ähnlich: Shakespeare zerreiszt die handlung scheinbar O. Ludwig ges. schr. 5, 63; β) politische, freundschaftliche u. a. verhältnisse: diesen alten bund ... z. Ranke s. w. 8, 33; die chikanen ... hatten unsern umgang zerrissen Göthe 22, 267 W.; wan eine den nimt, der sie ausz der tauff hot gehaben, so sol man im die ee zureiszen Luther 10, 3, 265 W.; unsre liebschaft ist zerrissen, mein herz dazu W. Müller ged. 132 H.; die zerrissene treue und liebe wieder zusammenbinden E. M. Arndt schr. f. u. an s. l. Deutsch. 1, 264; vorhaben, plan: Moses groszer plan ... auf immer zerrissen Herder 12, 153 S.; dasz er gottes werck zerreisze Luther 34, 2, 270 W.; γ) als rda. in älterer sprache wie heutiges sich etwas längst an den schuhen (schuhsohlen) abgelaufen haben, d. h. etwas (eine elementare kenntnis, ein wissen) so lange beherschen, dasz darüber schon mancher schuh verbraucht ist: durften wol, das sie kinder würden und das abc anfiengen zu lernen, das sie meinen lengest an den schuhen zurissen haben Luther 30, 1, 126 ; 30, 2, 635 W.; diese kunst hAette sie schon lAengst an schuhen zerrissen Lohenstein Arm. 2, 609b. IIII. reflexiv; 1) im eig. sinne selten: o wunder, wunder, dasz hier nicht die erde sich zerrissen! P. Gerhard bei Fischer-T. kirchenl. 3, 303; felswerk ..., an dem die nebel sich z. Bettine frühlingskranz 175; wofür heute das intrans. üblich ist; auch älter: und zerraiz sich der umbehanc d. pred. 1, 64 Grieshaber; schweiz. id. 6, 1354; 2) in der umgangssprache und im niedern stil recht beliebt a) als zeichen des ärgers und verdrusses (wie vor wut [zer]bersten, [zer]platzen mögen): noch ist es war, wen sie sich zuriessen Luther 27, 463 W.; hätte ich mich ... flugs mOegen zustoszen und zureiszen Chr. Reuter Schelmuffsky 42 ndr. vollst. ausg.; Spiesz henneb. id. 288; darüber musz man sich aber zerreiszen, dasz man narren nicht darf narren heiszen Göthe 2, 238; 6, 123 W.; b) als ausdruck einer übermäszigen anstrengung: sich z. angestrengt arbeiten; sich um eenen z. sich sehr um jemandes gunst, umgang bemühen H. Meyer richt. Berl.8 195a; ik kann mir doch nich z. kann es nicht schneller vollenden Brendicke 195b; Spiesz 288; liter.: mach darausz, was du wild, wenn du dich darüber zerreysen soltest Luther 10, 3, 245 W.; das pfäfflein zerrisz und zersplisz sich mit sinnen Bürger 66b Bohtz; Holtei vierz. jahre 1, 238; F. Werfel spiegelmensch. 55. IIIIII. intransitiver gebrauch ist wie beim simplex erst dem trans. entsprossen; nur wenig mhd. belege: ez wart ein ertbibunge unt di steine zurizzen myst. 1, 140 Pf.; mhd. wb. 2, 756b; 1) theile des thierischen körpers sowol von innerem druck wie durch zug: sy (die adern) von vilem bluot getrungen werden, z. und aufspringen Ryff anatomi F 3a; der kopf fing mir ... an zu brausen und zu wten, als ob er z. wolte Grimmelshausen Simplic. 105 ndr.; waist nit, wan sich der frosch will sträuszen gen dem ochsen, mus er zerreiszen? Fischart notw. kehrab 222; 2) gewebe, fäden, seltener und zwar nur veraltet gefäsze aus holz oder thon: euer gewant die zerissen nit erste bib. 4, 225; der vorhang des tempels zureis mitten entzwey Luk. 23, 45; der dichtung schöner flor zerreiszt Schiller 11, 23 G.; und wiewol ir (der fische) so viel waren, zureis doch das netze nicht Joh. 21, 11; ja, wenn der strick zuriesse, so fiele ich herunter A. Gryphius Pet. Squenz 10 ndr.; nun ... zerrisz der faden Klinger w. 4, 223; dasz der tiegel ... zureisze Ercker mineral. ertzt 22b; 3) erdboden, himmel, wolken: als er diese wort hatte alle ausgeredt, zureis die erden unter inen und thet iren mund auff und verschlang sie 4. Mose 16, 31; Matth. 27, 52; der damm zerreiszt, das feld erbraust Göthe 2, 36 W.; auf einmal ertönte es durch die atmosphäre, als zerrissen die himmel Klinger w. 5, 21; plötzlich zerrisz die stille G. Hauptmann bahnw. Thiel 27; 4) gebilde aller art: Deutschland zerrisz auf diesem reichstage zu Augsburg in zwey religionen und in zwey politische partheyen Schiller 8, 13 G.; hiermit zerrisz die schlachtordnung Lohenstein Arm. 2, 1206a. über die concurrenz von reiszen s. die bemerkung oben. IVIV. nominale formen; 1) zerrissen als adjectivum, a) bei benennungen von gegenständen und sachen, so von kleidern und geweben: Tristan 3996; zwa zorissen hosen dede he ouch ane Morant u. Galie 3136 K.; Lexer 3, 1079; oft unmittelbar von 'abgerissenen' personen: die kinder giengen alle so z. daher Grimmelshausen vogelnest 2, 411 K.; S. Brunner erz. 1, 75; W. Hauff s. w. 1, 138; dial.: zaunzriszne kleider stark zerrissen, eig. mit lücken wie ein zaun (Unterinntal) Frommann d. mdaa. 6, 37; von der geschlitzten tracht des 16. und 17. jahrh.s (s. zerflammen): man tregt zuschnitten und zustochn, gestept, vorbrembt, geritzt, zurissn Ringwaldt laut. warh. 91; alte zurissen, geflickte weinschleuch Josua 9, 5; gleich z-en spinneweben E. M. Arndt 1, 145 R.-M.; pflanzenblätter: laceratus ... zerfezt, z. Bischoff wb. d. bot. 110; bäume: einige vom wind wunderlich z-e ... bäume W. Raabe hungerpastor 3, 216; felsen: wild z-e ... felsen Raumer gesch. d. Hohenst. 1, 129; wolken: das zerriszne gewölk S. Geszner schr. 1, 41; mauern: Börne ges. schr. 13, 79; b) von zuständen, einrichtungen, verbänden, handlung u. ä.: das romisch reich ist fast dahin und zurissen Luther 30, 2, 143 W.; gespalten: wir teutsch sein ... im glaub als faszt zerissen, dasz daraus ketzerey meszen entsteen Berth. v. Chiemsee 116 R.; Rom ... im innern von parteien z. Moltke ges. schr. 1, 181; ohne zusammenhalt: in dieser jetzt z-en welt Göthe IV 23, 371 W.; IV, 19, 221 W.; zusammenhangslos: z-e anmerkungen Herder 1, 149 S.; z-e, zerstreute studien Göthe 48, 20 W.; erzählte in z-en worten den hergang Rosegger wildling 291; es geht z. (unordentlich) zu Unger-Kh. 649a; c) bei menschen α) inbezug auf den körper, z. b. einen durch muskel- oder sehnenzerreiszung entstandenen leibesschaden bezeichnend: soll dieser tranck auch heilen, was innwendig im leibe z., zerbrochen und zerstoszen ist Noel Chomel 4, 716; sprichw. bei Luther auf die stelle der körperlichen und noch mehr der sittlichen schwäche weisend: seid ihr da zurissen, lieben papisten, so flicke euch der teuffel 30, 2, 383; 30, 3, 461; 34, 2, 548 W.; vgl. das gleichbedeutende zerbrochen (unter zerbrechen IV 1 b); zur wendung im kopf zurissen seyn närrisch sein Kramer teutsch-it. 2, 323b stellt sich die gleichbedeutende modernbairische ja bist denn ganz zriszn? vgl. auch: hirnrissig 'kopfbrechend' Schmeller-Fr. 2, 148. dagegen steht z. im folgenden beleg für gerissen durchtrieben, gerieben (s. th. 8, 761): all zeit die eynfeltigen werden benückt von schwetzern und betrogen ... das macht, das sie nit so zerrissen, sich nicht zu verantworten wissen B. Waldis Esop 1, 221 K.; β) weit bedeutsamer ist die aufgabe, seelische zustände auszudrücken; dabei mit herz, seele, gemüt oder einem ausdruck für eine person verbunden (s. I 2 a γ); zunächst in der religiösen bedeutung zerknirscht, voller reue, demütig: er begehret das heilige abendmahl, das wolle er ihm doch reichen. er wird ein zerknirschtes und z-es hertz bey ihm finden J. B. Schupp freund in d. not 45 ndr.; weine, snder, mit zerrisznem herzen, weine, denn die ursach seiner schmerzen ist dein verbrechen Woltersdorf s. n. lied. (1773) 116; A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. 3, 41; von kummer, leidenschaft, sehnsucht z., namentlich wenn entgegengesetzte gefühle die vorstellungen und wünsche hin und herreiszen: Reinicke fuchs (1650) 114; mein zerrisznes herz, in dem sich lieb und freundschaft hAermen Giseke poet. w. 145; bin ichs? die zerschlagene, die z-e, die in der bedeutenden stunde so ruhig, so muthig ist? Göthe 11, 164 W.; 19, 85 W.; Charlotte war innerlich z.; von diesen vorschlägen so wie von sich selbst überrascht, konnte sie kein wort hervorbringen 20, 119 W.; mit meinem jetzt so zerstreuten, ich will nicht sagen zerrisznen wesen IV 9, 3 W.; in meiner jetzigen zerrisznen und von einem so traurigen gegenstand so erfüllten stimmung W. v. Humboldt (1796) an Fr. H. Jacobi 41; der mensch ist z., die kunst und das leben sind getrennt Fr. Schlegel pros. jugendschr. 1, 22 M.; H. v. Kleist 3, 248 Sch.; u. a.; vgl. noch: niemand sieht mein z-es angesicht, meine z-e seele, mein z-es glück Jean Paul Hesp. 2, 103; in der Lausitz bedeutet z. niedergeschlagen, traurig und zwar im hohen grade: bei dem tode seiner frau war er ganz z., vgl.er war ganz entzwei, aus einander K. G. Anton oberlaus. wört. 6, 8; ebenso schon früher: ich (bin) ganz z. und elend in mir gräfin Zinzendorf (1734) in zs. f. brüdergesch. 8, 163; ohne besonderen anlasz aber z. zu sein, seelische 'zerrissenheit' also als zustand war die eigenschaft der vom weltschmerz erfüllten vertreter des jungen Deutschland; z. steht in dieser verwendung für eine blasierte, düstere weltanschauung. belege (vgl. auszerdem n. jbb. f. klass. alt. 5 (1900) 487; zs. f. d. wortf. 2, 316; 3, 157; 8, 25; mitt. d. schles. ges. f. vk. 18, 101): sie haben keinen sinn für reine natürlichkeit — sie sind ein z-er mensch, ein z-es gemüt, sozusagen ein Byron H. Heine (1829) 3, 304 E.; die z-en A. v. Ungern-Sternberg (1832) als titel einer novelle; man nennt Heine den z-en, ungefähr wie man Karl oder Goethe den groszen nennt G. Th. Fechner (1835) kl. schr. 254; Gutzkow ges. w. 8, 421; er reiste durch die lande Europas als düsterer, z-er porzellanmaler Immermann Münchhaus.2 2, 100; (Byron) gleichsam der stifter jener unseligen sekte der z-en unserer zeit Karoline Pichler denkw. 3, 79; es ist bequem, zerrissen sein bei austern und champagnerwein F. v. Sallet s. schr. 4, 375; zerrissenheit s. u.; 2) das partic. präs. zerreiszend in adjectivischer verwendung, a) trans.: (die) last der geistzerreiszenden arbeit Lavater verm. schr. 1, 316; ein schwarm z-er gefühle A. v. Arnim w. 19, 253; ein z-er schmerz Gutzkow ges. w. 4, 262; b) intrans.: kreis-, zahnförmig z. (von pflanzentheilen) Campe 5, 847a; eine netzartig z-e rinde Schlechtendal flora v. Deutschld5 24, 5; das geräusch eines z-en taus O. Ludwig ges. schr. 1, 281; 3) der substantivisch gebrauchte infinitiv zerreiszen: Lexer 3, 1079; distractio das zureiszen Alberus h h 4a; Frisch 2, 108b; die ... bis zum z. gespannten nerven v. Ebner-Eschenbach ges. schr. 3, 84. —
22878 Zeichen · 674 Sätze

Lautwandel-Kette

Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

Pro Sprachstufe der prominenteste Beleg. Klick auf eine Form öffnet das Wörterbuch.

  1. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    zerreiszenverb.

    Grimm (DWB, 1854–1961)

    zerreiszen , verb. , mhd. zerrîzen, mnd. torîten, mnld. teriten; ältere belege im schweiz. id. 6, 1354 und bei H. Fische…

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Cotta, M. (2026). „zerreiszen". In lautwandel.de — Aggregat aus 53 historischen deutschen Wörterbüchern. Abgerufen am 19. May 2026, von https://lautwandel.de/lemma/zerreiszen/dwb?formid=Z04707
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Cotta, Marcel. „zerreiszen". lautwandel.de, 2026, https://lautwandel.de/lemma/zerreiszen/dwb?formid=Z04707. Abgerufen 19. May 2026.
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Cotta, Marcel. „zerreiszen". lautwandel.de. Zugegriffen 19. May 2026. https://lautwandel.de/lemma/zerreiszen/dwb?formid=Z04707.
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