glätte,
f. ,
älter glett, glet,
n. und f., mnd. glad, glat,
n., und glede,
f., lithargyrum, bleioxyd, blei- (
silber-, gold-)
glätte. schwierigkeiten bereitet die herleitung und die von 1glätte
weithin getrennte formgeschichte des wortes. —
zufrühest mnd. bezeugt, als glat,
n.: ein vas gladdes (
in Wismarer urk. 1279/85)
mecklenburg. urk.-buch nr. 2711; dedimus vor glad 5 ℔ 5 D (
baurechnung v. j. 1375) Koppmann
kämmereirechn. der stadt Hamburg 1, 211;
vgl. 2, 323; item 2
β vor eynen sack, dar me dat glat inne halen scholde (1453,
in ausgaberegistern für den rathausbau zu Hannover)
zs. d. histor. ver. f. Niedersachs. (1879) 262; 4
β ... vor glat to vorende van Lüneborch
ebda 269 (
vgl. im gleichen zusammenhang vor glassur to dem steyne
ebda 260, to gleysurende den steyn up dem teygelhove
ebda 261);
vgl. ebda 264; 276; 277.
es handelt sich hier offenbar immer um verwendung von bleiglätte zum glasieren von backsteinen (
vgl. noch vor 1 dusent grotenn murstein vor glatth
a. d. j. 1579,
im staatsarchiv Hamburg, mitgeteilt vom hamburg. wb.-archiv, ferner: 2 ℔ Mathie latrifici certos quadratos to vorgledende [1465] Koppmann
a. a. o. 2, 248),
und die benennung wäre von glatt A '
glänzend'
aus ohne weiteres verständlich (
über nd. glede,
f., sieh unten).
im späten 15.
jh. begegnet nd. gledt: sclaggen effte gledt edder ander guth, so uth dem berge komen mach (
Goslarer bergrecht von 1494) Th. Wagner
corpus juris metallici (1791) 1035;
diese form, als gledt, glet, glett
im hd. die früheste, wo das wort freilich erst seit dem 15.
jh. sicher und häufiger zu belegen ist. (
die vereinzelte frühere notierung glett
bei Ch. Schmidt
elsäss. wb. 149
b für 1322
in Straszburger urkunden ist a. a. o. nicht auffindbar.)
auch noch im 16.
und 17.
jh. hat sie vor den zweisilbigen formen den vorrang und begegnet gelegentlich noch im 18.
jh. (
s. die belege unten und bei silberglätte, goldglätte,
vgl. auch Frisius: glett
lithargyrum [1556] 776
a neben glette
politura 1016
a,
dgl. Maaler [1561] 184
c; Calepinus
XI ling. [1598] 829
b und 836
b).
das geschlecht von hd. glett,
erst seit dem späten 16.
jh. erkennbar, schwankt zwischen n. und f.: desz gletts Wirsung
artzneyb. (1588)
reg.; das goldglett Bech
Agricola (1621) 82; das glett
scoria ferri Stieler (1691) 664; Kramer 1 (1700) 537
a u. ö., elsäss. glätt,
n., Martin-Lienhart 1, 263
a;
schweizer. glätt (
ohne genusangabe) Staub-Tobler 2, 654
neben glätti, glästi;
auch das nl. glit, glid
ist n. als fem. im md. des späten 16.
jhs.: die glet Mathesius
Sarepta (1571)
vorr. 1
a; von der gledt Ercker
beschr. aller miner. ertzt (1580) 12
b,
daneben jünger lexikalisch: goldglett,
f., Kramer 1 (1700) 546
b; silberglett,
f., Frisch (1741) 2, 273
b.
inwieweit unter den frühen einsilbigen glett-
formen apokopierte feminine glette-
formen zu suchen sind, ist nicht auszumachen, da die belege nicht vor ende des 16.
jhs. sichere auskunft über das geschlecht geben; auszerdem ist zu beachten, dasz die femininen glett-
formen vorwiegend im nichtapokopierenden md. gebiet begegnen, nur vereinzelt im obd. die glett Paracelsus
op. (1616) 1, 42
A;
vgl. auch 1, 904
B.
in der komposition singuläre formen mit -i-: sylberglit, -glied (
hd. 1485,
mit niedersächs. einschlag) Diefenbach
n. gl. 237
b, goldglid oder gled Fischart
onomastic. (1574) 1, 20;
zu nl. glit, glid
vgl. woordenboek 5, 124; v.
d. Meer
hist. gram. d. ndl. spr. 1, 212.
mit dehnung: gleet, silbergleet Reyher
thesaurus (1668) 4125; gleet Marperger
kaufmannsmagazin (1708) 539. —
das zweisilbige fem. erscheint ebenfalls zufrühest auf nd. boden: nym glede 1 ℔ (1468)
hamburg. barbierrolle II 4, 2; nym ... 1 lot glede unde rosenolyes darto
d. Gothaer mnd. arzneibuch 198
Norrbom (
weitere belege aus Wolfenbütteler manuscr. bei Schiller-Lübben 2, 118,
dazu mnl. glede,
f., Verwijs-Verdam 2, 1992;
bei Kilian
als '
germ. sax. sicam.'
bezeichnet, dict. [1605] 153
a),
im unterschied zu mnd. glat, gladdes (
s. o.)
immer von der zu heilzwecken verwendeten bleiglätte. im hd. begegnen zweisilbige formen zufrühest im westl. obd. des 16.
jhs.: goldglette Gersdorff
wundarzney (
Straszburg 1517) 51
b (
neben glett
ebda 92
a); glette Thurneysser
archidoxa (1575) 54; glette Golius
onomastic. (
Straszburg 1579) 68,
im 17.
jh. auch md.: rötlichte glette C. Schwenckfeldt
stirpium et fossilium Silesiae catalogus (1600) 383; glette Bapst v. Rochlitz
wacholdergarten (1605) 246,
so noch neben der form glätte (
s. u.)
bis ins späte 18.
jh.: silberglette
musenalmanach für d. j. 1781 (
Hamburg) 48
Voss-Goekingk; glette
litargirio del piombo Jagemann
dt.-ital. (1799) 529,
neben glätte
litargiro d'oro ebda 524.
das bei 1glätte
schon seit dem 17.
jh. allein gültige ä
des stammvokals begegnet bei 2glätte
zunächst ganz vereinzelt in goldglät O. Gäbelkover
artzneyb. (1595) 1, 132, silberglät Corvinus
fons lat. 1 (1660) 111
a,
häufiger in den zweisilbigen formen des 18.
jhs. und kann erst seit ende des 18.
jhs. als die normale, mit 1glätte
identische und zusammengehörig empfundene form gelten. nur für 2glätte
sind seitenformen mit rundung des stammvokals zu -ö-
im md. des späten 16.
bis 18.
jhs. bezeugt, die dort zeitweise das übergewicht gewinnen: glöt Mathesius
Sarepta (1571) 223
b; glött J. Walther
pferdezucht (1658) 58; silbergelöth Hohberg
georg. cur. (1682) 2, 232
a; goldglöte Hübner
curieuses lex. (1714) 703; glöthe Minerophilus
bergwerkslex. (1730) 298; goldglötte Lichtenstein
entdekte geheimn. (1778) 192.
gelegentlich als zusammenziehung aus gelöte
von lot '
blei'
miszverstanden und mit diesem durcheinandergeraten, vgl. Frisch (1741) 1, 624
b; Adelung
versuch (1774) 2, 696,
wonach die teil 4, 3052
unter gelöte 2
aufgeführten belege aus Hohberg
hierher zu setzen sind. die zugehörigkeit von mnd. glat, gladdes,
n., zu glatt
dürfte auszer zweifel stehen. nicht gesichert ist die annahme, dasz 2glätte
an afrz. glette,
f., anzuschlieszen und als spätere volksetymologische anpassung an 1glätte
aufzufassen sei (
so Gamillscheg 471, Meyer-Lübke [1935] 3780),
während Diez 599
umgekehrt das frz. glette
als lehnwort aus dem deutschen 2glätte
ansetzt, so auch Franck-v. Wijk
etym. wb. 202
b das ndl. glit, glid.
doch bleibt die frühe bezeugung des frz. glette (12.
jh.)
und seine bedeutung '
geifer, schaum'
zu beachten, besonders angesichts deutscher glossen wie litargirum ... schum, glet,
argenti spuma silberglette
u. ä., s. u. glätte,
lithargyrum ist das beim abtreiben silberhaltiger bleierze sich abscheidende, zunächst flüssig-schaumige, dann kristallinisch erstarrende bleioxyd, das auch bleiglätte, silberglätte (
s. teil 10, 1, 1007), goldglätte
heiszt. in der älteren bezeugung neben diesen und weiteren benennungen: litargirum sindterstain, schum, glet (1482) Diefenbach 333
b;
auricalcus (
i. spuma auri) goltschaum o. -fein o. glett o. silber (1482)
ebda 61
c;
cathismia heiszet zugleich silberschaum oder glette, und andern sinder oder sindelstein Bapst v. Rochlitz
wacholdergarten (1605) 246;
lithargyrium, λιθάργυρος,
argenti spuma silberglette, silberschaum, goldglette, rötlichte glette, bleiglette, bleischaum C. Schwenckfeldt
stirpium et fossilium Silesiae catalogus (1600) 383.
die schon im letzten beleg angedeutete bestimmung nach der farbe begegnet namentlich im jüngeren gebrauch (
s. dazu auch teil 10, 1, 1007): sie (
die bleiglätte) ist theils blaszgelb (gelbe glätte, silberglätte), theils grünlichgelb (grüne glätte), theils, wenn sie etwas rothes bleioxyd enthält, rothgelb (rothe glätte, goldglätte) Prechtl
technol. encycl. (1830) 2, 359; man unterscheidet: gelbe glätte, auch silberglätte genannt, grüne glätte, rothe glätte, auch goldglätte genannt, und schwarze glätte Mothes
ill. baulex. (1882) 2, 467; unter schwarzer glätte begreift man die in abstrich übergehende unreine glätte vom anfange der glätteperiode beim abtreiben Muspratt
chemie (1888) 1, 1654.
mit beziehung auf den treibprozesz: es (
das blei) fleust aus dem treibherd und wird glet oder silberstein, wie es die Grecken nennen Mathesius
Sarepta (1578) 101
b; glette ist eine schwere gelblichte materie, so sich im abtreiben von silber abgibt, wird auch silberschaum genennet G. Junghans
gräublein ertz (1680) c 2
d.
dazu glätte anfrischen,
d. h. durch ein reduzierendes schmelzen in blei zurückverwandeln (
s. u. glättfrischen): darnach treibt man das blei ab und frischt herdt und glet wieder an Albinus
meisznische bergkchronica (1590) 113.
bildlich: gott wOelle die lere treiben und die glet und wildigkeit darvon abscheiden Mathesius
Sarepta (1571)
vorr. 1
a;
ebda 223
b. glätte
als fertigprodukt in mannigfacher verwendung und ausnutzung. als zuschlag beim scheiden von metallen und schmelzen von erzen: die scheydung der metallen ... mag in vielerley weg geschehen, nemlich durch ... anfrischung mit etlichen fluszpulvern, als da ist sal alcali, glett, geflossen saltz Paracelsus
op. (1616) 1, 904
H.; in manglung ... desz quecksilbers, mOecht man den reinen ... goltschlich, mit gekOerntem bley, glOet und bleyglasz ... in einem windtofen rein und wol flieszen ... lassen L. Ercker
beschr. aller mineral. ertzt (1580) 49
a.
in der medizin seit alters als äuszerlich gebrauchtes heil- und reinigungsmittel. für ein heilwasser gegen hautfäule gebraucht: wildu nu machen daz erst wazzer ... so nym aynz daz hayzzet lytasirum (
wohl lithargyrum) oder lyteriorum, daz ist glett, und stoz daz in aynem marsaer gar chlayn (15.
jh.)
Wiener arzneibuch in: sitz.-ber. d. Wiener akadem. phil.-hist. kl. 71, 546.
zur herstellung von heilpflaster und -salben: emplastrum apostolicum nym gleden unde stot in eynen mosere al dor cleyne ... nym goltgleden, dat is de beste eder sulvergleden, kanstu der goltgleden nicht ghehebben
aus Wolfenbütt. mscr. bei Schiller-Lübben 2, 118
a; nim alun, weydesch und glett und brenn die undereinander und stosz sye zuo pulver und sAeg disz in die wunden (
bei '
gliedwasser') Gersdorff
wundarzney (1526) 34
a; dann mumia ist der mensch selbst: mumia ist der balsam, der die wunden heilt: der mastix, die gummi, die glett ec. vermögen nicht ein tropffen fleisch zu geben Paracelsus
op. (1616) 1, 42
H.; vor die hitzblattern im gesicht ... eine untze campher, so viel lebendigen schwefel, eine halbe untze glAette und eben so viel rothe myrrhen
allg. haush.-lex. (1749) 1, 84
b.
in der keramischen industrie zu schmelz und glasur verwandt: glet oder silberstein ... die tOepffer verglasieren ire geschirr darmit Mathesius
Sarepta (1578) 101
b; 102
a; glätte '
das bekannte bleioxid, welches zur töpferglasur verwendet wird' Scheuchenstuel
id. d. österr. berg- u. hüttenspr. (1856) 105;
daher direkt für glasur: diese (
gefäsze) waren von einer weiszen glAete berglAeset Lohenstein
Arminius (1689) 2, 763
b;
schweiz. id. 2, 654.
als klebstoff gebraucht: mit ... glycerin ... angeriebene glätte giebt einen ... kitt Muspratt
chemie (1888) 1, 11.
zusammensetzungen mit 2glätte
als erstem bestandteil, fast ausschlieszlich substantiva, meist ohne -e,
seit dem 19.
jh. auch mit -e
in der fuge, treten schon im 16.
jh. nicht selten, in zunehmendem masze seit dem 19.
jh. auf. bedeutungsmäszig beziehen sie sich teils auf den treibprozesz, so glättauge, glättebildung, -haut, -periode, -rand, glättschicht
u. ähnl.; teils auf vorrichtungen am treibherd wie glättgasse, -haken, -loch, -strasze
u. a. gelegentlich auch auf weitere verwertung oder vertrieb der glätte
bezogen: glättblei, -faktor, -fäszel, -frischen.
im übrigen sieh an alph. stelle.