glätte,
f. ,
levitas, lubricitas. zu glatt
als abstraktes fem. auf î.
über die ahd. glosse glati
algor ahd. gl. 1, 6
St.-S. in Pa. (
aber in K., Ra. chaldi, chalti)
vgl. oben sp. 7706;
vereinzelt im frühmhd. gletî, gletîn (12.
jh., s. u. 1);
sprachliches leben gewinnt das wort erst im 16.
jh., in der schreibung glette
neben glätte,
seit dem 17.
jh. nur glätte;
vereinzelt glät Er. Alberus (1540) ll 4
b; glatte
nomencl. lat.-germ. (
Hamburg 1634) 128.
mundartlich in den verschiedensten räumen des sprachgebietes, aber wenig entwickelt: glätti
schweiz. id. 2, 654; (
schwäb. glättne Fischer 3, 675); gloete, gleate Lexer
kärnt. 115; glett Müller-Fraureuth
obersächs. 1, 423
b; glet
rhein. wb. 2, 1258; gladte Doornkaat-Koolman
ostfries. 1, 631
b. 11)
in ältester bezeugung zu glatt D
lubricus gehörig, schlüpfrigkeit: diu gletî (
des eises) ime den swanc nam, umbe den sturz er niht enlie, an den kniwin er wider gie. diu gletîn im aber den swanc nam
Reinhart fuchs 810
Baesecke; so auch später in häufigem gebrauch: daz du von glette nit fallest (
bildlich) Geiler v. Keisersberg
bilgersch. (1512) 27;
lubricum schlipfferung, glette Calepinus
XI ling. [] (1598) 837
b; Stieler (1691) 664; unten griff er mit den füszen vorsichtig vorwärts, um in der unsäglichen glätte (
des eises) nicht zu fallen Stifter (1901) 2, 225; gebirgskämme, durch die steile und glätte ihrer grasflanken berüchtigt H. v. Barth
Kalkalpen (1874) 258.
absolut: grosze kälte und glätte Eichendorff 11, 306
Kosch-Sauer; wind, regen, schnee, eis, glätte, nässe und ... feuchte luft Caroline
br. (1871) 2, 186
Waitz. weiterhin: (
beim tanz) die glätte des parketts versuchen Bismarck
ged. u. erinn. 1, 143.
auch glatt D 2
entsprechend: die schleimhaut zeichnet sich ... durch glätte aus Sömmerring
menschl. körper 5, 29. 22)
im gegenständlichen bereich von glatt B 1,
als eigenschaft von körpern mit ebener oberfläche: levor, levitas die glät,
contra asperitas Er. Alberus (1540) ll 4
b.
als allgemeiner qualitätsbegriff: leypliche und befyndtliche aigenschafften, das ist qualiteten, als da sind farb, glette, rewe, werm und kelte
bei Ambr.
u. Thomas Blaurer
briefw. 1, 375; die weiche, härte, elasticität, glätte oder rauhigkeit der oberfläche Hegel
w. (1832) 7, 1, 599; Göthe 47, 244
W. im einzelnen, z. b.: allen den anmuot, so die berlen haben, steet in der schönen ... farbe, ... ronde, glette, gewychte Eppendorff
Plinius (1543) 123; (
der perlen) rechte runde glätte Zesen
Assenat (1679) 403; (
ebenholz), welches ... an glätte das helffenbein überstiege Lohenstein
Arminius (1689) 2, 317
b; was die festigkeit und glätte (
des holzes) betrifft Göchhausen
notabilia venatoris (1741) 177; der gröszte vorzug des chinesischen papiers ist die vollkommene glätte Fr. Th. v. Schubert
verm. schr. (1823) 3, 258; die glätte und politur des marmors Solger
nachgel. schr. u. briefw. (1826) 1, 81
T.-v. R. in verbindung mit glanz
oder weisze (
s. u. 3
und glatt A 3): auf dieser insel wird das gelbe wachs gebleicht, dasz es, am weiszen glanz und glätte, dem alabaster völlig gleicht Triller
poet. betrachtungen (1750) 2, 12; man sah beim ankauf des papyrus auf ... weisze und glätte Muspratt
chemie (1898) 6, 1435. —
in singulärer, aber früher bezeugung auch uneigentlich, von der menschlichen stimme: senfftikeit oder gletty der stymm ist von natur und wirdt durch übung ... behalten Riederer
spiegel d. wahren rhetorik (1493) g 3
b. 33)
als ergebnis künstlichen, vornehmlich handwerklichen glättens, schleifens, polierens, oft mit dem nebensinn des blanken, sauberen (
s.glatt A 3, B 2, glätten 2 a-c),
vgl. nitor glantz, scheyn, sauberkeit, glätte, schöne Frisius (1556) 870
a; glätte
schöne, sauberkeit nitor, laevitas Maaler (1561) 183
b; glette, fleyssige auszbutzung oder auszpolierung
politura, nitor, splendor ebda 184
c; wo (
in der behandlung der statuen) glätte und politur verschmäht ist H. Meyer
gesch. d. bild. künste (1824) 3, 131; die glätte wird den statuen gegeben durch stärke der arme und der arbeiter Winckelmann
s. w. (1825) 5, 445;
ebda 5, 26; sie glättet papier selbst für die londonschen buchhändler, und die schreiben ihr den grad der glätte vor Lichtenberg
br. 1, 231
L.-Sch.; metallscheiben, welche ... durch die erhaltene glätte der leer gelassenen fläche ... ihre ursprüngliche bestimmung zu spiegeln bekunden Ed. Gerhard
akad. abhandlungen (1866) 1, 100.
vom kalandern der stoffe: die dem stärken nachfolgende operation des mangens bezweckt ..., der waare, die sich sonst mehr oder weniger rauh anfühlen würde, glätte und glanz zu geben Karmarsch - Heeren (1876) 11, 235; den anforderungen der qualität wird durch ... glätte der nagelschäfte ... entsprochen
ebda 2, 668. 44)
im anschlusz an 3
in verschiedener, seit dem späten 18.
jh. geläufiger übertragung. 4@aa)
als geistiger wertbegriff, im bereiche der literatur und und kunst, wie der auch aus anderer wurzel entwickelte gebrauch von glatt C 3.
von gefeilter, gerundeter, zierlicher form: durch den wohlklang der jamben und durch die glätte des sorgfältig polirten metrums gefesselt H. Steffens
was ich erlebte (1841) 4, 386.
namentlich in verbindungen: als der kreis der gestalten vollendet war, verlor
[] sich das (
griechische kunstideal) nicht in die gemeine oder unnatur, ... sondern in glätte und zierde Herder 22, 295
S.; und der mangel stylistischer glätte und abrundung (
in den briefen Joh. v. Müllers) ist ein vorzug in vergleichung mit der gewöhnlichen schminke der eleganten briefe, die geschrieben sind, um zu gefallen Fr. Bouterwek
gesch. d. poesie u. beredsamk. (1801) 11, 492; wenn die (
bildende) kunst ihre entwicklung mit einer bis zur äuszern glätte und weichheit vollendet ausgebildeten genauigkeit und richtigkeit beschlieszt Fr. Schlegel
s. w. (1846) 6, 49; durch das ganze buch herrscht glätte des stils, fülle und reichtum des gedankens und eine edle sprache L. Bechstein 1843
bei O. Ludwig
ges. schr. 1, 146
Er. Schm.-A. Stern; keine seiner (
Maszmanns) editionen entsprach dem ideal von glätte und eleganz, welches Lachmann aufstellte Scherer
kl. schr. 1, 84.
gelegentlich kreuzt auch glatt E 2 '
gewandt, geschmeidig'
hinein (
s. auch u. c): so büszen wir auch in der sprache ... an reichthum und fülle der formen so viel ein, wie wir an glätte und geschmeidigkeit ... gewonnen Gervinus
gesch. d. dtsch. dichtung (1853) 1, 277; Seydelmanns ursprüngliches genie zeigte sich nie mehr als in seinem dialog, in seinen briefen. da fehlte jene glätte seines spieles (
auf der bühne) gänzlich Gutzkow (1872) 9, 347. 4@bb)
auch in abschätzigem sinne, analog glatt E 3,
ein übergewicht des äuszerlich formalen oder ein miszverhältnis von korrekter form und geringem ausdruckswert bezeichnend. in verschiedener akzentstärke: so bald die menschliche seele sich äuszert; da durchströmt ihre sprache lebendige dichtkunst. da wird keine beredsamkeit, keine runde glätte des perioden, keine logische deutlichkeit des verstandes ... gehört Herder 6, 42
S.; lasz die weiche lehre neuerer schönheitelei dich für das bedeutende rauhe nicht verzärteln, dasz nicht zuletzt deine kränkelnde empfindung nur eine unbedeutende glätte ertragen könne Göthe 37, 148
W.; wiewohl auch hier neben dem bestreben nach charakterloser abgeschliffenheit und glätte, nach der sogenannten correctheit, die wunderlichen gebehrden der nachahmenden originalitätssucht zum vorschein kommen
Europa (1803) 2, 15; die kurzzeiligen und kurzweiligen, oft von anmuthigen refrains belebten masze sind von vollendeter kunst und doch ohne die widerwärtige glätte der fabrik Mommsen
röm. gesch. (1854) 3, 585. 4@cc)
wie glatt E 2,
von geschliffenen umgangsformen, leichter lebensart: eine verstimmung griff platz, die die geselligste und höflichste aller nationen mehr und mehr gegen alles fremde verbitterte und die eigenschaft ihrer civilen glätte aufgerauht hat Gervinus
gesch. d. 19.
jhs. (1855) 1, 172; zu manchen slavischen eigenschaften und auch zu slavischen gebrechen und untugenden haben sie (
die Böhmen) eine grosze zugabe eines schwerfälligen ernstes und düstern trotzes bekommen, die sie von der allgemeinen glätte, leichtigkeit und leichtfertigkeit der slavischen art unterscheiden E.
M. Arndt
schr. f. und an s. l. Deutschen 3, 23; wo trotz aller ... glätte die ursprüngliche gemeinheit sich nicht verbergen konnte Alexis
ruhe ist d. erste bürgerpflicht (1852) 1, 80. 4@dd)
gelegentlich auch allgemeiner und in komplexer, an glatt A 3
und B 1, 2, glätte 2, 3
anknüpfender ausgangsvorstellung, von geordneten, sauberen verhältnissen: glätte und sauberkeit und beseitigung üppiger auswüchse gehören zur strengen staatsordnung Laube
ges. schr. (1875) 1, 279.
auch innerlich gewendet: der begriff eines saubern und reinlichen charakters, einer spiegelblanken glätte des gemüthes ... ist nie so vollendet ausgebildet gewesen, als ehemals in den cirkeln der berlinischen Hugenottencolonie Gutzkow (1872) 9, 120; eben dieselben sollen auch nicht dafür halten, dasz es die gelehrten ... schriftsteller in prosa und versen sind, welche dem verstande licht, ... den sitten glätte, geschmeidigkeit und anmuth ... verleihen Bürger
w. 331
b Bohtz. 55)
zu glatt B 4
gehörig, '
ohne falten, ohne risse',
meist von der haut: um das salz los zu werden, von dem sie für die glätte ihrer haut fürchten Ratzel
völkerkde (1885) 2,
[] 135; sie liesz dann wohl den faden durch Anne Lenes finger gleiten und zeigte uns die glätte und feinheit derselben Storm
ges. schr. (1884) 3, 24; allein des wegs unruh hat mine zit erfüllt, und mehr dann ander menschen lebtag ist min leben worden voll. das minderet den mann an haar und zahn und pflüget die glätti sins angesichtes Kolbenheyer
Paracelsus 3, 260; weil eine narbe, des kriegers schönster schmuck, die glätte seiner stirn entstellte A. G. Meissner
skizzen (1778) 2, 41.
auch seelisch betont: es fehlt der stirne das gepräge des freien wagnisses, die glätte des heitern entschlusses Gutzkow
br. aus Paris (1846) 223.
als merkmal körperlicher schönheit: die schönheit der geliebten nach ihrer länge und breite, röthe und weisze, glätte und zärte zu beschreiben Gervinus
gesch. d. dtsch. dicht. (1853) 2, 272; er sah die glätte des schönen Agrippa, seines stets milden herrn E. Colerus
Tiberius auf Capri (1927) 94.
in anderer sachbeziehung, vgl. B 4 g: das achtgeben auf weiche der haut, auf glätte der bekleidung Chr. Fr. Nicolai
Sebaldus Nothanker (1773) 3, 105. 66)
von ebener, unbewegter wasserfläche, s. glatt B 11: dann kein ort oder landschafft so gleich als die glätte und ebne desz wassers ist Schweickhart graf zu Helffenstein
Basilius Magnus (1591) 29; das meer, so fürchterlich kaum aufgebirgt, sinkt wieder bis zur glätte des hellsten teichs Wieland (1794) 23, 23
Göschen; absolut: und es sanken die wasser und lagen da, und still wards über der glätte Strachwitz
ged. 272; während ... der storm (
der Rhein) in einer blauen glätte trotz seiner strömung ein stehendes gewässer schien W. Schäfer
erz. schr. (1918) 2, 235. 77)
mehr occasionellen gebrauchs in anderen bezirken des grundworts. wie glatt B 5,
von glatt liegendem fell: beschäftigte er (
der kater) sich ganz ruhig damit, die glätte seines pelzes ... wieder herzustellen G. Keller
ges. w. 4, 268.
zu glatt B 6;
haarlosigkeit: behaarung oder glätte ... geben ... unterscheidungsmerkmale (
der blätter) an die hand Rossmässler
der wald (1863) 126.
nach glatt B 7 d,
von unverziertem gerät: alle deine (
des bogens) zierde ist die glätte. schade! ich will hingehen und den besten künstler bilder in den bogen schnitzen lassen Lessing 1, 219
M. wie glatt B 10 a,
vom astlosen stamm: der stamm (
der weiszbuche) dienet wegen seiner glätte und ungemeinen festigkeit ... zum mühlenbau Döbel
neueröffn. jägerpractica (1754) 3, 7.
von ebenen, gebahnten wegen, wie glatt C 1: drum eben hat man solche bequeme wagen erfunden, die auf lauter federn ruhen, dasz man die glätte der gebähnten wege nicht fühlen will (
ironisch) Gottsched
dtsche schaubühne 5, 82.