verschütten,
verb. ,
mhd. verschüten
mhd. wb. 2, 2, 231
a. Lexer
mhd. handwb. 3, 222; verschütten, auszschütten,
profundere. Maaler 430
b; verschütten,
profundere, prodigere. Stieler 1944;
nld. verschudden,
quatere, concutere, disculere, agitare, eventilare. Kilian (1777) 2, 724
a;
nd. verschüdden Dähnert
plattd. wb. 526
a. Woeste
westfäl. wb. 295
a. 11)
die alte bedeutung '
heftig bewegen, rütteln',
die dem verbum simplex zu grunde liegt, bezeugt für verschütten Henisch: zerbrechen, verschütten, zerschmetteren,
conquassare, concutere, confringere, conterere. 494, 37;
s. verschüttung
am ende und vgl. die glossierung bei Kilian,
die eben angeführt wurde; getreide verschütten,
es rütteln und dadurch lüften: eventilare, verschuten, verschutten. Diefenbach
gloss. 212
b.
vielleicht ist hierher folgende stelle zu ziehen: ich het das houpt und den lyb eyns mols verschüttet mit arbeit (
durch heftige anstrengung mürbe gemacht, zerrüttet), das ich kranck wer worden und verderbt mich selbs. Geiler v. Keisersberg
christ. bilgerschaft (1512) 157
d. 22)
zudecken durch aufgehäufte, darüber geworfene masse, schüttend bedecken; das ist eine der im entwickelten neuhochd. gewöhnlichen anwendungen, die in der älteren sprache seltner bezeugt ist; im nhd. ist neben der eigentlichen anwendung auch die bildliche und übertragene reich entwickelt. einen ort, einen graben, eine grube mit erden, kummer
etc. verschütten; der graben ist verschüttet worden. Kramer
deutsch-it. dict. (1702) 2, 689
b c; verschütten, mit etwas, dasz man etwas nicht mehr sieht;
ruderibus, tegere, occultare aggesta terra, allatis et projectis quisquiliis; verschütten einen gang,
aggerendo varia, inaccessum reddere. Frisch 2, 237
b;
im bergmännischen sinne: verschütteter gang, fauler gang. Jacobsson
techn. wb. 8, 81
a; den weg mit schutt verschütten. einen brunnen, einen graben verschütten. Adelung; die im graben liegenden getödteten wurden verschüttet; von einem schneegerolle verschüttet werden. Campe; verschüttetes mauerwerk, verschüttete brunnen; eine stadt vom erdbeben verschüttet,
u. ähnliches. das sie die schut aus iren gruben füren, und doch mit denselben die ander vels, auch die rinnen und ausflüsz des wassers nit verschütten. Tucher
baumeisterb. 247, 26; (
einen brunnen) der im hinterhofe des landhauses unter wildem gesträuche versteckt und viele jahre lang verschüttet war. Schiller 4, 248; und nicht allein ungeweiht, sondern halb verschüttet ist das grab. Göthe 30, 137
Weim. ausg.; der regelmäszig aufgeführte grund wird verschüttet.
wahlverw. 1, 9 (20, 98); die thüre war verrammelt und von auszen so geschickt verschüttet und bedeckt, dasz ich nun wohl begriff, warum ich sie heute früh vergebens gesucht hatte. 33, 115; (
der feind) verwüstete die saaten und fruchthaine, verschüttete die quellen und ermordete die arbeiter. Brentano
ges. schriften 4, 377; öfnet die läden geschwind und die lange verschütteten thüren. Schiller 11, 193; sonst dankt man gott, wenn man die steine vom acker hat: aber hier! sechs meilen herum sind keine zu finden mehr, und wir haben es noch nicht satt; damit verschütten wir den boden, wo das weichste gras, die liebsten blümchen blühen. Göthe
triumph d. empfindsamkeit (17, 36
Weim. ausg.); waffen waren rings aufgestellt, zerstreut auch hin und wieder, verschüttet und verstaubt von vielen jahren. Chamisso 4, 35 (1836).
in bildlicher und übertragener anwendung: das durch so viele pergamente, papiere und bücher beinah verschüttete deutsche reich. Göthe
dichtung u. wahrh. 1, 5 (26, 290
Weim. ausg.); man sehe das Sulzerische capitel von colorit und wie dort die frage, was harmonie der farbe sei, nicht herausgehoben, sondern unter fremden und verwandten dingen vergraben und verschüttet wird.
Diderots versuch über die mahlerei (45, 302); wie viel wieder lebendig wurde! ach die acht wochen haben doch viel verschüttet in mir.
briefe 3, 119 (8.
nov. 1776
an Ch. v. Stein); als sie vom hügel des nächtlichen galopps in ein mit nebeldampf verschüttetes thal einschritten. J. Paul
Hesperus 1, 13; deine demuth, deine ruhe, dein kindlicher sinn ist von trotz, wildheit und übermuth vershüttet. Tieck 4, 237; hinter mir ist durch eigene thorheit alles verschüttet. 19, 35; öffnete er vor dem jünglinge die verschütteten thüren seines geistes. Freytag
ges. werke 4, 133; die bahn deutscher politik wäre verschüttet worden, wenn wir 1866 daran (
an der preuszischen verfassung) änderten. Bismarck
gedanken und erinnerungen 2, 69; die die welt verschüttet haben, mögen sie entschütten. Rückert
gedichte (1841) 344; hat dir ein stosz von ungefähr dein kartenhaus zerrüttet; gott sei gedankt, es war nicht schwer, es hat dich nicht verschüttet. 399. 33)
eine aus körnerartigen theilen bestehende masse (
z. b. sand, salz, gedroschenes getreide)
fallen lassen, zu boden werfen; dann in gleichem sinne von breiigen, flüssigen, freier auch von andern massen; die gewöhnliche anwendung im entwickelten neuhochd. ist, dasz das verschütten
auf ungeschicklichkeit. besonders bei der handhabung eines gefäszes, behälters beruht, aus versehen geschieht, nicht überlegt und beabsichtigt ist; in gehobener sprache kann aber dieser nebensinn auch in der neueren sprache wegfallen. ihr verschüttet mehr als ihr trincket; den brey, das kraut verschütten; ihr habt fast die helfte verschüttet. Kramer
deutsch-it. dict. (1702) 2, 689
b c; Kramer
führt auch reflexives sich verschütten
an: ich hab mich verschüttet,
io hò spanduto ò versato troppo ò manco. 689
b; dieses sich verschütten
ist jedoch ganz ungewöhnlich; das wasser verschütten,
aquam profundere. Steinbach 2, 528; verschütten, etwas das man in acht nehmen soll,
negligentius tractando effundere. Frisch 2, 237
a; man fasset auch nicht most in alte schleuche, anders die schleuche zureiszen, und der most wird verschütt.
Matth. 9, 17; haltet, haltet stille! ihr werdet mich umbstoszen und mir das wasser gar verschütten! Gryphius
Peter Squenz 34
neudruck; wie etwan ein strohkranz auf dem im offnen eimer getragenen wasser, oder bloszer schaum ebenso auf der milch durch milden widerstand das verschüttende schwanken überwiegt. J. Paul
herbstblum. 3, 81; nun seht! so eben ward mir zur seit' der geistige süsztrank verschüttet. Göthe 1, 203
Weim. ausg.; das verschütten
von salz bedeutet unglück. doppelsinnig: was will der zwerg? rief ich aus, mich heftiger gebärdend, wodurch ich den becher umstiesz. — hier ist viel verschüttet! rief die wunderschöne, that einen griff in die saiten, als wolle sie die aufmerksamkeit der gesellschaft aus dieser störung wieder auf sich heranziehen. Göthe
Wilhelm Meisters wanderjahre 3, 6 (25, 1, 148
Weim. ausg.); verschüttest obendrein unser feines mehl. Grimm
märchen nr. 59;
das gefäsz als grammatisches object: da verschüttete er schlieszlich das tintenfasz über steppdecke und leintuch. Keller 5, 102 (1899);
vgl. unten die stelle aus Brants
narrenschiff; er verschüttet den becher. Herder 1, 320
Suphan; in freierer wendung: nun, nun! verschütt' er nur nicht gar das kindlein samt dem bade. Bürger
gedichte 283
Sauer. für uns unmöglich: unlängst stunde er neben mir in der S. Olufskirche; weisz nicht, wie ers versahe, dasz er im abziehen seines linken handschuchs ein brieflein daraus fallen liesz, und, wo ich mich nicht irre, so habe ichs noch bei mir verwahret. das werden gewisz geistliche sachen sein, fieng Olearius an, weil es an einem geistlichen orte von so einer geistlichen person verschüttet und einer gleichen standes aufgenommen worden. Fleming 1, 91
Lappenberg. ohne den nebensinn des versehens, der ungeschicklichkeit, wegschütten, weggieszen: so mussen des misbrauchs halben auch die weiber umbbringen, auch den wein verschütten (
weggieszen als sündliches). Luther 2, 468
a; und künnen nicht den zehenden teil gott zu ehren geben, des, so wir zuvor dem teufel in rachen verschüttet haben. 5, 410
b; das sie die tollen jungfrawen sind, die das ole verschut haben (
aus leichtsinn, nachlässigkeit weggegossen haben). 2, 315
b; des glich ouch die jr ampell hant verschüt, und nit mit öl gebrant, und went erst suochen ander öl. Brant
narrensch. 106, 10; (
er) verschutte den wechslern das geld, und sties die tische umb.
ev. Joh. 2, 15; sihe, der altar wird reiszen, und die asschen verschüttet werden die drauff ist.
1 kön. 13, 3; und deiner opfer asche muszt ich, o Moloch, in den bach verschütten? Klopstock 9, 128.
in verschwenderischer fülle ausschütten: (
der herbst) sein eröffnetes füllhorn über die erde verschüttet. Zachariä
tageszeiten 13 (1757); welch eine menge von güldenen früchten verschüttet das jahr nicht! 25; dreymal glückliches eyland! auf welches die güldene freyheit alle schätze der erde mit reichen händen verschüttet, 59; starke gerüche wohlriechender wasser sind um sie verschüttet. 27; blut verschütten,
es vergieszen durch verwundung oder tötung: und ich mit dem gebote mîn ir reines bluotes iht verschüte. Konrad v. Würzburg
Silvester 1166; daʒ er sîner kinde bluot verschüten gerne wolte.
Engelhard 6219; bis des vater-mörders blut, vor diesem steine verschüttet, gegen die sonne dampft. Schiller
rauber 4, 5
schauspiel; bei nasenbluten: es stunde ein kübel voll blut dort, das ich auf 35 metzen zu schätzte, ohne dasjenig, so allbereit anders wohin verschüttet worden (
weggegossen war). Grimmelshausen
Simpl. 2, 288, 15
Kurz. in übertragener bedeutung, vgl. auch unter 4: es sein wol ehe (ob ichs nit rieth) vergebens so viel wort verschüt. B. Waldis
Esop 3, 92, 102
Kurz; das wort hab ich verschüttet, Luth. ad multiloquium redactus. Schottel 646
b;
die bedeutung des wegschüttens geht in die des einbüszens, verlierens über, auch mit dem nebensinn des verschwendens, vgl. verschütter,
verschüttung: gunst verschütten,
gratia excidere. Stieler 1944; die gunst verschütten,
gratiam collectam effundere. Steinbach 2, 528; wenn wer sich das gantz ior het gehalten in messigkeit und reynigkeit, der verschütet es yetzen alles sammen mit aller üppigkeit und unbehütsamkeit. Geiler v. Keisersberg
christl. bilgersch. 149
d (1512); dardurch er die gnade und gunst gottes verschüttet. Gretter
erkl. d. ep. Pauli a. d. Römer (1566) 722; hat er die eusserlich seligkeit und wolfart dieser welt durch seinen ungehorsam verschüttet. 8; dasz sie solchs erbtheil nicht mit gottlosem und unbuszfertigem leben widerumb verschütten. 522; sein junges edles leben durch henkershand verschütten.
beleg bei Campe. der inhalt meines lebens ist verschüttet (
weggeworfen), du hast verweigert mir einen neuen zu geben. Freytag 2, 310 (1896); verschütten,
ein spiel, es verlieren. Albrecht
Leipziger mundart 230
b; der ander sprach: 'so wil ich mit, ich hab nit vil das ich verschüt' (
ich hab nicht viel zu verlieren). Uhland
volksl.2 415 (
nr. 198, 3).
in besonderer wendung, nicht bei sich behalten, merken lassen, bekannt machen (
vgl.: er hat etwas davon fallen lassen, dasz): si solden mit im gar verdagen sînen rât und niht verschuten.
passional 198, 34
Köpke. in der folgenden stelle ist verschütten
ungeschickte übersetzung von effundere: wir sind verschüttet durch das lohn im irrthum des Balaams. Luther 2, 420
a (
mit der erklärung: so faren sie heraus, und zustrawen sich in mancherley eusserliche werck, hin und her, und thuns nur umbs gelts willen;
errore Balaam mercede effusi sunt. ep. Jud. 11;
καὶ τῇ πλάνη τοῦ Βαλαὰμ μισθοῦ ἐξεχύθησαν.
später bei Luther: und fallen in den jrthum des Balaams, umb genies willen). 44)
viel gebraucht wird das wort in einer redensart, die von dem unter 3
behandelten gebrauch ausgeht: er hat es ganz verschüttet, bei einem verschüttet,
er hat durch ungeschicktes benehmen, falsches verhalten gunst, wohlgefallen verscherzt; die zu grunde liegende vorstellung kann deutlicher gemacht werden: er hat den brei, die suppe verschüttet,
auch wohl: er hat das öl verschüttet (
nach Matth. 25, 1
ff.); den brey verschütten bey einem,
gratiam alicujus perdere. Frisch 2, 237
b;
in gleichem sinne: es bei einem verschütten. Campe. Albrecht
Leipziger mundart 230
b; er hed's bei de lüta verschött,
er hat das zutrauen der leute verscherzt. Tobler
appenz. sprachschatz 187
b; er het's ferschütet,
hat die gunst verscherzt. Hunziker
Aargauer wb. 83; er het's öl ferschüttet bin-im,
steht in ungunst, ungnade bei ihm; er stot do, wie wen-ner 's öl ferschütted hätt,
betroffen, verlegen. Seiler
Basler mundart 112
b; wie solches die Kittlitzin vernahm, habe ich es bei ihr auch gar verschüttet gehabt. H. v. Schweinichen 62
Österley; also dasz ihr ganz gemüte gewesen, mich zu einem hauptmann gen dem Hainau zu bestellen, welches ich mit diesem gänzlich verschüttet habe. 465; wegen seines stäten fressens hat der reiche prasser bey unserm herrn die suppen verschütt. Abraham a S. Clara
bei Schmeller
bair. wb. 2, 489; wo sie auch leichtfertig darzu ist, so wird sie es vollends verschütten. Weise
comödienprobe 240: wo ihrs bey mir nicht verschütten wolt, so heist mich ihr ehrenveste. 302; das ist meine meinung nicht, dasz ichs bei den leuten auf einmal verschütten will; ich werde wieder um schön wetter bitten.
beleg aus Weise
in zeitschr. f. d. wortforschung 2, 34; kurz und gut, das plänchen scheiterte — und damit war nun freilich alles verschüttet. Heyse
kinder d. welt 2, 193 (1890); als Roboam das muos verschütt. Murner
narrenbeschw. 27, 10 (
s. 93
Gödeke); also hont irs so gar verschütt. das man üwers gwalts acht nit. 20, 47 (
s. 75); drumb wer dahin stellt sein begier, das er es anderst ordnen wöll, verschütt wie dieser auch sein öl. Kirchhof
wendunm. 1, 207
Österley; und wie er's diesem wieder abbittet, er's wieder mit einem andern verschüttet. Göthe
parabeln (16, 113
Weim. ausg.); will's der herr vetter bei mir nicht ganz verschütten, so rat' ich ihm, dasz er davon schweigt. Körner
d. nachtwächter 1.
in besonderer anwendung: sie wandten, er het verschittet von dem selben fall (
es wäre vorbei mit ihm, er wäre tot).
Neithart fuchs 3578. 55)
in prägnanter anwendung bedeutet verschütten
ein getreidedeputat, löhnung, zins u. ä. in getreide entrichten. der schutt, hirtenschutt, hirtenschütte
ist das getreide, das dem hirten für das vieh und ihm zum lohn gegeben wird (
vgl. hirtenschütte
th. 4, 2,
sp. 1577, schutt 1,
e th. 9,
sp. 2104);
so bedeutet auch schütten
zins- oder lohngetreide abgeben (schütten 7,
f th. 9,
sp. 2115); verschütten
wird in diesem sinne z. th. in seltsamen constructionen gebraucht: sein vieh dem hirten verschütten, '
nur in einigen gegenden, den schutt
davon entrichten, d. i. ihm das zum hirtenlohne bestimmte getreide geben'. Adelung; dem hirten verschütten,
dem hirten den lohn geben. Vilmar
idiotikon von Kurhessen 375; achtete er sich nicht schuldig, sein viehe so ehr zu Manstadt uff seinen freyen siedelhoff hieltte, gleich den andern inwonern zu vorschutten. ehr hette sich aber vor der zeit erbetten, ein erffurtter vierttel korn zur schutte zu geben.
quelle von 1590
bei Diefenbach-Wülcker 566. 66) verschütten
heiszt in einigen gegenden: eine fehlgeburt machen. se hot verschott,
zu früh geboren. Schmidt
westerwäldisches idiot. 310;
vgl.schütten,
gebären (
von thieren),
s.schütten 7,
c. th. 9,
sp. 2115, sich schütten
in gleichem sinn von thieren (schütten 6,
sp. 2114).