wuchern,
vb. , '
fenerari, wucher treiben', '
frucht bringen', '
üppig wachsen'.
denominativum zu wucher,
ahd. wuocherôn,
as. wôkrian (
nur das part. prät. giwôkrid
ist belegt, s. u. A 1),
mhd. wuochern,
mnd. wôkeren,
mnl. nnl. woekeren,
dän. aagre,
norw. okra,
schwed. ockra.
das wort ist im gotischen, wo das subst. wôkrs
zuerst begegnet, nicht überliefert, findet sich aber in der bedeutung '
fenerari'
bei Notker,
der wuocher
nur für '
fructus'
gebraucht, und im as. (
s. o.),
wo das subst. nicht bezeugt ist. die bedeutung '
fenerari' (A)
überwiegt von anfang an, während neben verbreitetem ahd. mhd. wuocher '
fructus'
der entsprechende gebrauch des verbums (B)
nur schwach ausgebildet ist und erst durch die moderne bedeutung '
üppig wachsen' (C)
kräftiger fortgesetzt wird. die älteren nhd. wörterbücher verzeichnen wuchern
nur für '
fenerari'
und verwandte begriffe, vgl. Diefenbach
gl. 229
c s. v. fenerari; 631
a s. v. usurare; 535
a s. v. simoniacare; nov. gl. 317
b s. v. resipere (
fälschlich für recipere?);
foenero wuocheren, wuocher treyben Frisius
dict. (1656) 575
a; wuchern
usurare Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1398
a; wuchern, auf wucher leihen
foenerare Hederich
dt.-lat. lex. (1777) 3574.
erst bei Adelung
auch '
sich vermehren, sich ausbreiten; doch nur von gewächsen. ein gewächs wuchert,
wenn es sich stark ausbreitet und vermehret, besonders, wenn selbiges vermittelst der wurzeln geschiehet'
vers. e. wb. 5 (1786) 297.
mundartlich ist das wort in den bedeutungen '
wucher treiben'
und '
üppig wachsen'
für das niederdeutsche und das oberdeutsche sprachgebiet gebucht. AA. wuchern
als ableitung zu wucher B '
fenus, usura'
ist seit ahd. zeit sprachüblich, bleibt im älteren nhd. fast allein im gebrauch und behauptet sich bis zur gegenwart. zur mundart vgl. Richey
id. Hamburg. (1743) 344;
brem.-niedersächs. wb. (1767) 5, 283; Doornkaat Koolman
ostfries. 3, 568
a; Dähnert
plattdt. (1781) 555; Danneil
altmärk. 249
b; Unger-Khull
steir. 639
a; Jakob
Wien 222
a;
auch '
geizig sein, hamstern' Fischer
schwäb. 6, 965; '
bei einer kümmerlichen lebensweise geld zusammenscharren' Martin-Lienhart
elsäss. 2, 784
b. A@11) '
fenerari', '
wucher treiben',
d. h. im ahd. und mhd. gewinnbringende darlehns- u. a. geschäfte betreiben, seit dem frühnhd. (
vgl.wucher B 2)
durch übervorteilung eines anderen ungerechtfertigt hohe gewinne aus darlehns- u. a. geschäften erzielen. A@1@aa)
meist in absoluter verwendung, doch auch mit angabe des ertrages im akkusativ: iussit uocare seruos quibus dedit pecuniam ut sciret quantum quisque :giuuokrid endi giuunnian:
negotiatus esset, Essener evangeliarglossen Luc. 19, 15
bei Wadstein
as. sprachdenkm. 56;
qui pecuniam suam non dedit ad usuram (
ps. 14, 5) der sînen scaz negab zeuuôcheronne Notker 2, 40, 8
P.; foenerandi uuuôcheronnis (
zu ps. 62, 4)
ebda 235, 24;
vgl. 132, 1; 208, 14. 15; zehen phunt wuocherot er sinem herren, nu lonet er im mit eren
Rolandslied 5169
Wesle; swenne die (
richter) gereht wæren an ir gerihten, sô getörste nieman deheine sünde getuon, weder rouben noch wuochern noch êbrechen Berthold v. Regensburg 1, 209, 6
Pf.; ich han gestoln 3 oder 10 gulden
etc. geraubet gefunden gut; gewuchert offenlichen oder verdecklichen Joh. Wolff
beichtbüchl. 16
Battenberg; also sagest du ... den burgern vnd koufleüten, das sy nit wuochern, oder mit falschen käuffen iren nächsten betriegen Keisersberg
pred. teütsch (1508) 105
c; narung mit der händen arbeit, nit mit gwalt oder wuocheren gewünnen Zwingli
dt. schr. (1828) 1, 33; wenn es noch so übel stünde, liesze man doch das wuchern und finanzen, schinden und schaben, lügen und trügen nicht (1621) Opel-Cohn
dreiszigj. krieg (1862) 372; es wuchern kirche, recht und amt Chr. Günther
s. w. 103
lit. ver.; dass die juden ... um so sicherer wuchern ... konnten
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 3, 114; wuchernde krämer ... verkauften sie (
d. altertümer) ... dem ... auslande
dt. museum (1812) 2, 49
Fr. Schlegel; etliche vornehme schossen zusammen, dasz er wie ein ehrlicher mann leben konnte; so fing er an zu wuchern, und hat nun diesen groszen gasthof gekauft Tieck
schr. (1828) 3, 178; der wuchernde reiche schützte seinen raub durch polizei und justiz Lange
gesch. d. materialismus (1866) 76. —
passivisch: gewochirtes essen ... gerovbtes essen
bihtebuoch 35
Oberlin; von eim ungerechten oder gewuochertem guot
buch d. selen (1515) J 5
a.
verbreitet in redensartlichem gebrauch: das du nit hast die haupt summen, drumb kanst nit auch zu wuchern kummen Burkard Waldis
Esopus 1, 292
Kurz; wuochern ist mir verbotten, mir mangelt der hauptsumm Seb. Franck
sprichw. (1541) 2, 62; er wuchert im sinn wie ein jud der nit zu leihen hat
ebda; also wuchert auch mancher kauffmann im sinn, wie ein armer jud Lehmann
floril. polit. (1662) 1, 265; wer im gedencken wuchern sol bisz ihm das gute glücke rufft, der baut nur schlösser in die lufft Chr. Weise
d. grün. jugend überfl. gedanken 142
ndr. A@1@bb)
oft in der wendung mit etwas (
einem kapital, einer ware) wuchern;
bildlich: got wil mit sinen goben wuochern und wil geist und nature zuo ime ziehen Tauler
pred. 309, 15
Vetter. gebräuchlicher erst seit dem frühnhd.: dasz die vom adel nicht also das korn hinfort alleine zu sich kauffen ... und damit so unverschämt wuchern (1539) Luther
br. 8, 404
W.; weil keine juden in selbige statt kommen dörffen, konte er mit allerley sachen desto besser wuchern Grimmelshausen
Simpl. 282
Scholte; einige reclusae wucherten mit den almosen, die sie empfiengen Hahn
staats-, reichs- u. kayserhist. (1721) 2, 33; denn derjenige bürger zu Athen, welcher mit den handthierungen seiner knechte wucherte, war noch lange kein vornehmer bürger Lessing 8, 304
L.-M.; und wechsler zu Antwerpen, Venedig und Genua wucherten längst mit dem golde, das noch in den schachten von Peru schlief Schiller 8, 98
G.; im jahr 1759 hatte ein ... bäcker in der hungersnoth viel korn angekauft und freute sich, damit recht zu wuchern J. Grimm
dt. sagen (1891) 1, 167. A@1@cc)
einzelne präpositionale oder kasusverbindungen, deren gebrauch sich jedoch nicht durchgesetzt hat, begegnen besonders im frühnhd.: A@1@c@aα)
die person des vom wucher betroffenen wird durch an, auf, bei, von
angeschlossen: das sie (
die juden) aber rhümen, Mose hab jnen erleubt oder geboten zu wuchern an den frembden (1543) Luther 53, 524
W.; wenn inen gott kaum ein gülden ... bescheret, können sie nicht ruowen, sie müssen denn an dem nottürfftigen darmit wuochern Kirchhof
wendunmuth 1, 363
lit. ver. he wokert uppe gode sere, de entfarmen up den armen hävt, wente he so männigfold wedergevt (
laiendoctr. 30
nach prov. 19, 17) Carl Schulze
bibl. sprichw. (1860) 64; der stärckeste stoszt den schwächsten in sack. ein jeder schindet und wuchert auff dem anderen Moscherosch
gesichte (1650) 1, 164. ich wil bey nimand als bey gott wuchern Butschky
Pathmos (1677) 376. trachten allein aufs christen not, wuochern von christn ir täglich brot
hist. volkslieder 4, 125
Liliencron. vgl. auch: die, haufen golds zu sammeln, nebenbürger zu bettlern wuchern Ayrenhoff
s. w. (1814) 2, 259. A@1@c@bβ)
der dativ bezeichnet bisweilen eine person, zu deren gunsten gewuchert wird: dit sint die gine die wcherent sine wizent weme; alse si stervent, si in wizen we dat gut neme
d. lilie 49, 21
Wüst; aber Christo hab ich gewuochert, da ichs den armen geben Fabricius
auszzug bewerter hist. (1599) 92. A@22)
vom kapital '
zinsen bringen'
; dieser gebrauch des wortes ist erst seit dem frühnhd. zu belegen und scheint sich in der auffassung an bedeutung B '
frucht bringen'
anzulehnen; pecunia otiosa, geld das weder wirbt noch wuchert, das einer im kasten hat Corvinus
fons lat. (1646) 638: das dir dweil das gelt nit gewuocheret het Boltz
Terenz deutsch (1539) 89
b; alsdenn muste dieses wuchergeld für sie wiederum wuchern Lindenborn
Diogenes (1742) 1, 253; geh zu den geizigsten, die werden mir am liebsten leihen. denn sie wissen wohl, wie gut ihr geld in meinen händen wuchert Lessing 3, 50
L.-M.; dasz in seiner bank das pfund mit zwanzig procent wuchere Immermann
w. 1, 19
Hempel. redensartlich: geld wil wuchern oder prangen Mathesius
Jesus Syrach (1586) 129
b; geld kan nicht still liegen, es will wuchern, bawen oder kriegen Lehmann
floril. polit. (1662) 1, 280; geld mag nicht faul liegen, es will wuchern oder häuser bauen oder krieg führen wie heutzutage Watzlik
pfarrer v. Dornloh (1930) 90. A@33)
sehr verbreitet ist der bildliche gebrauch. A@3@aa)
schon ahd. und mhd. begegnen unterschiedliche verwendungen. bei Notker
in abstrakter auffassung '
multiplicari'
: adhuc multiplicabuntur in senecta uberi (
ps. 91, 15) iêo mêr unde mêr uuerdent sie gemanigfaltot in berehaftero alti. sancta ecclesia uuuôcherot an iro chinden ioh sô sî alt ist. iro chint manigfaltont sih, unz sî langôst uueret 2, 390, 21
P. — gott eine seele wuchern '
hinzu erwerben': dô frowete sich der kaiser Theodôsîus, daz der briester Eusêbîus gewuocherte gote sô manige sêle
kaiserchronik 13 371
E. Schröder; zuhant wucherte er ein kint unserme lieben herren gote
passional 383, 48
Köpke. auch gott die (
eigene) seele wuchern
kaiserchronik 1902; 13, 426; (
anders 3135);
in ähnlichem sinne absolut: er (
gott) verlêh ime (
dem menschen) sînen âtem, daz wir ime den behîlten, unte sînen gesin, daz wir ime îmer wuocherente sîn
Ezzos gesang 2, 54
in: A. Waag
kl. dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. A@3@bb)
nhd. in der wendung mit dem pfunde wuchern (
nach Matth. 25, 27
und Luk. 19, 23): die fünf pfund im euangelio, so der hausvater seinen knechten gab, damit zu wuchern (1543) Luther
tischr. 4, 536
W.; mir (
hat) gott ... ein kleines pfundt verliehen, vnd mir damit zu wuchern befohlen Ayrer
hist. proc. juris (1600) ):( 3
b; wie kan er sich bey dem bewustseyn beruhigen, dass 'Esther' in seinem schreibtisch liegt, da er mit diesem pfunde wuchern könte? (1795) Caroline
br. 1, 159
Waitz; wie wuchertest du mit deinen pfunden?
kriegsbr. gefallener stud. (1928) 161.
dem gebrauch unter 2
entsprechend erscheint pfund
als subjekt: ein jeder da musz rechnung geben, wie er hie hab gefürt sein leben und was sein pfunt gewuchert hab Wickram
w. 4, 119
lit. ver.; damit mein pfund möchte wuchern und nicht in der erde verborgen liegen J. Böhme
s. w. 3, 14
Schiebler; dasz Mozart von Gluck wie ein meister vom anderen lernt und das entlehnte pfund reichlich wuchern läszt O. Jahn
Mozart (1856) 2, 485. A@3@cc)
an b
angelehnt in freieren verbindungen '
etwas nutzbar machen, gewinnbringend anwenden': wer ein gnad hat, vnd damit wuochert, ... dem wirt immerzuo von gott ... mehr geistlicher gaben geben S. Franck
sprichw. (1541) 2, 129
b; es wäre unverantwortlich, wenn personen, die so viel verstand und geschicklichkeit, als sie ... besitzen, nicht damit wuchern, und ihre fähigkeiten vermehren wollten Gottschedin
br. 2, 30
Runkel; dasz er mit seiner zeit gewuchert Lavater
verm. schr. (1774) 1, 17; hätten sie (
die Deutschen) mit meinem erwerb gewuchert, so wären sie weiter, wie sie sind (
maximen u. refl.) Göthe I 42, 2, 221
W.; sie ... betrachten überhaupt die in der schule angesammelte ideenmasse als gemeinsames gut, mit dem jeder nach vermögen wuchern kann Fr. Schlegel
pros. jugendschr. 5, 26
Minor; beide (
Friedrich II.
und Napoleon) ... waren ... im wuchern mit augenblicken gleich bewundernswürdig Zschokke
ausgew. schr. (1824) 3, 177. A@3@dd)
aus etwas gewinn ziehen, kapital schlagen. A@3@d@aα)
redensartlich: mit geben wuochert man am meisten S. Franck
sprichw. (1541) 1, 117
b; wer schenckt der wuchert Lehmann
floril. polit. (1662) 1, 314. (
vgl. die verbindungen auf, bei gott wuchern, Christo wuchern
unter 1 c
α und β). A@3@d@bβ)
später meist im sinne des gewinnsüchtigen miszbrauchs: dann schrieb er auf so unverschämte art an irgend einen groszen in Wien, ... dasz er ... manche höfliche antwort erschlich, mit welcher er dann weiter wucherte Knigge
umgang m. menschen (1796) 1, 36; wenn habsüchtig ein mann mit dem trug aufopfernder wohlthat wucherte J. H. Voss
s. ged. (1802) 2, 58; wenn sie sich ordinär erwiese und den Kestner zum fond ihrer handlung hätte, um desto sicherer mit ihren reizen zu wuchern Th. Mann
Lotte in Weimar (1946) 135. BB.
als denominativum zu wucher A '
fructus'
ist wuchern
in der bedeutung '
frucht bringen, nachwuchs hervorbringen'
im altdeutschen spärlich und im älteren nhd. nur in resten bezeugt: fructum eorum de terra perdes (
ps. 20, 11) iro uuuôcher benimest du dero erdo. du nelâzest siê uuuôcheren in terra uiuentium Notker 2, 65, 7
P.; vgl. ebda 221, 4; zuêne prunnen in Sicilia, chumit dara zuo charl oda winiga unte choren di des einin, soni durffins chindes menden: an demo anderen magin sî chint wuocheren (
in Sicilia fontes duo sunt, quorum unus sterilem fecundat, alter fecundam sterilem facit, Isidor etym. 13, 13, 5)
meregarto 2, 84; die liute waren salich, erde ioch uihe uil barich. da got selbe was pûman, waz mahte da ubele wuocheren?
genesis (
Wiener hs.) 3720
Dollmayr; sin (
Jakobs) geslechte belef do in Egypto twehundert unde viften jar. darbinnen wokerden se also sere, do se Moyses ut vorde, dat ir was ses warve hundert dusent
sächs. weltchronik 71, 31; das auch die wenig bäumblin ... wie die andern früchten (
sc. getreide) gewuchert haben, allda ein mitterer apffelbaum für sich allein viertzig stär, ein klein birnbäumlin zehen stär ... obs ... dargeben haben Guarinonius
grewel d. verwüstung (1610) 351; ich habe vnter andern rothen rübsamen, welcher auss der massen wuchert Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. (1641) 1, L 7
b. CC.
die bedeutung '
üppig wachsen, sich unter vermehrung des bestandes ausbreiten'
kommt schriftsprachlich erst zu beginn des 18.
jhs. auf und wird seit dem 19.
jh. überaus gebräuchlich. ihre entstehung ist in den schriftsprachlichen zeugnissen nicht zu verfolgen. der übergang von der bedeutung B
aus wird sich im sachbereich des feldbaues vollzogen haben, wo sich, im unterschied zum obstbau usw., der reiche fruchtertrag durch dichten, üppigen wuchs ankündigt; durch sinnentsprechende anwendung auf unkräuter dürfte die neue bedeutung befestigt worden sein, da hierbei die beziehung auf den fruchtertrag ausscheiden muszte (
vgl. oben die kurz vor dieser verbalbedeutung belegten unkrautnamen wucherkraut
und wucherblume);
jedenfalls herrscht die vorstellung des wilden, ungeregelten wuchses im gebrauch des wortes entschieden vor. zur mundart vgl. Richey
id. Hamburg. (1743) 344;
brem.-niedersächs. wb. (1767) 5, 283; Schütze
Holstein 4, 371; Mensing
schlesw.-holst. 5, 681 ('
wenig gebräuchlich'); Doornkaat Koolman
ostfries. 3, 568
a; Dähnert
plattdt. (1781) 555; Danneil
altmärk. 249
b; Fischer
schwäb. 6, 965; Hunziker
Aargau 302. C@11)
die bedeutung begegnet zufrühest in fachschriften und erst seit dem ausgang des 18.
jhs. in allgemeinem gebrauch: schaafgarben ... wuchern sehr willig C. Schröter
hauszverwalter (1712) 259; die ... stark wuchernde ... rose (
rosa foecundissima) Hirschfeld
theorie d. gartenkunst (1779) 2, 25; vegetabilische körper von einer einfachen struktur, in denen der wuchernde saft höchstens ein knötchen bildet, ... bekleiden dort die wenigen von schnee und eis entblöszten felsen J. G. Forster
s. schr. (1843) 4, 156; wild wuchert überall die distel und der dorn Falk
satiren (1800) 1, 63; sümpfe, in denen rohr- und baumwaldungen auf das üppigste wuchern Ritter
erdkde (1822)
teil 1, 243; samen eines armen unkrautpflänzchen, das ich ... vor dem verderben und verdörren rettete, dasz es hernach so fortkam und wucherte, dasz es eine ganze scherbe deckte J. Grimm
kl. schr. (
21879) 1, 22; der doktor entfernte sich einige schritte, um eine aus einer felsspalte wuchernde distel vorsichtig abzubrechen W. Raabe
s. w. I 2, 71; das wuchernde aufschiessen der waldunkräuter Rossmässler
d. wald (1863) 284; wuchernde legföhrendickung nach allen seiten Barth
Kalkalpen (1874) 76; die ... frühjahrstriebe, welche von den hauptpflanzen entfernt werden müssen, um ein zu starkes wuchern der stammpflanze zu verhüten Muspratt
chemie (1888) 6, 187; das rohr hat nämlich eine dicke gelblich-weisze kriechende wurzel, deren hohle röhren ... nach allen richtungen schnell wuchernd in tausend schlangenwindungen den boden durchziehen Allmers
marschenb. (1900) 16; wenn die flora doch so bunt und vielgestaltig wuchert und sprieszet Th. Mann
Faustus (1948) 374.
entsprechend vom haar- und bartwuchs: ihr habt sehr wohl gethan, ... euer haar nicht mehr wuchern zu lassen, wie die ranken eines wilden forstes Fouqué
zauberring (1812) 2, 14; sie lassen ... die bärte wie unkraut wuchern Eichendorff
s. w. (1864) 4, 254.
analog A 1 b
in der präpositionalen verbindung mit etwas wuchern: der kopf (
eines mannes) ... wucherte mit dem dichtesten kurzen ... schwarzen haare Stifter
s. w. 9 (1930) 7; die knicke wuchern mit rosen und kaprifolien, alle häuser mit gärten voll blumen Moltke
ges. schr. u. denkw. (1892) 6, 411.
in sinngemäszen anwendungen auf den erdboden, die natur o. ä. '
üppiges wachstum hervorbringen': nicht weil die saat aus wucherndem boden keimt Platen
w. 1, 190
Hempel; sie (
die moose, kräuter usw.) erscheinen wie ein wucherndes streben der ersten form des organischen lebens, das erdreich in ihren besitz zu ziehen Vischer
ästhetik (1846) 2, 91; rings um das grab herum wucherte die natur
kriegsbr. gefall. studenten (1928) 269. C@22)
in der dichtung kennzeichnet das wort stimmunggebend den üppigen wildwuchs, besonders in unberührter natur und an verlassenen oder vernachlässigten stätten: das gesinde war ungehorsam, die äcker lagen unbebaut, ... nesseln und unkraut wucherten auf den wiesen und in den saatfeldern Tieck
schr. (1828) 9, 19; zwischen schroffen felswänden drängt sich auf einer andern seite ein anderes (
tal), mit einem grund von wollüstigen kräutern, auf denen üppiges gesträuch in die höhe wuchert Novalis
schr. 2, 65
Minor; die rosen nebst dem jasmin wuchern in göttlicher unordnung und überfülle G. Keller
ges. w. (1889) 1, 12; (
einer felswand) zu füszen zieht wuchernder laubwald, pfadloses dickicht, trümmerbesätes ufer, marmorgefelse im wildwasser Scheffel
ges. w. (1907) 3, 26; hier wuchern kress und binsenwust, gewürme klebt an jedem halme A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1879) 2, 17; um das haus her wuchert holunder, und den brunnen schatten grobwuchernd lockre fliederbüsche ein Weinheber
späte krone (1936) 99. C@33)
auf gewebe des animalischen körpers angewandt '
stark oder übermäszig wachsen, abnorm zunehmen' (
vgl. unten wucherung): die krankheit ... ist eine der ungewöhnlichsten gewesen, nämlich ein überfluss von wucherndem knochensaft J. G. Forster
s. schr. (1843) 3, 25; hydatidengeschwulst, welche vom schädel aus wucherte Sömmerring
menschl. körper (1839) 2, 54; da das auffallend grosse haupt auf etwas ungewöhnliches schliessen lasse. ... (
der arzt meinte) dass in dumpfen aufenthaltsorten und etwa durch wahnsinn des vaters dieses wuchern hervorgerufen worden sei Stifter
s. w. 5, 1 (1908) 192; so zeigt ihn die brillante alabasterbüste im Louvre, unter allem wuchernden fett noch immer geistreich belebt Dehio
gesch. d. dt. kunst 3 (1926) 26; und dort entdeckte er, dasz ihm die leber wucherte Kolbenheyer
Paracelsus (1926) 3, 376.
bildlich: im letzten war oder wurde er (
d. nationalsozialismus) doch eine spezifisch deutsche krankheit, eine wuchernde entartung deutschen fleisches Klemperer
l. t. i. (1949) 62; gingen bettler denn, wenn die könige blieben? darum müssen fürsten hinab, weil jenen schwachen nichts gelang als ihr fleisch, dies wuchern zwischen zwei dunkeln Weinheber
späte krone (1936) 30. C@44)
sehr sprachüblich ist der an 1
und 2
anknüpfende bildliche und übertragene gebrauch. C@4@aa)
im ausgeführten vergleich mit pflanzlichem wachstum; so schon früh unter dem bilde des wuchernden unkrautes: so konnte Friedrichs fusz ihr unkraut niedertreten, und mit beglückter hand aus seinen fluren gäten, worin es nur zu viel, bey fest bekleibter sat, zum allgemeinen weh bisher gewuchert hat Weichmann
poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 62; er risz mit dem wuchernden unkraut der phantasie zugleich die duftende blume der poesie aus Gutzkow
ges. w. (1872) 12, 58; und andre laster wucherten wie unkraut, verstrickten und umrankten meine seele Bauernfeld
ges. schr. (1871) 3, 120.
dann mit zunehmender häufigkeit in variablen auffassungen, wobei oft ein schädliches überhandnehmen, vielfach aber auch ein kraftvoll treibendes wachstum bezeichnet werden soll: in Spanien, ... wo das leben in allen seinen keimen üppig wuchert
Z. Werner
Martin Luther (1807) 41; lasst eure toleranz ja nicht zu sehr wuchern, toleranz ist ein üppig kraut (1801) Caroline
br. 2, 151
Waitz; in diesem fetten und üppigen boden werden die geister schon von selbst wachsen und wuchern E.
M. Arndt
schr. (1845) 2, 127; dasz auch seiner sprache jener wuchernde trieb gefehlt, der schon gleich am grunde das reiche gezweige treibt Görres
ges. br. (1858) 2, 581; das distel- und dorngestrippe des wuchernden sarkasmus Brunner
erz. u. schr. (1864) 1, 290; ein schädlicher schimmel, der ein gemeinwesen zerstören kann, wenn er zu dicht wuchert G. Keller
ges. w. (1889) 3, 267. — wuchern
vom samen ist in jüngerer sprache gleichfalls von hier aus und nicht von der älteren bedeutung B
her zu verstehen: inwiefern der same, den er damals ausgestreut, irgendwo gewuchert, ist mir nicht bekannt geworden Göthe II 6, 248
W.; jedwede that streut samen aus, aber der der bösen that wuchert Alexis
Roland (1840) 3, 36; denn die bösen gewohnheiten wuchern bei mir aus dem samen und aus der wurzel (1835) A. v. Droste-Hülshoff
br. 1, 160
Schulte-K. C@4@bb)
entsprechend in direkter verwendung: eben darum wuchern die begebenheiten darin (
Flaming von Lafontaine) so in die breite A. W. Schlegel in:
Athenäum (1798) 1, 1, 160; die wuchernden ortsgebräuche ... sind nur zu oft blosze rechtsfaulheit Thibaut
bürgerl. recht (1814) 458; furcht wuchert in eurer seele Bettine
dies buch geh. d. könig (1843) 2, 364; das sprüchlein ... hatte ... so gewaltig in deutschen herzen gewuchert Fouqué
gefühle, bilder (1819) 1, 104; Frankreich wuchert im norden und osten so weit über die grenzen mit sprache und sitte, überall wo es germanischen stoff trifft, schmeichelt es sich ein H. Laube
ges. schr. (1875) 4, 123; dass dies eben die jahre waren, wo in Zürich die literatur sich am wucherndsten ausbreitete Gervinus
gesch. d. dt. dichtung (1853) 4, 492; zwischen unsern vätern brach ein streit aus, der lustig wucherte und zur tödlichsten feindschaft gedieh W. Raabe
s. w. I 6, 9; und das naturgebilde geht unter im wuchernden ornamente (
zeichnung) Ratzel
völkerkde (1885) 2, 253; dasz das auffällige wuchern von präfixen ... auf die rechnung von (
handschrift) H kommt A. Hübner
überlief. d. ackermanns (1937) 24; sonstiger uneigentlicher gebrauch (
des wortes '
stück'), namentlich seit dem 18. jh. wuchernd
teil 10, 4,
sp. 204. C@4@cc)
als besonders häufig heben sich heraus: C@4@c@aα)
anwendungen auf unliebsame verholtensweisen, die in einer gemeinschaft überhand nehmen: dass die frechheit und der übermut ... wuchere E.
M. Arndt
s. w. (1892) 1, 84; überall wuchert ausländerei Fr. L. Jahn
w. (1884) 2, 515; die von jahr zu jahr üppiger wuchernde liederlichkeit, zuchtlosigkeit und feigheit der römischen soldaten Mommsen
röm. gesch. 2 (
61874) 14; im volke wucherte der aberglaube G. Freytag
ges. w. (1887) 12, 84. C@4@c@bβ)
der gebrauch des wortes für das ungehemmte ausschweifen der phantasie, der gedanken und gefühle: seine fabelhaft wuchernde theatralische phantasie H. Laube
ges. schr. (1875) 1, 120; man muss seine gefühle nicht allzu üppig wuchern lassen Bauernfeld
ges. schr. (1871) 7, 185; Johanna, eben in dem alter des grössten wucherns der räuber- und zauberphantasieen Stifter
s. w. 1 (1904) 224; doch hatte Bertl keine zeit, die gedanken wuchern und die augen träumen zu lassen Steguweit
stelldichein d. schelme (1937) 7; die ernte wild gewucherter träume der bangen menschenseele Ina Seidel
Lennacker (1938) 271. —