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wuchern

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DWB
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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

wuchern vb.

Bd. 30, Sp. 1707
wuchern, vb. , 'fenerari, wucher treiben', 'frucht bringen', 'üppig wachsen'. denominativum zu wucher, ahd. wuocherôn, as. wôkrian (nur das part. prät. giwôkrid ist belegt, s. u. A 1), mhd. wuochern, mnd. wôkeren, mnl. nnl. woekeren, n. aagre, norw. okra, schwed. ockra. das wort ist im gotischen, wo das subst. wôkrs zuerst begegnet, nicht überliefert, findet sich aber in der bedeutung 'fenerari' bei Notker, der wuocher nur für 'fructus' gebraucht, und im as. (s. o.), wo das subst. nicht bezeugt ist. die bedeutung 'fenerari' (A) überwiegt von anfang an, während neben verbreitetem ahd. mhd. wuocher 'fructus' der entsprechende gebrauch des verbums (B) nur schwach ausgebildet ist und erst durch die moderne bedeutung 'üppig wachsen' (C) kräftiger fortgesetzt wird. die älteren nhd. wörterbücher verzeichnen wuchern nur für 'fenerari' und verwandte begriffe, vgl. Diefenbach gl. 229c s. v. fenerari; 631a s. v. usurare; 535a s. v. simoniacare; nov. gl. 317b s. v. resipere (fälschlich für recipere?); foenero wuocheren, wuocher treyben Frisius dict. (1656) 575a; wuchern usurare Kramer t.-ital. 2 (1702) 1398a; wuchern, auf wucher leihen foenerare Hederich dt.-lat. lex. (1777) 3574. erst bei Adelung auch 'sich vermehren, sich ausbreiten; doch nur von gewächsen. ein gewächs wuchert, wenn es sich stark ausbreitet und vermehret, besonders, wenn selbiges vermittelst der wurzeln geschiehet' vers. e. wb. 5 (1786) 297. mundartlich ist das wort in den bedeutungen 'wucher treiben' und 'üppig wachsen' für das niederdeutsche und das oberdeutsche sprachgebiet gebucht. AA. wuchern als ableitung zu wucher B 'fenus, usura' ist seit ahd. zeit sprachüblich, bleibt im älteren nhd. fast allein im gebrauch und behauptet sich bis zur gegenwart. zur mundart vgl. Richey id. Hamburg. (1743) 344; brem.-niedersächs. wb. (1767) 5, 283; Doornkaat Koolman ostfries. 3, 568a; Dähnert plattdt. (1781) 555; Danneil altmärk. 249b; Unger-Khull steir. 639a; Jakob Wien 222a; auch 'geizig sein, hamstern' Fischer schwäb. 6, 965; 'bei einer kümmerlichen lebensweise geld zusammenscharren' Martin-Lienhart elsäss. 2, 784b. A@11) 'fenerari', 'wucher treiben', d. h. im ahd. und mhd. gewinnbringende darlehns- u. a. geschäfte betreiben, seit dem frühnhd. (vgl.wucher B 2) durch übervorteilung eines anderen ungerechtfertigt hohe gewinne aus darlehns- u. a. geschäften erzielen. A@1@aa) meist in absoluter verwendung, doch auch mit angabe des ertrages im akkusativ: iussit uocare seruos quibus dedit pecuniam ut sciret quantum quisque :giuuokrid endi giuunnian: negotiatus esset, Essener evangeliarglossen Luc. 19, 15 bei Wadstein as. sprachdenkm. 56; qui pecuniam suam non dedit ad usuram (ps. 14, 5) der sînen scaz negab zeuuôcheronne Notker 2, 40, 8 P.; foenerandi uuuôcheronnis (zu ps. 62, 4) ebda 235, 24; vgl. 132, 1; 208, 14. 15; zehen phunt wuocherot er sinem herren, nu lonet er im mit eren Rolandslied 5169 Wesle; swenne die (richter) gereht wæren an ir gerihten, sô getörste nieman deheine sünde getuon, weder rouben noch wuochern noch êbrechen Berthold v. Regensburg 1, 209, 6 Pf.; ich han gestoln 3 oder 10 gulden etc. geraubet gefunden gut; gewuchert offenlichen oder verdecklichen Joh. Wolff beichtbüchl. 16 Battenberg; also sagest du ... den burgern vnd koufleüten, das sy nit wuochern, oder mit falschen käuffen iren nächsten betriegen Keisersberg pred. teütsch (1508) 105c; narung mit der händen arbeit, nit mit gwalt oder wuocheren gewünnen Zwingli dt. schr. (1828) 1, 33; wenn es noch so übel stünde, liesze man doch das wuchern und finanzen, schinden und schaben, lügen und trügen nicht (1621) Opel-Cohn dreiszigj. krieg (1862) 372; es wuchern kirche, recht und amt Chr. Günther s. w. 103 lit. ver.; dass die juden ... um so sicherer wuchern ... konnten M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 3, 114; wuchernde krämer ... verkauften sie (d. altertümer) ... dem ... auslande dt. museum (1812) 2, 49 Fr. Schlegel; etliche vornehme schossen zusammen, dasz er wie ein ehrlicher mann leben konnte; so fing er an zu wuchern, und hat nun diesen groszen gasthof gekauft Tieck schr. (1828) 3, 178; der wuchernde reiche schützte seinen raub durch polizei und justiz Lange gesch. d. materialismus (1866) 76. — passivisch: gewochirtes essen ... gerovbtes essen bihtebuoch 35 Oberlin; von eim ungerechten oder gewuochertem guot buch d. selen (1515) J 5a. verbreitet in redensartlichem gebrauch: das du nit hast die haupt summen, drumb kanst nit auch zu wuchern kummen Burkard Waldis Esopus 1, 292 Kurz; wuochern ist mir verbotten, mir mangelt der hauptsumm Seb. Franck sprichw. (1541) 2, 62; er wuchert im sinn wie ein jud der nit zu leihen hat ebda; also wuchert auch mancher kauffmann im sinn, wie ein armer jud Lehmann floril. polit. (1662) 1, 265; wer im gedencken wuchern sol bisz ihm das gute glücke rufft, der baut nur schlösser in die lufft Chr. Weise d. grün. jugend überfl. gedanken 142 ndr. A@1@bb) oft in der wendung mit etwas (einem kapital, einer ware) wuchern; bildlich: got wil mit sinen goben wuochern und wil geist und nature zuo ime ziehen Tauler pred. 309, 15 Vetter. gebräuchlicher erst seit dem frühnhd.: dasz die vom adel nicht also das korn hinfort alleine zu sich kauffen ... und damit so unverschämt wuchern (1539) Luther br. 8, 404 W.; weil keine juden in selbige statt kommen dörffen, konte er mit allerley sachen desto besser wuchern Grimmelshausen Simpl. 282 Scholte; einige reclusae wucherten mit den almosen, die sie empfiengen Hahn staats-, reichs- u. kayserhist. (1721) 2, 33; denn derjenige bürger zu Athen, welcher mit den handthierungen seiner knechte wucherte, war noch lange kein vornehmer bürger Lessing 8, 304 L.-M.; und wechsler zu Antwerpen, Venedig und Genua wucherten längst mit dem golde, das noch in den schachten von Peru schlief Schiller 8, 98 G.; im jahr 1759 hatte ein ... bäcker in der hungersnoth viel korn angekauft und freute sich, damit recht zu wuchern J. Grimm dt. sagen (1891) 1, 167. A@1@cc) einzelne präpositionale oder kasusverbindungen, deren gebrauch sich jedoch nicht durchgesetzt hat, begegnen besonders im frühnhd.: A@1@c@aα) die person des vom wucher betroffenen wird durch an, auf, bei, von angeschlossen: das sie (die juden) aber rhümen, Mose hab jnen erleubt oder geboten zu wuchern an den frembden (1543) Luther 53, 524 W.; wenn inen gott kaum ein gülden ... bescheret, können sie nicht ruowen, sie müssen denn an dem nottürfftigen darmit wuochern Kirchhof wendunmuth 1, 363 lit. ver. he wokert uppe gode sere, de entfarmen up den armen hävt, wente he so männigfold wedergevt (laiendoctr. 30 nach prov. 19, 17) Carl Schulze bibl. sprichw. (1860) 64; der stärckeste stoszt den schwächsten in sack. ein jeder schindet und wuchert auff dem anderen Moscherosch gesichte (1650) 1, 164. ich wil bey nimand als bey gott wuchern Butschky Pathmos (1677) 376. trachten allein aufs christen not, wuochern von christn ir täglich brot hist. volkslieder 4, 125 Liliencron. vgl. auch: die, haufen golds zu sammeln, nebenbürger zu bettlern wuchern Ayrenhoff s. w. (1814) 2, 259. A@1@c@bβ) der dativ bezeichnet bisweilen eine person, zu deren gunsten gewuchert wird: dit sint die gine die wcherent sine wizent weme; alse si stervent, si in wizen we dat gut neme d. lilie 49, 21 Wüst; aber Christo hab ich gewuochert, da ichs den armen geben Fabricius auszzug bewerter hist. (1599) 92. A@22) vom kapital 'zinsen bringen'; dieser gebrauch des wortes ist erst seit dem frühnhd. zu belegen und scheint sich in der auffassung an bedeutung B 'frucht bringen' anzulehnen; pecunia otiosa, geld das weder wirbt noch wuchert, das einer im kasten hat Corvinus fons lat. (1646) 638: das dir dweil das gelt nit gewuocheret het Boltz Terenz deutsch (1539) 89b; alsdenn muste dieses wuchergeld für sie wiederum wuchern Lindenborn Diogenes (1742) 1, 253; geh zu den geizigsten, die werden mir am liebsten leihen. denn sie wissen wohl, wie gut ihr geld in meinen händen wuchert Lessing 3, 50 L.-M.; dasz in seiner bank das pfund mit zwanzig procent wuchere Immermann w. 1, 19 Hempel. redensartlich: geld wil wuchern oder prangen Mathesius Jesus Syrach (1586) 129b; geld kan nicht still liegen, es will wuchern, bawen oder kriegen Lehmann floril. polit. (1662) 1, 280; geld mag nicht faul liegen, es will wuchern oder häuser bauen oder krieg führen wie heutzutage Watzlik pfarrer v. Dornloh (1930) 90. A@33) sehr verbreitet ist der bildliche gebrauch. A@3@aa) schon ahd. und mhd. begegnen unterschiedliche verwendungen. bei Notker in abstrakter auffassung 'multiplicari': adhuc multiplicabuntur in senecta uberi (ps. 91, 15) iêo mêr unde mêr uuerdent sie gemanigfaltot in berehaftero alti. sancta ecclesia uuuôcherot an iro chinden ioh sô sî alt ist. iro chint manigfaltont sih, unz sî langôst uueret 2, 390, 21 P. — gott eine seele wuchern 'hinzu erwerben': dô frowete sich der kaiser Theodôsîus, daz der briester Eusêbîus gewuocherte gote sô manige sêle kaiserchronik 13 371 E. Schröder; zuhant wucherte er ein kint unserme lieben herren gote passional 383, 48 Köpke. auch gott die (eigene) seele wuchern kaiserchronik 1902; 13, 426; (anders 3135); in ähnlichem sinne absolut: er (gott) verlêh ime (dem menschen) sînen âtem, daz wir ime den behîlten, unte sînen gesin, daz wir ime îmer wuocherente sîn Ezzos gesang 2, 54 in: A. Waag kl. dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. A@3@bb) nhd. in der wendung mit dem pfunde wuchern (nach Matth. 25, 27 und Luk. 19, 23): die fünf pfund im euangelio, so der hausvater seinen knechten gab, damit zu wuchern (1543) Luther tischr. 4, 536 W.; mir (hat) gott ... ein kleines pfundt verliehen, vnd mir damit zu wuchern befohlen Ayrer hist. proc. juris (1600) ):( 3b; wie kan er sich bey dem bewustseyn beruhigen, dass 'Esther' in seinem schreibtisch liegt, da er mit diesem pfunde wuchern könte? (1795) Caroline br. 1, 159 Waitz; wie wuchertest du mit deinen pfunden? kriegsbr. gefallener stud. (1928) 161. dem gebrauch unter 2 entsprechend erscheint pfund als subjekt: ein jeder da musz rechnung geben, wie er hie hab gefürt sein leben und was sein pfunt gewuchert hab Wickram w. 4, 119 lit. ver.; damit mein pfund möchte wuchern und nicht in der erde verborgen liegen J. Böhme s. w. 3, 14 Schiebler; dasz Mozart von Gluck wie ein meister vom anderen lernt und das entlehnte pfund reichlich wuchern läszt O. Jahn Mozart (1856) 2, 485. A@3@cc) an b angelehnt in freieren verbindungen 'etwas nutzbar machen, gewinnbringend anwenden': wer ein gnad hat, vnd damit wuochert, ... dem wirt immerzuo von gott ... mehr geistlicher gaben geben S. Franck sprichw. (1541) 2, 129b; es wäre unverantwortlich, wenn personen, die so viel verstand und geschicklichkeit, als sie ... besitzen, nicht damit wuchern, und ihre fähigkeiten vermehren wollten Gottschedin br. 2, 30 Runkel; dasz er mit seiner zeit gewuchert Lavater verm. schr. (1774) 1, 17; hätten sie (die Deutschen) mit meinem erwerb gewuchert, so wären sie weiter, wie sie sind (maximen u. refl.) Göthe I 42, 2, 221 W.; sie ... betrachten überhaupt die in der schule angesammelte ideenmasse als gemeinsames gut, mit dem jeder nach vermögen wuchern kann Fr. Schlegel pros. jugendschr. 5, 26 Minor; beide (Friedrich II. und Napoleon) ... waren ... im wuchern mit augenblicken gleich bewundernswürdig Zschokke ausgew. schr. (1824) 3, 177. A@3@dd) aus etwas gewinn ziehen, kapital schlagen. A@3@d@aα) redensartlich: mit geben wuochert man am meisten S. Franck sprichw. (1541) 1, 117b; wer schenckt der wuchert Lehmann floril. polit. (1662) 1, 314. (vgl. die verbindungen auf, bei gott wuchern, Christo wuchern unter 1 c α und β). A@3@d@bβ) später meist im sinne des gewinnsüchtigen miszbrauchs: dann schrieb er auf so unverschämte art an irgend einen groszen in Wien, ... dasz er ... manche höfliche antwort erschlich, mit welcher er dann weiter wucherte Knigge umgang m. menschen (1796) 1, 36; wenn habsüchtig ein mann mit dem trug aufopfernder wohlthat wucherte J. H. Voss s. ged. (1802) 2, 58; wenn sie sich ordinär erwiese und den Kestner zum fond ihrer handlung hätte, um desto sicherer mit ihren reizen zu wuchern Th. Mann Lotte in Weimar (1946) 135. BB. als denominativum zu wucher A 'fructus' ist wuchern in der bedeutung 'frucht bringen, nachwuchs hervorbringen' im altdeutschen spärlich und im älteren nhd. nur in resten bezeugt: fructum eorum de terra perdes (ps. 20, 11) iro uuuôcher benimest du dero erdo. du nelâzest siê uuuôcheren in terra uiuentium Notker 2, 65, 7 P.; vgl. ebda 221, 4; zuêne prunnen in Sicilia, chumit dara zuo charl oda winiga unte choren di des einin, soni durffins chindes menden: an demo anderen magin sî chint wuocheren (in Sicilia fontes duo sunt, quorum unus sterilem fecundat, alter fecundam sterilem facit, Isidor etym. 13, 13, 5) meregarto 2, 84; die liute waren salich, erde ioch uihe uil barich. da got selbe was pûman, waz mahte da ubele wuocheren? genesis (Wiener hs.) 3720 Dollmayr; sin (Jakobs) geslechte belef do in Egypto twehundert unde viften jar. darbinnen wokerden se also sere, do se Moyses ut vorde, dat ir was ses warve hundert dusent sächs. weltchronik 71, 31; das auch die wenig bäumblin ... wie die andern früchten (sc. getreide) gewuchert haben, allda ein mitterer apffelbaum für sich allein viertzig stär, ein klein birnbäumlin zehen stär ... obs ... dargeben haben Guarinonius grewel d. verwüstung (1610) 351; ich habe vnter andern rothen rübsamen, welcher auss der massen wuchert Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 1, L 7b. CC. die bedeutung 'üppig wachsen, sich unter vermehrung des bestandes ausbreiten' kommt schriftsprachlich erst zu beginn des 18. jhs. auf und wird seit dem 19. jh. überaus gebräuchlich. ihre entstehung ist in den schriftsprachlichen zeugnissen nicht zu verfolgen. der übergang von der bedeutung B aus wird sich im sachbereich des feldbaues vollzogen haben, wo sich, im unterschied zum obstbau usw., der reiche fruchtertrag durch dichten, üppigen wuchs ankündigt; durch sinnentsprechende anwendung auf unkräuter dürfte die neue bedeutung befestigt worden sein, da hierbei die beziehung auf den fruchtertrag ausscheiden muszte (vgl. oben die kurz vor dieser verbalbedeutung belegten unkrautnamen wucherkraut und wucherblume); jedenfalls herrscht die vorstellung des wilden, ungeregelten wuchses im gebrauch des wortes entschieden vor. zur mundart vgl. Richey id. Hamburg. (1743) 344; brem.-niedersächs. wb. (1767) 5, 283; Schütze Holstein 4, 371; Mensing schlesw.-holst. 5, 681 ('wenig gebräuchlich'); Doornkaat Koolman ostfries. 3, 568a; Dähnert plattdt. (1781) 555; Danneil altmärk. 249b; Fischer schwäb. 6, 965; Hunziker Aargau 302. C@11) die bedeutung begegnet zufrühest in fachschriften und erst seit dem ausgang des 18. jhs. in allgemeinem gebrauch: schaafgarben ... wuchern sehr willig C. Schröter hauszverwalter (1712) 259; die ... stark wuchernde ... rose (rosa foecundissima) Hirschfeld theorie d. gartenkunst (1779) 2, 25; vegetabilische körper von einer einfachen struktur, in denen der wuchernde saft höchstens ein knötchen bildet, ... bekleiden dort die wenigen von schnee und eis entblöszten felsen J. G. Forster s. schr. (1843) 4, 156; wild wuchert überall die distel und der dorn Falk satiren (1800) 1, 63; sümpfe, in denen rohr- und baumwaldungen auf das üppigste wuchern Ritter erdkde (1822) teil 1, 243; samen eines armen unkrautpflänzchen, das ich ... vor dem verderben und verdörren rettete, dasz es hernach so fortkam und wucherte, dasz es eine ganze scherbe deckte J. Grimm kl. schr. (21879) 1, 22; der doktor entfernte sich einige schritte, um eine aus einer felsspalte wuchernde distel vorsichtig abzubrechen W. Raabe s. w. I 2, 71; das wuchernde aufschiessen der waldunkräuter Rossmässler d. wald (1863) 284; wuchernde legföhrendickung nach allen seiten Barth Kalkalpen (1874) 76; die ... frühjahrstriebe, welche von den hauptpflanzen entfernt werden müssen, um ein zu starkes wuchern der stammpflanze zu verhüten Muspratt chemie (1888) 6, 187; das rohr hat nämlich eine dicke gelblich-weisze kriechende wurzel, deren hohle röhren ... nach allen richtungen schnell wuchernd in tausend schlangenwindungen den boden durchziehen Allmers marschenb. (1900) 16; wenn die flora doch so bunt und vielgestaltig wuchert und sprieszet Th. Mann Faustus (1948) 374. entsprechend vom haar- und bartwuchs: ihr habt sehr wohl gethan, ... euer haar nicht mehr wuchern zu lassen, wie die ranken eines wilden forstes Fouqué zauberring (1812) 2, 14; sie lassen ... die bärte wie unkraut wuchern Eichendorff s. w. (1864) 4, 254. analog A 1 b in der präpositionalen verbindung mit etwas wuchern: der kopf (eines mannes) ... wucherte mit dem dichtesten kurzen ... schwarzen haare Stifter s. w. 9 (1930) 7; die knicke wuchern mit rosen und kaprifolien, alle häuser mit gärten voll blumen Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 6, 411. in sinngemäszen anwendungen auf den erdboden, die natur o. ä. 'üppiges wachstum hervorbringen': nicht weil die saat aus wucherndem boden keimt Platen w. 1, 190 Hempel; sie (die moose, kräuter usw.) erscheinen wie ein wucherndes streben der ersten form des organischen lebens, das erdreich in ihren besitz zu ziehen Vischer ästhetik (1846) 2, 91; rings um das grab herum wucherte die natur kriegsbr. gefall. studenten (1928) 269. C@22) in der dichtung kennzeichnet das wort stimmunggebend den üppigen wildwuchs, besonders in unberührter natur und an verlassenen oder vernachlässigten stätten: das gesinde war ungehorsam, die äcker lagen unbebaut, ... nesseln und unkraut wucherten auf den wiesen und in den saatfeldern Tieck schr. (1828) 9, 19; zwischen schroffen felswänden drängt sich auf einer andern seite ein anderes (tal), mit einem grund von wollüstigen kräutern, auf denen üppiges gesträuch in die höhe wuchert Novalis schr. 2, 65 Minor; die rosen nebst dem jasmin wuchern in göttlicher unordnung und überfülle G. Keller ges. w. (1889) 1, 12; (einer felswand) zu füszen zieht wuchernder laubwald, pfadloses dickicht, trümmerbesätes ufer, marmorgefelse im wildwasser Scheffel ges. w. (1907) 3, 26; hier wuchern kress und binsenwust, gewürme klebt an jedem halme A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1879) 2, 17; um das haus her wuchert holunder, und den brunnen schatten grobwuchernd lockre fliederbüsche ein Weinheber späte krone (1936) 99. C@33) auf gewebe des animalischen körpers angewandt 'stark oder übermäszig wachsen, abnorm zunehmen' (vgl. unten wucherung): die krankheit ... ist eine der ungewöhnlichsten gewesen, nämlich ein überfluss von wucherndem knochensaft J. G. Forster s. schr. (1843) 3, 25; hydatidengeschwulst, welche vom schädel aus wucherte Sömmerring menschl. körper (1839) 2, 54; da das auffallend grosse haupt auf etwas ungewöhnliches schliessen lasse. ... (der arzt meinte) dass in dumpfen aufenthaltsorten und etwa durch wahnsinn des vaters dieses wuchern hervorgerufen worden sei Stifter s. w. 5, 1 (1908) 192; so zeigt ihn die brillante alabasterbüste im Louvre, unter allem wuchernden fett noch immer geistreich belebt Dehio gesch. d. dt. kunst 3 (1926) 26; und dort entdeckte er, dasz ihm die leber wucherte Kolbenheyer Paracelsus (1926) 3, 376. bildlich: im letzten war oder wurde er (d. nationalsozialismus) doch eine spezifisch deutsche krankheit, eine wuchernde entartung deutschen fleisches Klemperer l. t. i. (1949) 62; gingen bettler denn, wenn die könige blieben? darum müssen fürsten hinab, weil jenen schwachen nichts gelang als ihr fleisch, dies wuchern zwischen zwei dunkeln Weinheber späte krone (1936) 30. C@44) sehr sprachüblich ist der an 1 und 2 anknüpfende bildliche und übertragene gebrauch. C@4@aa) im ausgeführten vergleich mit pflanzlichem wachstum; so schon früh unter dem bilde des wuchernden unkrautes: so konnte Friedrichs fusz ihr unkraut niedertreten, und mit beglückter hand aus seinen fluren gäten, worin es nur zu viel, bey fest bekleibter sat, zum allgemeinen weh bisher gewuchert hat Weichmann poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 62; er risz mit dem wuchernden unkraut der phantasie zugleich die duftende blume der poesie aus Gutzkow ges. w. (1872) 12, 58; und andre laster wucherten wie unkraut, verstrickten und umrankten meine seele Bauernfeld ges. schr. (1871) 3, 120. dann mit zunehmender häufigkeit in variablen auffassungen, wobei oft ein schädliches überhandnehmen, vielfach aber auch ein kraftvoll treibendes wachstum bezeichnet werden soll: in Spanien, ... wo das leben in allen seinen keimen üppig wuchert Z. Werner Martin Luther (1807) 41; lasst eure toleranz ja nicht zu sehr wuchern, toleranz ist ein üppig kraut (1801) Caroline br. 2, 151 Waitz; in diesem fetten und üppigen boden werden die geister schon von selbst wachsen und wuchern E. M. Arndt schr. (1845) 2, 127; dasz auch seiner sprache jener wuchernde trieb gefehlt, der schon gleich am grunde das reiche gezweige treibt Görres ges. br. (1858) 2, 581; das distel- und dorngestrippe des wuchernden sarkasmus Brunner erz. u. schr. (1864) 1, 290; ein schädlicher schimmel, der ein gemeinwesen zerstören kann, wenn er zu dicht wuchert G. Keller ges. w. (1889) 3, 267. — wuchern vom samen ist in jüngerer sprache gleichfalls von hier aus und nicht von der älteren bedeutung B her zu verstehen: inwiefern der same, den er damals ausgestreut, irgendwo gewuchert, ist mir nicht bekannt geworden Göthe II 6, 248 W.; jedwede that streut samen aus, aber der der bösen that wuchert Alexis Roland (1840) 3, 36; denn die bösen gewohnheiten wuchern bei mir aus dem samen und aus der wurzel (1835) A. v. Droste-Hülshoff br. 1, 160 Schulte-K. C@4@bb) entsprechend in direkter verwendung: eben darum wuchern die begebenheiten darin (Flaming von Lafontaine) so in die breite A. W. Schlegel in: Athenäum (1798) 1, 1, 160; die wuchernden ortsgebräuche ... sind nur zu oft blosze rechtsfaulheit Thibaut bürgerl. recht (1814) 458; furcht wuchert in eurer seele Bettine dies buch geh. d. könig (1843) 2, 364; das sprüchlein ... hatte ... so gewaltig in deutschen herzen gewuchert Fouqué gefühle, bilder (1819) 1, 104; Frankreich wuchert im norden und osten so weit über die grenzen mit sprache und sitte, überall wo es germanischen stoff trifft, schmeichelt es sich ein H. Laube ges. schr. (1875) 4, 123; dass dies eben die jahre waren, wo in Zürich die literatur sich am wucherndsten ausbreitete Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 4, 492; zwischen unsern vätern brach ein streit aus, der lustig wucherte und zur tödlichsten feindschaft gedieh W. Raabe s. w. I 6, 9; und das naturgebilde geht unter im wuchernden ornamente (zeichnung) Ratzel völkerkde (1885) 2, 253; dasz das auffällige wuchern von präfixen ... auf die rechnung von (handschrift) H kommt A. Hübner überlief. d. ackermanns (1937) 24; sonstiger uneigentlicher gebrauch (des wortes 'stück'), namentlich seit dem 18. jh. wuchernd teil 10, 4, sp. 204. C@4@cc) als besonders häufig heben sich heraus: C@4@c@aα) anwendungen auf unliebsame verholtensweisen, die in einer gemeinschaft überhand nehmen: dass die frechheit und der übermut ... wuchere E. M. Arndt s. w. (1892) 1, 84; überall wuchert ausländerei Fr. L. Jahn w. (1884) 2, 515; die von jahr zu jahr üppiger wuchernde liederlichkeit, zuchtlosigkeit und feigheit der römischen soldaten Mommsen m. gesch. 2 (61874) 14; im volke wucherte der aberglaube G. Freytag ges. w. (1887) 12, 84. C@4@c@bβ) der gebrauch des wortes für das ungehemmte ausschweifen der phantasie, der gedanken und gefühle: seine fabelhaft wuchernde theatralische phantasie H. Laube ges. schr. (1875) 1, 120; man muss seine gefühle nicht allzu üppig wuchern lassen Bauernfeld ges. schr. (1871) 7, 185; Johanna, eben in dem alter des grössten wucherns der räuber- und zauberphantasieen Stifter s. w. 1 (1904) 224; doch hatte Bertl keine zeit, die gedanken wuchern und die augen träumen zu lassen Steguweit stelldichein d. schelme (1937) 7; die ernte wild gewucherter träume der bangen menschenseele Ina Seidel Lennacker (1938) 271. —
24050 Zeichen · 535 Sätze

Lautwandel-Kette

Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

Pro Sprachstufe der prominenteste Beleg. Klick auf eine Form öffnet das Wörterbuch.

  1. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    Wúchern

    Adelung (1793–1801) · +3 Parallelbelege

    Wúchern , verb. regul. welches auf gedoppelte Art gebraucht wird. 1. Als ein Neutrum, mit dem Hülfsworte haben. (1) Sich…

  2. 18./19. Jh.
    Goethe-Zeit
    wuchern

    Goethe-Wörterbuch

    wuchern [bisher nicht publizierter Wortartikel]

  3. modern
    Dialekt
    wuchernschw.

    Pfälzisches Wb. · +2 Parallelbelege

    wuchern schw. : 1. 'üppig wachsen, wirr durcheinanderwachsen', wuchere [vereinzelt]. — 2. 'Wucher treiben' [vereinzelt, …

  4. Sprichwörter
    Wuchern

    Wander (Sprichwörter)

    Wuchern 1. Wer wuchert, bringt seinen Nächsten um. Dän. : Aager er mord. ( Prov. dan., 2. ) 2. Wuchern ist mir verpotten…

  5. Spezial
    wuchern

    Deutsch-Ladinisch (Mischí) · +1 Parallelbeleg

    wu|chern vb.intr. 1 (zu stark wachsen) crësce surafora, crësce massa dassënn, crësce fora de mosöra 2 (Wucher treiben) f…

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Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit wuchern

9 Bildungen · 1 Erstglied · 4 Zweitglied · 4 Ableitungen

wuchern‑ als Erstglied (1 von 1)

wuchernot

DWB

wucher·not

wuchernot , f. , die notlage des bei wucherern verschuldeten: als ... dein vater aus schulden, wuchernoth nicht mehr herauskam Gutzkow zaube…

wuchern als Zweitglied (4 von 4)

anwuchern

DWB

anwuchern , adaugeri, nnl. aanwoekeren: das unkraut wuchert an.

auswuchern

DWB

aus·wuchern

auswuchern , fenore vastare, nnl. uitwoekeren: were das loch zugestopft, so dürft man itzt der klage nicht hören, wie allenthalben eitel sch…

erwuchern

DWB

erwuchern , iniquo fenore acquirere, dann überhaupt lucrari: daʒ du alle werelt erwuochert hetst, dannoch muostu von hinnen. Muscatbl. s. 24…

Ableitungen von wuchern (4 von 4)

Bewuchern

Campe

◎ Х Bewuchern , v. trs. wucherlich behandeln. Einen bewuchern, Wucherei gegen ihn treiben, ihm durch Wucherei schaden. »Um sie dort sich unt…

erwuchern

DWB

erwuchern , iniquo fenore acquirere, dann überhaupt lucrari: daʒ du alle werelt erwuochert hetst, dannoch muostu von hinnen. Muscatbl. s. 24…

gewuchern

DWB

gewuchern : daʒ der briester Eusebius gewuocherte gote sô manige sêle. kaiserchronik 13371 C. Schroeder ( var.: gewuorchte); ebenso 13426.

verwuchern

DWB

verwuchern , vb. , überwuchern, durch wilden und üppigen pflanzenwuchs überdecken; verunkrauten: eine silberne natter aber floh hastig ins v…