wucher,
m. , '
fructus; usura, fenus; feneratio'.
ahd. wuochar,
mhd. wuocher,
m., n., got. wōkrs,
m. (
oder wōkr,
n.?),
ags. wōcor,
f., afrs. wōker (
m., n.?),
mnl. nnl. woeker,
m., mnd. wōker, wūker,
m.; die as. entsprechung des wortes ist nicht zu belegen (
doch begegnet in den Essener evangeliarglossen bei Wadstein
as. sprachdenkm. 48
das part. prät. giuuokrid
von *wōkrjan [
s.wuchern]
zu lat. negotiari '
mit dem pfunde wuchern'
Luc. 19, 15);
dän. aager,
n., ist aus dem mnd. entlehnt; auch die bodenständigkeit von an. okr,
n., mschwed. oker,
nschwed. ocker,
n., norw. ok(e)r,
n., ist wegen der auffälligen vokalkürze unsicher (
vgl. Falk u. Torp
norw.-dän. etym. wb. [1910] 3
u. 1428; D. A. Seip
lneordstudier 1 [1915] 80);
andere erklären okr
durch kürzung vor mehrfacher konsonanz oder als ablautsbildung, s. Hellquist
3 723.
auszergerm. finden sich die entlehnungen ir. und schott.-gäl. acar, ocar
und finn. vuokra '
zins'.
als ursprünglich ist die bedeutung '
frucht, (
pflanzlicher und animalischer)
nachwuchs'
anzusehen, die im ahd. (
obd.)
verbreitet und im ae. allein bezeugt ist (
s. Bosworth-Toller
anglo-saxon dict. 1261
a;
die belege, sämtlich aus der älteren genesis, beziehen sich auf den in der arche Noah versammelten stamm der tierwelt).
in den übrigen germ. sprachen ist nur die bedeutung '
fenus, feneratio'
vertreten, die jedoch erst nach engerer bekanntschaft mit geldwirtschaftlichen verhältnissen abgeleitet worden sein dürfte (
wenngleich auch bei darlehen von verbrauchsgütern, z. b. getreide, rückerstattung mit zinsen möglich ist).
im got. mag gr. τόκος '
das gebären, nachwuchs, auch pflanzl. ertrag; zins'
als muster für die entstehung der neuen bedeutung gedient haben. im hinblick auf seine ausgangsbedeutung ist wucher
als bildung mit dem konkret-suffix -ro (
vgl. Kluge nomin. stammbildungsl. 3§ 92; Henzen
dt. wortbild. § 76, 6)
an die idg. wurzel aeg-, aug-, ug- '
vermehren, zunehmen'
anzuschlieszen, wie sie u. a. in lat. augere '
vermehren',
got. aukan '
sich mehren'
und mit s-
erweiterung in gr. ἀ(Ϝ)έξω '
mehre',
ἀέξομαι '
wachse',
dt. wachsen
vorliegt, vgl. bes. das (
wenn auch von anderer wurzelstufe)
gleich gebildete toch. (A) okar '
pflanze, gewächs' (oko '
frucht', oko '
wachsen' = '
bank').
eine verschiedentlich hervorgehobene (
aber an sich unerhebliche)
schwierigkeit (
s. d. literatur bei Walde-Pokorny 1, 23),
dasz eine stufe ueg-
ohne s-
erweiterung sonst nicht existiere, besteht nicht, da sie durch air. fēr,
cymr. gwair '
gras'
und wahrscheinlich auch durch ai. vja- '
kraft, potenz, sieg, gewinn'
repräsentiert wird, s. Pokorny 85. —
über das wahrscheinlich mit wucher
näher zusammengehörige primäre adj. wüch '
üppig'
s. d. ahd. wuochar
für '
fructus'
und verwandte begriffe ist im obd. und spät auch im oberfränk. gebräuchlich (
nicht im Tatian, s. u.).
es begegnet für germen in den glossaren Ib. Rd. (
ahd. gl. 1, 280, 34
St.-S.)
und in den Monseer bibelglossen (1, 684, 22),
für fecunditas in den bair. glossaren Gc. 8. 9. (2, 231, 63),
für fructus in den glossen eines Würzburger codex (2, 91, 49),
in den interlinearversionen der Benediktinerregel (
sprachdenkm. 254, 22
St.)
und der hymnen (23, 3, 3
Sievers),
häufig bei Notker,
in der predigtsammlung (B)
der Wiener Notkerhs. (
sprachdenkm. 171, 6
ff.)
und bei Williram (73, 2; 126, 4);
fetus uuuochar
findet sich auszerhalb des obd.-oberfrk. sprachgebietes in den Echternacher Vergilglossen (
ahd. gl. 2, 706, 19).
in den Monseer fragm., im Tatian und bei Otfrid
sowie in den altostnfrk. u. altsüdmittelfrk. psalmen fragmenten steht hingegen für den begriff '
fructus' wahsamo,
im abrogans (
ahd. gl. 1, 158, 39) uuahsmida,
im Heliand wastom (
ae. wæstm).
daneben beginnt seit dem ahd. das lehnwort frucht (
s. d. teil 4, 1, 1,
sp. 259)
sich durchzusetzen, zunächst im gebiet von wahsamo
und auf dessen kosten, doch von dort aus nach und nach auch die verbreitung von wucher
einschränkend, das im frühnhd. in dieser bedeutung ausstirbt. in bibelübersetzungen begegnet frucht
neben wahsamo (wastom)
im Tatian, im Heliand und in den altostnfrk. psalmenfragmenten (
van Helten);
neben wucher
im psalter des cod. Pal. Vind. 2682 (
südbair., 12.
jh.; Törnqvist)
und überwiegend in den Trierer psalmen (
anf. d. 13.
jh.; Graff).
ausschlieszlich herrscht frucht
u. a. in den westfäl. psalmen (
erste hälfte des 14.
jhs.; Rooth),
in dem ostfäl.-hd. Wegelebener psalter (1345;
Hellenius),
in den Trebnitzer psalmen (
schles., 14.
jh.; Pietsch)
sowie in dem evangelienbuch des Matthias v. Beheim (
md., 1343;
Bechstein).
der übersetzungszweig der Mentelbibel (
erste dt. bibel, Kurr.)
hält demgegenüber meist an wucher
fest (
vgl. Walther
die dt. bibelübersetzung [1889] 94
f).
bei Luther
und in der Zürcher bibel (1531)
wechselt frucht
mit gewechs.
in der bedeutung '
fenus, usura'
und deren abwandlungen ist wucher
im ahd. spärlicher bezeugt. es findet sich für usura im ahd. abrogans (
ahd. gl. 1, 154, 12
St.-S.),
für quaestus in den glossen Pb. 2 (1, 298, 1)
und Ic. (4, 16, 17);
ferner literarisch in der einzigen Otfrid
-stelle IV 7, 74
und in der Bamberger beichte (
sprachdenkm. 145, 35
St.). Notker
kennt wuocherôn '
fenerari'
und wuocherunga '
usura',
doch nicht den entsprechenden gebrauch von wuocher.
im Tatian und in den altostnfrk. psalmenfragmenten steht phrasamo (
dazu auch glossenbelege bei Gutmacher
beitr. 39, 253), prisma
für '
usura' (
wie uuahsmo
und fruht
für '
fructus').
im übrigen gilt wucher '
usura, fenus'
meist dort, wo wucher '
fructus'
fehlt (
beide bedeutungen hat der psalter des cod. Pal. Vind. 2682 [
Törnqvist],
auch im Trierer psalter [
Graff]
kommt beides vor);
so in den auszerdeutschen verbreitungsgebieten des wortes (
mit ausnahme des ae., s. o.)
und in den obengenannten bibelübersetzungen, die für '
fructus' frucht
bevorzugen. die Mentelbibel stimmt in der wortwahl usura gesuoch,
fructus wuocher
mit den Windberger psalmen (
ende des 12.
jhs.; Graff)
überein. Luther
und die Zürcher bibel haben wucher.
im laufe des 16.
jhs. wird das wort in der bedeutung '
fenus, usura'
durch zins
ersetzt (
weiteres zur synonymik s. d. II B 1,
teil 15,
sp. 1486)
und gewinnt zugleich in der bedeutung '
feneratio'
allgemeine verbreitung. nur in diesem modernen sinne wird es sporadisch für die heutigen mundarten gebucht, vgl. Schmeller-Fr.
bayer. 2, 836; Fischer
schwäb. 6, 965; Martin-Lienhart
elsäss. 2, 784; Follmann
Lothr. 549; Mensing
schlesw.-holst. 5, 681. AA.
frucht, nachwuchs, ertrag. A@11)
der pflanzliche fruchtertrag, die früchte der erde, eines baumes oder weingartens (
fructus, fruges, germen);
diese bedeutung herrscht im ahd. u. mhd. durchaus vor und bleibt bis ins frühnhd. gebräuchlich (
vgl. die zusammensetzungen erduuûocher '
fructus terrarum' Notker 1, 91, 15
P. u. ö.; ert wucher Diefenbach
gl. 248
c s. v. fructus; erd wcher
ders. nov. gl. 334
b s. v. seminium; eerdwoker Schütze
holst. 4, 371 [
vgl. erdwucher teil 3,
sp. 784]. chornuuûocher '
frumentum' Notker 2, 311, 26; 600, 26
P. [
vgl.kornwucher teil 5,
sp. 1832]):
germen uachar (
Rd.), uuacher (
Ib.)
ahd. gl. 1, 280, 34
St.-S.; vuocher (
ne daret [
terra])
germen (
suum, Ag. 1, 10)
ebda 684, 22 (10.—12.
jh.);
fructus cher (
summ. Heinrici '
de arboribus')
ebda 3, 92, 40;
vgl. 195, 9; ze uuacharum za samanonne (
ad fruges colligendas, Benediktinerregel 48)
kl. ahd. sprachdenkm. 254, 22
St.; iro uuuôcher brâhta diû erda (
terra dedit fructum suum, ps. 66, 7) Notker 2, 252, 6
P. u. ö.; obe der uuîngarto blûouue, obe nâh der blûote daz uuôcher sih scaffe (
si flores fructus parturiunt, cant. 7, 12) Williram 126, 4;
vgl. 73, 2; diu erde gebar wîn noch korn, nehainer slahte wuocher si truoch
kaiserchron. 15 672
Schröder; sô liebe an in wahsende wirt, diu bluomen unde den wuocher birt lieplîcher dinge Gottfried v. Straszburg
Tristan 11 864; wan selten guot wuocher birt der boum, des wurze gevelschet wirt Lamprecht v. Regensburg
st. Francisken leben 446
Weinhold; der grundt ist an im selbs so guot, das er so grossen wuocher thuot Murner
die mülle 15
ndr. so auch im plural: und ime minen zehenten gibe minere wuochere und miner uihe
genesis 2528
Dollmayr (
vgl. 4219); von iren wuochern der kennt ir sy
erste dt. bibel 1, 26, 42
Kurr. (an jren früchten solt jr sie erkennen
Matth. 7, 16).
späteren verwendungen in diesem sachbereich liegt dagegen die bedeutung '
zinswucher'
zugrunde; wucher treiben (
s. u.B 2 a): ein wucher bringet nicht gefärde, den wirthe treiben mit der erde Logau
sinnged. 81
lit. ver. mit wucher '
mit überschusz' (
s. u. B 1 d
γ): wo jm (
dem erdreich) etwas vertraut wirt, gibt es wider mit wuocher S. Münster
cosmogr. (1550) 4; ein eyland voller überflusz, wo vom pfluge das land unaufgewühlt, saaten mit wucher, der unbeschnittne weinstock willig früchte bringt Ramler
lyr. ged. (1772) 261; die brache ist im Dessauischen ganz abgeschafft, da der gute boden jährlich des landmanns mühn mit wucher belohnen kann Novalis
schr. 2, 54
Minor. A@22)
im sinne des tierischen nachwuchses oder der menschlichen nachkommenschaft ist wucher
für das ahd. schwächer bezeugt, wird aber im mhd. häufiger und erscheint im alem. und schwäb. der frühnhd. zeit in den bildungen wucherrind, -stier, -tier,
auch wucher (
s. u.), wucherer '
zuchtstier', wucherschwein '
zuchteber', wuchervieh '
zuchtvieh'
sowie wuchermeister '
aufseher über das zuchtvieh'
; vgl. auch wuchern vom schafe '
nach dem bocke verlangen' Unger-Khull
steir. 639
a;
dazu wiechern
vom schwein '
brünstig sein' Schatz
wb. d. Tiroler maa. 704
s. v. wiehe = wüch,
s. d. (
im ae. ist die bedeutung '
tierischer nachwuchs'
als einzige belegt, s. o.): uuuochar (
cum ... ingens ... sus triginta capitum)
fetus ([
fotus, hs.]
enixa iacebit alba, Verg. Aen. 3, 391)
ahd. gl. 2, 706, 19
St.-S. (11.
jh.); iro uuuôcher benimest du dero erdo. du nelâzest siê uuuôcheren in terra uiuentium (
fructum eorum [
qui te oderunt]
de terra perdes, ps. 20, 11) Notker 2, 65, 6
P.; von dir (
gott) die vische nâmen wuocher unde sâmen priester Wernher
Maria 568
Wesle; vogel, vihe und wilt, swen daz mit ein ander spilt, so treutet ez und minnet, da ez wucher von gewinnet
kl. mhd. erzählungen 199, 4
Rosenhagen; swer disü wort behaltet vnd dar nach richtet ... er si gesegent vf dem acker, der wuocher der von sinem libe kome der si gesegent, vnd sin ertwuocher
Schwabenspiegel, landrecht 201
u Laszberg. A@2@aa)
durch das biblische fructus ventris (
Luc. 1, 42
u. oft im alten testament)
geprägt sind verbindungen wie wucher des leibes '
leibesfrucht': so chumet der lôn des uuuôcheres dero heiligun uuumbo (
ecce hereditas Domini filii, merces fructus uentris, ps. 126, 3
) Notker 2, 558, 1
P. (der wuocher des leibs erste dt. bibel; leibesfrucht Luther
ps. 127, 3
); daz wucher sines libes
phlegente wurde des riches
dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. 70, 3
Diemer; vber elliv wîp soltv gesegen sein
vnt daz wucher des bovches dein
ged. d. 12. u. 13. jhs. 30, 50
Hahn; gesegent ist der wuocher deins leibs erste dt. bibel, 1, 199, 38 (fructus ventris tui, Luc. 1, 42
. — ὁ καρπὸς τῆς κοιλίας σου akran qiþaus þeinis got. bibel; uuahsmo thinero uuamba Tatian 4, 3; uuahsmo reues thines Otfrid I
6, 8; vrucht dînes lîbes evangelienbuch des Matthias v. Beheim; frucht deines leibes Luther
). A@2@bb)
in abgeleiteter bedeutung '
zuchtstier' (
oder verkürzt aus wucherer?
s. d. näheres zur form und vgl. die oben erwähnten komposita): wâr der von Baden wuecher gienge vnd wie lang, so sölt kein mulefe (
d. i. mulvane '
herrenloses gut') darusz werden (
Schweiz 1456)
weisth. 4, 401,
vgl. 5, 105.
noch mundartlich bei Fischer
schwäb. 6, 965. A@33)
sporadisch begegnen abstrakte abwandlungen der bedeutung. '
vermehrung, zuwachs'
: incrimentum uuahsmida (
Pa.),
incrimetum uuahsmitha uuohhari (
gl. K.),
augmentum uuohhar (
Pa.), endi uuohar (
gl. K.) uuohar (
Ra.)
ahd. gl. 1, 182, 6
St.-S.; eadem (
series fati)
renovat omnia nascentia occidentiaque per similes progressus fetuum seminumque ... mit kelîchên uuûocheren iro sâmen ioh iro faseles Notker 1, 281, 5
P.; an allen meinem vieh keinen abgang, sonder grossen wucher befunden hab Wickram
w. 2, 309
lit. ver. —
auch '
fruchtbarkeit'
u. ä.: uuochar (
ut tamen in coniugibus despecta non fiat)
fecunditas (
carnis Greg. cura past. 3, 36)
ahd. gl. 2, 231, 63
St.-S.; et Effraim (
est)
susceptio capitis mei vnde antfang mines hôubetes, daz chit resurrectio Christi, ist min fructificatio (
gl. uuuôchir) Notker 2, 467, 10
P. (
ps. 107, 9).
in neuerer zeit an die bedeutung C '
üppig wachsen'
des verbums wuchern
angelehnt: diese kreise ...
unter deren boden ein so giftiges gewächs (
die gaunersprache) wurzel gefaszt hat und häufig mit üppigem wucher zu tage hervorbricht Avé-Lallemant
gaunerthum 3, 91; nicht vergehens musz und nicht werdens wucher ist unsre not: die gewalten sind gütig jeglicher ehrfurcht Josef Weinheber
späte krone (1936) 77. A@44)
in älterer sprache bezeichnet wucher
in bildlichen, oft an bibelstellen angelehnten verwendungen die '
frucht'
eines guten oder bösen verhaltens, einer bemühung, der heilslehre (
vgl. aber B 1 d
δ)
usw.: mit uuochru thera reuun (
cum fructu penitientie, zu Matth. 3, 8)
Murbacher hymnen 23, 3, 3; in dero pressura gibet sî (
ecclesia) fructum (
gl. uuocher) patentie, also ûua uinum gibet in torculari Notker 2, 211, 23
P.; sô hât der zwîvel im benomen den wuocher der riuwe (
zu Matth. 3, 8) Hartmann v. Aue
Gregorius 75; der wirt vor gote sculdic, wen er den sin den ime got verluhen hat, erstekit ane wuocher
Lucidarius 36, 13
Heidlauf; waz kumt von den sunden wuochers zallen stunden wan grôziu scham und ander nôt?
Laubacher Barlaam 6726
Perdisch; der sâme ist daz gotes wort: vil wîte man daz sæjen siht, daz ez doch wuochers bringet niht (
zu Matth. 13) Rudolf v. Ems
Barlaam u. Josaphat 41, 26
Pfeiffer; die geuchery ist ietz so guot, das sy so grossen wuocher thuot Murner
d. geuchmat 117
Fuchs. BB.
usura, fenus; feneratio. B@11)
mit naheliegender übertragung der bedeutung '
frucht, zuwachs, ertrag'
auf den gewinn aus arbeitendem kapital gibt wucher
schon seit beginn der überlieferung gr. τόκος und lat. usura '
zins'
wieder: jah duƕe ni atlagides þata silubr mein du skattjam? jah (
ik) qimands miþ wokra galausidedjau þata (
σὺν τόκω ἂν ἔπραξα αὐτό)
got. bibel, Lukas 19, 23
Streitberg; dazu: mit dem wuochere (
cum usuris, vulg.)
des Matthias v. Beheim evangelienbuch (
aber: mit dem gewin
erste dt. bibel); hette ichs mit wucher erfoddert Luther; hette ichs mit wuocher geforderet
Zürcher bibel v. j. 1531.
die stelle fehlt im Heliand; im ahd. Tatian 151, 8
ist cum usuris durch mit phrasamen
wiedergegeben (
ebenso 149, 7
zu Matth. 25, 27),
jedoch gebraucht Otfrid
das wort wucher
in diesem zusammenhang: uuio er iz êr gimeinta,sînaz dreso deilta untar sînên scalkonzi suorglîchen uuerkon. gibôt, thaz sie iz biforatînioh thârana uuorahtîn uuuachar gizâmi,unz er auur quâmi IV 7, 74.
die ältesten glossen bieten: (
fenus)
usura sunt uuohhar sint (
Pa., gl. K.)
usura uuahar (
Ra.)
ahd. gl. 1, 154, 12
St.-S. B@1@aa)
im mhd. nimmt dieser gebrauch mit dem anwachsen des darlehenswesens beträchtlich zu. —
in demselben zeitraum gerät das empfangen von zinsen unter dem einflusz heftiger gegenmasznahmen der kirche in allgemeine verpönung. schon die admonitio generalis v. j. 789
untersagt jegliches leihen gegen zinsen; in einer reihe von päpstlichen dekretalen und synodenbeschlüssen vom 12.
bis ins 14.
jh. wird die annahme von zinsen als habsuchtsünde mit zunehmender schärfe verboten und mit harter ahndung bedroht. die weltlichen deutschen rechtsquellen des späteren mittelalters schlieszen sich diesem verbote an. neben der mittelalterlichen doktrin von der unfruchtbarkeit des geldes liegen diesen masznahmen die auffassung der bibel (
mutuum date nihil inde sperantes Luc. 6, 35;
im alten testament bes. deut. 15, 7
ff., 23, 20
f., exodus 22, 24
f., lev. 25, 36
f.)
und die darauf fuszende lehre der kirchenväter zugrunde (
vgl. zur sache Max Neumann
gesch. d. wuchers in Deutschland [1865]; Franz
Schaub d. kampf gegen den zinswucher ... im mittelalter [1905]; H.
F. Jacobson
u. E. Sehling 'wucher'
in: reallex. f. prot. theol. u. kirche 321, 521). —
diese wertung der sache ist der anlasz, dasz das wort wucher
in der vorliegenden bedeutung ungebräuchlich wird, als im laufe des 16.
und zu beginn des 17.
jhs. zinsen bis zu einer bestimmten höhe (5%)
von der territorial- und reichsgesetzgebung genehmigt werden; als bezeichnung erlaubter zinsen erscheint wucher
infolge seiner pejorativen belastung nicht mehr geeignet (
nur vereinzelt: leidlicher, redlicher wucher
usura tolerabile, ragionevole, honeste Kramer
t.-ital. 2 [1702] 1937
c)
und wird nach und nach durch zins(en)
ersetzt, das nun in dieser neuentwickelten bedeutung allgemeine verbreitung gewinnt (
s. zins II B
teil 15,
sp. 1486).
das wort zieht sich auf die bedeutung B 2 '
feneratio'
zurück, während als bezeichnung überhöhter zinsen das kompositum wucherzins(en)
eintritt (
s. d.). —
voraussetzung für das vorkommen des wortes in den deutschen rechtsquellen ist die übernahme des kanonischen zinsverbotes. im Sachsenspiegel fehlt beides, ebenso in anderen nd. und md. rechtsbüchern; doch dringt der kirchenrechtliche wucherbegriff bis zum 16.
jh. vom obd. gebiet aus fast allgemein durch (
s. ausführliches bei M. Neumann 63—108),
vgl. u. a.: unde lîhet mir ein man sîn guot ûf mîne huobe oder ûf anderiu phant umbe wuocher, unde ich muoz sweren daz ich den gesuoch nimmer wider gevordere
d. landrecht d. Schwabenspiegels 141
Wackernagel; woker is, wat en man mer up burt, wen he utgift, also of he id bededinghede
glosse J. Buch
s zum Sachsenspiegel I
art. 54, § 2
Homeyer; dez her wissintlich genomyn hatte wucher
d. Magdeburg-Breslauer systemat. schöffenrecht III 2,
cap. 12
Laband; der geistlich wucher, der ist boser wan der werntlich, darumb ... das her beyde partey vorunreyniget, den vorkeuffer und keuffer. das tudt wertlich wucher nicht, da wirt nicht me dan eyner eyn wucherer, der den wucher nymptt Purgoldt
rechtsb. 8, 32
Ortloff; wvcher hat mancherley auszlegungen vnd würt im latin genant vsura Tengler
laienspiegel (1544) 42
a.
gewöhnlich bezeichnet wucher
im mhd. und frühnhd. eigentliche zinsen, besonders aus darlehen; vgl. Diefenbach
gl. 631
a s. v. vsura; 230
b s. v. fenus; nov. gl. 387
a s. v. vsura; 170
b s. v. fenus; usura wuocher Frisius
dict. (1556) 1419
b;
foenus wuocher, übernutz, gewün
ebda 575
a;
interesse interesz, wucher, gewinn, zinsz Hulsius
dict. (1618) 2, 211
a; wucher
usura, interesse Kramer
t.-it. 2 (1702) 1397
c: weder sunde sint grozer, daz der mensche nint den wuocher oder so er begat simoniam?
Lucidarius 35, 8
Heidlauf; in dem gebote virbot er (
Moses) in, das si decheinin wchir, solt, korn, win, silbir, golt von ir genoze iht nemin Rudolf v. Ems
weltchron. 15 550
Ehrism.; und ob mein der wuechrer varet und mich so gar beharet das ich guetes plos pelib, ob ich den mit recht trib, das er das wuecher wider geit Heinrich v. Burgus
d. seele rat 3055
Rosenfeld; dat hovetguod vnd woker hebbe ek gheloved ... tuo betalende, wanne se des nicht enberen willen (1347)
urk.buch d. st. Quedlinburg 1,
nr. 148
Janicke; unde schreip unde geboit he (
könig Wenzel i. j. 1391) ... daz man den juden ... keinen wocher von einicher scholde geben solde. hette in iman wocher gegeben, den solde he abeslan an dem hauptgelde Tileman v. Wolfhagen in:
Limburger chron. 84, 31
Wyss; das der unvogtbarn kinder gelt wucher, das ist zins, trag, und das sie davon eherlich und wol erzogen werden (
Nürnberg, Christoph Scheurl
's epistel v. j. 1516)
städtechron. 11, 798, 28; ain pfenning über die haubtsumm auszgelihen, eingenomen ist wucher Jacob Strausz
hauptstuck wider d. wucher (1523) 3
c; dann welcher ... höhers und merers dann jerlichen vom 100 5 fl ausleihen oder wochenlich von ainem fl 1 d z wcher nemen wurde, denselben will ain ersamer rat ... ernstlich straffen (
Augsburg 1559)
städtechron. 32, 367, 17; ein wucherer ... so er ... ein mässigen vnnd burgerlichen wucher nymmet, ... vngehasset bleibt Bech
Agricolas bergwerckb. (1621) 19; das ein christ dem andern dienen vnd kein wucher von jm nemen sol Ringwaldt
lauter warheit (1588) 28; stets hoff an hoff er keuffet vnd bawet hausz bey hausz, die rent mit wucher heuffet, nimpt zwölff vor hundert rausz Voigtländer
oden u. lieder (1642) 99.
verschiedene ausdrücke beziehen sich auf zinseszinsen: von wucher wuchern Diefenbach
gl. 229
c s. v. fenerari; zwifalt wucher
ebda 230
b s. v. fenus; juden wucher
usure des usures Hulsius-Ravellus
teutsch-frz.-it. (1616) 421
a; Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1397
a; wucher über wucher
anatocismus Dentzler
clavis ling. lat. (1716) 357
a. B@1@bb)
entsprechend der ausdehnung des kanonischen wucherbegriffs auf jedes gewinnbringende geschäft ('
jede vertragsmäszige aneignung eines offenkundigen mehrwertes' Schaub 72,
selbst geschenke an den gläubiger fielen darunter)
wird das wort nicht selten auch auf andere arten des gewinns angewendet, z. b. den profit aus dem spekulationskauf auf die künftige ernte (
als eine verkappte form des darlehns): sag mir, seliger man, wart du furchauffes an? sage pey deiner trewe, wie lechstu auf das newe (
die bevorstehende ernte)? hulfest du durch got deinem eben crist? gaw er dier icht von der frist, das ist wuecher gebesen. gib es wider, wellest du genesen Heinrich v. Burgus
d. seele rat 767
Rosenfeld. vom gewinn aus der pfandnutzung: der nutz sol im (
dem gläubiger) an dem haubtgut abgen. es wer denn anders ausgedinget, das der pfandherr der güter geniessen solt, sonst was er ausserhalb dieses gedinges aus dem gut nem, das wer wucher
sächs. weichbild fol. 34.
entgelt für aufbewahrung von gütern: unde (
he) gyft dy wedder dyne haue sunder woker vnde ane ghaue meister Stephan
schachbuch 3786.
gewinn bei wiederverkauf: welches ein jud gesehen, ihme fürnam, die gänsz all abzukauffen und ers hernach mit wucher unnd gewinn verkaufen wolte Montanus
schwankbücher 29
lit. ver.; noch spät in dieser verwendung: so wolten sie ihm einen guten wucher auf sein aussgelegtes geld schaffen Happel
akad. roman (1690) 1047.
vgl. auch im sinne der preistreiberei: korn-
etc. wucher
usura tratta, guadagni profitti etc. cavati dalla vendita vantaggiosa di grani Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1397
c. B@1@cc)
in übertragenen verwendungen allgemeiner '
der gewinn': uuochar (
puellam ... habentem spiritum pythonem ..., quae)
quaestum (
magnum praestabat dominis suis divinando, acta 16, 16)
ahd. gl. 1, 298, 1
St.-S. (9.
jh.);
dafür: gewin
erste dt. bibel; questum uuachar (
questum lucrum adquisitum, corp. glossariorum lat. 4, 559, 18)
ahd. gl. 4, 16, 17 (9.
jh.).
andererseits kann sich dieser gebrauch auch an die bedeutung '
fruchtertrag'
anlehnen: ge:lt ł wochir (
sed et segetes vestras et vinearum)
reditus (
addecimabit, 1.
reg. 8, 15)
ahd. gl. 1, 393, 19 (12.
jh.);
vgl. auch prouentus framuuochar (
zu Verg. georg. 2, 518)
ahd. gl. 2, 702, 27.
nicht immer ist zu entscheiden, welche dieser beiden vorstellungen zugrundeliegt; im jüngeren nhd. wird stets von der bedeutung '
kapitalzins'
auszugehen sein: liesse ... dieser geitzhalss den gartten zurichten, putzen, tungen vnnd anseen, vnd kundte kaumb dess grossen wuchers erwarten Guarinonius
grewel d. verwüstung (1610) 351; dem Thales hätte die vermählung seiner sternkunst und kauffmannschafft grossen wucher einbracht Lohenstein
Arminius (1689) 1, 364
a; spiel ich wo in der karten so mag sie immer warten auff wucher und gewinn Chr. Weise
überfl. gedanken 72
ndr.; hatte er ... ein herrengut gepachtet, das ihm reichen wucher brachte Musäus
volksmärchen 1, 39
Hempel. bildlich: dann welcher schon, als ich, stets unglück hat auff erden, wie soll der todt ihm nicht gewinn und wucher seyn? Opitz
opera geist- u. weltl. ged. (1690) 1, 178; ich habe jetzt einige alte bücher ohne wucher durchgeblättert Hamann
schr. (1821) 3, 197.
hingegen der erwucherte besitz: die eerbet den wucher jhres vatters Stumpf
Schweizerchron. (1606) 532
a;
vgl. mammona wuocher Diefenbach
gl. 345
c. B@1@dd)
redewendungen und bildlicher gebrauch. B@1@d@aα)
verbreitet sind die präpositionalen verbindungen zu, um
und, ins jüngere nhd. herabreichend, auf wucher leihen, nehmen, geben
usw. '
gegen zinsen (
ad usuram)
ver- oder entleihen': (
er) leihe auch sein gelt nit vsz zuo einem wuocher Gebweiler
beschirmung d. lobs Marie (1523) 44
a; wie man ... zum wucher gelder borgt, von dem geborgten lebet Neukirch
ged. (1744) 111. — so werden verworffen alle die so mit würfel spiln, gelt umb wuocher auszleihen
d. neü laienspiegel (1518) 51
b; es soll auch umb wuecher niemants pactirn noch vertrag helfen machen (1565)
österr. weist. 1, 211, 5. —
foenore accipere gält auff wuocher nemmen Frisius
dict. (1556) 16
b; geld auf wucher leyhen
dare, prestare danari ad usura, ad interesse, à guadagno Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1397
c: up woker vorborgen
Lübecker todtentanz 1007
bei Schiller-Lübben 5, 759
a; du lyhest gelt vf wucher Pauli
Keisersbergs narrenschiff (1520) 191
a; hat dein beutl nit mehr gelt auff erden, so must du gelt auff wucher nemen Hans Sachs 19, 77
lit. ver.; dieses weib war ein aussbund ... die thäte geld auf wucher Happel
akad. roman (1690) 35; dies geld hast du auf wucher gegeben, das giebst du, das willt du geben, und armer, dir selbst — bleibet dir immer denn nichts? Herder 26, 145
S. — gott auf wucher leihen: wer sich des armen erbarmet, der leyhet gott auff wuocher (1544)
bei Luther 52, 432
W.; gott und seiner erden ist gut auff wucher leihen, sie zahlen reichlich Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) Gg 5
a. B@1@d@bβ) mit wucher ('
mit zinsen') bezahlen, wiedergeben, zinsen
usw.: ist ainer milt gen dir mit geben, soltu auch gen jm milt sein vnd jn wider mit wuocher betzalen Albrecht v. Eyb
spiegel d. sitten (1511) C 2
a; ich will dich aufsuchen und dir vor den augen deines mannes deine acht groschen mit wucher wiedergeben
F. G. Schummel
empfindsame reise d. Deutschl. (1770) 1, 31.
die redensart bleibt in bildlicher verwendung und freierer auffassung —
etwa '
mit überschusz' —
bis ins 19.
jh. hinein sehr gebräuchlich (
vgl. unter A 1
die letzten belege): das heist ja wol mich mit wucher bezalen ... sintemal jhr euch mir nicht (
zur ehe) vbergeben köndt, jhr gebt dann zugleich auch mich selbsten mir wider
theatrum amoris (1626) 116; was itzt die see ansätzt reist die erzürnte flutt mit wucher morgen weg Lohenstein
Ibrahim sultan (
o. j.)
Epicharis 1; zerreisse deine rechnung, verführer! meine ewige schaamröthe bezahlt sie mit wucher Schiller 3, 470
G.; o sel'ger tag, wo ich des freundes treue mit wucher zinsen kann
Z. Werner
söhne des thales (1803) 1, 136. B@1@d@gγ)
bildlich der gewinn, mit dem etwas angewendet wird (
vgl. 2 d);
so in anlehnung an die bibelstellen Matth. 25, 27
und Luk. 19, 23: damit und ich aber den ewangelischen pfening, mir verlihen ... one wuocher nit verhalt und begrabe Oheim
Reichenauer chron. 1
Barack; sie scheute nicht ein armes pflege-haus, und legte da ihr pfund mit wucher an Zinzendorf
teutsche ged. (1766) 159. etwas auf wucher legen: massen nirgends ein stündlein ... besser auf wucher angelegt wird Butschky
Pathmos (1677)
einf. ):( 3
b; die tugend ist allein mein erbtheil und mein segen, ... lasz ihren reichthum mich noch spät auf wucher legen Löwen
schr. (1765) 1, 6.
nach einer auf die kirchenväter zurückgehenden auslegung wird die christliche lehre als geld im geistigen sinne aufgefaszt, das in den tugenden der schüler zinsen trägt (
vgl. Schaub 25): ite, praedicate, wart ewers ampt und gebt mein gelt aus auff wucher (1535) Luther 41, 78
W. B@22)
neben die bedeutung '
zins'
stellt sich seit dem frühen mhd. in gleicher häufigkeit der gebrauch des wortes als nomen actionis. als solches bezeichnet es das annehmen von zinsen und überhaupt das (
gewerbsmäszige)
ausüben von geschäften jeder art, die mit einem offenkundigen gewinn verbunden sind, so dasz es in mhd. zeit als inbegriff des gesamten finanz- und handelswesens auftreten kann (
vgl. auch Walther v.
d. Vogelweide
unter b): got hât driu leben geschaffen, gebûre, ritter, phaffen: daz vierde geschuof des tiuvels list, daz dirre drîer meister ist. daz lebn ist wuocher genant: daz slindet liute unde lant Freidank 27, 5
Gr. seit dem 16.
jh. wird seine anwendung infolge des unter 1
erwähnten wandels in der zinsgesetzgebung mehr und mehr auf die erzielung überhöhter zinsen oder geschäftsgewinne eingeschränkt, und es nimmt so die im jüngeren nhd. allein herrschende bedeutung '
wucherei'
an (
die moderne rechtspraxis unterscheidet kreditwucher und sachwucher [
z. b. preis-, mietwucher]
und bestimmt wucher
als ein rechtsgeschäft, durch das unter ausbeutung der notlage, des leichtsinns oder der unerfahrenheit eines anderen von ihm vermögensvorteile für eine leistung ausbedungen oder angenommen werden, die deren wert übersteigen und in einem auffälligen miszverhältnis zu ihr stehen; vgl. strafgesetzb. § 302 a
und bürgerl. gesetzb. § 138): ich bin sculdig ... in brande, in roube, in allemo harmisale, in wuochere, in ubirchoufe, in argheite (
Bamberger beichte, 12.
jh.)
kl. ahd. sprachdenkm. 145, 35
Steinm.; mit wuocher er gwan grôzen werltlîchen ruom, michelin rîchtuom armer Hartmann
rede v. glouven 2023
v. d. Leyen; unde die joden scolen ... sich eres wuckerers (!) began unde scolen ghewaren den lhuden also eyn islich bederue mensche mut dun (1322)
cod. dipl. Brandenburgensis I 9, 20
bei Schiller-Lübben 5, 759
a; wer sich unkristenlich hielt mit offner unee, mit gesuech und wucher (
Niederösterr. 1434)
österr. weist. 8, 874, 30; geittikait, wuocher und fürkauff ist ietz in der welt der lauff
liederb. d. Hätzlerin 38
Haltaus; zu dem sagete der doctor von wücherern, dasz man jtzt spreche in Sachsen: wer sägt, dat wucher sünde si, die hefft kein geld, dat gläube fri Luther
tischr. 6, 51
W.; wir wöllen auch, das der, so einem gelt, wein, traid oder annders hinleicht, nichts dann die haupt summa vordern vnnd nemmen (
soll) ...: welcher aber das vberträtte, der soll darumb, als vmb ain wuocher gestrafft werden
tirol. landesordn. (1573)
buch 6,
tit. 26; sollen die einfuhren solcher frembder münze forthin sub poena confiscationis verboten ... werden, ob vielleicht durch diese mittel der unchristliche wucher (
d. unterschieben schlechterer münze) abgeschaffet ... werden möchte (1622)
acta publica 5, 73
Palm; zum andern bleibet man, wenn man selbst pulver herstellt, vor der pulvermacher betrug und wucher frey Fleming
d. vollk. teutsche soldat (1726) 434 § 2; es blieb den juden, um ihr leben zu fristen, nur der handel mit alten kleidern ... und der wcher
M. Mendelssohn
ges. schr. (1843) 1, 4; der ... durch ein eben so kühnes als glückliches börsespiel, und durch den schamlosesten wucher, ein bedeutendes vermögen aufgehäuft hatte Schreyvogel
ges. schr. (1829) 1, 2, 20; der amtliche wucher blühte derart, dasz der schleichhandel ... mit notwendigkeit eintreten ... muszte
qu. v. j. 1935. —
vereinzelt als kollektivbezeichnung für das wucherwesen, die gesamtheit der wucherer: das übel, das man hier (
röm. gesetz üb. d. zinsmaximum) zu bekämpfen hatte, war ... ein sehr hartnäckiges, und der wucher sehr erfinderisch, die gesetzlichen bestimmungen zu umgehen Jhering
geist d. röm. rechts (1852) 2, 1, 158; leider wurden die schulden immer drückender, da auch der wucher ein freches spiel mit den groszen verlegenheiten meiner mutter trieb
jahrb. d. Grillparzerges. (1890) 4, 169. B@2@aa)
für das schon im ahd. bezeugte verbum wuchern '
fenerari'
finden sich die umschreibungen mhd. wuocher pflegen
und nhd. wucher treiben;
vgl. foenore dare wuocheren, wuocher treyben Frisius
dict. (1556) 438
a: chain ritter schol nicht wuocher phlegn Suchenwirt 21, 90
Primisser dem richen rade ich (
Beelzebub) uff minen eidt, dasz ire tribe groisze girheit und wucher sere dar zu
Alsfelder passionsspiel 384; er het ein grosz misfallen ab den kaufleuten und burgern, die nach langem getribnen wucher sich herren liesen und adlen
Zimmer. chron. (1881) 2, 122
Barack; weil ich verspüret, dasz sich andere derselben (
arien) ... theils stückweis, theils gantz angemasset, nachgedruckt und jhren wucher damit getrieben
Königsb. dichterkreis 261
ndr.; die grundherren hinderten die abfuhr des, wie es scheint, ziemlich reichlich gewonnenen getreides und trieben wucher damit Moltke
ges. schr. u. denkw. (1892) 1, 170; wer den wucher gewerbs- oder gewohnheitsmäszig betreibt
strafgesetzb. § 302 c.
bildlich: zumahl auch die, welche den Mecenas mit etwas beschenckten, mehr wucher trieben als verlust litten Lohenstein
Arminius (1689) 1, 127
b.
dagegen einen gewinnsüchtigen miszbrauch bezeichnend: männer, die mit der menschenkenntnisz handel und wucher treiben Klinger
w. (1809) 12, 271; ich verstehe mich nicht auf das bearbeiten der goldminen meines talents, oder vielmehr, ich zittre vor dem fluch, der jeden verfolgt, welcher mit dem edelsten des geistes und des herzens schmählichen wucher treibt (1837) Hebbel
br. (1904) 1, 232. B@2@bb)
hervorzuheben ist noch die häufige koppelung des wortes wucher
mit mord, brand, raub
o. ä., die auf die kirchenrechtliche gleichsetzung des wuchers mit diesen sünden zurückgeht: ein æhter heizet mort, der schât der strâze sêre: dâ bî vert einr in starken bennen, derst geheizen brant: sô sprechents einem wuocher, der hât gar geschant die selben strâze (
den weg zum himmel) Walther v.
d. Vogelweide 26, 18
Kraus; wuocher, rayben, brannt vnd auch mort, an manchen enden würt gehort J. v. Schwarzenberg
teutsch Cicero (1535) 157
a; solch leut sind erger in eim land den jüden, wucher, mord vnd brand Fischart
s. dicht. 1, 162
Kurz. die klassifizierung des wuchers als habsuchtsünde wird durch die häufige verbindung geiz und wucher
betont (
mundartl. findet sich wucher
für '
habgier, geiz'
bei Fischer
schwäb. 6, 965): man predig, schrye, was man mag, wachszt gyt vnd wuocher alle tag
schweiz. schausp. d. 16. jhs. 1, 48
Bächtold; wucher und geitz sind wie eine sintflut eingerissen und eitel recht worden Luther 50, 196
W.; die stadt wird leer an volk, weil geiz und wucher wüthen Gottsched
dt. schaubühne 6 (1745) 212.
vgl. dazu folgende, zugleich die kirchliche auffassung kennzeichnende stellen: dit aflat mochten vordenen ok alle, de unrecht und ovel gewunnen gud under sik hadden ..., dat wer van simonie, van woker, van rove, van dobbelie, van deiverie, van velscherie (
Magdeb. schöppenchron. zum jahre 1468)
städtechron. 7, 414, 32; uber das ist der brauch des bannes ..., das die offentlichen laster straffe, als raub, ehebruch, hurerey, mord, hass, wucher, seufferey, item ketzerey, lesterung und der gleichen (1530) Luther 30, 2, 310
W. B@2@cc)
der weiten fassung des wucherbegriffes gemäsz werden simonie und ähnliche korruptionsdelikte des klerus als (geistlicher) wucher
bezeichnet oder dem wucher gleichgestellt, vgl. simonia geistlich wocker
u. ä. Diefenbach
gl. 534
c;
nov. gl. 339
b: das die pfaffen vmb gelt in allen yrem thun simoniesch vnd mit geystlichem sundtlichen wucher erfunden werden J. Strausz
beychtpüchlin (1523) D 4
b; item wie er alle gestifft ... und geistliche ämpter durch simony und üppigen wucher verkoufft und vergremplet hette Tschudi
chron. Helvet. (1734) 2, 25; (
die kirchenverbesserung) erstreckte sich ... auf die simonie oder den mit geistlichen stellen getriebenen handel und wucher Raumer
gesch. d. Hohenstaufen (1823) 1, 23. B@2@dd)
vereinzelt bildlich die gewinnbringende anwendung von kräften, eigenschaften, der zeit usw. (
vgl. 1 d
δ): der fleisz in nützlichen geschäften, der edle wucher mit den kräften bestimmt das menschliche geschick Gellert
s. schr. (1839) 7, 15; woher auf einmal der karge wucher mit der zeit Schiller 5, 1, 113
G. in freierer auffassung: du selbst sollst ja reicher durch mich werden, ich will mich dir ja ganz hingeben, wahrlich die liebe ist keine gabe, die liebe ist ein göttlicher wucher, diesen wucher hast du nie gekannt Cl. Brentano
an Sophie Mereau 1, 67.