Eintrag · Mittelhochdeutsches Wb. (MWB)
halm stM.
2 ‘Schreibrohr’ (s.a. schrîbehalm )
3 rechtssprachl., der Halm als Rechtssymbol bei Liegenschaftsübertragungen in der Formel mit halme ‘Halmwurf’ und mit hande ‘Handschlag’ und mit munde ‘mündliche Entsagung’ (weitere Belege DRW 4,1480-1484)
4 in Sprichwörtern und Redewendungen (vgl. TPMA 5,356-358; Friedrich, PhrasWB, S. 191f.)
5 phras. für etwas Schmales, Geringes, Wertloses ‘nicht(s), in keiner Weise’
1 ‘Gras- oder Getreidehalm’ culmus: halm SummHeinr 1:207,466; VocOpt 13.164; ein halm ist creftec unde guot, / waz er uns allen liebes tuot! / er fröit vil manigem sînen muot. / wie danne umbe sînen sâmen? / von grase wirdet halm ze strô, / er machet manic herze vrô [bezogen auf das Halmorakel 66,5ff., s.u.] , / er ist guot nider unde hô Walth 17,31; daz [ ros ] lief so wol von rehter art / berge, velt an allen pfat, / und doch nit helmer nider trat HvNstGZ 916; ich sâhe [Joseph in seinem Traum] , dâ ûzze an der sâte, / in dem twalme, wahsen an einem halme / siben eher scôniu unde volliu Gen 2035; RvEWchr 7341; EnikWchr 5539. 5648; da si [die Ameise] den weizze uindet. so uert si ûf den halm. unt nimet daz chorn. unt tregit iz zeloche JPhys 17,34; [wenn die Gerste reif ist] hat der halm herwe grete [scharfe Grannen] Daniel 2311; dú breiti eins geschlichten [geglätteten] halmes Seuse 16,25. – ‘Stoppel’ der [Zorn Gottes] besovfte siv als den halem: que deuorauit eos sicut stipulam PsM C 4,7; stipula: halm SummHeinr 2:487,01.7; Parz 379,16. – uf hevet er den armen, / den suntigen von der erde, / sam der stain [ Calcedonius ] tut di halme HimmlJer 208; Ottok 22344. – ‘Trinkhalm’ gif et eme drynken myt twen halmen OvBaierl 116,43; ez sint auch läut, die sô klain münd habent, daz si neur mit aim klainen halm saufendz dinch in sich ziehent und anders niht ezzent BdN 490,10. – als pars pro toto ‘Getreidefeld’ ich bin ze disem strîte komen / so der schûr an die halme Wh 390,27; als ein wolkendonre wilde / den halm âhtet, niderslât / mit craft, wie ofte er uns hât / zuströut menlîcher vare! Kreuzf 7671; UvEtzAlex 24542. – als Bezeichnung von Heilpflanzen: calamus aromaticus haizt der wolsmeckend halm und haizt nâch aim gemainen halm, wan dem ist er geleich. der halm ist ain staud und wechset in dem land India BdN 365,3. 419,14. – in Zeitangaben: nach halme nach howe [nach der Getreide- und Heuernte] UrkCorp (WMU) N109AB,7; WeistGr 1,673 (a. 1320). – im Halmorakel: mich hât ein halm gemachet frô. / ich wæne, ich sül genâde vinden: / swie dicke ich maz daz selbe strô, / als ich gewon was her von kinden Walth 66,5; ich tuon, ich entuon. ich mezze ein halm zuo lange Meissner 14:4,3 2 ‘Schreibrohr’ (s.a. schrîbehalm): got gab Johanne den halm [um das Evangelium aufzuschreiben] / glich einer gerten gestalt HeslApk 15440. 15429; Davit / [...] schribet mit sinem halmen / an dem zwenzigisten psalmen HeslNic 2037; swaz ich húte predigen pflege, / daz vergêt mit dem galme. / swaz aber ich mit dem halme / – mit der vederen maine ich – schribe, / daz hoffe ich ie ez blibe / nútze úber manigen tac Pass I/II(HSW) 42302 3 rechtssprachl., der Halm als Rechtssymbol bei Liegenschaftsübertragungen in der Formel mit halme ‘Halmwurf’ und mit hande ‘Handschlag’ und mit munde ‘mündliche Entsagung’ (weitere Belege DRW 4,1480-1484): auch hat sich vnser svn [...] des vorgenanten gvͦtes verzigen vnde verschozzen mit hanten vnde mit halmen UrkCorp (WMU) 1764,38; also haben wir vns verschossen vnd verschisent vns des mitt hant vnd halm UrkWürzb 39,14 (a. 1315); mit munde mit hande vnd mit halm ebd. 39,352 (a. 1328) u.ö.; UrkFrauensee 107 (a. 1342); UrkWorms 2:154,18 (a. 1327); UrkDOKobl 2,360 (a. 1322) 4 in Sprichwörtern und Redewendungen (vgl. TPMA 5,356-358; Friedrich, PhrasWB, S. 191f.): jmdm. den ~ vür rücken/ ziehen ‘jmdn. täuschen’ (s.a. halmel 2): ir [der Welt] lon ist ein kazzen spil: / si zeiget vnd zvkket / gelich als swer den halm rvkket / dvrch schimpf den ivngen katzen vor TürlArabel *A 69,14; ir ist der halm vor gezogen / als einer jungen katzen Renner 12158; RvMunre 1257; werlt, dú zuhes dén halm vur dem giefe [dem Toren] / unde spíles mit im Meissner 2:2,9. – von einem halme kumt ein viur, der niht sîn zünden understât, / dâ von ein hûs enbrinnet gar und an die schiuren gât WernhSpr 35,13 5 phras. für etwas Schmales, Geringes, Wertloses ‘nicht(s), in keiner Weise’ si ahten nvͥt vmbe einen halm / zages tat TürlArabel F 836; daz [Schläge auf das Haupt] was im unnütze / und was im als mære, / sam ez ein halm wære Eracl 1322; eines halmes vürbaz StrAmis 145; halmes breit WvRh 14989; Pass III 246,96; MinneR 272 24. – ein ~ fällt/ liegt entwerhes ‘wenn eine Kleinigkeit in die Quere kommt’ [Helena zu Paris] geviele ein halm entwerhes, / mir würde manic bœse hût / von iu stille und überlût / gesprochen und gemezzen KvWTroj 22222; sô in iendert ein halm entwerhes lît, sô scheltent, sô fluochent, sô roufent, sô slahent, sô lüejent sie [die dem Zorn nicht widerstehen können] rehte als die tiuvele in der helle mit den sêlen PrBerth 2:179,31; die beiden Belege hierher oder zu #/-1#/+ (Halmorakel)?
MWB 2 1114,50; Bearbeiter: Gärtner