übel,
n. ,
das substantiv des oben besprochenen adj., über das gesammte germ. sprachgebiet verbreitet: mhd. übel, ubel,
ahd. ubil,
ags. yfel,
engl. evil,
mnd. uwel,
fr. evel,
ndf. öwel,
holl. evel,
wf. üewel,
ofr. öfel,
goth. ubil.
auszer dem n. hatte das ahd. und mhd. auch eine fem. ableitung im gebrauche: ubili Graff 1, 94,
mhd. übele
mhd. wb. 3, 169
b,
z. b.: einen fuoʒ er nie getrat ûʒ der übele in die güete
Helmbr. 1227;
ein m. 'der übel'
bei Höfler
krankheitsnamenb. 758.
vgl. auch Martin-Lienhart 1, 8: der übel,
ein mensch mit einem übel. bedeutung und gebrauch: malum, vitium, improbitas, scelus, flagicium, abscessio a bono; ubel
etiam omnem miseriam, calamitatem, morbum et infortuniam exprimit Stieler (1691) 1375. 11)
im allgemeinsten sinne: alles, was dem guten als dem sittlich gebotenen, zweckmäszigen, angenehmen, gesunden entgegen steht; also das princip des bösen, schädlichen, der sünde, des leidens im philosophischen, physischen, moralischen und socialen verstande. 1@aa)
in der sprache der philosophen: daher entstuhnd nun schon ein begriff von übel bey ihnen, als einer abwesenheit und beraubung des guten Bodmer
v. d. wunderbaren (1740) 76; das übel hier unten ist immer von genialischen menschen hergekommen Göthe 45, 12, 2
Weim.; wenn der zweck der satire beförderung der vollkommenheit und verminderung des übels in der moralischen welt ist ... so kann man ihre zulässigkeit nicht in zweifel ziehen Eschenburg
entwurf (1783) 83, § 6; das leben ist an sich weder ein gut noch ein übel, es ist der raum des guten und des übels, je nach dem was ihr hinein legt Chr. Bode
Mich. Montaigne 1, 147; es gibt nichts absolut böses und kein absolutes übel Novalis 2, 280; so ein gefühl des lebens ... vernichtet alle sophismen vom übergewicht des übels in der besten welt Sturz 1, 7; jede lust ist ein gut, jeder schmerz ist ein übel Lange
gesch. des materialismus 26;
in diesem allgemeinen philosophischen sinne auch bei dichtern: nicht wenig stolz auf sein gefrornes blut beweist indesz mit hoch emporgeworfner nase Kleanth der stoiker, bei oft gefülltem glase dasz schmertz kein übel sey, und sinnenlust kein gut Wieland 3, 40 (
Musarion); ein allgemeines übel ist der tod Göthe 10, 314 (
die natürliche tochter 1448); das leben ist der güter höchstes nicht, der übel grösztes aber ist die schuld Schiller 14, 128 (
braut v. Messina 2837). 1@bb)
in prosa und dichtersprache, auch im briefstil und in der umgangssprache wird für diesen begriffsumfang gern die verbindung 'alles übel'
genommen: sie (
Banise) bemühete sich nicht nur, alles übel des lebens ... zu verschlafen Hippel
kreuz- und querzüge (1793) 1, 61; ich wollte ... leicht beweisen, dasz alles übel, häusliches und körperliches und geistiges blos durch das dumme bestreben nach geschmack entstanden ist B. v. Arnim
Cl. Brentanos frühlingskranz 165
f.; da unten stecket er (
Hannibal), der urheber alles übels, im käfig Grabbe 3, 429; magister Lukas, nicht ergeben der wurtzel alles übels, kan des jahres recht vergnügt mit tausend thalern leben Kretschmann 2, 263. 1@cc)
besonders in der geistlichen litteratur: aber got wirt abwenden alles übel zu meinen feinden Hutten 1, 415, 32; sonderlich die zeit da uns der teuffel fressen wolt auff dem reichstag zu Augsburg und stund alles ubel satt und so rege, das alle welt meinet, es werde uber und uber gehen Luther 32, 492, 20
Weim.; dann was ist anders der zorn gots dann blintheit der vernunfft in verkertem verstand heiliger geschrifft vnd gots gebot, auss dem dann volgt gotlose begird vnd alles vbel Eberlin v. Günzburg 1, 164
neudr.; geytz ist ain wortzel alles vbels
ebd. 1, 180. 1@dd) 'vom übel erlösen, vor übel bewahren'.
in der siebenten bitte des vaterunsers (
Matth. 6, 13)
hat das goth. nicht das subst. sondern das substantivierte adj.: ak lausei uns af thamma ubilin,
so auch der Tepler codex. die Freisinger auslegung des paternoster wählt sunta
statt übel: ûʒʒan kaneri unsih fona allêm suntôn,
aber schon im Weiszenburger catechismus ist malum
mit ubil
übersetzt: auch arlôsi unsih fona ubile,
und übel
bleibt die regelmäszige vertretung des malum
im paternoster: die Mentelsche bibel (1466)
u. die nächst verwandten drucke MEP (
siehe Kurrelmeyer die erste deutsche bibel 1, 23)
haben den pl.: sunder erlOesz vns von den vbeln,
von der Zainerschen bibel ab ist durchaus der sg. gebraucht: von dem vbel, vom vbel;
ebenso Luther: die sibende und letzte bith sunder erlose uns von dem ubel 2, 126
Weim. von da aus in der geistlichen und profanen litteratur formelhaft: darumb behüt dich und dinen nehsten vor allem übel Geiler
bilgersch. (1512)
B 3
a; ich dancke gott zu dieser fart das er mich heint die nacht bewahrt, für allem vbel, vnd mir gebn bis auff den heutigen tag das lebn B. Krüger
aktion v. d. anfang u. ende der welt D 2
a; Christus ... bewar dich vor allem vbel Ambach
vom zusauffen A 2
b; behüte sie vor böser geselschaft und vor allem übel Moscherosch
insomnis cura parentum 25
neudr.; nun behüt dich gott vor allem übel Amadis 1, 29; dein buntes füllhorn fröhlicher verschwendung erlöst mich vom übel B. v. Arnim
die Günderode 1, 194. 1@ee)
zu formelhafter verwendung in profanen schriften gelangt auch die bibelstelle Matth. 5, 37 (
quod a his abundat malum est),
die goth. wieder mit dem adj. us þamma ubilin (
mit dem adj. auch im Tepler codex),
von den ersten deutschen bibeldrucken durchaus mit dem pl. wiedergegeben ist, z. b. Mentel (1466): daz kumt von den vbeln.
dagegen Luther: ewer rede aber sey ja, ja, nein, nein. was drüber ist, das ist vom übel;
so schon Tatian: so uuaz so ubar thaz ist, so ist iz fon ubile 30, 5
Sievers. nach Luther ist der sg. allgemein; auch in der profanen litteratur: thaten hören, ehe ich das bild erkenne: gesichtszüge sehen, ehe ich personen charakterisire: das will ich. was drüber ist, ist vom übel Herder 3, 455; ich vermeide sorgfältig alle bekanntschafft, die nur zeit verdirbt und sehe und studire unermüdet mit künstlern und kennern, alles andre acht ich vom übel Göthe IV 8, 66
Weim.; vor allem ist demnach das streben nach irdischen gütern ... vom übel D.
F. Strausz 6, 41; weiteres geschwätz ist vom übel Holtei
erzähl. schriften 7, 206; ... sich als dame benehmen, dazu sei das beste mittel tanzstunde. französisch und ein wenig klavierspiel würden auch nicht vom übel sein Polenz
Grabenhäger 1, 356; wir treiben jetzt familienglück, was höher lockt, das ist vom übel H. Heine 1, 426. 22)
krankheit, körperliches leiden; sg. und pl. sichere belege für diese bedeutung finden sich erst vom 15.
jahrhundert ab, doch läszt die verbreitung von übel
in dieser bedeutung über alle westgerm. sprachen hohes alter vermuthen: vergisz des vbels, so bist genesen Seb. Franck
sprüchw. 1, 35
a; wer mit dem geschwär geschlagen wird, soll ... so offt vnd dick als er das vbel empfind jm übertrang thun Sebiz
feldbau (1579) 64; leute, welche mit solchem übel behafftet seyn Prätorius
anthropodemus plutonicus 1, 41; ich musz gestehen, dasz ich ... mehr als dreyzehen personen ... von diesem übel ... liberirt habe
medic. maulaffe (1719) 41; die schwindsucht, das epidemische übel der gelehrten Kaestner 1, 55; ich brauche seit vielen jahren bei allen meinen übeln fast gar keine medicin Gellert 10, 56; ihr lieber theurer brief, mein bester, fand mich im bette, unbehaglich an einem vorübergehenden übel Göthe IV 29, 83, 6
Weim.; seuchen die durch ... berührung, oder gar durch den genusz des fleisches der gefallenen rinder, allerdings pestartige übel hervorzubringen hinreichten Niebuhr
röm. gesch. 2, 92; die kranken sind nach verschiedenheit ihres geschlechts und ihres übels in mehrere ... säle verteilt Pückler
briefwechsel u. tageb. 2, 282; (
Mufti): was ficht den käyser an? (
Ibrah.): ein ubel, das kein arzt, als Mufti heilen kan Lohenstein 1, 23 (
Ibrahim Sult. 610); ein tartarisch übel wird die gicht genennt Logau
sinnged. 540
Eitner. auch krankheiten bei thieren u. pflanzen: feigenbäume ... sein aber gerne wurmstichig, vnd damit sie solcher vngelegenheyt vnd vbels erlediget werden, soll man ... Sebiz
feldbau (1579) 351; höchst auffallend ist es, wenn der mais von diesem übel befallen wird Göthe II 6, 192, 4
Weim.; als wenn es (
das pferd) kein weiteres übel (
als diese wunde) hätte 43, 287, 16
Weim. 2@bb)
der pl. ohne attr. ist selten: der selbige wind, der alle ... wolcken nach dem deutschen gebirg wirft und euch in norden vielleicht übel bringt Göthe III 254, 7
Weim.; denken sie sich in meine lage, dasz dieser schwindel sie verfolgt und dann die übel, die ihrer gesundheit unbekannt sind Solger
nachgel. schriften 1, 412, 23. 2@cc)
durch adj. attr. specificiert: vollend obil,
epilepsia Schröer
vocab. nr. 814 14
b;
vgl. oben th. 3,
sp. 1286; daz fallent ubel Brenner
deutsches sprachbuch (1494)
in Bayerns maa. 2, 417; dat valent ouel (15.
jahrh.) Schiller-Lübben 3, 247; Richthofen 723;
besonders als fluchformel: also wenn soliche gedencken kummen, veracht sie vnd ... sprich ettwann: hond euch den ritten vnd das fallent übel Keisersberg
brösamlin 1, 71
b; das vch das fallend vbel schütt!
schweiz. spiele des 16. jahrh. 3, 227, 2274
Bächtold; dann auch übertragen: ich wil heim zu meim fallent übel (
zur frau) und reissen sie so marter übel, solt ich sein kommen auff ein rad Hans Sachs 9, 41, 14
ff. Keller. nd. neben dat vallende ovel
in gleicher bedeutung dat grote ovel Schiller-Lübben 3, 247
a.
vgl. Staub-Tobler 1, 55: 'das gross übel
wird neben ritt und veitstanz in einer verschwörung genant'. von dem flyegenden übel, davon die unbewarnoten gemuot gefangen werden und in den tod gezogen Stainhöwel
de claris mulieribus 28; verbreitung der venerischen übel durch die kriegsläufte Göthe III 4, 64, 3
Weim.; dieser treffliche mann curirte unter andern besonders desperate französische übel 43, 75, 15 (
Cellini);
bildlich: der pabst trat mit dem französischen hofe wieder in engere verbindung, worüber sich der kaiser sehr gröblich vernehmen liess: mehrentheils ziehe man sich das französische übel in der jugend zu, der papst bekomme es in seinem alter Ranke 4, 360; amerikanisches übel =
lues. 2@dd)
an hiehergehörigen composita merkt Stieler (1691) 1375
folgende an: fall übel,
epilepsia (
vgl. oben th. 3,
sp. 1268 'falbel'
und sp. 1291); pestübel,
contagium pestis; franzosenübel,
lues venerea (
vgl. oben th. 4, 1, 1
sp. 62); kopfübel,
cephalalgia (
vgl. oben th. 5,
sp. 1781); zanübel,
dolor dentium, odontalgia; hiezu kommen: ansteckungsübel,
mikrobeninfection Höfler 760
a f.; augenübel (
ebd. u. oben th. 1,
sp. 813); buch ovel,
diarrhoe Höfler
a. a. o.; bucouel,
bauchwürmer jahrb. f. nd. spr. 15, 127; fuszübel,
fuszgicht Höfler
a. a. o. u. oben th. 4, 1
sp. 1056; lancevel,
colica passio Graff
a. a. o.; königsübel,
der kropf am halse, so durch berührung mit der königlichen hand zum öfteren kurieret wird, the evil Ludwig
teutsch.-engl. wb. (1765) 1778; man findet zwar auch krankheiten, die den menschen unempfindlich und gleichsam tödlich machen, als da ist der schlag, die popelsey, die hand gottes, S. Veltens plage, die hinfallende sucht, das
s. Johannsubel Prätorius
blocksberg 242. huer-
oder huerenübel,
krankhafte geschlechtbegierde: das h.-übel haben,
in amoris rota versari Staub-Tobler 1, 56.
übertragen: suer-übel
ein mensch mit einem sirausschlag und ein sauerblickender mensch Höfler
a. a. o.,
vgl. auch Martin - Lienhart 1, 8. 2@ee)
verengt: dauerndes gebresten, siechtum, namentlich böse krankheiten Lexer
kärnt. wb. 245;
ein andauerndes oder periodisch eintretendes gebrechen Staub-Tobler
a. a. o.; gicht Stürenburg
in den compp. foot-, hand-, knidd- Oevel;
etwa wie in folgenden belegen: ich habe mein jährliches übel schon seit ostern gefühlt Gellert 8, 307; sein altes wiederkehrendes übel macht ihn für sein leben bange Göthe 40, 288, 4
Weim.; brand, wildes fleisch der wunde (
bair.) Fulda
idiot. 560. 2@ff)
die erkrankte körperstelle selbst: reibet als dann das übel drei oder viermal im tag Sebiz
feldbau (1579) 92. 33)
krankheit im metaphorischen verstande: aber das ist das alt gifft und pestilentsisch übel, das wir teutschen nie vil acht auff vnser mütter sprach gehabt haben Boltz
Terenz deutsch (1539)
A 3
a; es ist gut, wenn junge leute in gewissen jahren vom poetischen übel befallen werden Lichtenberg
verm. schriften 2, 203; Christus kuren sind kein flickwerk, nicht palliativ; sie rotten das übel sammt der wurzel aus Schubart
leben und gesinnungen 2, 224; hochmut, der ... zum chronischen übel geworden ist Pückler
briefwechsel u. tageb. 1, 103; dies ist aber nur eines von den vielen unheilbaren übeln unserer jetzigen verfassung G. Forster 8, 67; das übel erkennen, heiszt schon ihm teilweise abhelfen Bismarck
politische reden 9, 57; doch ach! was hilft dem menschengeist verstand, dem herzen güte, willigkeit der hand, wenn's fieberhaft durchaus im staate wüthet und übel sich in übeln überbrütet Göthe
Faust II 4781. 44)
jeder schmerz, jedes leiden, unbehagen körperlicher wie geistiger art: die weil dan dis leben nith anders ist dan ein unseliges ubel, davon gewiszlich auch anfechtungen erwachssen, so sollen wir des ubels darumb begeren losz tzu werden, das die anfechtung und sund auffhorenn und also gottis will gesche Luther 2, 126
Weim.; denn gott lest sie ynn schande, ynn armut, ynn kranckheit und ander ubel fallen 26, 207
Weim.; denen wurd alles vbel vnnd jamer zuo theil werden W. Xylander
Polybius (1574) 159; also sollen die jungen herren jhr leben in lust vnd freuden, vnd nicht in schweren gedancken oder anderm vbel vertreiben
buch der liebe (1587) 139
b; glückliches kind! das kein übel kennt, als wenn die suppe lang ausbleibt Göthe 8, 28, 3
Weim. (
Götz); nur machten mir meine nägel, die immer fortwuchsen, das gröszte übel 43, 359, 7
Weim. (
Cellini); sie trib vom Welschland das gesind durch vngestüme rauhe wind, das sie auszstanden etlich jar nach gottes willen grosz gefahr, vil übels auff dem meer einnamen, bisz sie in Latium dar kamen Spreng (1610)
Aeneis 2
b, I; auf das unrecht, da folgt das übel, wie die thrän' auf den herben zwiebel Schiller 12, 35 (
Wallenstein); 55)
unglück, unheil, schaden, miszstand. 5@aa)
malum ubel, unglück Garthius (1659) 441
a;
malore v. unglück Kramer (1678) 1064
b; ein übel beut dem andern die hand,
one mischief comes in the neck of another Ludwig
teutsch-engl. wb. (1765) 1778; so gib ich ain weg, daz uns kain übel darumb begegnet
viam dabo qua nihil mali patiemus Stainhöwel
Äsop 38; dasz Eva von der verbottenen frucht asz, ist das allergröszte vnd schwereste vbel
buch der liebe 292, 2; und vor künfftigem übel warnet uns got der barmhertzig Sleidanus
reden 72; die kometen sind üble vorbothen und erst neulich sah ich einen ... alten, der ... dem himmel dankte, dasz er schon alt wäre und der erste von dem bevorstehenden übel loskäme B. Mayr
päckchen satiren (1769) 104, 5; er liesz sich belehren, dasz die in China so gemeine hungersnoth ein überaus seltenes übel wäre Haller
Usong (1771) 49; und das ist eben der fall der tragödie, wo wir alle das übel, welches wir fürchten, nicht uns, sondern anderen begegnen sehen Lessing 10, 106; unzeitige gebote, unzeitige strafen bringen erst das übel hervor Göthe 17, 307, 11
Weim.; für ein übel, das noch nicht geschehen ist, kann man immer mittel finden Klinger 3, 103 (
Fausts leben); hetst du mit heyrat mich versehen so wer solch übel nit geschehen Hans Sachs 2, 32, 26
Keller; mag wol ein übel seyn, das trost nicht könnt erreichen? A. Gryphius
trauersp. 117; kaum war dieser wunsch erfüllt, ... als neues übel schon dem sichern hause zubereitet war Göthe 10, 19, 409
Weim. (
Iphigenie); (
Walter:) und grad' auch heut noch die perücke seltsam einzubüszen! die hätt' euch eure wunde noch bedeckt. (
Adam:) ja, ja. jedwedes übel ist ein zwilling H. v. Kleist 1, 401 (
zerbr. krug); 5@bb)
besonders in der gelehrtensprache. in der geschichtsprosa und im zeitungsstil: ein anderes übel, das die städte sowohl als das land plagte, waren die übermässigen anlagen
M. J. Schmidt
gesch. der Deutschen (1778) 1, 116; mein geschäft (
verhandlung in betreff des studentenkrawalls wegen der garnisonierung von truppen in Jena) geht so ziemlich; es ist ein verwickeltes übel Göthe IV 9, 184
Weim.; als durch reichthümer die sitten verdorben wurden, trug sich zu, dass die stadt unter den übeln der oligarchie und ochlokratie zu gleicher zeit litt J. v. Müller 1, 105; aber Deutschland war ... so zerfallen, und es gab so viele innere übel zu bekämpfen Raumer
gesch. d. Hohenstaufen 4, 84; die räuberwirthschaft war daselbst ... ein stehendes übel Mommsen
röm. gesch. 2, 79. 5@cc) einem übel abhelfen, begegnen, steuern, vorbeugen, wehren':
to remedy an evil, to mend the mischief Hilpert (1845) 633
b; dieses ungewitter ... sehe (
ich) bereits ... herrauschen, wo nicht durch klugheit und angräntzende verbindung diesem übel beyzeiten begegnet wirt Ziegler
asiat. banise 279; es ist die höchste zeit, dasz man diesem übel abzuhelfen suche Ph. Hafner 2, 73; demnach ich sah, wie jr euch naget, all tag mit kumer frett vnd plaget, meint ich ein guten dienst zu thun wann ich euch dauon abhülff nun vnd vorkäm etwan grösserm vbel Fischart
Garg. 2
neudr.; ist's gnug, auch in der regierung der völker übel zu bedauren, die wir heilen, denen wir zuvorkommen können? Herder 17, 107; der wirth bat ihn, er möchte einem so groszen übel (
dem räuberischen überfall) vorbeugen Göthe 43, 296, 12
Weim. (
Cellini).
ungewöhnlich: die türken scheinen diesem übel vorgebogen zu haben Zimmermann
von dem nationalstolze 23; damit diesem übel bey uns an der wurzel vorgegriffen werde, sehen sie da dringenden anlasz zu einem gewaltsamen und entscheidenden schlage Lenz
vertheidigung des herrn W. 7; Aeschinus nimmt einem sklavenhändler ein mädchen mit gewalt aus dem hause ... aber er thut das weniger um der neigung seines bruders zu willfahren, als um einem gröszeren übel vorzubauen Lessing 10, 197; das ... gieng ... so weit, dasz die Römer den ... könig Athalarich ersuchten dem übel zu steuern
M. J. Schmidt
gesch. d. Deutschen 320.
auch pl.: wir finden die städträthe unaufhörlich beschäftigt, diesen übeln zu steuern Ranke 1, 170; darumb ein rath thut wol vnd recht, dasz er gegen die (
diebe) schärff ankehrt, damit dem vbel werdt gewehrt Mangold
marchschiff (1596)
Ciij; noch gleichwol will der hoff zum grossen hertzleid haben viel lieber einen mann von solchen edlen gaben, als einen wahren freund, der saget was gebricht, dem übel klüglich wehrt, dem unheil widerspricht J. Rachel
satyr. ged. 99
neudr. 5@dd) von zweien übeln soll man das kleinste wählen Reinsberg-Düringsfeld 2, 752 (
nach Cicero
de officiis: ex malis eligere minimum); vermeinten daher unter zweyen üblen das geringste zu erwehlen und lieber dem feinde im lande seinen willen ein zeitlang zu lassen, als die blocquade zu quitiren und aufzuheben Chemnitz
schwed. krieg 4, 1, 50
b; ich habe, sagte er, unter dem übel das kleinste gewählt Hippel
über die ehe 97.
variiert: auf soliche treung muost der conuent ausz zway ubeln das grost fliechen Knebel
Kaisheimer chron. 448. 5@ee)
formelhaft in der verbindung 'nothwendiges übel': alszo haben sie beschlossen, das eyn weyb sey eyn nöttigs ubel und keyn hauss on solch ubel Luther 10
2 293, 7; in summa, ein weib ist ein nothwendiges ubel, eine natürliche anfechtung, eine einheimische gefahr, und ein lustiger schade Ziegler
asiat. Banise 342; ist eine frau ein unstreitiges übel, so ist sie auch ein nothwendiges übel Lessing 2, 7, 24; ich bekenne, krieg und processe sind ein nohtwendiges übel Liscow
vorr. 51; ich könnte zugeben, dasz schlechte schriftsteller ... ein nothwendiges übel wären Dusch
verm. krit. u. satyr. schriften 197; bis dieser kreislauf vollendet ist, .. ist das rezensiren ein nothwendiges übel A. W. Schlegel
Athenäum 1, 142; andere betrachten sie (
die eisenbahnen) als ein nothwendiges übel Moltke
ges. schriften u. denkwürdigkeiten 2, 235;
auch pl.: wenn sie die nothwendigen übel groszer staaten unbedachtsam nachahmten Thibaut
über d. nothwendigkeit eines allg. bürgerl. rechts 409. 66)
eine gegen die sittliche weltordnung verstoszende handlung; übelthat, sünde. in dieser bedeutung am frühesten und ahd. und mhd. am öftesten gebraucht. schon goth.: Joh. 18, 23: andhof Jesus: jabai ubilaba rodida, veitvodei bi þata ubil (
μαρτύρησον περὶ τοῦ κακοῦ);
ahd. meist für lat. malum: z. b. ther nithuíngit sinaz múat ioh thaʒ úbil al gidúat ... ther házzôt io thaʒ lioht sâr. Otfried 2, 12, 91; fare in álethrâtî, sô uuer so io úbil dâti 2, 23, 29; 6@aa) du solt ... frömdes ubel williglichen lyden
der ewigen wiszheit betbüchlin (1518) IX
a. der falsch ritter bekannt sich seines ubels (
dasz er den knaben vergiftet habe)
buch der liebe 311, 1; wie Abraham ..., wie wol er der cristen herren böse werck und vbel gesehen het zu einem guten kristen warde Arigo
decam. 29, 18
Keller; kein übel war so klein, welches er (
Georg Wilhelm) übersah Lohenstein
Georg Wilhelms lobschrift (1679)
G 5
d; wer mag die übel zählen, die im namen des h. geistes verübt sind? Herder 20, 12; denn wenn erst das bewusztsein des übels sich regte, wenn die scham zu erwachen begann, dann würde ja auch bald der wunsch kommen nach besserung Polenz
Grabenhäger 1, 238; die weyl ihn (
den menschen) ob sein hohen gaben der Sathan hefftig wird durchechten, zu allem übel ihn anfechten Hans Sachs 1, 23, 17
Keller; Daniel was gantz jung der jar macht sölches übel (
die falsche anklage der juden gegen Susanna) offenbar. J. v. Schwartzenberg
der teutsch Cicero 110; der schmid zum bruoder sprach zuo stund das übel (
die schändung eines heiligenbildes durch juden) mag ich doch nit verschwigen Gengenbach 41
Gödeke. 6@bb) übel thun, ausführen, stiften
u. dergl.: solt ich disz übel, frouw, tuon oder gedencken? solt ich minen herren verraten Niclas von Wyle
translationen 29, 4; awe, awe was grossen übels ich begangen han Arigo
decam. 191, 16
Keller; wie sölte ich dann ein sölich grosses übel begon und wider gott sündigen
bibel verteutscht (
Zürich 1531)
1. Mos. 39, 9; dann war es ihm, als ob dies das letzte übel sei, das er stifte A. v. Arnim 10, 61; ach got, grosz übel hab ich thon Hans Sachs 1, 55. 5
Keller; der schlaue bösewicht verdienet straf' und tod für übel, die er that, für übel, die er droht Ramler
fabellese 1, 36. 6@cc)
auch in der älteren rechtssprache, so oft in der Carolina ohne jedoch zu einem bestimmt umgrenzten rechtsterminus zn werden: straff des übels, das in gestalt zwifacher ehe geschicht
art. 121; dermassen, das etlich derselben übelteter nit allein die jhenen, die ungefangen, sonder auch etlich derselben, die solicher irer begangnen übeltat halben in des reichs gefänncknus und pannden gewest, unaufgelegt und unempfangen verschulter gebürlicher und rechtmessiger straffe gesichert und ledig gelassen sind, und aber durch soliche bewissne gnade, wie wol die in guter meynung was beschehen, nicht allein das übel ungestrafft beliben ... ist
Nürnberger polizeiordnungen 42
Baader; und luod mit den briefen hertzogen Fridrich von Österrich für sin künglich hoffgericht umb das übel, so er dann an im getan hett Richental
chron. d. Constanzer conzils 65. 6@dd) 'übel strafen, rächen': nun kan dennocht das vbel nit vngestraffet beleiben, so gilt es in dem fal gleich ob es mit disen oder andren penen geschehe Murner
a. d. adel 48
neudr.; wer übel nicht straft, ladet es zu hausz Schellhorn
sprichwörter (1797) 99; das übel wirt gerochen
altdeutsche passionssp. aus Tirol 12
Wackernell; also hab wir auff diesen tag ... gestrafft das übel an ihn allen Hans Sachs 2, 19, 18
Keller; das ich die sünd vsrütten sol vnds vbel straffen zaller zyt
schweiz. schausp. des 16. jh. 3, 296, 399
Bächtold; von welchem wird der eyd gebrochen desz vbel bleib nicht vngerochen Joh. Spreng
Ilias (1610) III 35
a. 77)
laster, schlechte gewohnheit, schlechtigkeit, bosheit: die aller übel unzucht und boszheit vol sint Arigo
decam. 48, 15
Keller; aber das büchlin schicke ich ... dir nit, als etwas guttes, dann es hat nichtes guots in im, mer ist sein inhalt schand laster vnd alles übel Hutten 1, 323, 22; drey sollen behuten eynen iderman vor Rhom, lernung des vbels, verletzung der gewissen vnd vahung bösser exempell 4, 267; got wöll, ... vorgenänts vbel, dess vil, vnd vberschedlichen zuotringkens von vns ... abwenden Schwartzenberg
der teutsch Cicero 81; da nun Theobaldus ... anhuobe zuo bedencken das grosz übel und unrecht, darin die gemüter und gedanken der menschen gefallen weren Montanus
schwankbücher 194; eben dieses übel (
schmeichelei) hat auch die Römer ... betrogen Butschky
Pathmos 7; afterreden ... das ungeselligste sittliche übel, das es viel leicht giebt Lichtenberg
nachlasz 62, 2; ich halte ihn für einen vollkommen ehrlichen mann und wenn ich selbst ein übel (
einen makel) an ihm sähe, so würde ich es nicht glauben Göthe 43, 152, 5
Weim. (
Cellini); diesen also einen gröszeren schwung zu geben und den willen mit gedoppelter kraft zum vollkommenen hinzuziehen und vom übel zurück zu reiszen Schiller 1, 158; die heuchelei erscheint dem wahrheitsliebenden deutschen als der übel ärgstes Scherer
literaturgesch. 78; o bekämpfe ja das übel, das in deinem busen sich auch wieder deinen eignen willen schleicht Göthe 11, 288, 24
Weim. 88)
concret der gegenstand, die person selbst, welche bresthaft ist oder schaden bringt, als schmähwort oder als derbes scherzwort: ach folgt nicht dem farbuzten üwel Fischart
Garg. 49
neudr.; auch unser krummer kirchenthurm mein nachbar, hat nicht gerne sturm, sonst fällt das alte übel noch gar auf meinen giebel Vosz 6, 128.