gebauer,
m. gleich bauer,
nhd. zwar nur noch in spuren, aber wichtig, und hier nötig als ergänzung zu dem artikel bauer I, 1176. 11)
die nhd. reste. 1@aa)
schon im 15.
jahrh. ist die volle form oberd. selten, fehlt z. b. im voc. inc. teut., im voc. th. 1482
neben gepaursman
doch nur noch als schelte gepaur
tillo (
s. 4);
aber md. bei Dief. 504
c ein paarmal gebure, gebuer
rusticus, dorfgebur
villanus 619
b (
vgl. unter 2,
a md. gebauwere
plur. noch 1490),
und selbst in einem tirol. voc. noch gebure
ruricula nov. gl. 322
b;
alem. in des teufels netz ein cap. von den gepuren
s. 392 (Schm.
2 1, 188),
im 14.
jh. in Wittenweilers
ring »
fast immer gpaur,
natürlich als 'paur
auszusprechen« (
das. 187,
vgl. sp. 1606
fg.).
nd. im 15.
jahrh. gebûr,
formelhaft borger unde gebûr
als pl., s. Sch.
u. L. 2, 25
a.
nl. noch bei Kil. ghebuer,
aber nur für nachbar (
s. 3,
b). 1@bb)
im 16.
jh. noch im nordosten: es ist geschehen im 26. jare, das den gebauern aufm Werder ward geboten, das sie solten kaufhabern gen Marienburg bringen. Waissel
chron. (1559) 161
a.
auch noch in starker form: wen sich die kerle und gebur vor daʒ Luckowische tor finden worden (
als feinde erscheinen), so worde er Fredrich ... zu en uʒriten. Riedel
cod. dipl. Brand. I. 20, 389,
vom j. 1425,
vgl. V, 583
fg. kerl
als nd. standesname der bauern (
auch in der Cölner gemma 1511
noch rusticus ein lantman off keirle T 1
c).
auch nrh. noch um 1500
die volle form, und zwar schwach und stark gemischt: he waert der Venecianer vyant, schickende den veytzbrief (
fehdebrief) mit einem gebuyren .. balde mirkden die Venecianer die swindicheit (
listigkeit) des gebuyrs .. sij behielten desen gebuyr
u. s. w. Harf 52, 22
ff. aber auch oberd. noch, doch in besonderem sinne, gepawer,
s. 3,
c, γ. 1@cc)
gegenwärtig noch voll in Siebenbürgen, gebaur
bauer, landmann, gebäuresch
bäurisch Haltrich
plan 30
a.
sonst nur in dem namen Gebauer,
der z. b. in Sachsen sich findet, aber misverständlich und falsch gesprochen Gébàuer,
während richtig gesprochen wird Neugebauer
gleich Neubauer (
nd. Niebuhr),
auch Niegebaur
u. ä., d. h. eigentlich colonist, der ins land, ins dorf gekommen. Auszerdem auswärts noch, entlehnt, poln. gbur
bauer, gburka
bäuerin (
wend. bur),
von der deutschen niederlassung her; aus ältester zeit aber und noch gut ahd. in nordit. mundarten gaburo
starker mann, auch schelm, s. mehr bei Diez 2, 31, Schneller
südtir. mund. 1, 143. 22)
ahd. hiesz es eben nur, in doppelform, gapûr
und gapûro, gipûr
und gipûro,
wie alts. gibûr,
ags. gibûr
colonus Mones
anz. 7, 137.
noch mhd. ist die entschieden herschende form gebûr
oder gebûre,
nur allmälich stellt sich daneben bûr, bûre
ein, ist aber fürs 13.
jahrh. eigentlich noch nicht nachgewiesen (
im arm. Heinrich 272
haben die hss. die volle form),
s. wb. 1, 290
a, Lexer 1, 395.
die kurze form ist eben nur durch wegfall des ge-
entstanden (
s. dazu sp. 1608),
am frühesten auf nd. gebiete erkennbar in nâbûr
in der Freckenh. heberolle für nâgibûr. 33)
auch der bedeutung ist das ge-
von haus aus wesentlich. 3@aa)
die gapûrâ
oder gapûrun
sind eigentlich solche die '
zusammen bauen',
d. h. im ursprünglichen sinne von bauen:
sich dauernd niederlassen und das land bauen (
vgl. u. gebäude II, 1,
a),
daher noch lange für eine bestimmte bauerschaft, gebauerschaft (
s. d.),
die bauern eines bestimmten gaues, gebietes, dorfes, ursprünglich als politische gemeinde (
ahd. gibiurida
regio, provincia Graff 3, 20,
md. gebûrde
mhd. wb. 1, 291
a). 3@a@aα)
so im 16.
jh. unter 1,
b die gebauern aufm Werder;
im 14. 15.
jh. z. b. in der Leipziger pflege, in dem stadtbuche, in den mitth. der deutschen ges. im 1.
bd. abgedruckt, ist von den leistungen der benachbarten dörfer zum brücken- und wegebau nach der stadt zu die rede, und immer heiszt es s. 120
ff. z. b. die gebure von Golusch (
Gohlis) de sollen machen de Schottenbrucken, die gebure von Mökerene, de gebure von Lindenow
u. s. w. (
nie bure
oder buren),
einmal auch kurz die von Stosen
s. 124,
wo aber alle zusammenzufassen sind: de selbin 'gebure unde dorfer' 120,
wo denn gebûre
gleichsam pl. vom pl. ist, die bauerschaften (îtlich dorfschaft
das.).
noch im j. 1490
heiszt es: die dorfere und gebauwere im ampte zu Delitzsch haben sich erboten
s. 124 (
etwas früher das. die gebuwere),
die volle form und in starker flexion neben bauer,
plur. bauern
offenbar fortgeführt in der standesmäszigen bedeutung, wie jetzt die gemeinde,
oder dem älteren näher die nachbarn.
vergl.gebauerschaft,
besonders gebauersleute. 3@a@bβ)
es ist zugleich der ausdruck der rechtsbücher, z. b. im Sachsensp. steht in gewissen dingen die letzte entscheidung bei der gebûre kore, kure I, 20, 2. II, 53 (
vgl. unter kur II, 3),
im niederd. texte schon der bûre kore.
von gründung einer neuen gebauerschaft: swâ gebûre ein nûwe dorf besezzen von wilder wurzeln. III, 79, 1 (
auch nd. gebûre).
es steht auch ausdrücklich gebûrschaft
dafür: zû der selben wîs beʒʒert ein gebûrschaft der anderen. III, 86, 2,
in der überschrift dafür: wer .. 'andere gebûre' gemeine ab eret (
vom gemeindegrund abackert),
einer andern dorfschaft. 3@a@gγ)
im sing., vom einzelnen gebraucht, gewann gebûr,
urspr. eben durch das ge-,
die volle bedeutung des gemeindemitglieds mit seinen rechten und pflichten, z. b.: der bûrmeister ist wol gezûg (
kann als zeuge gelten, auftreten) über den gebûr binnen sîme gerichte
u. s. w. Ssp. I, 13, 2,
auch nd. over den gebûr,
aber mit var. over sîne gebûre,
um zu sichern, dasz es nur seiner eignen dorfschaft gelte. das ist denn die ursprüngliche bedeutung des namens Gebauer. 3@bb)
diesz sîne gebûre
zeigt eine andere seite des begriffes, das verhältnis der gebauern unter einander oder auch des einzelnen zur gemeinde (
was aber auch schon ursprünglich in ge-
liegt, s. sp. 1610
fg.),
z. b.: swer sîner gebûre gemeine ab eret oder grebet oder zûnet .. mûʒ den gebûren mit drîʒic schillingen gebûʒen.
Ssp. III, 86 (
in der überschrift auch hier schon sîner bûre,
die überschr. sind von späterer abfassung).
singularisch, mîn gebûr,
z. b.: der man enmissetût nicht, ab her sînes gebûres vihe mit sîme în trîbet und des morgens ûʒ trîbet. III, 37, 3,
was später mein nachbar
heiszt im gleichen gemeindesinn wie die nachbarn
unter a, α,
denn nâchgebûr
ist urspr. nur eine begriffsverstärkung von gebûr
mit seinem verblassenden ge-
durch nâch
nahe, wie sie sich zumal bei dem zusammenwohnen in dörfern und städten nötig machte; öfter, z. b. in der letztern stelle, setzen denn auch die späteren hss. des Sachsensp. sînes nâkebûres
oder nâbûres,
merkwürdig auch genâbûres (
s. Homeyers
var.),
das letztere ein weiteres wertvolles zeugnis für die bewegliche stellung des ge-
aus alter zeit her (
s. sp. 1624
unter e).
auch der name Gegenbaur
gehört hierher, eigentlich wol für gegengebaur,
der nachbar gegenüber. 3@cc)
erwähnenswert ist endlich noch eine seite des begriffes, die aus ältester zeit her bis an die nhd. zeit heran spielt. 3@c@aα)
in Schlesien hiesz im 13.
jh. gebûrdinc
auch die städtische bürgerversammlung z. b. in Breslau: hec sunt pene in geburdinc facte.
cod. dipl. Sil. 3, 151;
ebenso noch später in Magdeburger rechtssprache, aus der es dorthin kam, z. b. ist in den Magdeb. fragen vom städtischen gebuerdinge
die rede s. 28,
mit variante buerding,
wie bûrkor
bürgerwillkür, bûrmâl
bürgerrecht, bûrmeister
bürgermeister, s. Behrend
s. 252 (
und dazu das mnd. wb. 1, 453
ff., Frisch 1, 72, Haltaus 107
ff.);
es tritt aber auch schon burgerding
dafür ein s. 66. 28
var. (
wie bürgermahl
für bûrmâl Haltaus 109),
oder auch burgding 172
var., wie burgkor
für bûrkor 252
b,
vgl. im Ssp. z. b. I, 68, 1
die var. burgeren
für bûren;
aber nur noch so in zusammensetzungen, wie sie aus alter zeit sich fortschleppten. denn auch für die gebûre
ist in den Magd. fragen eingetreten die meteburger
z. b. 172
fg., nicht im heutigen sinn auf den begriff unter b beschränkt, sondern mit voller vertretung des alten ge-
durch mit- (
vgl. vicinus mitburger Dief. 618
a),
s. dazu sp. 1611.
in norddeutschen städten haben hie und da bauerding, bauermeister, bauersprache
bis in nhd. zeit geltung gehabt (
sie sind im 1.
band unrichtig ausgelegt). 3@c@bβ)
das alles war aber nur das ausklingen des uralten sachverhältnisses, das für die ahd. zeit die glossen für gipûr
erkennen lassen, denn es steht bei Graff 3, 19
nur je einmal für rusticus, colonus, öfter im pl. für vicini, auch affines, also in der bed. unter b (gibûrâ
nachbarn in der stadt Tat. 110, 4),
am häufigsten für municeps, municipes, dafür auch civis und contribules (mitburger Dief. 147
c),
d. h. die städter ohne allen unterschied von den dorfleuten mit altem gesamtnamen als zusammenwohner bezeichnet. auch für civilis im juristischen sinne heiszt es: (quaestiones) civiles, taʒ chît purglîche alde gebûrlîche.
Boeth. 77 (85),
das erste wort schon stimmend zu dem späteren burgding, burgkor (
vgl. burgemeister)
unter α,
vgl. giburclîch
und kipûrlîch
municipalis Graff 3, 183
und 19. 3@c@gγ)
zugleich erklärt sich daraus als eine nachwirkung, dasz der adel noch im 16.
jahrh. und länger die bürger nur als bauern wollte gelten lassen, z. b.: si (
die städte) bdunkt, es sei nit ir geleich, und nennen sich das römisch reich, nun sind si doch nur pauren. Uhland
volksl. 427; dasz wir die paurn bezwingen, die uns da welln verdringen. 365; schelk, schelmeshäls und luren heiszt billich disz geschlecht (
des kleinen adels), so nennent sie uns buren, domit sind wir nit gschmächt. 372;
vgl. aus dem 15.
jahrh. in adlichem zorn die städter als pauern,
die fleiszigen gelehrten als der pauern kinder (
gleich schneider- und schuesters söne
nachher)
Wilw. v. Schaumb. 2,
im 14.
jh. pûre
für bürger und bauer zusammen im heldenb. 1, cxiii, 66
Hagen, 2, 33
Keller, aus dem 12.
jh. gebiurinne
von städterinnen Heinr. v. Melk
erinn. 330,
beides aus adelichen kreisen, und noch im 17.
jh. des reichs bauren
höhnisch für die reichsstädte, Köln wird angeredet: den ruhm sie führt von alters her, dasz sie in ihren mauren geblieben und gewachsen sehr über all des reiches bauren .... wie hastu dann, du werther baur, deinr jetzt so gar vergessen
u. s. w. Opel
u. Cohn
30jähr. krieg 313,
zu des reichs bauren
vergl. übrigens aus dem 16.
jh. die vier gepawren im reich,
d. h. die städte Regensburg, Costnitz, Salzburg, Münster Soltau 2, 189,
auch die vier dörfer des rychs Harf 6, 13,
es ist ein stück aus dem aufbau des reiches nach vierungen, worüber näheres aus den bildwerken des Überlinger rathaussaales im anz. des germ. mus. 1856
sp. 141 (
hier auch die vier einfachen grafen
wieder, die III, 168
erwähnt sind, s. mehr Zimm. chr. 1, 246
ff.)
und bei Lepsius,
die quaternionen der deutschen reichsverf. in s. kleinen schr. bd. 3
nr. 11;
s. auch die nachbarschaft im heil. rö
m. reich Schm.
2 1, 187. 44)
eigen ist im voc. 1482 l 7
b gepaur
tillo, ebenso in einem älteren voc. tillo gebure Dief.
n. gl. 364
b;
es scheint ein scheltwort, Dief. 118
c vergleicht cillo ketzerbube, spitzkopf
u. ähnl., ketzerbube
aber ist ein ketzer (2)
päderast u. ä., vgl. auch folg. 55)
merkwürdig auch folg., zugleich adjectivisch: ungeschaffen, narrecht oder alt, gepaur oder unzüchtig.
Amor G vj,
schwerlich für gebäurisch;
bei Graff 3, 19
stehen spuren eines ahd. adj. gebûr
domesticus, das aber vielmehr zu bûr
wohnung zu ziehen wäre (
s. folg.)
und mit gebûr
bauer nichts zu thun hat. es mag mit dem vor. zusammengehören, beide aber, zumal nach dem unzüchtig
zu urtheilen, zu dem merkwürdigen bauer
von wollust, das J. Grimm I, 1175
fg. bespricht und dem es ältere begründung verleihen würde.