gienen,
vb. ,
klaffen, den mund aufsperren, gähnen; klagen, keuchen (
lachen).
herkunft und form. ahd. ginên, ginôn,
mhd. ginen;
mit a-
umlaut genen,
vgl. dazu Wissmann
nom. postverb. 144
u. anm. 5; 145
u. anm. 1),
nhd. gähnen (
s. d. teil 4, 1, 1, 1148);
vgl. mnl. genen.
entspricht as. ginon (
von der hölle),
ae. ginian
gähnen, offen stehen, vgl. gin,
adj., weit, geräumig; gin,
n., abyssus, hiatus, an. gin,
n., rachen vom tier, frühnhd. gien (
s. d.);
vgl. mit vollstufenvokal ahd. geinôn
offenstehen, gähnen, mhd. geinen,
ae. gânjan
hiare, oscitare, aperire, norw. schwed. geina
mund aufsperren, seitwärts abschwenken, dial. gain
weit offen, s. Torp
nynorsk et. ordb. 151
a, Wissmann
nom. postverb. 156;
as. gīnan,
ae. gînan
findi, aperiri, hiascere, an. gīna
schnappen; dazu ae. gînung
hiatus, s. gienung;
germ. gīn-, gain-, gĭn-
sind n-
präsentien zu idg. hēi-, hī- '
klaffen, offen stehen',
vgl. altsl. ziną
χαίνειν Walde-Pok. 1, 549.
verbreitung. gienen
ist ein obd. wort (Notker
hat es, dagegen fehlt es im Tatian und bei Otfrid);
in heutiger mundart im gesamten alem.-schwäb. gebiet, im bair.-österr. und dessen südlichen sprachinseln verbreitet, vgl. Bacher Lusern 259; Schmeller
cimbr. 125
a, Tschinkel
Gottschee 136;
aber auch ostfrk. bezeugt, vgl. Sartorius
Würzburg 47.
seit dem 17.
jh. tritt in der schriftsprache md. genen, gähnen
auch obd. in wettbewerb mit gienen (
im nd. ist gapen
heimisch Schiller-Lübben 2, 11
b),
so z. b. bei Henisch (1616) 1438, Kirsch
cornucopia (1718) 153
a, Frisch
t.-lat. 315
b neben gienen
angeführt; von nord- und md. autoren wird gienen
als dialektisch empfunden, vgl. Stieler 598, Steinbach (1734) 1, 595, Adelung 2, 683,
als veraltet von Campe 2, 374
a;
in gienfisch, gienmaul
und hauptsächlich gienmuschel
noch schriftsprachlich erhalten. bedeutung und gebrauch. mhd. nur vom rachen des tieres (
teufel und hölle)
gebraucht; erst spätmhd. auch vom menschlichen munde und dingen aus mundartlicher sprachschicht heraus mit reicherer bedeutungsentfaltung (
abgesehen von ansätzen im ahd.)
entwickelt. AA.
etymologie und auszerdt. verwandte erweisen als ursprüngliche bedeutung '
klaffen'
im sinne von '
offenstehen'
und '
sich öffnen'
; sie kann in den ahd. glossierungen von hiare ahd. gl. 1, 170, 4
St.-S., 3, 301, 59;
hiscere 2, 63, 28;
dehiscere 3, 233, 60
enthalten sein; ebenso in den späteren für hiare Diefenbach 276
c;
n. gl. 203
a,
hiare, χαίνειν Decimator
thes. (1618) 595,
hiasco Garth (1657) 335
b u. a.; faszbar zutage tritt sie bei anwendung auf dinge. A@11)
allgemein als deren '
klaffen, sich spalten, aufbrechen'
; dahin zielen die glossierungen: hiulcis i. apertis ginenten
ahd. gl. 2, 476, 22
St.-S.; hiulcus gespalten, gekleckt, ginend Frisius (1556) 630
b;
hiare gynen, klecken, von im selbs oder durch gwalt sich aufthun
ebda 629
b;
terra aestibus hiat gynet oder spaltet auf von hitz
ebda 629
b.
hiasco ginen, eigentlich von den nussen wird es geredt 630
a; von einander ginen
arbores dishiascunt Schönsleder
prompt. (1647) v 7
b; ginen
divaricare Dentzler (1716) 125; der knopff oder das schächtelein ist der gehalter des blusts oder der blume, fürnemlich der rose, eher sie sich spaltet und öffnet. zuweilen deutet man darmit an die erst ginnende, noch unaufgeschlossne rose, den rosenknopff J. v. Muralt
eydgen. lustgarte (1715) 11;
vgl. aufgienen,
teil 1, 657
und aufgünen 659. A@22)
häufiger als '
offen- oder auseinanderstehen': item die fsz oder klawen (
der kühe) sOellend nit breit seyn ... sonder kleine kurtze klawen ..., welche nit von einanderen ginnind Herold-Forer
Gesners thierb. (1563) 117
a; auff, auff, ihr kleine bienen, der winter ist frbey: schon
gaffen jetz und gienen die blümlein allerley Fr. Spee
trutznachtigall (1649) 127,
wo auch poetische übertragung von B 1 c
möglich ist, doch vgl. gaffen 3 '
offenstehen'
; gern von öffnungen an sich gesagt: ez geschach zuo Rom ... daz sich ein fraislich gruft auf tet vnd weit offen stuond ... und grosz schAewtz auf stuond von den gynunden löchern
gesta roman. 34
K.; ein günents grab (16.
jh.)
bei Fischer
schwäb. 3, 41; ginend klimsen
hiantes rimae Maaler (1561) 245; ein ginnender risz
quelle bei Staub-Tobler 2, 328;
gleicher gebrauch im heutigen schweizer. spricht für das weiterleben einer ursprünglichen bedeutung, nicht für übertragung von B 1 d '
gähnen'
her, vgl. ginne
n und gīnen
von offener wunde, gespaltener mauer, kleidungsstücken, die nicht gut schlieszen; de
r bode
n ginnet von enand Staub-Tobler 2, 328; giene '
klaffen, bersten'
ebda 330. BB.
die sonstige entwicklung des wortes geht von der engeren bedeutung als '
aufsperren des maules, rachens, mundes'
aus; die grundvorstellung des offenstehens bleibt besonders deutlich beim part. adj. in der verbindung gienendes maul, gienender mund: (
der löwe war) mit wîte ginendem munde ... in aller der gebære sam er der tiuvel wære
Gauriel v. Muntabel 1823
Khull; darumb ... gehestu hungericher wolff mit ginendem mund hinwegk Hutten
opera 4, 14
B.; gott führet fr ihn (
Adam) ein thier (
löwen), das hatte ... ein grossen ginnenden rachen Abr. a
s. Clara
reimb dich (1687)
lobpred. Thoma Aqu. 12;
geradezu '
breitgespalten, breit offen': (
cocodrillus) hât kain zungen und hât ain weit ginendez maul unz an diu ôrn Konrad v. Megenberg 233, 11
Pf.; das k und q werden auszgesprochen mit ginendem und offnem mund, wie sich einer wirget oder nötet zuo undewen
V. Ickelsamer
teutsche grammatica b 2
b; sie (
ist) mit zerrissenen haaren, mit verstelltem angesicht, mit günnendem maul zu ihrem herr geloffen Abr. a
s. Clara
Judas 4 (1695) 271.
zu B 2: Andreuczo ... wol einen sach ... als er von dem schlaffe erstanden were, mit ginendem maule sein augen reybe Arigo
decam. 85
Keller. B@11)
im sinn '
den mund, rachen aufreiszen oder offen haben'
; vgl. auch verginen
teil 12, 1, 443. B@1@aa)
vom tier allgemein: so diu vipera gehien sol, zu ir gemachede ist ir liep unde so wol, daz si gint wite ander stunt unde stozzet ir houbet in sinen munt
Milstätter physiologus bei Karajan
dt. spr.-dkm. d. 12. jhs. 88, 3; so tun ich offenlichen schin, daz dar in wiz hermlin ein ginder lewe was gesniten Joh. v. Michelsperg
in v. d. Hagens Germania 2, 95; und liesz sich als di jungen fögel emen, die weit auf ginen und vil begern
fastnachtsspiele 640
K.; welcher mensch eim gienenden wolf in den halss sicht, der würt heiser
Terenz (1499) 110
b; gienend kam herfr gekrochen, mich zu wecken um die stund, Chyl mein treuer schAeferhund Harsdörfer
gesprächspiele (1641) 3, 459.
bei schnecken und muscheln das öffnen der schalen (
s. auch gienmuschel): (
die schnecken) tuont ir schaln auf und ginent gegen dem tawe Konrad v. Megenberg 249, 26
Pf.; (
donnert es) alle dieweil und sie (
die perlmuschel) also gienend unterm thauw ligt, so klembt sie ihre schalen vor zeit zuo Heyden
Plinius (1565) 376;
s. auch Chomel unter gienen,
subst; so auch in der wendung gienen mit dem mund, maul: ich sach den wurm also wît ginen mit sîme giele
Virginal 834, 8
Zupitza; (
der drache) greint und ginet mit dem maul Konrad v. Megenberg 268, 23
Pf.; (
er) einen löwen am gestade ersahe, der mit dem maul grausamlich gienete (
da ihm ein knochen im hals steckte) Heyden
Plinius (1565) 117. B@1@bb)
bei verbindung mit object (
frasz, beute)
klingt die besondere vorstellung des begehrlichseins mit an, vgl. 3;
vom tier und oft bildlich vom teufel und der hölle: es ist dir (
dem gierigen erben) gleich wie einem wolff, der auffs asz ginet und den hungerigen raachen auffsperret
Petrarche trostbücher (1559) 97
b;
vgl. bildlich: aperuerunt super me os suum sicut leo si gineton gagen mir also der lewo Notker
ps. 21, 14
P.; der tievel ginite an daz fleisc
Ezzolied 17, 11
M. S. D.; tiuvel, also wît du gienst, daz du ir niht slindest ein teil! Seifrit Helbling 2, 1350
Seemüller; dann auch die helle ein solcher schlund ist, der nit zu sAettigen, sondern giennet immer noch mehr auff die seelen
volksbuch v. dr. Faust 36
ndr. B@1@cc)
beim menschen mit dem sinne '
mit offenem munde müszig oder töricht gaffen und gucken, maulaffen feilhaben' (
vgl. dazu überginen
mhd. wb. 1, 527
b): ich bin glich ainem narren, der an der gassen hat gienen und garren
Christus u. d. minnende seele 315
Banz; die siebend schell ist schweigen und gienen, dem rauraffen zusehen ... sie (
die geistlichen im chor) ... singent nit, sy haben wol das maul offen, als wolten sie fliehen Geiler v. Keisersberg
narrenschiff (1520) 181
b; (
der acker) würd mir ie auch verderbet, wenn mir die leut stünden darauff und gienten an den galgen nauff Hans Sachs 17, 98
K.; vor staunen den mund aufreiszen: dannach so kond ich (
ablaszkrämer) aber erdenken mit sunderbaren listen und renken, wie etlich seelen wären erschinen. do fiengend die lüt erst an zuo ginen und losen flyssig, was ich seit, sie wandend, es wär ein warheit Nikl. Manuel 124
B. gern in der verbindung gienen und gaffen: ich gin und gaff und bin ir aff
bei Uhland
volkslieder (1845) 642; die weiber waren keüsch und schamhafftig und gafften oder ginten nit umb sich nach andern mAennern Seb. Münster
cosmogr. (1550) 316;
ebenso mundartlich, vgl. gīnen
maul aufsperren, glotzen Tschinkel
Gottschee 136;
dazu gīne
glotzer 221. B@1@dd)
seit dem frühnhd. überwiegend als '
gähnen'
im heutigen sinn, bei müdigkeit, trägheit, krankheit, gebraucht, so auch im mundartl. verbreitungsgebiet; vgl. die glossierungen für oscitare (1495) Diefenbach 402
b;
χάσμα,
oscitatio das günen Frischlin
nomencl. (1586) 83
a; gienen, gieben
sbadagliare Hulsius (1618) 137
b; das er (
der übernächtige spieler) den gantzen tag uff gyent Brant
narrenschiff 75
Zarncke; (
anzeichen des todes sind) so er (
der kranke) gienet (
ubi hiat), so er stedtigs schlaft Khüffner
Celsius (1531) 10
a; die trAegen, die ... gienen, bisz in gebratten enten ins maul fliegen
klugreden (1548) 6
b; denn kan sie schon nicht drinnen (
im bett) sein, so gienet sie doch stets darein Fischart
flöhhatz (1610) d 5
b; wenn einer gint, so gint auch der ander Lehman
floril. (1662) 1, 786; 'und hernach, wann sie anfangen zu gienen oder zu gaumetzen?'
Odo: das ist ein zeichen, dass ihnen die comödie nicht gefällt
samml. v. schausp. (
Wien 1764) 5,
theater 95;
auch bei tieren: ein yeder raubvogel leydet hitz aussenfür, so er offt ginet Heuszlin
Gesners vogelbuch (1557) 123
a; ein hund, der da wider sein natur günet mehr und anderst dann recht hündisch, bedeutt auch in seinem haus ein leich Paracelsus
op. 10, 191
Huser. B@22)
von der vorstellung des atmens mit offenem munde auf die damit verbundenen geräusche übertragen, wobei auch ein lautmalendes element empfunden werden kann; '
hörbar (
schwer)
atmen': das kint ginte sibenstunt und tat auf seinen munt und seine ougen (
oscitavit septies)
Wenzelbibel bei Jelinek
mhd. wb. 323;
ebenso giente 1.
dt. bibel 5, 364 (Luther: schnaubet siben mal
2. kön. 4, 35).
mundartlich: '
rasch hinter einander atem schöpfen' Unger-Khull
steir. 293
b; '
schwer athmen, keuchen' Lexer
kärnt. 114; '
pfeifen',
vgl.s' ràkröpfel (
rotkechlchen) géant schà~ (
beim raschen atem holen) Frommann
dt. maa. 6, 181;
als '
heulen, stöhnen, klagen': bald darnach, do der frid kurcz hett geweret, wurden die jungen wölflin gynen und hülen Steinhöwel
Äsop 159
lit. ver.; wie soll ain krank dem andern dinen, so sie vor schmerz zusammen ginen? Fischart
flöhhatz 582
ndr.; in der mundart: '
leise schluchzen' Unger-Khull
steir. 293
b; '
weinerliches gesicht machen, weinen' Lexer
kärnt. 114; geə~n
verächtlich für '
schreien' Schmeller-Fr. 1, 919;
anders als '
lachen' (
vgl. 1greinen
und 2grienen): ob glck dem jaeger ginnet, darauf lag sein gedicht 115
guter newer liedlein (1544). B@33)
von 1 b
aus auf die mit der körperlichen bewegung verbundene seelische regung übertragen im sinne '
begehrlich sein, begehren',
oft mit präpositionalem anschlusz des objects gegen, nach, auf
etwas gienen;
vgl. als übergang dazu: capessere cibum hiatu oris et dentibus ipsis nach der speysz ginen, oder essen Frisius (1556) 187
a;
appetere mammam nach dem püpple langen, darnach ginen 106
b;
inhiare (
per translationem) eynbrünstig etwarauf gynen und begirlich darnach stellen dasselbig ze überkommen 698
b;
ähnlich noch in mundartl. ginnen
als gebärde der gier, als gierig zusehen (
beim essen)
und essen Staub-Tobler 2, 329.
schon ahd. (
nach dem lat.)
vom menschen und seinen seelischen triebkräften: seva rapacitas vorans quesita alios pandit hiatus diu michela girheit ein verslindende ginet io sar gagen andermo Notker 1, 1, 64
P.; Paulinum ..., tes kuot tie hovegira ... iu verslunden habeton, ten zoh ih in ginenten uzer dero chelun (
traxi ab ipsis faucibus hiantium) 27; want bit deme guode weset de unmeziche mut, de imer ginende is uppe dat unseliche guot
die lilie 21, 8
W.; darumb solten wir in einer ieklichen goben rechte ufgetenet und gespannen werden mit allen unsern sinnen und kreften und hertzen und ginender begerunge und quelunge also noch gotte selber Tauler 122, 11
V.; verschlickend all ding, noch dann günend sie, als umb des geytz willen (16.
jh.)
bei Fischer
schwäb. 3, 41; disz gsind (
die advocaten) auf beider (
der streitenden) seckel ginet wie die rappen Seb. Franck
kriegsbüchl. d. friedes (1550) 98
a; disen ginenden rappen (
den advocaten)
ebda.