schlendern,
verb. nachlässig, gemächlich gehen; das wort ist erst in neuerer zeit aus dem nd. ins hochd. eingedrungen und wird lexicographisch anscheinend zuerst bei Stieler
bezeugt: schlendern,
placide, et suspenso gradu ire, sensim progredi. 1816.
andere, frühere belege aus dem 17.
jahrh. s. unten; das zu schlendern
gehörige schlendrian
begegnet schon im narrenschiff. schlendern oder schlentern
quelle von 1716
bei Weigand
4 2, 588; Steinbach 2, 441
bezeichnet das wort als landschaftlich. die schreibung schlentern,
die im 17.
und 18.
jh. neben schlendern
in der schriftsprache vorkommt (
wie schlenter
neben schlender),
wird bei Adelung
ebenso wie die schreibung schländern
verworfen. das hochd. verb. entspricht dem nd. slendern, slentern,
im brem. wb. ist als nd. form slendern,
als hochd. schlentern
gegeben 4, 820,
vgl. Schütze 4, 116; slendern, slentern Dähnert 429
a, slendern Schambach 194
a, slentern ten Doornkaat Koolman 3, 196
b.
die aussprache schlentern
bezeugt auch Frischbier 2, 285
b (
hier daneben mit fremder endung schlentrieren).
nld. neben slenter
und slenteren
auch slender
und slenderen.
dän. slentre,
schwed. släntra
sind vielleicht lehnworte, aus dem nd. stammend, aus älterer zeit bezeugt ist slentr,
n. schlenderei, müsziges umhertreiben Cleasby-Vigfusson 567
b;
dies slentr
steht vielleicht zu schwed. (
dialectisch) slenta, slänta,
gleiten, ausgleiten in beziehung, letzteres findet sich im mittelengl. slenten,
gleiten wieder. der form nach entspricht diesem verb. das hochd. schlenzen
genau, doch bleibt der zusammenhang zweifelhaft (
s. unter schlenzen).
hochd. schlenzen
und mittelengl. slenten
gehen vielleicht auf ein gemeinsames slangitjan (
vergl. Franck
etymol. woordenboek 889. Lexer
mhd. handwb. 2, 972)
zurück, sodasz dieses verbum mit worten wie schlingern (
vgl. die stellen aus ten Doornkaat Koolman
unter 1
zu anfang), schlengen, schlenken
in beziehung stünde. mittelengl. slenten
stünde dann für slencten (
vgl. ags. lencten,
engl. lent,
hochd. lenz).
der bedeutung und gestalt nach steht die nld. nd. nebenform des wortes mit d
dem nld. slinderen,
gleiten nahe, vgl. mhd. wb. 2, 2, 403
a. 11)
im eigentlichen sinne, auf gang und bewegung bezogen, langsam, träge sich bewegen: das schlendert wie die schnecken. Schiller
Tell 1, 3.
nachlässigen gang bezeichnend, im gegensatze zu würdevollem: freylich müssen sie in einem reifrocke nicht so schlendern. sie müssen einen stolzern, majestätischern gang annehmen. Weise
kom. opern 1 (1771), 66.
von wiegender, wackelnder bewegung: hê slenterd so as of hê nêt ördenlik lôpen kan. ten Doornkaat Koolman 3, 196
b;
auch von einem wagen: de wagen slenterd fan êne sîd na de andere.
ebenda. ähnlich: mit'n füessn schlandern,
mit den füszen baumeln Lexer 219
a.
in der schriftsprache bezeichnet schlendern
gewöhnlich ein behagliches, lässiges gehen, oft mit dem nebensinne des sorglosen oder ziellosen. viel gebräuchlich sind zusammensetzungen wie auf- und ab-, daher-, dahin-, durch-, einher-, fort-, heran-, herum-, einem nach-, vorbeischlendern
u. ähnl.: aber ich musz hinein schlendern, und zusehen, was es drinnen guts zum besten giebt. Schoch
studentenl. 26; er schlenterte auf einen sonntag nach der stadt zu.
gepfl. finken 29; ein wäldchen .., wo er in dunkeln kunstlosen irrgängen herum schlendern konnte. Wieland 8, 18; damit nahm er Perisadeh und seinen kleinen sohn bei der hand, und schlenderte zu dem alten korbmacher hinüber. 279; wie entzückt war ich, so oft mein herr mirs vergönnte, in euern topfebnen wäldern .. auf und nieder zu schlendern.
d. arme mann im Tockenb. 109; dasz man ihn (
den weg) gesellig, schlendernd und mit behaglichkeit zurücklegen könnte. Göthe 17, 85; nach einer kurzen zeit .. schlenderte Philine singend zur hausthüre heraus. 18, 211; einige leute schleppten Philinens koffer, sie schlenderte mit einem bündel nach. 19, 47; das reiten verdrängte nach und nach jene schlendernden, melancholischen ... fuszwanderungen. 26, 121; die menschen ..., wie sie auf dem markte schlendern. 39, 144; wie oft bist du dort an liebchens arm dem aufgehenden mond entgegen geschlendert. Bettina
tageb. 125; Otto schlenderte in gedanken immer fort. Eichendorff 2, 571; ein gauner ..., dem dein sorgloses schlendern böse gedanken einflöszte. Hebbel 9, 91; der nehme den beweisz, und schlendre durch die gassen. Günther 456; indessen mag er doch (
Pegasus) um deine tafel schlendern. 601; ich finde, dasz die begleitung sie nicht sonderlich verbinde; allein ich schlentre mit. Hagedorn 1, 62; bald schlendern wir in morgentracht in eines erlenbusches nacht. Göckingk 1, 90; sie schlendert, indem sie erzählt, an seinem arme fort. Wieland 5, 22; lasz andere schlendern, so oft es gefällt, mit modegewändern in feinere welt. Voss 6, 43; so schlendert' er in geistes ruh mit ihnen einst einem städtchen zu. Göthe 13, 119; ich schlenderte durch steile wege, Chapellens reisen in der hand, der festung zu. Thümmel
reise (1794) 6, 265; die zeit ist um, nun schlendert nach haus. Platen 278; also schlendr' ich durch die gassen. Eichendorff 1, 501; scheinbar sorglos im staubbedeckten wüstenmantel schlendernd. Geibel 7, 51.
mit abhängigem accusativ: (
wir) schlenderten den sommerabend lang mit halber hoffnung mannigfalt'gen gang. Göthe 3, 138; an sonn- und werkeltagen schlenderte man keinen lustort vorbei. 25, 275.
reflexiv, mit dem accusativ der wirkung: nicht darin (
in staatsämtern), wie mönch' im remter, schlendert man sich feist. Voss 4, 259;
mit besonderer betonung des müszigen herumtreibens: und willst in unserm lande dich mit schlendern und betteln und leutebetrügen erhalten. Pestalozzi
Lienh. u. Gertrud (1831) 2, 247;
landschaftlich nimmt herumschlendern
einen üblen nebensinn an Schmidt 189.
vgl.: dasz ihr vor kramläden voruber schländert und daher schwänzet.
mägdelob 58. 22)
in bildlicher und übertragener anwendung. schlendern
als nachlässiges, gemächliches gehen wird dem sichern und zielbewuszten schreiten gegenüber gestellt und bezeichnet daher leicht nachlässiges, unsicheres, gedankenloses thun und verhalten; eng an die eigentliche bedeutung sich anschlieszend: so finden wir gar oft, dasz wir mit unserem schlendern und laviren es weiter bringen, als andere mit ihrem segeln und rudern. Göthe 16, 92; denn ich bin unbarmherzig, unduldsam gegen alle die auf ihrem wege schlendern oder irren und doch für boten und reisende gehalten werden wollen. 29, 165;
verblaszter: es war ihm deutlich, wie er letzt in ein unbestimmtes schlendern gerathen war. 18, 226; er wollte nicht etwa planlos ein schlenderndes leben fortsetzen. 19, 63;
mit schärferer hervorhebung des nachlässigen: Meyer von Lindau schlenderte lieber auf gut deutsch, als dasz er sich auf gut französisch hätte zusammennehmen sollen. 26, 55; der schlenternde, der sich alles leicht und kurz macht, gelangt zu nichts; und wer von jugend auf schlentert, nichts als schlentert, setzt, wenn ihn nicht das unglück aufrüttelt, dies schweben fort, bis an sein unrühmliches seliges ende. Herder 30, 248
Suphan. bildlich, mit beziehung auf die wanderung durch das leben: um durch eine welt, an die sie wenig ansprüche machen, sorglos hindurch zu schlendern. Wieland 2, 377; wir schlendern, wo natur voran geht, mit. 10, 256; du schlenderst an der hand der hoffnung, dem gesang des glücks unwissend nach. Thümmel
reise (1794) 5, 77;
eigenthümlich: (
sie) schlendern elend durch die welt, wie kürbisse von buben zu menschenköpfen ausgehölt. Schiller 1, 269.
vom leben selbst: sagt, freunde, schlendert nicht ein solches leben, gar artig und gemächlich seinen gang? Bürger 20
a;
die zeit schlendert
hin: so schlenderte dann der tag vorbey. Wieland 21, 12. etwas hin schlendern lassen,
es gehen lassen, wie es geht: in sachen aber unsere seligkeit betreffende, lassen sie es dahin schlentern. Butschky
Pathmos 461;
ähnlich: lasz es gehen, wies auch schlendre. Heyse 1, 175. 33)
besonderes. 3@aa)
vereinzelt in transitiver bedeutung: eine brausende ode läszt sich leicht herschwärmen, eine lässige idylle leicht herschlentern. Herder 15, 387
Suphan. 3@bb)
mundartlich, im sinne von '
auf einer eisgleitbahn gleiten' Frommanns
zeitschr. 6, 342;
s. oben kascheln
theil 5,
sp. 247.