krümme,
krumme,
f. krümmung (
vgl. 2,
g). 11)
die form. 1@aa)
ahd. chrumpî, chrumbî
tortitudo, anfractus, ambages, meandrus Graff 4, 610;
mhd. krümbe
und krumbe
wb. 1, 889
b;
md. früh krumme Jeroschin,
wie nd. krumme
brem. wb., Rein. vos, vgl. unter krumm I, 2,
e. dagegen noch bair. krümpen
f. Schm. 2, 386,
kärntn. krümpe (
und merkw. krempe) Lexer 168,
s. unter krumm I, 2,
d. eine selbständige nebenform s. unter c. 1@bb)
auch nhd. anfangs noch die krümb
oder krumb: und gab die flucht ... ohn alle krümb, nach Cosino sach sich niemand umb. Fuchs
mückenkrieg 3, 159; da sie denn durch ein weite krümb (
umweg) unterm Schweizerland zogn herumb.
postreuter 1591 D iij
b; dann es ist eine grosze krumb, wenn man soll norden segeln umb. B iiij
b,
s. auch aus d. froschm. u. 2,
c; diesz schwanken im umlaute (
vgl.fünf mit funfzig)
überliefert aus dem mhd., freilich kann ein umb
auch ümb
meinen. ebenso krumme, krumm'
neben krümme: wolt ir die krum all machen slecht, die überal im land gen hin und her.
fastn. sp. 77, 36,
aus krumme
als noch starkem plur., wie mhd. krümbe
plur. Freid. 152, 2,
noch bei Luther, Fischart, Micrälius krümme
pl., s. 2,
f. b und d; kurze und weite schiff, die führt man von wegen der engen und krummen. Fronsp.
kriegsb. 3, 147
a. 1@cc)
eine selbständige nebenform krümbde, oberrh. 17.
jh., setzt ein mhd. krümbede,
ahd. chrumpida
voraus: ein mit vielen krümbden (
windungen) ausgehöltes langes rohr. Philander 2, 772.
im 15.
jh. krumde
tortura Dief. 590
a,
md., rhein.; noch jetzt im rhein. gebiete, z. b. luxemb. krömmt
f. krümme, biegung, kehr Gangler 257,
wie nl. kromte.
auch aus Livland gibt Hupel 129 krümde. 22)
die eigentliche bedeutung. 2@aa) krümme
der glieder (
s.krumm II, 1): saufen sie sich .. doll und voll und überkommen dardurch .. das vergicht, gries, podagra, krümme und läme an händen und füszen. Albertinus
narr. 237,
zu krumm und lahm
sp. 2444; von krümme des mundes. Dryander
arzenei 77
a; seht nur, mein knie verliert die alte krümme, schon fang ich im gelenke bewegung an zu spüren. Göthe 11, 139 (
scherz, list u. r. 2).
Auch von vorübergehender, willkürlicher krümmung; man siehet an den falten (
bei Raphael), ob ein bein oder arm ... von krümme zur ausstreckung gegangen oder gehet, oder ob es ausgestreckt gewesen und sich krümmet. Mengs
bei Lessing 6, 477 (
Laokoon 179, Sturz 1, 51).
Von ungestalt, ein verwachsener hiesz kurz krumm (
s. d. II, 1,
a),
Adam sagt zum kamel: du solt mir heiszen kämmelthier, von diner ungstalt krümme wä
gen. Ruff
Ad. u. Heva 775,
dazu stimmt ostfries. krummhingst
kamel, s. Stürenb. 126
a. 2@bb) krümme
eines stabes u. ä.: sehet da, dises näslein hat neun krümme (
s. unter 1,
b am ende) wie ein hirtenstecken. Fischart
Garg. 248
a (467
Sch.),
in dem cap. von der mönch groszen nasen,
man denke an die knotenstöcke von wanderburschen mit ihren windungen; wenn die bleischnur oder winkeleisen falsch oder krum solt sein .. da würde eine krümme die ander machen. Luther 7, 417
b (26, 35); eine hakenkrümme,
a crookedness like that of a hook Ludwig; krümme der klauen Aler. krümme der schrift,
inaequalitas linearum Stieler 1044.
von straszen: während die untere oder altstadt (
in Cassel) mehr dem schmutze und der krümme anheimgefallen ist. Immermann
Münchh. 1, 15. 2@cc) krümme
des weges, pfades: er folgt dem pfade, der in krümmen gehet. Göthe 13, 178 (
geheimn.).
ein altes sprichwort sagt: an guoten wegen ümbe enschadet kein krümbe. Freid. 131, 9,
hier schon sittlich gemeint, s. 3,
c, es ist aber auch im eig. sinne noch allgemein, z. b. als rat beim wandern: guter weg um ist keine krümm.
Cervantes D. Quixote Lpz. 1767 4, 228,
mit zerstörung des reimes, den man doch z. b. in Sachsen noch hört: eine gute krümm geht nicht üm;
henneb. e gut krömm get niss öm Fromm. 2, 407.
als abweg, irrweg: derjenige, welcher der kühnheit gefolgt war, sasz schon an der schwelle des tempels, als der andre noch in einer zurückführenden krümme war und
dort im sande watete. Klopstock 12, 136; wo wolt ihr hin? ihr reitet in die krümme! Gökingk 1, 110 (129),
beidemal allegorisch. Diesz in die krümme,
worin doch krümme
schon mehr von der linie an sich steht, ist wie in 'in die runde'
neben 'im kreise': er trat aber im platz herumb im haus die leng und in die krümb ...
froschmeus. H iiij
a; (
das pferd) hielt sich gar ungestüm, warf sich die quehr und in die krü
m. Pp 1
a,
vergl. mhd. krumbe
als kunstausdruck beim reiten Trist. 172, 40 (6838),
vgl.de krumme nemen
Rein. vos 1151,
krumm herum kommen wie man nd. sagt; etwas in die krümme ziehen oder bilden,
to form it arch-wise Ludwig. 2@dd) krümme
eines flusses, thales u. ä.: cornua, krimme (
pl.) an dem wasser. Dief. 152
a; zwen mechtige flüsz in Moscovia, flieszen seltzam ein grosze krümme. Frank
weltb. 33
a,
zugleich schon als linie an sich; die Rhone kam mit ihren mannichfaltigen krümmen .. vorbeigeflossen. Göthe 16, 261; der jüngling, der dort an der krümme des baches ernst das auge gen himmel erhebt, ist Jethro. Klopstock
Messias 17, 577; durch manche krümme schlich ich gemach der leisen stimme des baches nach. J.
M. Miller
ged. 105; folg immer dem kühleren thale tief in der berge beschattete schosz, bis laubichte krümmen dich zu der wilden natur einsamen theater geleitet. Zachariä 2, 53 (
tagesz.); er kehrte verspätet zwischen den gräbern am Ölberg' um. verirrendes dunkel war sein führer. er gieng in den tiefen krümmen und suchte. Klopstock
Messias 15, 205. krümme des gestads,
sinus Dasyp. 368
d, des meers,
sinus maris Aler 1246
b: welches (
meer) mit groszen krümmen breite inseln begreift. Micyll.
Tac. 438
a; weil er die meeresbusen und deren krümme (
pl.) nicht erfahren. Micrälius 1, 30; des ufers krümme säuselt von weide, birk' und rohr. Voss 1825 4, 16. 2@ee)
auch von reiner rundung, vgl. krumm II, 2,
c, α.
β.
d, α: absis, die velgen an eim rad, oder krümme. Dasypodius 1
d; krümme eines rads,
curvatura rotae. Aler 1246
b; krümme des schwibbogens,
apsis. das., eines gewölbes Ludwig.
mhd. krümbe
gleich umkreis s. unter krumm II, 2,
d, α; ähnlich in der wendung, womit im osterspiele der precursor platz macht für die spieler: wol umb, ir herren, und wol umbe (
d. h. bildet einen kreis), die weite und auch die krumme, die breite und auch die firre (
ferne), dasz uns niemant irre. Wackern.
leseb. 1
2, 1013,
fundgr. 2, 297,
fast mit gleichen worten im Alsfelder passionsspiel Haupt 3, 483. 2@ff)
auch unebenheit, erhöhung und vertiefung des bodens nannte man krümme,
denn nur vom ebnen eines solchen weges kann folg. entnommen sein: denn des sacraments glaube macht alle krümb schlecht und füllet alle gründe. Luther 1, 66
a,
die krümbe
als buckel, hügel den gründen
entgegengesetzt. dazu stimmt krumber berg
bei Maaler,
s. krumm II, 2,
e. auch die krümme des kamels
unter a zuletzt enthält das mit. ähnlich meinte wol noch Voss
folg., vom Parnass: und erreichten des bergs scharfluftige krümmen.
Odyss. 19, 432,
πτύχας ἠνεμοέσσας. 2@gg)
für die entwickelung des gebrauches ist übrigens zu bemerken, dasz krümme
im allgemeinen schon länger im zurücktreten ist; die dichter, wie man sieht, halten es mit recht geflissentlich fest. jetzt aber herscht krümmung
vor, das in vielen der stellen unter 2
der gewöhnliche gebrauch allein zulassen würde, sicher überall wo an sich krümmen
zu denken ist. s. auch krummheit. 33)
bildlich, uneigentlich; man sehe krumm II, 3. 3@aa)
geistig, von verwickeltem gedankengange: er irrt in einem labyrinth voll metaphysischer sophismen, hypothesen, die noch verworrner als Mäanders krümmen sind. Gotter 1, 381,
freilich nicht unmittelbar, s. aber krumm
sp. 2451
als dunkel, rätselhaft, gedreht. ähnlich von dunkler rede, '
umschweifen',
mhd., von einer beichtenden erzählt Hugo von Trimberg: diu vrouwe suochte manic krümme, wie sie die missetât umbzüge daʒ sie den priester doch niht trüge.
Renner 4682,
zugleich unredliche '
winkelzüge',
zu d. 3@bb)
auch von umschweifen in der rede überhaupt: done redete nicht lange Tereus die krumbe. Albr. v. Halberstadt,
Germ. 10, 238,
er gieng ohne grosze vorrede rasch zur hauptsache über (
der acc. die krumbe
wie bei gên, rîten
u. ä.);
dazu stimmt viel krumbs machen, wort krump gevlochten
sp. 2451. 3@cc)
vom menschlichen thun und treiben, krümmen
als '
umwege'
die man einschlägt, um schwierigkeiten '
aus dem wege zu gehen'
u. ähnl.: der weg der ordnung, gieng' er auch durch krümmen, er ist kein umweg. grad' aus geht des blitzes, geht des kanonballs fürchterlicher pfad ... mein sohn! die strasze, die der mensch befährt, worauf der segen wandelt, diese folgt der flüsse lauf, der thäler freien krümmen ... Schiller 336
a. 3@dd)
besonders von unredlichkeit, die die geraden wege meidet, ungerechtigkeit, '
winkelzügen',
schlimmer oder milder gemeint: wolt ir (
der könig) die krum all machen slecht, die überal im land gen hin und her, es mocht euren gnaden sein zu schwer.
fastn. sp. 77, 36,
es ist deutlich an krumme wege
gedacht, s. krumm sp. 2448; dasz eine jede frau eine geborne staatskünstlerin sei .. 'ja wenn man ihre winkelzüge nicht endlich durchgeforscht hätte!' .... es giebt aber doch eine menge krümmen, die sich nicht berechnen lassen. Sturz 1, 253,
von diplomatie u. ähnl., die krümmen
sind aber zugleich geometrisch gedacht, krumme linien, curven (curva,
scil. linea); Heyne .. ist die schönste seele und der auch die entfernteste kleinste krümme wittert, ein todfeind der ränke. Herder
in den erinn. aus s. leben 1, 217; wandel ohne krümme. Hippel
lebensl. 4, 420. Wieland
Ob. 2, 40; mit natürlicher aufrichtigkeit, welche jede krümme und jeden schein von falschheit verachtet. Schiller 1194
a. 3@ee)
sittlich im engeren sinne: o narr .. weistu nit die krüme deiner begirt und des wilens geneigt zu aller bosheit? Keisersberg
narrensch. 52
a,
pravitas, was sich unter krümmen 4,
c, β erklärt, vgl. krumm so sp. 2451 (
γ). krümme des herzens: hier, spricht man, warten schrecken auf den bösen ... des herzens krümmen werdest du entblöszen. Schiller 20
b (
resign.),
zugleich als falten gedacht, in denen sich das unreine, lichtscheue birgt (krümbe
pl. von kleiderfalten mhd. Engelh. 3068); die krümmen, auf denen sich ... unser ungezognes herz betreten läszt. Thümmel 3, 309,
da ist an krumme wege, abwege gedacht (
vorher die post- und heerstrasze des menschlichen herzens
daselbst). 3@ff)
endlich in einer redensart: es kommt die krümme in die beuge (
gedr. berge),
unum et idem est, in nullo discrimine ponitur. Stieler 1044; heuer steigern sie den ingber, über ein jar den saffran, oder widerumb (
umgekehrt), das ie allzeit die krümme in die beuge kome und keine verlust, schaden noch fahr leiden dürfen. Luther 2, 489
b,
von kaufshandlung, '
dasz es ja nicht besser werde'; dasz ich tausendmal mehr wider dich gesündigt hab, als mein nachbar gegen mich. drumb gebührt mir, die krümme in die beuge zu schlagen: o herr, vergib, ich wil auch vergeben! Schuppius 683,
eins ins andre zu rechnen, ein böses mit dem andern aufzuheben. noch z. b. in Hettstedt bei Eisleben: die krümme geht in die beuge,
aus einer arbeit gehts in die andere. es ist das witzige spiel mit verschiednen worten gleicher bedeutung, wie z. b. diu kraft vaht gegen der sterke
sp. 1933,
s. dort.