selbstständig,
adj. für sich bestehend, unabhängig. Adelung;
substantialis Frisch 2, 262
b;
so schon mnd. sulfstandich Schiller - Lübben 4, 466
b;
dagegen mhd. dafür selpstênde Lexer
hwb. 2, 870: dâ von erkennet er (
gott) in vorgênden bilden al anevelligiu wesen alse diu selbstênden wesen. Eckhart 327, 27;
substantia ... (ein) selbstende wesen. Dief.
gloss. 561
c;
vgl. persona ... selpsende (
l. selpstênde,
od. selpsînde?). 430
a.
ob dieses die vorstufe des nhd. selbständig (
das seit dem 15.
jh. begegnet: selbstendiglich
im voc. v. 1482
s. Weigand und selbstständigkeit)
ist, wie Weigand 2, 693
will, musz dahingestellt bleiben. jedenfalls überwiegt in der ältern sprache selbständig entschieden. so besonders deutlich: wir christen glauben und bekennen, dasz
das ewige wort gottes des vatters ... ist ein wahrer selb-ständiger mensch, mit leib und seel worden in der jungfrawen Marien leibe. J. Böhme 3
princip. 244.
daneben auch mit selbs
als erstem theil: warumb nomen auff teütsch ain nam, haisse ain wesentlich,
selbsstendig od. zufellig ding. Ickelsamer
t. gramm. s. 3
Kohler. vgl. Weigand 2, 693.
auch in neuerer zeit ist die schreibung selbständig
wieder üblich geworden; schon Campe
redet ihr das wort, Weigand
a. a. o. und Andresen
sprachgebr.7 18,
volksetym.4 269
treten für sie ein, und die preuszische schulorthographie hat sie officiell angenommen. doch läszt sich dagegen folgendes einwenden: 11)
in allen andern heute wirklich lebendigen zusammensetzungen wird als erster theil deutlich selbst
empfunden (
vgl. das. II, 6, selb II, 7). 22)
selbst in den andern compositen, deren zweiter theil mit st
beginnt (selbststand, -streit
u. s. w.),
gestatten die sprachlichen thatsachen nicht die vereinfachung des st. 33)
dasz auch bei diesem worte das unbefangene sprachgefühl heute entschieden selbst-
als erstes glied empfindet, beweisen besonders fälle wie: mit der einfachheit wächst der reichthum, ... die selbst- und vollständigkeit des gliedes mit der des ganzen. Novalis 3, 70
Meiszner. 44)
auch, dasz nur einfaches st
gesprochen würde, ist nicht ganz richtig; man spricht zwar nicht die gruppe zweimal getrennt nach einander, sondern die beiden st
flieszen, wie immer, wo sie ohne pause zusammenstoszen, in einen langen doppellaut zusammen, wobei sowol s
wie t
gedehnt, und die silbengrenze zwischen beide bez. noch in das s
verlegt wird, und es entsteht ein ganz ähnliches lautbild wie bei bist du, hast du
u. s. w., wo auch weder bi-stu
noch bist-du (
mit doppelter explosion)
gesprochen wird. ich halte daher die schreibung selb-ständig
etymologisch wie phonetisch für unberechtigt. vgl. auch selbstständigkeit.
gebrauch: zunächst von dem, was substanz ist, im gegensatz zum accidens; auch geradezu als grammatischer ausdruck (
vom substantiv): selb-ständig, selb-wesentlich,
adj. sossistente da per se, sostantivo, it. sostantiale. ein selbständiges
etc. wort,
nome sustantivo Kramer
dict. 2, 764
a; selbstständig,
substantivum. Stieler
nachsch. 27
a,
daneben: selbständig beywort,
adjectivum. 2578; selbst-ständig,
adj.: substantialis. Frisch 2, 262
b.
von allem, was zu seinem bestehen oder auch zu seiner begreiflichkeit keines andern dinges bedarf. Campe: welcher (
der rose) schönheit nicht so wohl in einem selbständigen wesen, sondern nur in einem bey- und baufälligen dinge bestünde. Lohenstein
Arm. 1, 1398
b; die sprache hat abstrakte begriffe zu selbständigen wesen erhoben. Lessing 7, 60.
im vollsten sinne von gott, der den grund seines seins in sich enthält: wie ihn auch die griechische sprache
ὂν, den wesenden und
ὑφιστάμενον oder selbständigen gott anruft. Mathesius
Luther; selbständiger! hochheiliger! allseliger, ... gott! Klopstock 6, 260 (
Mess. 20).
in bezug auf die menschwerdung Christi, der bisher als eine accidenz (
wort, weisheit)
gottes gedacht, dadurch substanz, person wird ('
leibhaftig'): die freudenreiche nacht, in der das wahre licht selbständig uns erschienen. A. Gryphius 1, 69 (
Leo Arm. 4, 362).
doch auch: weil Christus Jesus die selbstendige und ewige weiszheit gottes, dieselbige (
die '
himlischen wollüst') ... uns armen menschen erworben hat. Meyfart
d. himml. Jerusalem (1630) 2, 217.
vgl. noch: der geist gottes in seinem worte offenbart sich wie das selbstständige — in knechtsgestalt. Hamann 1, 50.
in der ältern sprache auch von menschen zuweilen mit der bedeutung leibhaftig: Erato erstarrete über dem anblicke Ismenens, unwissende: ob sie sie für die selbständige Jsmene oder für ein gespenste halten solte. Lohenstein
Arm. 2, 457
b.
gewöhnlich, für sich bestehend;
individuell: hundert jahre früher waren es wenige starke seelen, welche ihr selbständiges leben gegen die gemeingültige mittelmäszigkeit setzen durften. Freytag
bilder 3, 2.
unabhängig, im wirtschaftlichen oder rechtlichen sinne: selbstständig werden,
volljährig, einen eignen hausstand, ein eignes geschäft begründen u. ähnl. so auch von gemeinwesen: es (
Braunschweig) musz selbständig bleiben, weil, wenn die zwei stimmen wegfielen, der bundesrat gar nichts mehr bedeuten, Preuszen dort immer die geborne majorität haben würde. Bismarck
bei Busch
tagebuchbl. 3, 194.
als innere, sittliche eigenschaft: ein mensch ist selbständig, wenn er für sich allein stehet und fest stehet in seinen grundsätzen
etc. und sich darin nicht wankend machen läszt. Campe.
adverbial: selbstständig denken, fühlen, bandeln
u. a.