zerzerren,
verb.,
auseinanderzerren; mhd., frühnhd. gut bezeugt, tritt danach zurück, reicht aber noch ins 19.
jahrh., vgl. Cl. Brentano
Godwi 2, 107; E.
M. Arndt
schr. f. u. an s. l. Deutsch. 4, 136;
lex.: Diefenbach
gl. 148
b; 177
a; 183
c; 184
b; 186
b; 294
c;
n. gl. 135
a; 138
b; Frisius 424
b,
sehr oft; Schöpper 111
a Sch.-K.; Stieler 2316; Frisch 2, 472
a; Campe 5, 854
a.
dehnung des stammvocals im südalem. wie beim simplex (
s. d. o. sp. 466):
divello ...
zerreiszen oder zerzeeren Frisius 434
a,
öft.; zerzeeren
distrahere, concerpere Maaler 517
b; (
er) zerzeere (
schweiz.) Wackernagel
kirchenl. 4, 154
a; zerzeren Steinhöwel
de clar. mul. 56
D.; 1)
gegenstände, a)
kleider und andere zeugstoffe zerreiszen: (
ein zorniger ehemann) zerzerret sin eigen gewant Berthold v. Regensburg 1, 466
Pf.; Lexer 3, 1095;
oberschwäb. stadtrechte 1, 115; (
sie) z. die schleyer und kleider von yhren leiben Luther 26, 646
W.; horum vix attigi penulam, tamen remanserunt ich hab inen den rock nit vast zerzerrt, mit mir zuo imbisz ze Aessen, sy habend sich nit vast lassen bitten Frisius 970
a,
d. h. ich brauchte ihnen den rock nicht zu zerreiszen, um sie zu nöthigen, meiner einladung zu folgen; wie hand sy das tischtuo
Ch zerzert H. R. Manuel
weinsp. 1578
ndr.; die segel er zerzert
bei H. Fischer 6, 1158; b)
andere dinge wie besitzungen, länder: z-t zerreis ich dein reich und gib es deim knechte (
3. kön. 11, 11)
erste bib. 5, 291; wer es sach, das ein hube were, da hüser uf stunden, und zurtzert weren in drü oder an vier gut (1460)
weisth. 6, 388; daz du die himel zerzartest und daz du herab kœmest (
Jes. 64, 1)
altd. pred. 1, 156
Griesh. (
s. zerreiszen I 2
b δ);
ein land, städte, gebäude, plündern, verheeren, zerstören: hat Constans Rom so gar zerzart, das kain palast mer funden wardt in Rom, er wer zerbrochen gar
v. ein. waldbruder (1522) a 2
b; uberfielen gantz Galliam, zerzerreten alles mit feur, schwert und waffen grimmiglich H. Gholtz
leb. bild. (1557) H 3
b;
wege aufreiszen: das man die (
wege) nit umbere (
umpflüge) noch zerzerre (1460)
urk. d. st. Heilbronn 2, 62;
bücher zerreiszen: H. Fischer; 2)
von menschen und thieren körper oder gliedmaszen zerreiszen, a)
beim martyrium oder auf der folter und hinrichtung: Heinr. v. Neustadt
gott. zuk. 6555
S.; Ulrich v. Eschenbach
Alexander 9736; als wenn man einen menschen mit vier rossen zerzeerte oder zerrisse Frisius 432
b; Stieler 2316; auf der folterbank zerdehnt und zerzert Vulpius
Rinaldo3 2, 161;
ferner vom teufel, menschen unter einander und von wilden thieren: der teufel gat umbe als ein brummender löw, sucht, wen er zerzerr und fresz Keisersberg
hellisch löw a 2
a;
bilg. 26
b; do wurdent sü bede besessen von den tüfeln, das sü sich selber zerzerretent und dOetetent (
Straszburg)
chron. d. st. 8, 355;
s. Ch. Schmidt
els. wb. 439
b; drumb ihn die eltren nit hand geweert, hand d bären ire kind zerzeert
schweiz. schausp. 1, 94
Bächtold; noch modern dialektisch: ich möcht mich zerrisz und zerzerr
ich möchte vergehen Reinwald 1, 200; b)
das äuszere des körpers, haut, haar und kleidung, zerreiszen, zerzausen, zerkratzen: Rud. v. Ems
weltchron. 7272;
Haupts zs. 6, 183; das angesicht z. oder zerkratzen Frisius 194
b; das haar z., zerreyszen 1187
a; kroch ... durch ... dornhecken, zerrisz und zerzert sich fast übel Wickram 2, 55
B.; reciprok: ir woltet gern die leut verhetzen, dasz sie sich umb den rOemisch gOetzen ein wenig ropften und zerzerten Fischart
nachtrab 1067
K.; dichterisch anschaulich: mir lufft und windt zerzerren di zAehr und seufftzer mein Spee
trutznachtigall (1649) 66; Göthe 15, 1, 271
W.; c)
körpertheile und das körperinnere, wie das herz in bildlichem ausdruck: sundir do di vursten dise wort irhorten, do wurden ire herze mit grozer anchst zuzcerrit
Königsberger apost. 5, 33
Z.; s. auch unt. zerschneiden 4
a; Weckherlin
ged. 2, 166
F.; den leib von krankheiten: Fischart
Ismenius 385
H.; (
fieber) haben ... mich erschrecklich zerzerrt Görres
ges. br. 1, 275;
wie zerren 2
b auch das maul z.
d. h. aufsperren und verziehen: Frisius 1163
a; 451
a; 933
b; das maul aber blieb auffgespert, wie sies zuvor aus spott zerzert Rollenhagen
froschmeuseler (1595) O o 1
a; Fischart
Eul. 1536
H.; sich mit groszen reden z. (
grosze worte machen): 10536
H.; vgl. (
hohlspiegel,) welche ein gesicht krumm und ... zerzerret vorstellen Lohenstein
Arm. 2, 1482
a (
obd. zer-
für ver-: Heynatz
antibarb. 2, 665;
doch auch ähnlich: die fatalen zerzerrten und verschrAenkten wortfgungen Bürger 177
b Bohtz); und mine hut ist verderret, geruntzelt und zuzerret (
von runzeln verzerrt)
Hiob 2420
K.; d)
abgeschwächt jemanden oder jemandes meinungen zerpflücken, arg mitnehmen, durchhecheln, herunterreiszen: hat Nerva ... mit einer langen oration den Domitianum auffs allerschendtlichest ... zerzerret H. Gholtz
leb. bild. (1557) C 1
b;
s. zerreiszen I 2
a β; dasz ein offentlicher verlAeumbder ... die leuthe durch abschneidung der ehre zerzerre Lehman
floril. (1662) 4, 127;
meinungen: allg. d. bibl. anh. 53/86, 1793; 3)
unter noch stärkerer zurückdrängung des begriffs zerreiszen gewinnt z.
die bedeutung hin und her zerren, ziehen: die, vorn und hinden angeschirrt, ein wagen, mitten im dreck verirrt, zerzerren grausam her und hin Hayneccius
Hans Pfriem 35
ndr.; er zerzerrt seine halskrause (
obd.) Heynatz
antib. 2, 665;
sodann vgl. für '
ziehen'
thür. zerren (
s. d. 2
e); —
andere zss. s. unter zerren. —
hierzu zerzerrung, f.: hin- und herzyehung
ut distractio mentis z.
voc. predicant. (1486) H 7
a; Stieler 2316; zuorzerrung der bein und glider C. Hedio
chron. germ. D 3
b; weil sie (
die abhandlungen) mir ... unter äuszerer und innerer z. nicht besser gerathen wollten (1838) Lehrs
an Hermann 1, 258. —