ruhig,
adj. AA.
Formales. die formale entwickelung schlieszt sich eng an die des substantivs ruhe
und des verbs ruhen
an. die ältesten formen sind mhd. ruowec
und entsprechend im mnd. rouwich
und ruwich (
vergl. Lexer
mhd. wb. 2, 552): ein ruwich unde ein vredesam levent.
quelle bei Schiller-Lübben 3, 515
b.
formen mit inlautendem w
zeigt auch noch das ältere nhd.: demnach der teuffel mit seinen anfechtungen nimmer rüwig ist.
buch der liebe 295, 3; so dann sölichs geschech, so möcht ir der kirchen rüwig auszwarten mit beten, predigen, studieren und alles rüwig zuo volbringen: also würden ir an leib und seel rüwig und gesund. Schade
sat. u. pasqu. 2, 151.
wie denn noch heute das w
im dialekt begegnet, wie rüewig, g'rüewig. Schöpf 565, riewig Frommanns
zeitschr. 3, 104.
mit verhärtung des w
zu b
im älteren nhd. auch rübig: do thett er sich an ain ruebigern dienst, namlichen zu den closterfrawen geen Kilperg.
Zimm. chron. 4, 240, 8.
so noch in jetzigen oberdeutschen mundarten: kärnt. rüebik
neben rüewik Lexer 210,
tirol. riabig, rüabig. Schöpf 566,
schweiz. rüebig,
z. b. nütz hah ist e rüebigs ding. Tobler 372
b, rüebig Stalder 2, 287.
den formen ruge, rugen
entspricht das gleichfalls dem früheren nhd. angehörige rugig: hastu ein rügig gewissen.
Sirach 19, 10; wer sich mit seiner erbeit neeret, und leszt im genügen, der hat ein fein rügig leben. 40, 18.
ähnliches findet sich noch mundartlich schweiz. ruejig, rüejig
neben dem seltenen und veralteten rüewig. Hunziker 212.
die im ausgebildeten nhd. allein übliche form mit diakritischem h
belegt aus einem vocabular von 1590. Dief. 479
b. BB.
Bedeutung und anwendung. B@II.
die älteste bedeutung ist entsprechend der von ruhe
und ruhen,
rastend von arbeit, frei von mühe, frei von beschäftigung: ein ruhiges alter genieszen, ein ruhiges amt bekleiden; die guet fraw hat iren Martin hinfuro mit dem wiegen ruebig gelassen.
Zimm. chron. 2, 603, 5; ist zu herr Ulrichen Fuggern komen, bei den er allen sovil furgeschlagen, das er iezundt zu Basel wonet, ruebig ist, von seinen gilten lept. 3, 241, 5; in somma, es hat in der allmechtig seiner fromkait und gotzforcht halb nit allain mit solcher beharrlicher gesundhait und ruebigem alter bisz an sein ende gnedigclichen begapt und erhalten. 4, 197, 27; starb in einem rügigen alter, da er alt und lebens sat war.
1 Mos. 25, 8; auch ich war von der allgemeinen krankheit nicht ganz frei geblieben und bedurfte daher einiger arznei und schonung. in diesen ruhigen stunden nahm ich sogleich die kurzen bemerkungen vor, die ich bei dem monument zu Igel aufgezeichnet hatte. Göthe 30, 154; mehrmals bot ich meiner mutter einen ruhigen aufenthalt bei mir
an. 31, 29; ich (
Daniel) bin heute ein und siebenzig jahr alt und erwarte izt ein ruhig seeliges ende. Schiller
räuber 4, 2
schauspiel; ich möchte so gern ein recht ruhiges und bequemes brot, wenn er mich bei der accise unterbringen könnte.
parasit 2, 8; wofern mir glück und leben der musen letzten wunsch, ein ruhig alter, geben. Günther 450; liebes vögelein, ach, wie ruhig schläfst du, dein gesunkenes köpflein unterm fittich. Hölty 82
Halm. B@IIII.
allgemeiner, frei von bewegung. B@II@11)
in eigentlichem sinne. B@II@1@aa)
von dingen: ein ruhiges gewässer, der wald ist ruhig; man ist eigentlich in der region der wasserfälle-betrachtung, dasz der Vierwaldstädtersee auch darum einen sehr ruhigen eindruck macht, weil kein wasser in denselben hineinstürzt. Göthe
tageb. 2, 172
Weimarer ausg.; allein der dritte kam und sprach: herr nimm dein pfund zurücke, ich hab es ruhig hingelegt, aus argwohn vor dem glücke. Günther 32; das gäbe püppchen nur nach eurem bild geschnitzt, mit schönfrisirtem haar, wo nichts darunter sitzt, mit nimmer ruhigen, verwünschten plappermühlen, die noch für gott, noch welt, noch für sich selber fühlen. Lenz 3, 260; da war kein klosz, der ruhig blieb, man warf die erde gar durchs sieb. Bürger 77
a; 's ist eine schöne mondennacht, der see liegt ruhig da als wie ein ebner spiegel. Schiller
Tell 2, 2; gieszet des wassers sprudelnden schwall, wasser umfänget ruhig das all.
werke 11, 376; die luft ist kühl und es dunkelt, und ruhig flieszt der Rhein; der gipfel des berges funkelt im abendsonnenschein. H. Heine 15, 129.
im bilde: ein ruhig heitrer see dehnt sie (
die seele) sich weit. Geibel 1, 22. B@II@1@bb)
von personen. ruhig sitzen: er setzte sich aufs mäuerchen, blieb eine zeit lang ruhig, dann überschlug er sich rückwärts in die tiefe und ward nur todt aus dem wasser herausgebracht. Göthe 30, 40. ruhig
in eigentlichem sinne, zugleich mit einem willensacte verbunden, in den wendungen ruhig sein, sich ruhig verhalten
bei militärischen operationen: daraus ward ain wilder handel und das man vil damit trib, er kunt nit rubig sein.
Zimm. chron. 1, 170, 5; da kunt, noch wust graf Friderich, der Öttinger, nit rubig zu sein, sonder er thete sich zu den herren von Geroltzeck, die Sulz inhettent und eben des unfridlichen holzes waren wie er. 1, 264, 34; Dumouriez könne sich in seiner vortheilhaften stellung nicht ruhig verhalten. Göthe 30, 59; die ersten tage seiner anwesenheit in Brüssel verhielt sich der herzog ganz ruhig. Schiller 9, 17. B@II@22)
übertragen. B@II@2@aa)
von personen und ihrem verhalten. B@II@2@a@aα) ruhig,
allgemein, frei von leidenschaft, aufregung, erregung, hader und streit mit beziehung auf äuszere und innere zustände: ruhiger mensch, ruhige seele, ruhiges gemüt, ruhiges blut (
s. oben blut 1
theil 2, 170); den vortheil hat er gehapt, das er keine künder verlassen, und ist ruebig gestorben.
Zimm. chron. 3, 166, 21; ein heuslich weib ist irem manne eine freude, und macht im ein fein rügig leben.
Sirach 26, 2; die unzerstörlichkeit eines ruhwigen und mäszigen geists.
buch d. liebe 303, 4; dann nähre ich (
die nacht) die ruhig gewordene seele mit himmlischem thau. Herder 6, 234; nun ja, ich wollt' ich hätt' ihn, er sollte ruhig und friedlich sein haupt in meinen schosz legen. Klinger
sturm u. drang 1, 2; die mutter ergrimmt, überfällt sie (
die tochter), tobt. nun, was denn, liebe mamma? sagt endlich das ruhige mädchen. Lessing 7, 46; nun so ruhig, meine tochter? (
Emilia.) warum nicht, mein vater? entweder ist nichts verloren oder alles. ruhig sein können und ruhig sein müssen, kommt es nicht auf eins?
Emilia Galotti 5, 7; liebes herzchen, sei ruhig, du wirst nicht lange von ihnen entfernt bleiben, von denen leuten, die du liebst; sei ruhig liebes herzchen!
der junge Göthe 1, 246; die behandlung im ganzen betreffend, wird der rhapsode, der das vollkommen vergangene vorträgt, als ein weiser mann erscheinen, der in ruhiger besonnenheit das geschehene übersieht. Göthe
an Schiller 23.
decbr. 1797; ruhig sieht der soldat wohl im felde seinen kameraden neben sich hinfallen.
werke 8, 223; ich (
Schiller) bat ihn (
den patienten) also, doch wenigstens so lang noch ruhig zu seyn, bis er mit h. prof. Abel gesprochen hätte. Schiller 1, 116; das alles kann ich mir jetzt ruhig denken, aber aus den späteren jahren vermag ich nichts dir niederzuschreiben. Arnim
Hollins liebeleben 8; sein unruh (
des fürsten) macht uns ruhig bleiben. Weckherlin
bei Opitz (1624) 197; ruhiger wandelte Wilhelm nach haus. Hölty 43
Halm; sieh es ruhig an und kalt! fühle nicht das wonnebeben vor der anmuth allgewalt! Bürger 74
a; hast du zur ruhigen glückseligkeit nicht alles hier?
der junge Göthe 2, 17; alles deutet auf glückliche fahrt: der ruhige bootsmann ruckt am segel gelind, das sich für alle bemüht. Göthe
Alexis u. Dora 5; du bist noch nicht ganz ruhig, meine tochter, du zitterst ja so heftig und dein herz klopft hörbar an dem meinen. Schiller
Wallenst. tod 4, 14; weil sich die fürsten gütlich besprechen, wollen auch wir jetzt worte des friedens harmlos wechseln mit ruhigem blut.
braut von Messina 1, 3; schläft ruhig ein und springt aus ihrem bette, sobald die sonn ins fenster blickt. 180; ruhig sitz ich daselbst, wenn zürnend schwerer beleidigung ich im felde geirrt. Hölderlin 1, 31; winter, so weichst du, pfleger der welt, der die gefühle ruhig erhält. H. v. Kleist 5, 9; nun bin ich frei, nun kommt der lenz, nun erst geniesz' ich ganz wenn ruh'ger auch und stiller, der bäche grünen schiller, der rosen frischen glanz. Platen 17
a; o suche ruhig zu verschlafen in jeder nacht des tages pein; denn wer vermöchte gott zu strafen, der uns verdammte, mensch zu sein. 27
a; unseliger, du schliefst! ich aber wachte: du schliefst so ruhig, wie, den andern gleich, ich meiner ruhe dich zu opfern dachte. Chamisso 2, 55;
im besonderen gegensatz zu angst, furcht
und sorge: ich danke dir, Wilhelm, für deinen herzlichen antheil, für deinen wohlmeinenden rath, und bitte dich, ruhig zu sein. lasz mich ausdulden. Göthe 16, 131; ich konnte dich der unschuld deines herzens, dem eignen urtheil ruhig anvertraun. Schiller
Piccol. 5, 1; sey ruhig, bleibe ruhig, mein kind. Göthe 1, 183; wann wird mein haupt sich ruhig schlafen legen? Schiller
M. Stuart 2, 5. vor,
früher für etwas ruhig sein,
keine angst empfinden: (
herzogin:) sie werden ihn (
Wallenstein) absetzen, es wird alles wieder so werden, wie zu Regenspurg. (
gräfin:) so wirds nicht werden. dieszmal nicht. dafür seyd ruhig.
Wallenst. tod 3, 3.
frei von schuldbewusztsein in der verbindung: ein ruhiges gewissen ist ein sanftes ruhekissen; darum bringt unschüldig leiden mit sich gut sicher und rügig gewissen. Luther 6, 13
a; er lobte gott mit lauter stimm, fiel Jesu zu den füszen, und danckt ihm auf dem angesicht mit ruhigem gewissen. Günther 24. B@II@2@a@bβ)
die innere ruhe prägt sich im auge, in den zügen aus: ein ruhiges auge zeigen; mich schrökten seine fürchterlich ruhige miene, seine veränderte stimme, seine ungewohnten gebehrden, dasz ich unrath merkte. Schiller 1, 115.
im bilde: sie (
die nacht) aber sasz in ihrem sternenmantel, in ihrer sternenkrone, mit ewig ruhigem antlitz. Herder 6, 234; wirst du's vermögen, ruhigen gesichts, vor diesen mann zu treten, wenn ich dir sein ganz geschick nun anvertrauet habe? Schiller
Piccol. 5, 1. B@II@2@bb)
unpersönlich: ruhige zeiten, ein ruhiges buch; sie (
die schauspieler) poltern in heftigen situationen die allgemeinen betrachtungen eben so stürmisch heraus, als das übrige; und in ruhigen beten sie dieselben eben so gelassen her, als das übrige. Lessing 7, 17; lasz uns ein ruhiges wort unter einander wechseln. Göthe 8, 293; das ist der vertraute, freundliche, zärtliche, an allem theilnehmende umgang, die ruhige dauernde treue. 16, 145; ein ruhiges, innerhalb des hauses und der stadt zugebrachtes jahr. 31, 17; der kleine ruhige landblick (
eine zeichnung) hat mir gar wohl am herzen gethan.
an frau v. Stein 2.
juli 1776; wann werden wir wieder ruhige abende und gesellige tage zusammen leben? 30.
decbr. 1785; immer ist es doch das pathetische, was die seele zuerst in anspruch nimmt; erst späterhin vereinigt sich das gefühl zum genusz des ruhigen schönen. Schiller
an Göthe 23.
octbr. 1796; der tragiker musz sich vor dem ruhigen raisonnement in acht nehmen und immer das herz interessiren.
werke 10, 461; der wiz der verzweiflung überflügelt den schneckengang der ruhigen weisheit.
räuber 5, 7
schauspiel; wie kömmt's, o Damon, dasz von unendlichen menschen so wenig ruhige tage schaun, und diese hand voll jahre ewiger angst, ohne vortheil opfern. Lichtwer 275; du willst die macht, die ruhig sicher thronende erschüttern. Schiller
Wallenst. tod 1, 4; dir wird ein ruhigeres loos! 3, 3; welch ein freudig erwachen, erhieltet ihr, ruhige stunden, mir das denkmal der lust, die in den schlaf uns gewiegt. Göthe 1, 279; ich bin ein kind und mit dem spiele der heiteren natur vergnügt, in ihre ruhigen gefühle ist ganz die seele eingewiegt. Uhland 14.
besonders werden dichterisch die sterne ruhig
genannt: doch andres beut dir, gröszeres, hohen geist die festlichere zeit, denn es hallt hinab am berge das gewitter, sieh! und klar wie die ruhigen sterne gehen aus langem zweifel reine gestalten auf. Hölderlin 1, 35.
zur ruhe einladend (
vgl. auch unter ruhlich): am grabe der seher wächst dort unten ruhiges moos in der kühlenden erde. Klopstock
Mess. 1, 67.
sinnbildlich: gib auch blätter, den glanz der blendenden blumen zu mildern, auch das leben verlangt ruhige blätter im kranz. Göthe 1, 305. B@IIIIII. ruhig,
still, in schweigen befangen, gegensatz zu laut: in dem englischen garten ist es recht anmuthig still und ruhig. Göthe
an frau v. Stein 14.
juni 1783; wir halten uns ruhig bis in die späte nacht. es wird mausstill. die lichter gehen aus. Schiller
räuber 2, 3
schauspiel; ich bitte, seyn sie ruhig. auf der erden kann nie dies herz mehr still, dies auge trocken werden. Lenz 3, 82; ruhig ist's, still auf den straszen. Körner
Zriny 3, 8. B@IVIV.
friedlich, idyllisch: ruhige stadt, ruhiges dorf; nach einigen stunden erblickten wir in einem ruhigen, nicht allzuweiten, flachen thale wohl und anständig gebaute häuser. Göthe 23, 167; schon lag hinter uns Uto, an dessen fusz Zürch in ruhigem thal freye bewohner nährt. Klopstock 1, 70; ich hab' es wohl auch mit euch (
die höhen um Ilmenau) verdienet: ich sorge still, indesz ihr ruhig grünet. Göthe 2, 145.
friedlich in bezug auf politische, sociale verhältnisse: das königreich Böhmen war für Oesterreich eine nicht viel ruhigere besitzung als Ungarn. Schiller 8, 33; ich wolt steuern mit meiner hant wucher, betrug, krieg, raub und brant, ich wolt anrichten ein rüwig leben. H. Sachs
spruchged. 145
Tittmann; still und eng und ruhig auferzogen wirft man uns auf einmal in die welt.
der junge Göthe 2, 36; ich sehe hier, wie man nach langer reise im vaterland sich wieder kennt; ein ruhig volk in stillem fleisze benutzen, was natur an gaben ihm gegönnt. Göthe 2, 151; (
Wallenstein:) ist's ruhig in der stadt? (
Gordon:) die stadt ist ruhig. Schiller
Wallenst. tod 5, 4; der ruhige bürger greift zur wehr.
werke 11, 317. B@VV.
in der handelssprache sagt man: weizen war in den letzten tagen ruhig,
d. h. der preis desselben blieb annähernd gleich.