zwetsche,
f. ,
prunus domestica L., die verbreitetste unserer pflaumenarten, mit länglichen früchten und flachen kernen; im unterschied zu den verschiedenen rundlichen pflaumen mit dicken, runden kernen. — zwetsche
ist in der umgangssprache nicht gleichmäszig verbreitet; im nordosten und auch in teilen des westens werden alle sorten als pflaume
bezeichnet, s. Kretschmer
wortgeogr. 365;
für zwetsche
auch bauernpflaume.
herkunft und form. aus roman. *davascena,
neben der normalform damascena, '
pflaume aus Damascus' (
gr. τὰ Δαμασκηνά,
ngr. δαμάσκηνο(
ν)),
vgl. dazu Frings
Germ. rom. 69;
dabei sind als zwischenformen vorauszusetzen *dawaskin,
*dwaskin;
*twaskin (
Brøndal substraater og laan 1917, 172
ff.);
doch bleibt beim vergleich der ältesten deutschen formen mit den romanischen einiges unklar, so der gutturale verschluszlaut im deutschen (
s. u.)
gegenüber der palatalisierung des lat. c. —
die ältesten zeugnisse des deutschen wortes (
im 15.
und 16.
jh., s. u.)
stammen aus dem südwesten des sprachgebietes; dem entspricht, dasz die auf *davascena
zurückzuführenden modernen roman. formen in Südostfrankreich und Norditalien localisiert sind, s. Meyer-Lübke
roman. et. wb. 1, 229; Tobler-Lommatsch
afranz. wb. 2, 1202. —
in fortsetzung einer auf Plinius hist. nat. 5, 13
zurückgehenden tradition (
in peregrinis arboribus dicta sunt Damascena, a Syriae Damasco cognominata),
s. du Cange 3, 5
b,
erscheint prunum(
-a)
damascenum(
-a)
seit dem 16.
jh. als stehendes lemma der lat.-deutschen wörterbücher, mit verschiedener übersetzung: pruna damascena zwetzschken Golius (
Straszburg 1579) 369;
pruna damascena zwetschen Orsäus
nomencl. (1623) 39;
prunum damascenum zwetschgen Dentzler
clavis (
Basel 71716) 372
a.
als neue entlehnung damascen, damaschk:
damascena, que etiam apud nos nomen servant (damascen)
ab oppido Damasco Syrie cognominata Pinicianus
prompt. (
Augsburg 1516) d 4
a;
prunum damascenum zwetzsken, damaschk Junius
nomencl. (
gedruckt in Augsburg 1595) e 5
a; damaskin, damastpflaumen Ostermann
voc. anal. (1591) 1, 291
bei Kluge - Götze
11 722;
vgl. auch herkunftsbezeichnungen wie Damascener pflaumen Wirsung,
s. u. 1 a; die pflaumen zu Damasco Seb. Frank
weltbuch (1534) 201
b;
s. auch u. 1 b (
sp. 1106
ff.);
im nl.: prunum damascenum, al. quetschen;
belg. blaeuwe pruyme oft pr. van Damasc Junius
nomencl. (
Antwerpen 1567) 116; damastpruyme
prunum damascenum Kilian
et. (1605) 701;
heute nl. damastpruim.
gleichen ursprungs auch engl. damson,
s. Holthausen
et. wb. d. engl. spr. 50. —
gegenüber zwetsche
erscheint eine andere deutsche entlehnung, aus der form damascena,
im südosten: damascenum prunum mäschen
Nürnberger voc. v. 1530
bei Diefenbach
gloss. 165
c; mātschen,
pl. f., '
zwetschken' Haltrich
siebenbürg.-sächs. volksspr. 74; mātsch,
f., '
pflaume, niemals die zwetschge' Kramer
Bistritzer dial. 88;
siebenbürg. auch mašen, mäšen, mietše,
s. Kluge-Götze
et. wb.11 722;
südmähr. tumoschkn Franz Beranek
ma. v. Südmähr. 58.
das von Wirsung
als quelle für d. zwetsche
genannte '
ungar. tuuesca' (
u. 1 b)
bleibt dunkel. —
ähnlich wie zwetsche
aus davascena
ist krieche
aus greca
entlehnt (
teil 5, 2205);
vgl. auch pflaume
aus prunum (7, 1730). —
aus dem deutschen stammen: tschech. švestka,
daraus poln. szwestka (16.
jh.), szwaczka, szczaczka, szwaszka
słown. jęz. polsk. 6, 526;
s. Brückner
słown. et. jęz. polsk. 531;
das als quelle für das tschech. und poln. wort genannte pruna sebasta, sebastica (Miklosich
et. wb. 345; Rostafiński
symb. ad hist. nat. medii aevi 1, 202)
ist nicht alt bezeugt; die mehrfach geäuszerte annahme, das deutsche wort sei aus švestka
entlehnt, findet keine stütze. ebenfalls aus dem deutschen: obersorb. čmačka, smačka,
ohne dasz die genaue quelle feststeht (Bielfeldt
dtsche lehnw. im obersorb. 117);
sloven. češpa, češplja,
vgl. bair.-österreich. zweschpe (Miklosich
et. wb. der slaw. spr. 35);
schwed. sviskon,
dän. sveske (Hellquist 920);
nl. kwets (Franck
et. wb. 363);
aus dem elsäsz.: frz. couètsche Rolland
flore populaire 5, 371, quetsche Littré 2, 1420. —
die erklärung von zwetsche
ohne fremde grundlage (
nd. jahrb. [1886] 99)
trifft nicht zu. das wort ist im deutschen seit dem 15.
jh. bezeugt. am ältesten sind die formen mit guttural (quetzig, zwetschge
usw.).
das mundartliche nebeneinander von kw
und zw
im anlaut besteht von anfang an (quetsche
s. teil 7, 2366): quetzig 1449
Straszb. hs., quetzken Joh. Dietenberger, quetschgen Wirsung, quetschen 1567 Junius, quätsche 1616 Hulsius;
heute quetsche
im md., weniger im nd., s. Kretschmer
wortgeogr. 366; quackster
nd. jahrb. a. a. o.; quetschker Spiess
henneberg. 188; quatschig Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 316; kewekst Lenz
Handschuhsh. 80
b;
mit anlautendem zw: tzwetzschken 15.
jh. (
s. u. 1 a); zwetschgen 16.
jh. (
s. u. 1),
und so bis heute; zwetsgen 1621 Spangenberg, zwetzsken 1629 Junius;
mit secundärer veränderung: zweksten 1692,
s. weiteres bei Fischer
schwäb. 6, 1443;
mundartl. im südwesten, s. Kretschmer
a. a. o. die heute gegenüber zwetschge
vorherrschende form zwetsche
ist seit dem 16.
jh. bezeugt (
s. u. 1 b); Kretschmer
hält zwetsche
für mischung aus quetsche
und zwetschge,
doch ist eine beschränkung von zwetsche
auf Nord- und Mitteldeutschland im älternhd. nicht deutlich feststellbar; in den ma. ist zwetsche
wenig verbreitet, nur nd., s. Mensing
schlesw.-holst. 5, 762; Mi
mecklenburg. 110.
im nd. auch twitsch Mensing 5, 222;
vgl. auch das vereinzelte twetschen
frantzös. Simpl. (1683) 2, 37.
im bair.-österreich. ist seit dem 16.
jh. (
u. 1 a)
die form zwespe
entwickelt, jünger zweschpe,
so auch heute in den maa.: zweschpen, zweschen Schmeller-Frommann 2, 1184; zweschpe Lexer
kärnt. 288.
gebrauch. 11)
in eigentlicher anwendung. 1@aa)
meist als nebenspeise, compott, füllsel u. dergl.: dapes in convivio electionis Ruperti episcopi ... 5. quetzig, pflaumen (1449) Schilter
thes. 3, 69; ein gebradten hun mit tzwetzschken
küchenzettel a. d. 15.
jh. in: ztschr. f. d. kulturgesch. 4, 512; 2 pasteten mit kalbfleisch, ... kärpflin mit 'zwexgen' gefüllt
qu. v. 1667
bei Reiser
sagen des Allgäus 2, 214; disz (
confect) kann man auch von marillen, zwespen, birnen, äpffeln und dergleichen machen v. Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 218
b; jetzt wurden kalter milchreis und gekochte zwetschken herum gegeben Castelli
s. w. 10 (1844) 28; folgendes verzeichnis meiner dermaligen wünsche: eidamer käse, 1 laib mittlerer grösze, salamiwurst, ... ein topf eingemachte zwetschgen, eine flasche cognac G. Keller (1889) 8, 309; ein gericht zwetschen glücklich zu weg gebracht zu haben Caroline 1, 5
Waitz; datlen, myrobalani, pflaumen, zwetschgen gesotten und wol mit zucker beseet, erweichen den bauch Wirsung
artzneyb. (1588) 392; frische weichseln, feigen, weinbeer, zwetschken dür oder grün, doch nicht zu viel können zugelassen werden T. Knobloch
podagra (1606) 99; artzneyen ... so auch speisen sein ... vielerley früchten als ... kersten, zwöspen, pflaumen, pfersich Guarinonius
grewel d. verwüstung (1610) 912; wie einer, der verstopfft ist: ... es helffet kain kletzen oder zweschpenfressn, ob ein die wol ansunst die schnell Catharina machn J. J. Schwabe
tintenfäszl (1745) a 3
a.
in anderer verwendung: zwetschgenmues: waschet frische zwetschgen, woraus die kern genommen worden v. Hohberg
georg. cur. 3 (1715)
kochbuch 7
a; es gibt branntwein von äpfeln, kirschen, birnen, zwetschgen Steub
drei sommer in Tirol (1895) 243; darinn (
in den gärten) allerley früchte von obsbäumen, ... quitten, quetzken, spillingen, citronen, mandeln ... welche die vornembste stuck in der kuchen C. Dieterich
ecclesiastes (1642) 1, 202; zu den gemüsen und kirschen hatten sich zwetschken, birnen, ja weintrauben eingefunden bei den krautlerinnen H. Laube
ges. schr. 12, 1; im herbst seh ich die bäume an, schau äpfel, birn und zwetschgen dran Chr. Fr. D. Schubart
s. ged. (1825) 3, 50; gestalt einer oliven oder lenglechten zwespen J. Kepler
opera omnia 5, 527; etliche blaue zwespen Abraham a
s. Clara
Judas 4 (1695) 431. —
selten wird der name auf andere pflaumenarten übertragen: das ander geschlecht, die nach den Damascener pflaumen für den andern das lob erhalten, seind die spanische pflaumen, die nennet man weisz quetschgen Wirsung
artzneybuch (1597) i 2. 1@bb)
die zwetsche
erscheint häufig als gedörrte frucht, besonders im ältern nhd.: wan wir durch unsern camermeistern oder andern die würtze zu behuef unsers hofflagers werden bestellen und kaufen laszen, desgl. den zücker, veigen, roszin, mandeln, zwetzschen
dtsche hofordn. d. 16.
u. 17.
jh. 11
Kern; nim der wurtzeln von engelsüsz, centaur, wermut, jeder ein hand vol, zwetschgen 12, rosinlin 2 lot Gäbelkover
artzneybuch (1596) 2, 156; die grosze vorrathspeisekammer (
des schiffes), welche mit meel ... kertzen, zwespen, dürr geschnitz, specerey, medicamenten ... ausgerüstet wird Jos. Furtenbach
mannhafter kunstspiegel (1663) 277; wann nun die hurten voll äpffel, ... oder voll weichsel, ... zwespen oder dergleichen angelegt (
sind) v. Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 61; dörre zwetschgen Kramer 2 (1702) 1493
b; dann kommt ein sack mit gedörrten zwetschen Gutzkow
zauberer v. Rom (1858) 1, 9; aus einem fasz, wo seine mutter die gedörrten zwetschgen aufbewahrte, hie und da eine handvoll zu stibitzen W. Weigand
ewige scholle (1927) 421;
im schwäb.: schnitz und zwetschge '
dörrobst' Fischer 6, 1444.
so hat zwetsche
häufig (
s. auch schon o. a)
geradezu die bedeutung '
gedörrte pflaume',
welche aus Ungarn bezogen wurde, vgl. heute bosnische pflaumen: pflaumen, die gedörrt seind ... heiszen zu teutsch quetschgen, und wiewol das wörtlein zwetschgen, so von dem ungarischen wort tuuesca herkompt und in gemein alle pflaumen dardurch verstanden werden, so ist es doch bey uns in den brauch kommen, dasz dardurch die auffgedörrte pflaumen und sonderlich die Damascener pflaumen verstanden werden Wirsung
artzneybuch (1597) i 2; erstlich sol ein schwangere in alweg trachten, das sie nit verstopfft im leib werde. wo aber dis beschehe, zu morgends vor andren speisen wolzeitige pflaumen, oder dieselbige getrocknet als zwetscken essen
ebda (1568) 441; zwetschken ... seynd ungerische pflaumen auffgetröget, die dann gekocht zum zugemüse gegeben werden Harsdörffer
teutsche secret. (1656) 1, 555; etliche brauchen die ungerischen oder behemischen zwetschen darfür, und etwan unsere gemeyne auffgedörrten pflaumen, von welchen so sie frisch seind, ein nützliche gute latwerg bereydt würt Ryff
confectbuch (1548) 47
b.
so wird es sich immer um importiertes dörrobst handeln, wenn die zwetsche
als ungarische
bezeichnet wird: wilt du dann ein lindrende pflaumenseltz oder latwergen haben, so nim süsze oder der groszen ungrischen zwetszcken Wirsung
artzneybuch (1568) 633; wir Teutschen brauchen anstatt dieser Damascener pflaumen die ungarischen zwetsgen oder spanische gedörte pflaumen: die doch nunmehr auch in teutschen gärten an etlichen orten geziehlet und fortbracht werden W. Spangenberg
anmut. weiszheit lustg. (1621) 408;
pruna damascena zwetschken oder ungerische pflaumen Bas. Faber
thes. (1587) 656
a; frömbde pflaumen oder kriechen ausz Damasc, an welcher statt man bey uns braucht die ungerschen, zwetschgen genannt, oder die spanngischen Frisius
dict. (1556) 1086. 1@cc)
vom zwetschenbaume, wie bei anderen fruchtnamen: alsdann soll er auch bäwm ... impffen, ... welche frü frucht geben ... als pferrsich ... zwettschen Sebiz
feldbau (1579) 49; baüme umsetzen, sonderlich steinobst, ... zwetschgen und nuszbaüme v. Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 112; wenn in einem baumgarten ... keine zwetzschken, kirschen, quitten, morellen, pfirschen, mespeln ... gepflanzet seyn solten? Neumark
neuspr. teutsch palmb. (1668) 170; auf dieser so anmuthigen insel grünten nun allerley der herrlichsten bäume; ... feigen, zwetschgen, mandeln maler Müller 1, 51. 22)
selten in vergleichsweiser, uneigentlicher anwendung. 2@aa) seine sieben zwetschen '
seine siebensachen, habseligkeiten',
auf mundartlichem gebrauch beruhend, s. Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 719; Schmeller-Frommann
bair. 2, 1184; Fischer
schwäb. 6, 444: dasz ich nur gleich meine sieben zwetschen zusammenpacken und davonkutschiren musz
M. v. Ebner-Eschenbach 2, 320; wie ... seine mutter gestorben ist, hat er seine sieben zwetschgen zusammengemacht Herm. Schmid
alte u. neue gesch. aus Bayern (1861) 243; was können sie denn von meinen sieben zwetschgen brauchen? H. Hopfen
alte praktikant (1891) 37; komm zur sach, was wünschest du? lösen möcht ich von euch geld, habe viel, was euch gefällt. zeig mir deine sieben zwetschken! Castelli
s. w. (1845) 13, 281; kann die Mariandl ihr sämmtlich gwand retten, und ihre ersparten sieben zwetschgen, so soll sies thun Bäuerle
kom. theater 3, 69. 2@bb)
in verschiedenen bildern: dasz die liebe herrgen um mich (
ein mädchen) schwärmen, wie die mucken um eine faule zwetsche Lindenborn
Diogenes (1742) 2, 238; das gesicht schrumpfte wie eine getrocknete zwetsche zusammen Gutzkow
ges. w. 11, 4; Melanie ... war ... zusammengeschrumpft wie eine zwetsche, über welche ein frost gekommen Jer. Gotthelf
ges. schr. 11, 443; ja, wenn ich noch so eine frau wie sie kriegte! aber sone olle, verhutzelte zwetschge is nich H. v. Kahlenberg
fam. Barchwitz (1902) 47.
für '
cunnus' Fischer
schwäb. 6, 1444;
daher '
hure',
auch verächtlich für '
weibsbild'
ebda; svetsch '
verächtlich für frauen' Mensing
schlesw.-holst. 4, 996.