superfein,
adj. ,
selbständige zusammenrückung des deutschen, bei der an kein unmittelbares vorbild im lat. oder frz. zu denken ist (
frz. superfin
ist nach Gamillscheg 822
erst seit dem 18.
jh. belegt).
über das engl. superfine
s. u. 2.
gelegentlich in der form suprafein,
sieh unten 2 a, b. 11) '
lauter, rein'.
ursprünglich fachausdruck der metallschmelzerei: von solchem edelmetall gesagt, das von allen andersartigen beimischungen und zusätzen vollständig gereinigt ist: wie man spricht: das ist fein silber, das ist superfein
etc. nit dasz es vor nit also auch gesein sei, sunder es ist allemal also gesein, aber befinstert mit unflat. und das feur ... hats hinweg genomen. darum haiszts der gemain man fein und superfein (
vor 1541) Paracelsus in:
arch. f. reform.-gesch. 15, 152
f; zu vnsern zeiten ist solch silbergold nicht mehr im brauch, denn die güldigen silber werden alle geschieden, vnd vnser gold helt sein 24. gren, wenn es superfein ist Mathesius
Sarepta (1571) 55
b;
gern in der verbindung mit rein: der fuszschemel aber ... musz von gantzem dichtem reinem superfeinem golde gegossen werden Herberger
hertzpostilla (1613) 1, 164; in einer reinen, blancken, superfeinsilbern schüssel
ders. trawrlieder (1617) 4, a 2
b.
der vorgang der edelmetallschmelze wird als bild für die himmlische verklärung des auferstandenen leibes genommen: also ist die glorificirung dermaszen auch zuverston in der uferstehung. dann die uferstehung wirt sein, nach dem und alle corper werden fein und superfein sein (
vor 1541) Paracelsus
a. a. o., häufiger für den seelischen läuterungsprozesz des menschen: nun fehet gott an ... ein newe vnd geistliche plat zu machen, ... die da gantz rein vnd superfein werden solle Mathesius
Sarepta (1571) 183
a; da wir aber nun sollen rein, lauter vnd superfein vnd zu gottes ewigen kleynoten vnd schawgroschen werden ... so musz vns gott durchs fewer gehen lassen
ders. leichpred. (1569) 1, 115
b;
vgl. noch ders. Sarepta (1562) 162
a.
unter spürbarer beziehung auf die ursprüngliche sachverwendung auch übertragen gebraucht: also hat David ein fein geschlecht, noch ists nicht durchaus rein und superfein Pfuntelius
d. schöne magnificat (1598) 37
b; werden derwegen auch die gleiszenden widerteuffer noch wol ein bar tag müssen warten, bisz sie eine gar superfeine engelreine kirch erleben Artomedes
christl. auszleg. (1609) 1, 758.
vgl. superfeinen,
vb. 22) '
überaus, äuszerst fein' Kramer
teutsch-ital. 1, 355
a.
ohne verbindung mit der enggebundenen sachbedeutung 1,
dagegen übereinstimmend mit den für das engl. superfine
seit dem 16./17.
jh. geläufigen anwendungen, vgl. Murray 9, 2, 179
a,
der den metallurgischen gebrauch 1
nicht belegt. 2@aa)
zur sachlichen feststellung der ungewöhnlichen güte und beschaffenheit eines stoffs oder gegenstandes, vgl. s.
f. als auszeichnende abkürzung von engl. superfine
für waren a. d. j. 1682
bei Murray
a. a. o.: superfeine sorte von waaren Ludwig (1716) 1927; superfein, '...
von der besten art, doch nur im gemeinen leben, besonders von wahren' Adelung 4 (1780) 885; alle arten von feinen und superfeinen tüchern zumal von brillanten farben Ritter
erdkunde 1, 465;
manchmal auch mit gelehrter rückbildung in die lat. form: das tuch würde suprafein für die verlangten zwölf thaler seyn Kortum
Jobsiade (1799) 1, 60; dieser knipste sie bedächtig ... von seinem suprafeinen hute Holtei
erz. schr. 24, 94. 2@bb)
bei der anwendung auf geistige fähigkeiten und seelische haltungen verurteilt der verfasser durch die wahl dieser zusammensetzung die übertreibung solches äuszeren oder inneren verhaltens als unnatürlich, maniriert, albern. dabei kann dies urteil von leiser ironie bis zu bissigem hohn getönt sein: die weltliche klugheit, so superfein witzig, sagt wol an, dasz ein gott sei Samson
synopsis (1649) 3; gesetzt, sie hieszen engelrein und extra-fromm und super-fein Weichmann
poesie d. Niedersachs. 4, 183; er nimmt mit superfeiner grazie eine prise Lichtenberg
Hogarth. kupferstiche (1794
ff.) 4, 22.
im sturm und drang und in der romantik als ausdruck tiefer verachtung gern zu kritischen ausfällen benutzt. so nimmt es die bedeutung '
spitzfindig'
an: der superfeine in der politik liegt oft schon in dem netze von gröbern fäden, während er an dem seinigen für andre noch strickt Fr.
M. Klinger
w. (1809
ff.) 12, 66; durch superfeine distinctionen die oppositionspartei ... einer abweichung vom echten politischen glauben der whigs zu beschuldigen G. Forster
s. schr. (1843) 6, 132; kommen alle eure schwerfälligen, grundgelehrten, superfeinen deduktionen am ende auf etwas anderes heraus? H. v. Kleist 4, 184
E. Schmidt; dahin haben uns die superfeinen sophisten gebracht! J. v. Müller
s. w. (1810
ff.) 6, 351; '
erklügelt, ausgetiftelt': nur schade, dasz er die subtilität im unterscheiden und eintheilen öfters bis zum ermüden treibt, ohne den verdrieszlichen leser durch die annehmlichkeit der anwendung und des nutzens, der aus dieser superfeinen eintheilung erwächst, wieder schadlos zu halten Nicolai
lit.-br. 8 (1760) 337; daher kam es denn, dasz, so superfein auch anfangs ihre absicht bei der errichtung des karrenschauspiels war, sie diese absicht ... nicht erreichten J.
F. Schink
theater zu Abdera (1787) 1, 11; '
unnatürlich überfeinert': verzerrt durch krause schnörkeleyn die melodie und schleift die töne bis zum suprafein, dasz jeder lacht und pfeift S. G. Bürde
poet. schr. (1803) 1, 34; die noch mehr verfeinerten zeiten werden diese superfeine und fast ganz geistige generation die kunst zu hungern erfinden lehren
hannov. magazin (1773) 1037; die einzelnen seufzer, welche die superfeinen naturen über die entsetzlichen unnatürlichkeiten ausstoszen E. T. A. Hoffmann
s. w. 6, 91
Grisebach; du superfeiner späher, phantast'scher geisterseher, nichts fühl' ich, nichts, schweig, schweig! J. Kerner
lyr. ged. (1854) 69. 2@cc)
die wachsende verbreiterung der wortverwendung führt zu fortschreitender verflachung des bedeutungsinhalts. im 19.
jh. für gewöhnlich nur noch als äuszerste steigerung von fein
empfunden: vivat! du feine gute prinzessin Mandelbisz, die sich mit heldenmuthe aus schlimmem handel risz ... 'prinzesz Sissi ist superfein!' Cl. Brentano
ges. schr. (1852
ff.) 5, 179.
entscheidend ist auch hier die absicht, eine unnatürlich überschraubte haltung zu verspotten: hin ist das talent, das der schmuck ihrer bühne war. andere minder begabte schauspieler werden nicht unterlassen, ihre ansicht durch allerlei wohlgemeinten rat, durch manche superfeine bemerkung zu nähren und sich leise in den platz zu schieben, den der gefährliche nebenbuhler verlassen E. T. A. Hoffmann
s. w. 4, 44
Grisebach; Sternau war der beste platz in der ganzen welt für ihn, und herr Ewald, mein superfeiner herr Ewald, muszte mir dazu selbst die hand bieten! Hauff
s. w. (1890) 3, 264; mein seel! es hätt mich basz verdrossen, wär mir der tintenfisch entwischt, den ich so superfein gefischt Grillparzer
s. w. 11, 255
Sauer. im 20.
jh. aussterbend.