wohlgeboren,
adj. ,
nobilis. mhd. wolgeborn. 11)
adelig. mhd. belege ab 1200
in: mhd. wb. 1, 157
a. wolgeborn, hochgeborn
nobilis, nobili genere vel nobili loco natus, illustris Er. Alberus
dict. (1540) y 1
a;
ingenuus Diefenbach
gloss. 298
b; wolgeporn (
a. 1429)
nov. gloss. 162
a s. v. expectare; von edlem stammen, von gutem härkommen, hochgeborne, edle, wolgeborne Frisius
dict. (1556) 855
b s. v. mulier natalibus clara; generosus ebda 601
a; Calepinus
XI ling. (1598) 610
a; Stieler (1691) 96; Steinbach (1734) 1, 151; Adelung 4, 1596: ich Eckart von Cappele ein wolgeborn kneth unde Alheid min eliche wirtin bekeynnen ... (
a. 1330)
hess. urkundenbuch 2, 403
Wyss; es waz in dem ... kloster ein ... wolgebornú tohter Seuse
dtsche schr. 135
Bihlm.; sant Hugo was von vatter und von muoter wolgeboren
d. heiligen leben in dem winterteil (1471) 254
a; ain wolgeporner edel man warb umb ain fräwlin wohlgetan
liederbuch der Hätzlerin 79
H.; zuo disz abtz zitten warend vil wolgeporner herren von stamen und namen in dem gotzhus Oheim
Reichenauer chron. 134
lit. ver.; es hat der wolgeboren graffe und herr, Wolrad graffe zuo Waldeck ... mir ... erzehlet ... Heyden
Plinius (1565) 444; nehme ein wolgeborner mann ein eigen weib oder ein eigen mann ein wolgeboren weib, die kinder ... haben ihres vaters recht, er sei eigen oder frei Zobel
sächs. lehenrecht (1589) 56
b; ... fraw wolgeborner art, wie sitzt ir so unmutig hart eynig inn dieser wüsten wildt? Hans Sachs 3, 326
K.; ich rieth euch, ir solt nit so blosz vergieszen wolgeboren blut 8, 125
K.; weil ich Casandra wolgeborn, mein liebe gmahel, hab verlorn 12, 202
K.; seine reden und manieren bewiesen, dasz er entweder wohlgebohren oder sonst gut gezogen und gebildet worden
Holston und Augusta (1780) 87.
als titel in mündlicher und schriftlicher anrede, im amts- und briefstil seit dem 15.
jh. allgemein, von anderen titeln wie ehrenfest, edel
streng geschieden: sOeltend sy (
die edelleute) auch nit für übel uffnemen, ob inen nach dem alten gebruch allein das wort vest oder eerenvest zugelegt wurd, wiewol jetzt in übung ist, den fryen vnd herren wie den grafen das eerwort wolgeborn zuozeschriben Riederer
rhetoric (1493) 82; mitler weil und graf Wilhelm Wernher das cammerrichterampt verwalten, do hat er bei kaiser Carlen ein freihait uf den titel wolgeborn ussgebracht; dann ob gleich wol vor vil jaren alle hoche adelsstend, die man personas illustres nempt, ain titel gehapt, nemlich das edel, daher man geschriben: »dem edlen herzogen, dem edlen fürsten, graven oder herren«
etc., iedoch so sein die titel für und immerdar mit der übergrosen kostlichkait gestigen und so hoch kommen, das es izo ansteen müesen
zimmerische chronik 23, 590
B.; dieweil im aber bemelter marggraf hievor geschriben und im allain den titel »edel« und nit das »wolgeborn« in der missiven gegeben, hat er des andern tags in seinem fürtrag im das predicat »durchleuchtig« auch nit sagen wellen, sonder bei dem hochgebornen bleiben lassen
ebda 2, 421; wir Deutschen schreiben den herren vnnd fürsten, den hochgebornen, den wolgebornen vnd edlen, dem edlen vnnd vesten Agricola 750
teutscher sprichw. (1534) V 6
a; do haben die graven jren stand vnd titel zwischen den fürsten vnd freyen empfangen. vnd do die freyen jren ersten vnd alten titel, die edlen, behalten haben, als bald haben die graven ein höhern titel wöllen haben, vnd genent werden die wolgebornen. die fürsten so im stand über die graven waren, wolten auch ein höhern titel haben vnd genent werden die hochgebornen S. Münster
cosmogr. (1550) 369
a.
auch versuche strengerer differenzierung finden sich: ein graff ... wird hochgebohren, eyn freyherr hochwolgebohren oder wolgebohren ... genennet Chr. Weise
polit. redner (1677) 196.
doch tritt schon im 18.
jh. im amtsdeutsch und besonders im briefstil eine vulgarisierung des titels ein, der nun auch nichtadeligen beigelegt wird: im verzeichnisz der verstorbenen ... ist unter 5. dez. (1791) aufgeführt 'der wohlgeborne hr. Wolfgang Amadeus Mozart' O. Jahn
Mozart (1856) 685
anm. 19.
in urkunde, brief und widmung: dem edelen, hohen, wolgeporn herren, dem wirdigen fürsten ... enbiut ich ... meinen willigen dinst (
ca. 1340)
bei Steinhausen
privatbr. d. mittelalters 1, 3; dem hochgeachten und wolgebornen ritter hern Casparn Schlicken ... Niclas v. Wyle
translat. 17
K.; dem wolgebornnen unnserm und des reichsfürsten rate und lieben getrewen Leonharden zu Görtz
urk. z. gesch. Maximilians I. 15
lit. ver.; sendbrieff und vorred an den wolgebornen herrn, herrn Wilhelmen graven zu Fürstenberg Casp. Hedio
chron. d. alten kirchen (1530) 1
b; unsere gunst, gnädigen grusz ... zuvorn, wolgeborne herren, edele ... gutte freunde (
anrede)
acta publ. 1, 31
P.; wolgeborne, edlen, gestrengen ... herren und richter Fronsperger
kriegsb. (1578) 1, 5
b; an die wolgeborne gräfin und frau, frau Katharinen ... (
widmung) P. Fleming
dtsche ged. 3
L.; wohlgebornes fräulein, angenehme freundin (
anrede) Bucholtz
Herkuliskus (1665) 45; wohlgebohrner herr, hoher patron! Hunold-Menantes
neue br. (1723) 102; seiner wohlgebornen magnifizenz herrn J.
M. Geszner (
widmung) Dusch
verm. schr. (1754) 213; wohlgebohrner, insonders hochzuehrender herr Göthe IV 1, 1
W.; 8, 283
W.; wohlgebohrener, hochverehrtester herr professor! (1808) Jac. Grimm
br. an G. F. Benecke (1889) 3.
verstärkt: hoch- und wolgeborner graf, gnädiger graf und herr (
anrede) Schupp
schr. (1663) 2; dem hoch und wolgebornen herren, herren Frantz freyherren von Nesselrode Lohenstein
Sophonisbe (1680) 2,
widmung; hoch und wohlgeborener herr freiherr, hochverehrtester herr geheimrath! (
briefanrede) Moltke
ges. schr. u. denkw. (1892) 1, 193.
gegen ende des 19.
jh. veraltend. bis in die gegenwartssprache und den heutigen briefstil erhielt sich die bindung wohlgeboren
mit dem possessivpron. euer (seiner, ihrer)
in anreden und anschriften, nach euer gnaden, seine hoheit
u. ä. gebildet, wo wohlgeboren
der substantivklasse zugehört und zum fem. die wohlgeborene '
eigenschaft des wohlgeborenseins'
zu stellen ist (
s.geborne,
f., teil 4, 1, 1, 1800
und die dort gegebenen belege zu wohlgeborn).
es verbindet sich wie euer gnaden
u. ä. häufiger mit pluralischem als singularischem verbum und wird unflektiert gebraucht: ew. wohlgeboren haben ja wohl die gütigkeit ... Lichtenberg
br. 2, 3
L.-Sch.; ew. wohlgeborn werden sich wundern ... Göthe IV 1, 1
W.; IV 29, 67
W.; ich musz ew. wohlgeboren die ehre haben zu versichern, dasz ... Tieck
schr. (1828) 7, 246; ew. wohlgeboren benachrichtige ich ... ergebenst, dasz ... A. Ruge
briefw. u. tageb. 2, 410
N. der protest gegen den formalismus im titelwesen und damit gegen das wort wohlgeboren
als entwertete höflichkeitsfloskel beginnt schon im 18.
jh.: die sklavische ehrfurcht, die man des hern amtsburgermeisters wohlgeboren und hochderselben frau gemahlin wohlgeboren samt allem gesinde ... bisz auf den wachtelhund hinunter bezeugt, ... Schubart
br. 1, 124
Str.; überhaupt ... bin ich in absicht der wohlgebohrenheit etwas zweifelhaft, wen man eigentlich wohlgebohren nennen soll? K. Fr. Cramer
Neseggab (1791) 4, 6; ich bitte sie ... recht schön, alle 'wohl'- und sonstigen 'geboren' in ihren künftigen briefen ... wegzulassen A. Stifter
briefw. 2, 112. 22)
vereinzelt bleibt der bezug auf das rein physische in der bedeutung von wohlgeboren
als gegensatz von miszgeboren, miszgestaltet
oder auf das sittliche '
mit guten anlagen geboren' (swer tugende hât, derst wolgeborn Freidank 54, 6
B.)
dem sprecher oder schreiber bewußt: ein wüterig wird gnädigst, ein bucklichter wolgeboren tituliret Harsdörffer
lust- und lehrreiche gesch. 2, 370; 1769 habe ich zuerst das licht dieser welt erblickt und zwar als ein wohlgeborner und hochgeborner ... wohlgeboren konnte ich heiszen, weil ich stark und gesund an das licht dieser welt fiel E.
M. Arndt
s. w. (1892) 1, 5; wohlgeborne gesunde kinder Göthe I 24, 239
W.; nun ist sie bereits geboren und ziemlich wohlgeboren Bauernfeld
ges. schr. (1871) 1, 21.
vgl. noch: der mensch (
hat) ein syderischen leib in ihm, der vereinigt ist mit dem eussern gestirn und sie zwei fabulirn miteinander ... sich hatt vielmahl begeben, dasz durch solch geschickt sydus und durch ein wolgebornen syderischen leib alle zukünfftige ding geweissagt seind worden Paracelsus
opera (1616) 2, 405
H.; er hätt es nie gedacht ... dasz mancher findling wird vor rechten erb erkennet und manche miszgeburth wird wolgebohrn genennet Chr. Wernicke
poet. versuch (1704) 156. —