stiefbruder,
m. ,
seit ahd. zeit bezeugt, s. unten 1.
mnl. nl. stiefbroeder;
mengl. stēopbrōthir (
ca. 1440),
engl. stepbrother;
älter dän. stefbroder,
dän. stifbroder, stedbroder,
schwed. styvbroder.
für das ältere nd. nicht bezeugt, wohl aber in modernen maa., vgl. z. b. Mensing 4, 816; Woeste
westfäl. 252
b. 11)
als verwandtschaftsbezeichnung gilt stiefbruder
sowohl im sinne von halbbruder (
teil 4, 2, 195)
für den abkömmling einer anderen verbindung des vaters oder der mutter, wie auch für den leiblich gar nicht verwandten des stiefvaters
oder der stiefmutter.
in diesen beziehungen ist das wort seit dem 15.
bzw. 17.
jh. gesichert. die älteren belege sind für die sachlichen unterschiede unergiebig: novercarius stiefbruoder
ahd. gl. 3, 68, 43;
privignus vel posthumus stiufpruodir
ebda 3, 662, 57;
vgl. Diefenbach 383
c; 458
c; Gerlache myme stiffbruder
urk. v. 1373
in: Limburg. chr. 126
Wysz. —
im sinne von halbbruder: ein stiefbruder vom vater
consanguineus, stiefbruder von der mutter
frater uterinus Stieler
stammb. 249; welcher mann hat ein bruder, der sturbe und lyesz kinder, und die selbenn kinder hetenn einen halbenn bruder ader schwester, das ist ein styeffbruder ader schwester
rechtsdenkm. aus Thür. 29
Michelsen; es hett ... keiser Friderich Barbarossa noch ein stieffbruoder, welcher sein bruoder was allein vatters halb Adelphus
Barbarossa (1535) b 4
a; sie hatte eine grosze vorliebe für den sohn ihrer zweiten ehe (meinen stiefbruder graf Seydewitz), die sie aus liebe schlosz, während die verbindung mit meinem vater nur eine konvenienzheirath war fürst Pückler
briefw. u. tageb. 6, 162.
mit der allgemeineren bezeichnung bruder
wechselnd: endlich erbete solcher stieffmütterliche neid auch auff seine stieffbrüder, sodasz seine vollkommene tugenden ... an der Lea und seinen zehen brüdern eilff abgesagte feinde zu wegen brachten Grimmelshausen 4, 716
Keller. —
die beziehung auf den zugebrachten bruder wird aus den belegen seltener deutlich: Traulus Montanus gewonne den Lucius Silanus, ihren zweiten stiefbruder, der aus der ersten ehe ihres stiefvatters erzeuget worden A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 1, 234. —
auch für den abkömmling einer unehelichen verbindung des vaters oder der mutter: es hat aber Isaac ein stiffbruder Ismael, der egyptischen magd Agar sone Mathesius 2, 68
Loesche; vgl. auch engl. comed. u. traged. (1624) Q q 7
b unten bei stiefvater 2. —
von dem aus einem fremden ei ausgebrüteten vogeljungen: die jungen des kleinen vogels ... werden nur sehr selten mit grosz gefüttert, weil ihnen der grosze, gefräszige stiefbruder ... alle nahrung vor dem maule wegschnappt Naumann
naturgesch. d. vögel 5, 230. —
mit der vorstellung des hart behandelten: Belial ward zornig und schnarret ihn an, als wenn er sein stieffbruder wer Ayrer
hist. proc. jur. (1600) 492. 22)
häufig auf andere verhältnisse übertragen, vielfach in bewuszter entgegensetzung zu einer entsprechenden verwendungsart von bruder (
vgl. teil 2, 418
f.). 2@aa)
in herabsetzendem sinne für eine als ursprünglich zu einer gemeinschaft gehörig, aber als entfremdet, entartet empfundene person. ausgehend von der bezeichnung bruder
für den verkehr der geistlichen und mönche untereinander: als man dann jetzund merckt, das der warheit niemand mer widerstand thuot dann bättelmünch, das doch den frummen under in leid ist, doch müssen sie schmärtzlich schweigen oder grosz vervolgung lyden von iren stieffbrüderen Eberlin v. Günzburg 1, 96
ndr.; so noch: stiefbruder '
bei den katholiken vielfach vorkommende bezeichnung für den protestantischen geistlichen' Follmann
lothr. 498
b.
häufig allgemein für den angehörigen einer anderen glaubensrichtung: wie kanst du mitt eren lenger dulden oder leiden, das solich dein stieffbruder (
die anhänger Luthers) wider mich, dein mutter und meisterin (
die katholische kirche), so offentlichen ... wieten? J. Dietenberger
ein christliche vermanung (1523) b 1
a.
mit beziehung auf den gegensatz zwischen Lutheranern und reformierten: wie wollen wir mit ihn auskommen, die unter ihnen uneins sein, ... und also lieber seind vertrieben, dann dasz sie wären rüwig blieben bei ihren stiefbrüdern in gemein?
bei Opel-Cohn
dreiszigjähr. krieg 106; ja weil auch der calvinische geist durch sein bilderkriegen unsere freyheit ... gefangen nehmen ... wil: so halten wir uber den bildern desto eifriger, gönnen ihnen ihr städte und stell in unsern tempeln und weichen den falschen stieffbrüdern nicht eine stunde unterthänig zu seyn
M. Walther
erläut. d. proph. Daniel (1645) 1, 382;
so im schweiz. bis ins 18.
jh. als gegenseitig gebrauchte bezeichnung der reformierten und der katholisch gebliebenen orte, s. Staub-Tobler 5, 422. —
ferner, in neuerer zeit: stiefbruder im Apoll! dasz sie mir nimmer die schauspielkunst verachten, — hören sie? Deinhardstein
ges. dram. w. 7, 384;
auch: ich meine den humor, der nichts gemein hat mit seinem ungeratenen stiefbruder, dem spott E. T. A. Hoffmann 10, 64
Grisebach. 2@bb)
selten ohne pejorativen beiklang, lediglich mit bezug auf andersgeartetheit, verschiedenen ursprung: sie schämen sich ihrer stiefbrüder, der thiere. ... ich, mein freund, schäme mich meiner halbbrüder, der thiere, nicht Herder 15, 282
S.; den rennthieren ist Lappland so gut gegeben als den Lappen: Afrika gehörte früher den affen und elephanten als den negern. sie können sich alle darinn als stiefbrüder theilen
ebda 14, 591.