weinstock,
m. ,
mhd. wînstoc
mhd. wb. 2, 2, 655
a, Lexer 3, 913.
in den übrigen germ. dialekten nicht belegt, dafür got. weinatriu,
as. wintrêow,
anord. víntré.
viel später nachweisbar als weinrebe (
s. d.),
im 14.
jahrh. noch spärlich belegt, im 15.
und 16.
jahrh. häufiger. der ursprungsraum des wortes liegt auf md. und nd. gebiet, bis 1500
läszt sich weinstock
kaum auszerhalb dieses raumes nachweisen, vgl. etwa Tauler,
voc. theut. (
Nürnberg 1482), Albrecht v. Eyb.
erst durch Luther
s bibelübersetzg. wird weinstock
allgemein schriftsprachlich. in den modernen maa. ist das wort nur auszerhalb des obd., vom schwäb. abgesehen, recht lebendig. es gehört weinstock
vorwiegend der nord- und mitteldeutschen, rebe
und weinrebe
der süddeutschen sprache an, vgl. Metzger pflanzenkunde (1841) 905.
bedeutung und gebrauch. im gegensatz zu weinrebe
bezeichnet weinstock
in lebendigem gebrauch nur das ganze gewächs. die bedeutung '
rebzweig',
die durch ältere wörterbücher verzeichnet wird (
vgl. etwa unter '
palmes'
bei Diefenbach
gl. 407
b,
unter '
racemus'
ebda 482
b,
unter '
propago'
ebda 465
b;
ferner: cep de vigne Widerhold
dict. [1669] 413
a, weinstock
vite, ceppo di vite Kramer
t.-ital. 2 [1702] 1300
b u. s. w. vgl. auch mndl. wijnstock '
zweig, traube' Verwijs-Verdam 9, 2, 2505),
ist literarisch nicht sicher erkennbar. 11) '
die weintrauben tragende pflanze' (
vitis vinifera),
vgl. weinstock, weinreb
vitis voc. theut. (
Nürnberg 1482) nn 5
b; ein weinreb, rebstock, weinstock
vitis Calepinus
XI ling. (1598) 1553
a; weinreb, weinstock
vitis Dentzler
clavis (1716) 346
b.
als ganzes gegenüber dem rebzweig ausdrücklich hervorgehoben: weinstock
vitis, sed palmes winrebe
voc. incip. theut. (1471) nn 4
b; eine rebe heiszet zwar eigentlich ein zweig von einem weinstock G. H. Zincke
öcon. lex. (1744) 3165. 1@aa)
der weinstock als einzelgewächs, wobei das rankende und staudenartige besonders hervorgehoben ist: du die 9 jare umbe waren, du wusszt eyne schone wynstock an der stedde, da er das wynkorn geplantzet hatte Wigand-Gerstenberg
chron. 53
Diemar; mir hat getreumet, das ein weinstock für mir were, der hatte drey reben, und er grünete, wuchs und blüete, und seine drauben worden reiff
1. Mos. 40, 9; tausent füszknecht waren mit beiheln, die alle baum, weinstöck und gewechs, so ym land weren, auszreutteten Seb. Franck
beschr. d. Turckey (1530) B 3
a; des süszen weinstocks starcker saft bringt täglich neue stärck und kraft in seinem schwachen reise Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 398; fehlet bildung und farbe doch auch der blüthe des weinstocks, wenn die beere, gereift, menschen und götter entzückt Göthe 1, 243
W.; innerhalb der Porta Petruccia ... befand sich ein haus, an dem sich ein weinstock emproschlang Platen
w. 3, 82
Redlich; das gärtchen, umher gezogen, bot äpfel und birnen genug, ein weinstock spann sich durchs fenster, der duftige trauben trug Hebbel
w. 6, 221
Werner; es kam der herbst, jeder weinstock war ein flieszender brunnen G. Keller
ges. w. (1889) 5, 85; kam (
Zarathustra) an einem alten krummen und knorrichten baume vorbei, der von der reichen liebe eines weinstocks rings umarmt ... war Nietzsche
w. 4, 305
Bäumler. 1@bb) weinstock
als abstrakt kollektiver artbegriff, im sing.; im allgemeinen für den edlen weinstock (
vitis vinifera): der weinstock ist bey uns wolbekant. aber in gar kalten landen do er nit leben mag, ist er unbekant
Petrus de Crescentiis von dem nutz der ding (1518) 34
b: ein grosze feindschafft ist des kölkrauts mit dem weinstock W. H. Ryff
spiegel u. reg. d. gesundh. (1544) 87
b; ein eyland voller überflusz, ... (
wo) der unbeschnittne weinstock willig früchte bringt Ramler
lyr. ged. (1772) 261; da musz kein weinstock stehen, wo eine ähre wachsen kann
allg. dt. bibl. (1765) 2, 2, 291; ordensband der deutschen erde, das der weinstock um sie schlingt Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 2, 87; die höchste ... grenze, zu welcher der weinstock emporsteigt, wo noch trauben wachsen Ritter
erdkde (1822) 3, 703; auf zehn jahre lang mögen maifröste den weinstock versengen in Tirol, nur jetzt kein frost P. Rosegger
schr. (1895) I 2, 306; in nördlicheren klimaten verlangt der weinstock steter, achtsamster pflege H. v. Zobeltitz
d. wein (1901) 9. (
wilder)
weinstock für das geläufigere wilder wein
meint wildwachsenden wein, heute gewöhnlich den aus Amerika stammenden wilden '
amerikanischen'
wein; in älteren wbb. für (
vitis)
labrusca, vgl. hag,
walde, wilder weinstock
labrusca voc. theut. (
Nürnberg 1482) n 3
b; staudicht ader walt
vel weynstock
labrusca (1470) Diefenbach
gl. 314
b (
in anderen gloss. mit wintrub, die man nit buwet, st. Marteins weinper
wiedergegeben ebda); ein wilder weinstock
labrusca Orsäus
nomencl. (1623) 42: ich aber hatte dich gepflantzt zu einem süszen weinstock, ... wie bistu mir denn geraten zu einem bittern wilden weinstock?
Jeremia 2, 21. 22)
bilder und vergleiche. im anschlusz an Joh. 15, 1
f. das bild von Christus, dem weinstock, und den menschen, den reben (
s. auch unter weinrebe): wenne diu sêle ir sêliche wîse alsô verloren hât unde sich verborgen hât in den veterlîchen acker und in den lebendigen wînstoc, als das ewangêlium sprichit
dt. mystiker 2, 581
Pf.; Cristus Jhesus, unse ghesundmaker, en ghelijkit sick nicht allene eynen wijnstock, mer he secht: ick byn selven de waerachtighe wijnstock Joh. Veghe
pred. 91
Jostes; beidt heupt und leib von einem geist enpfahn all krafft und leben, auch safft und krafft der weinstock leist dem eingeleibten reben Bäumker
kathol. kirchenlied 2, 207; erhalt mich, herr, im glauben, dasz ich an deinem leib, wie am weinstock ein trauben, fruchtbar und fest bekleib Fischer-Tümpel
kirchenlied 3, 13; wer mir vollkommenheit, wie gott hat, ab will sprechen, der müszte mich zuvor von seinem weinstock brechen Angelus Silesius
cherub. wandersmann 21
ndr.; anders: der sinen winstog alsus bereite, daz die gOetteliche sunne drin gewúrken und geschinen mOechte, welich edele dúre fruht solte got uz den menschen ziehen Tauler
pred. 32, 19
V.; wart uns der edel winstock vom himmel gesant her ab, den minnesamen herzen zu einem süszen lab Wackernagel
altdtsch. lesebuch (1847) 976. —
als bild der frau im anschlusz an psalm 128, 3
(s. auch unter weinrebe und traube 1 h γ): von wem redt David in sinen psalmen:
... wie ein winstock wirt sin wip
fruchtbar, frücht us irem lip
N. Manuel 468
Bächthold; dein weib ist in deinem hause wie ein weinstock, der voller trauben hänget J. Barth
weiberspiegel (1565) Z 1
b. loser angeschlossen: mer et en is sunte Annen nijn uneer dat se ghelijket wert eynen wijnstocke Joh. Veghe
pred. 92
Jostes; denn solches züchtig und tragend weyb wirdt seyn wie ein lustiger und lieblicher weinstock, der seine reben, bletter, schatten, safft und krafft hat Mathesius
ausgew. w. 2, 243
Lösche; das weib ist wie der weinstock, soll er trauben bringen, so darf er nicht bluten Hebbel
br. 1, 172
Werner. in der barockliteratur gelten, im anschlusz an die antike (z. b. Vergil
georg. 2, 221
u. ö.), weinstock und ulme als symbol inniger liebe: vieh und menschen müssen hassen,
solchen weinstock, der nicht trägt,
den sein ehgatt hat verlassen;
aber welcher trauben hegt,
und an ulmen steht gesetzt,
wird ja billig hochgeschätzt
S.
Dach 726
Österley; kein ding ist ja vom lieben leer,
die erde liebt das wilde meer,
der weinstock pfleget umzufassen
des ulmenbaums begrünte zier
Ph. Zesen
verm. Helikon (1656) 2, 42;
der weinstock kann den ulm so kräftig nicht belauben,
als euch verschränken wird der warmen arme zwang
Chr. Fr. Weichmann
poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 172;
erlaube, dasz dieser arm ... sich um dich schlinge. sey die ulme und ich die rebe des weinstocks A. G. Meiszner
Alcibiades (1781) 2, 24
. weinstock als symbol des friedens im anschlusz an die bibel; 'unter dem weinstock und feigenbaum wohnen heiszt nach dortiger landesart häuslich und friedlich leben' Herder 19, 310
, anm. S.: das Juda und Israel sicher woneten, ein jglicher unter seinem weinstock, und unter seinem feigenbaum 1. kön. 4, 25
, vgl. noch 2. kön. 18, 31
, Jes. 36, 16
; das land kam mir so fremd vor gegen andern teutschen ländern ..., da sahe ich die leute in dem frieden handlen und wandlen ..., ein jeder lebte sicher unter seinem weinstock und feigenbaum Grimmelshausen
Simpl. 374
Kögel; viel unsrer brüder sind geplagt,
von haus und hof dazu verjagt;
wir aber haben noch
beym weinstock und beym feygenbaum
ein jeder seinen sitz und raum
Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 396
a;
hier ist eine person (ein fürst), die sich mit sorgen ... belegen läszt ..., damit ihr unter eurem feigenbaum und weinstocke möchtet ... beschützet bleiben Chr. Weise
polit. redner (1677) 11
. vereinzelte vergleiche: gleich wye dye weynhecker mit yhren weynhawen das ertrich auffhacken, reynigen die weinstock, so sollen die prediger auch durchs wort gottes reynigen die christen, dan die weynhauen bedeut dye zungen der prediger Luther 9, 563
W.; mein hochgeehrter herr wolle den edlen weinstock getreuer freundschaft nimmer seiner blüthe zu entlauben geruhen Butschky
hochdt. kanzelley (1659) 54
; o heiliges creutz, ich wollte dich nennen einen weinstock, aber du bist noch vill fruchtbarer Fr. Spee
güld. tugendbuch (1649) 564
.