tragisch,
adj. ,
formale eindeutschung von lat. tragicus,
die um 1700
aufkommt und älteres tragödisch (
s. d., sp. 1158)
ersetzt. 11)
als adj. zu '
tragödie, trauerspiel'
in eigentlichem sinne: ich erkenne es also nunmehro selbst, dasz ich lieber einen bloszen übersetzer abgeben, als mich selbst gewissermaszen zu einem tragischen poeten hätte aufwerfen sollen Gottsched
sterb. Cato 34
Reclam; Ödipus des Sophocles, den man für das meisterstück der tragischen muse hält Ramler
einl. (1758) 1, 105; Brawe, das grosze tragische genie Lessing 8, 216
L.-M.; tragische stümper hat es wohl zu allen zeiten gegeben
ebda 10, 133; was zu einer vortrefflichen actrice in groszen tragischen rollen erfordert wird
ders. 13, 621
L.; Sophokles wenige stücke zeigen uns die tragische bühne der Griechen auf ihrem gipfel Herder 22, 238
S.; ich bin nicht zum tragischen dichter geboren Göthe IV 49, 128
W.; mitten in einer tragischen arbeit (
Wallenstein) Schiller
br. 5, 417
Jonas; eine anzahl tragischer fabeln
ebda 5, 299; von dem alexandriner im deutschen einen tragischen gebrauch machen zu wollen
Europa (1803) 2, 122; ein tragischer tyrann Niebuhr
röm. gesch. 1, 152; (
die schauspieler) suchen das tragische pathos in einem hohlen, singenden predigertone Immermann
w. 17, 10
Hempel; eine vorzügliche künstlerin im tragischen fache Börne
ges. schr. 2, 12; nach den extravaganzen tragischer rhetorik Justi
Winckelmann 1, 144.
in neuerer zeit ungebräuchlich und durch umschreibungen ersetzt. im 18.
jh. infolge der bewuszten anlehnung an die aristotelische poetik in besonderer bedeutungsschattierung mit bestimmten begriffen verknüpft: das tragische mitleid Lessing 10, 117; 13, 102
L.-M.; Herder 17, 40
S.; die tragische furcht Lessing 10, 118
L.-M.; tragischer schrecken J. J. Engel
schr. 1, 203; tragische leidenschaften Lessing 10, 102
L.-M. seit dem 19.
jh. bes. tragische
[] schuld Freytag
ges. w. 14, 76; tragischer konflikt Köster
einl. zu Th. Storm
s. w. 1, 55. 22)
übertragen auf äuszerlich oder innerlich gleich geartete vorgänge oder zustände des menschlichen lebens. die verlagerung des vergleichsschwerpunktes erfolgt dabei von anfang an in verschiedenen richtungen. 2@aa)
für solche seelischen stimmungen, wie sie typisch beim erleben eines trauerspiels im zuschauer ausgelöst zu werden pflegen. die beziehung bleibt zunächst deutlich: und der unglückliche ausschlag derselben (
der zuversicht Egmonts) sollen uns furcht und mitleid einflöszen oder uns tragisch rühren Schiller 6, 82
G.; diese fabel ist ganz tragisch: man ist eingenommen vom mitleiden gegen das lamm und vom zorn gegen den wolf Ramler
einl. (1758) 1, 273;
dann freier: hat gezeigt, dasz er selbst eine volle tragische wirkung zu erreichen fähig ist
Athenäum 1, 174; diese etwas geräuschvolle produktion erregte eine allgemeine tragische spannung, nämlich einiges entsetzen E. Th. A. Hoffmann
s. w. 1, 25
Grisebach. dabei können durchaus verschiedene stimmungen als tragisch
bezeichnet werden: so gewinne ich nun mit lachen und froher laune, was ich mit ernst und tragischer feierlichkeit verloren habe Klinger
neues theater (1790) 2, 272; denn schwülstig und tragisch halten viele so ziemlich für einerley Lessing 10, 30
L.-M.; das tragisch gräszliche seines todes mag dichtung sein Niebuhr
röm. gesch. 1, 243; es ist schauerlich und daher tragisch gewesen diese leere, diese stille, die offnen türen Bettine
Günderode 1, 261;
vgl. auch die angaben älterer wbb. für tragisch: er kunte es recht tragisch oder kläglich vorstellen Ludwig (1716) 2000; '
leidig, traurig, betrübt' Sperander
alamode-sprach (1727) 749
a; '
mitleiden und betrübnis erweckend, traurig' Adelung 4, 1024; '
traurig, erschütternd, rührend' Kinderling
reinigkeit (1795) 212.
ebenso auch für gefühlshaltungen, wie sie den helden oder dem geist des trauerspiels eigen sind: in allen ihren (
Göthes) dichtungen finde ich die ganze tragische gewalt und tiefe, wie sie zu einem vollkommenen trauerspiel hinreichen würde Schiller
br. 5, 297
Jonas; der stoff hat volle tragische grösze
ebda 7, 241; er muszte den eifersüchtigen spielen. die comödie bekam dadurch auf etliche tage einen sehr tragischen schwung Wieland
Agathon (1766) 2, 239; an innerer einheit und tragischer kraft unerreicht Raumer
gesch. d. Hohenstaufen 6, 514; er sah, dasz seine tragische wuth ohne wirkung geblieben war v. Schubert
verm. schr. 2, 238. 2@bb)
für äuszere ausdrucksformen und -mittel, die zumal im pathetisch gesteigerten trauerspiel verwendet werden: mehr neigung zum komischen als zum tragischen vortrage Schubart
ästhetik d. tonkunst 143; wie kömmt es, dasz sie eine so tragische physiognomie annehmen? Nicolai
Seb. Nothanker 1, 213; in der tragischen beschreibung der Hendersonschen familie, in den traurigen scenen zwischen ... Gerstenberg
schlesw. lit.-br. 224
lit.-denkm.; lasz lieber, wo er nicht hingehört, deinen tragischen accent weg Thümmel
reise in d. mitt. prov. 5, 130; kann man was sagen herzrührender, tragischer? maler Müller
w. (1811) 1, 180; mit desto mehr aufwand an tragischen worten kündeten wir uns die freundschaft auf G. Keller
ges. w. 1, 292; schien langsam ein geheimnisvolles götterlächeln über ihr gesicht, ohne dasz ihre tragische miene sich verändert hätte Ricarda Huch
liebe 179.
daher denn auch gelegentlich stark ironisch: weiszest du, dasz ich meinem liebhaber den abschied gegeben habe? ... 'das ist eine tragische entschlieszung, schöne Danae' Wieland
Agathon (1766) 1, 139; 'und mir stopfe meine pfeife, kind,' sagte der professor und wendete sich an den jungen hausfreund mit den tragischen worten: 'es ist die erste heute!' Raabe
Abu Telfan (1870) 2, 128. 2@cc)
hauptsächlich übertragen auf solche vorgänge des menschlichen lebens, die in ihrer schicksalshaften verknüpfung von edler schuld und bitterer sühne dem dramatischen vorwurf eines trauerspiels entsprechen: diese tragische begebenheit (
selbstmord Catos) Gottsched
sterb. Cato 27
Reclam; beispiele des weiblichen heldenmuths, woran die tragische geschichte unserer zeit so reich ist Pfeffel
[] pros. vers. 5, 46; das schicksal ... werde im höchsten sinne tragisch, wenn es schuldige und unschuldige, von einander unabhängige thaten in eine unglückliche verknüpfung bringt Göthe 22, 179
W.; das tragische schicksal des Orpheus Wieland
Agathon (1766) 1, 10; Egmonts tragische katastrophe Schiller 6, 86
G.; das geschlecht der Hohenstaufen, (
das) von einem furchtbar und beispiellos tragischen geschick ergriffen ward Raumer
gesch. d. Hohenst. 1, 291; mir wenigstens erschien das loos des greises tragisch genug v. Gaudy
s. w. 4, 71; auch Hermann Schmid hat sich vor zehn jahren dieser tragischen geschichte zugewendet Steub
drei sommer 1, 98.
auf die zwiespältige seelische anlage eines menschen bezogen: sein karakter ist ächt tragisch: widerspruch und miszklang zwischen gemüth und leben E.
M. Arndt
schr. für u. an s. l. Deutschen 1, 179; eben weil don Quixote ein thor ist, ist er ja eine tragische gestalt Mommsen
röm. gesch. 3
4, 445; die falsche anwendung des postulats, dasz tragische charaktere nicht unschuldig leiden dürfen Vischer
krit. gänge n. f. I 2, 18.
anlasz und nachdruck der übertragung liegen meist in dem unglücklichen ausgang eines menschenschicksals: das tragische ende Karls des ersten, königs von England Lessing 15, 388
M.; sie hatten einst von dem tragischen untergang der Nibelungen gesungen Freytag
ges. w. 18, 451; sein tragisches ende hat meine zweifel bestätigt Bismarck
ged. u. erinn. 1, 85
volksausg. seit dem 19.
jh. in festen verbindungen, die die starke verinnerlichung des begriffs des tragischen erkennen lassen: dasz das lebenswerk Boyens auch eines von innen kommenden tragischen schicksals nicht entbehrt Meinecke
Boyen 1, 412; Preuszens stellung war durch ein fast unentrinnbares tragisches verhängnis vorgezeichnet Treitschke
dtche gesch. im 19.
jh. 4, 339; und doch lag eine tragische nothwendigkeit in dem tückischen zufall, der jenen verhängnisvollen brief in Napoleons hände spielte
ebda 1, 330; erst durch die warnung wird er (
der krieg) zu einer tragischen schuld Brunn
kl. schr. 3, 63; mit ergreifender handhabung der tragischen ironie läszt der dichter den Gothenkönig um Rüdiger klagen Scherer
lit.-gesch. 122.
äuszerlicher bleiben: tragischer stoff Schiller
br. 6, 20
Jonas; tragischer auftritt Wieland
Agathon (1766) 2, 315; Vischer
krit. gänge n. f. I 2, 29; tragisches motiv Scherer
lit.-gesch. 6; tragische fabel Klinger
w. 8, 253; tragischer gehalt Strausz
schr. 6, 227. 2@dd)
ohne deutliche beziehung zu dem eigentlichen wortsinn besonders in neuerer zeit vielfach gebraucht: der wie ein Zeus den tragischen wetterstrahl schleuderte Heinse
s. w. 6, 161
Schüddekopf; witzelnd: das rächende schicksal soll dem unschuldigen keine falle stellen, wohinein ein tragischer speck den lüsternen menschen lockt Börne
ges. schr. 1, 75; ein blutroter himmel mit einem schwarzen schaffot und die tragische silhouette des mannes, der den weltbrand meditirt Kahlenberg
Eva Sehring 69.
so auch in der seit dem ausgang des 18.
jhs. bis zur gegenwart geläufigen redensart der umgangssprache etwas tragisch nehmen (
als vorstufe dazu vielleicht: Edgar ist wild und nimmts von der tragischen seite Klinger
w. 1, 198);
belege aus dem frühen 19.
jh.: zs. f. dt. wortf. 3, 334;
ferner vgl. etwa: dasz freund Jacobi den abdruck der Heinseschen briefe so tragisch nimmt, thut mir leid Göthe IV 19, 123
W.; nimm das ganze nicht tragischer als nötig Fontane
ges. w. I 4, 449.