wildfremd,
adj. ,
zu wild
adj. III B 7;
ein pleonasmus, da wild
auch '
fremd'
bedeutet. vgl. Simon Dach 218
Österley: bin ich mir ganz entworden, mir wild und fremd gemacht.
die älteste belegte bedeutung ist für das zuerst als substantivierung auftretende wort '
ortsfremder, wildfang': es schweret der beklagte aus den wildfremden Nigrinus
von zäuberern 312;
ähnlich Stieler (1691)
extorris; Scherz-Oberlin
gloss. 2, 2032
homo peregrinus, homo vagus et prorsus alienus; im 16.
und 17.
jh. noch selten adjectivisch; in der heutigen bedeutung und verwendung zuerst bei Adelung,
aber ausdrücklich als der vertraulichen sprache angehörig bezeichnet; den volksthümlichen charakter bezeugen die mundarten: oberhess. wëllfrimd Crecelius,
cronenberg. weiltfremt Leihener,
aargau. wildfrönd Hunziker,
basl. Seiler;
niederl. wildvreemd,
schwed. vildfrämmande,
vgl. sonst steinfremd Steinbach,
wohl nach dem muster von steinalt. 11)
völlig fremd und unbekannt, daher gleichgiltig, nicht vertraut, namentlich von menschen und meist im gegensatz zu befreundet
oder verwandt: aber es ist ein zumal kühnes wagstücke, heil, ehr und leben einem wildfremden jünglinge ... zu vertrauen Bucholtz
Herkuliskus und Herkuladisla 159; die nüchternste schöne .., die gegen wildfremde leute .. von den ihrigen böses redet Gottsched
deutsche schaubühne 6, 133; ein wildfremder mensch .. wird auf der stelle sein blutsfreund Engel 1, 93; verlebte der seltene mann, zwischen wildfremden völkern, unter Lama's .. noch einige jahre Ritter
erdkunde 3, 584; ein' wildfremden menschen gieb ich nichts Nestroy 10, 169; das wildfremde kriegsvolk der Magyaren und Kroaten Treitschke
hist. und polit. aufsätze 1, 301; vader, da d'rein schick' ich mich niemal, so unter wildfremde leut in einem andern welttheil! Anzengruber 1, 118; für das gespräch mit wildfremden menschen bin ich zu müde Heyse
nov. 1, 24 (
anf. u. ende); wenn nun eines tages Elsbe aus dem elend wiederkäme, und wildfremde menschen öffnen ihr die thür Frenssen
Jörn Uhl 400.
gerne wieder substantiviert: sein herze wohnete mehr in ihr als in unserem pallaste so gar, dasz allerdings wildfremde ohne mühe daraus urtheilen kunten, wie heftig verliebet und empfindlich verwundet er sei Ziegler
asiatische Banise 309; wann ihr ein wildfremder wärt, ihr müsztet mich hochschätzen Lenz
dramat. nachl. 222; unter den wildfrembden gute leut zu erwecken, die sich ihrer annehmen Creidius
nuptialia; mag niemand seine erb und gütern einem wildfremden erb- und eigenthümblich verkaufen ohne vorwissen seiner blutsfreunde Schlichthorst
beiträge 2, 109 (
Khedingsches landrecht); ja, wenn es noch jüngere söhne wären, welche mit zu der älteren erbschaft kämen, allein es sind wildfremde, die bei offenen hypothekenbüchern muthwillig geborgt Möser 3, 241 (
patr. phantas.).
auch von örtlichkeiten, sprachen und andern sachen: obgleich in Curland weinstock und traube etwas wildfremdes ist Hippel
lebensläufe 3, 1, 108; eine wildfremde sprache Klinger
werke 4, 66; diese weibliche stimme däucht mir nicht so unbekannt, als eine wildfremde Babo 224; in der wildfremden stadt Gaudy 2, 98; die mordthaten, um den leichenhandel nicht stocken zu lassen, werden zwar mit erstaunen und verwunderung gelesen und besprochen, aber wie etwas wildfremdes, das uns nichts angeht Göthe 49 II, 68
Weim. (
kunst); wie Sylvius der hirt so sehr geplaget wird, wenn Phyllis ihn verachtet, und nach wildfrembder gunst ... begierig trachtet
Königsb. dichterkreis (S. Dach)
s. 99
neudr.; 22)
bei dichtern auch mit dem nebensinn '
seltsam, überraschend': die zaubermacht der ersten überraschung, die märchenhaftigkeit der wildfremden erscheinung Heine 3, 247; in den offenen blumenkelch, woraus die gelben strahlenfäden und wildfremden düfte mit unerhörter pracht hervordrangen 3, 78; blumen, deren oft eine bei diesem oder jenem steine stand, so prachtvoll und wildfremd, dasz ihr erschrocken wäret Stifter 2, 30. 33)
auch im bösen sinn '
unheimlich, furchterregend, häszlich, abstoszend': abenteuerliche gestalten wildfremder chimärischer thiere Musäus
volksmärchen 1, 33 (
Rübezahl 3); das schändlichste, mir fremdeste ungeheuer, wildfremd und entsetzlich, wie ein schuppiger drache Tieck 5, 116 (
Phantasus 2); durch diese eigenschaften (
gefräszigkeit und dummheit) wäre der fisch wildfremd und unschön, wenn nicht sein anstrengungsloses schweben ... wohligkeit ausdrückte Vischer
ästhetik 2, 130. 44)
wie fremd
manchmal mit einem object im dativ: ihr edler rückhalt, ihre heroische flucht, bracht' ihn zu diesem, ihm sonst wildfremden schwung Hippel
lebensläufe 2, 465; eines 'daher', welches keck und kühn ... sich zwischen zwei einander wildfremde .. sätze stellt Schopenhauer 1, 663; eine dem epischen scheine und seinem ruhigen fortströmen wildfremde kraft Nietzsche 1, 46. 55)
neben der häufigeren attributiven verwendung auch prädicativ und adverbial: leute .., denen sprachstudien wildfremd geblieben sind J. Grimm
kl. schriften 4, 212; diese (
Kants philosophie) .. ist ihm wildfremd Schopenhauer
briefe 339; wie kann man denn gar so wildfremd thun gegen nachbarinnen? Nestroy 2, 323; dieses brausen und zischen klingt gar nicht so wildfremd Ludwig 2, 84 (
Heiterethei); der Harras steht und schnauft mich bös und wildfremd an Ebner-Eschenbach 4, 386. —