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unvernunft

mhd. bis sprichw. · 8 Wörterbücher mit Anchor-Eintrag

DWB
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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

unvernunft f.

Bd. 24, Sp. 2072
unvernunft, f., mangel der vernunft (s. d.) und ihr gs.; ahd. unfernumest (Notker psalmen 2, 542, 9 P., mentis offensio), daneben unvernunftîgî; im spätern mhd. unvernunst, -nunft; mnd. unvornuft; nl. onvernuft; n. ufornuft; schwed. oförnuft. a) wie im mnd. (wb. 5, 89a; Frisch [1741] 2, 12a) rechtssprachlich das nichtvernehmen, nicht verhören; mit u. ohne weiteres: wurden sie aber seine gnade vorschmehen, so wolte ehr sie mit u. auf seine seite brengen Grunau preusz. chron. 3, 231. veraltet. b) mangel an überlegung, einsicht, besonnenheit und deren gth. α) dementia, insania, alienatio mentis; irrationabilitas Alberus (1540) O o 2b; V 3c; socordia, inscitia Frisius 1218b; 705a; immodestia Faber thes. (1587) 514a; alogia Reyher (1686) O 2r b: wenne das selb gemüte ... sich gibt zuo boszhait ... und u. N. v. Wyle transl. 296, 28 K.; seindt sie ... ausz zorn und u. in die feindt gelauffen Xylander Polybius (1574) 90; mit gotte wollen rechten ist unvernunft und schuld S. Dach 196 Ö.; die ersten (kinder) weinten aus u. umb ihre tocken so bitterlich als Önone umb ihren Paris Lohenstein Arm. 1, 93a; herr M. ... hat in seinen alten tagen ein stück seiner u. und hoffarth gezeigt Mozart bei O. Jahn 1, 644; sobald sie krank ist, ist sie ... voll ungehorsam und u. Fontane I 4, 161; mit u. (unvernünftigerweise) E. M. Arndt (1845 ff.) 2, 416; vgl. Heppe lehrprinz 98. die u. der berathenden versammlung Niebuhr m. gesch. 3, 169; die u. meiner handlungsweise Storm (1899) 4, 89. attribute: thumme, weibische, gäntzliche, freche, fühllose, stolze, gemeine, knabenhafte, absolute u. s. w. u. Ziegler geschützinschriften 28 (1480); J. Ayrer dramen 3, 2034, 6 K.; Lohenstein Arm. 1, 162a; B. Neukirch ged. (1744) 109; Ramler einleitung in d. sch. wissenschaften 3, 18; Hagedorn 3, 131; C. G. v. Brinckmann filosof. ansichten (1806) 25; G. Freytag 7, 281; Windelband gesch. d. n. philos. (1907) 24, 369. zustand der unvernünftigkeit: die u. kann doch höchstens nur fünf minuten dauern Raupach dram. w. kom. gattung 1, 153. bescheidene vernunft: wenn mich mein bischen u. nicht trügt A. v. Arnim 18, 56 Gr. vernunft und u.: also auch das fatum aeris mit vernunft und u. gewidmet ist in seiner signatur Paracelsus (1616) 2, 11 B H.; philosophisch: die vernunft aus der u. herleiten Kant 8, 230 H.; die ausartung der vernunft wäre u. Hippel lebensläufe 3, 2, 190; ein postulat der u. K. L. v. Haller restauration d. staatswiss. 1, 73; Hegel 6, 83; Vischer ästhetik 1, 384. unvernunftprincip A. Ruge s. w. 1, 85. u. und unverstand: das die Corinther haben das brod geessen mit solchem unverstand odder u., als were es schlecht brod Luther 26, 486 W.; und ist noch zu erbarmen, dasz die kinder in ihrem unverstand und die thier in ihrer u. den erwachsenen menschen bey weitem vorgehen Meyfart himml. Jerusalem (1630) 2, 326; heute unterscheidet man: unverstand ist der mangel, sich etwas gehörig vorzustellen und die vorstellungen denkthätig angemessen zu verwenden; die u. ist mangel an sittlich-geistigem vermögen Weigand syn. 3, 1185. wie die thiere sich durch vernunftlosigkeit vom menschen unterscheiden (vgl. oben Meyfart), wird u. als vernunftlosigkeit auch von bäumen gebraucht bei Tieck (1828) 2, 336. β) seltener besinnungslosigkeit, unzurechnungsfähigkeit, wahnsinn, raserei, widersinnigkeit u. dgl.: dieses bringt sie (die trunkenbolde) nit allein zu u., sonder auch zu verkerung der sinn Ambach vom zusaufen C 1a; ein wasser ist mir kund, das den, der drein nur blickt, mehr als der stärckste wein in unvernunft verzückt Logau 77 E.; der bacchanten u. Gerstenberg schlesw. litbr. 30, 199 lit. denkm.; vom bauchgrimmen: die u. im leib Frey gartenges. 39, 14 B.; u. des blinden elements Schiller 14, 372 G.; die allerelendesten reime bey aller ihrer u. Gottsched crit. dichtkunst 7; u. der würfel E. M. Arndt 6, 120 R.-M. γ) für die unvernünftige person u. als eigenname: warumb begert dann dein u. sölicher hohen gab? Hartlieb d. b. Ovidii v. d. liebe (1482) 11b; Opitz (1690) 1, 193; Rachel satyr. ged. 107 ndr.; Henrici (1727) 2, 527; die vernunft trauet sich nie zu viel ..., aber die rasselnde u. bricht mit vollem knallen heraus Bodmer crit. poet. schr. 1, 80; der verschwendet nur das leben, wer der weisheit alten streit mit der unvernunft erneut Göckingk ged. 1, 81; Göthe IV 28, 110 W.; recht hast du, das kann nur die u. bestreiten Storm (1899) 7, 228; ich ... werde mit der u. reden Raabe Horacker 73. als charakterisierender personenname: den waldt vor zeiten fleiszlich bat ein bawer aus der schelmenzunft, der hiesz mit namen Unvernunft. er sprach zum waldt ... Alberus fabeln 190 ndr.; appellativisch als m.: auf das man dich nicht in der zunft schelt einen groben unvernunft Ringwaldt lauter warheit 104; Hans, bruder Unvernunft: in ehesachen hat der papst nicht macht zu setzen oder zu richten, viel weniger Hans Unvernunft und Heinz Worst zu Löwen Luther 65, 174 Erl.; sind lauter Hans Unvernunft und grobe filze F. Rhot Jesus Sirach (1587) 1, 271a; W. Holder bericht (1589) 45; Hans Unvernunft felt mit der thür ins hausz Petri H h 4b; H. U. von Tölpelshausen St. Prätorius fluctus et luctus (1608) 143; H. U. lest ihm nicht rahten V. Herberger hertzpostilla (1613) 1, 261; traurbinden (1621) 7, 218; H. U. aus der grobianerzunft Coler cabinetprediger 1, 114; bruder Unvernunft Grunau preusz. chron. 2, 289. δ) bildlich: das volck der u. Logau 36 E.; unbilligkeit und u., die kinder des eigennutzes Herder 16, 26 S.; so streckt denn u. ... ihren zepter von einem jahrhundert zum andern Thümmel reise 8, 199; das meer der u. erschöpfen Pfeffel poet. vers. 1, 104; treibhäuser der u. Gaudy 5, 159; die u. kriecht wie ein gewürm ... ans licht Nietzsche 5, 236. c) unvernünftiges. α) unvernünftige handlung, bethätigung, verhalten, betragen: das was eyn grosz u. Stolle thüring. chron. 16 lit. ver.; des glich für unvernunft man halt, wann man die eyger schlecht und spalt S. Brant narrenschiff 110a, 183 Z.; u. begehen, beginnen, treiben Keisersberg postill 3, 88b; Schade satiren 1, 171; H. Sachs 17, 157, 11 G.; es ist ein u., einem an der thür horchen Sirach 21, 26; Chr. Weise erznarren 151 ndr.; selbst ihre u. ist reizend sammlung v. schauspielen (1764 ff.) 3, 71; Herder 22, 331 S.; durch die despotische u. des cardinal R. war C. an sich selbst irre geworden Göthe 42, 2, 118 W.; was man so unglück nennt, meistens ist es die folge von u. Ebner-Eschenbach 4, 431; auch im plur.: und hiez sie (die herzen) beleiben in sulchen iren unvernunften J. v. Neumarkt Hieronymus 14; ach, die grosze stadt der welt, was hegt die für starcke zunften voller toller unvernunften Logau 682 E.; Gottsched d. neueste 6, 129; eine der formalen unvernunften unseres zeitalters Fichte im philos. journal 9, 367. β) unvernünftiges, widersinniges überhaupt (vgl. b β): hab ich nie mehr unvernunft gehört allhie, das einer sol mit einem aug bas sehn, dann wenn ers beide gebraucht! Hayneccius Hans Pfriem 37 ndr.; er kan ... u. in den unschuldigsten redensarten finden Bodmer v. d. wunderbaren 48; gegen das sprechen zur musik erklärte sich G. so: musik sei die reine u. (etwas völlig alogisches), und die sprache habe es nur mit der vernunft zu thun Göthe gespräche 2, 229 B.; lauter dummes zeug, lauter u.! Tieck (1828 ff.) 11, 172; Schelling I 6, 187; die u. der duelle F. Th. v. Schubert verm. schr. 2, 276, der orthographie Scherer kl. schr. 1, 420; dem königthum als einer u. (unsinnigen einrichtung) barbarischer zeitalter Dahlmann franz. revol. 308; ein fatum ..., als letzte u. des seins Stifter 3, 6. γ) vernunftloses ding: rotwelsch für die wurst; Fischer schwäb. wb. 6, 268; Oswald rinnsteinsprache 159; Bischoff wb. d. geheim- u. berufssprachen 89, der sehnsucht für schinken und schabernack für dünnbier vergleicht: als ergänzung zu den erbeuteten lorchen (brötchen) talfte (bettelte) ich mir bei einem katzkow (fleischer) ein stück u. R. K. Thomas unter kunden 27. für das männliche glied fastnachtspiele 3, 1211 K.
8074 Zeichen · 271 Sätze

Lautwandel-Kette

Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

Pro Sprachstufe der prominenteste Beleg. Klick auf eine Form öffnet das Wörterbuch.

  1. 1050–1350
    Mittelhochdeutsch
    unvernunftadj.

    Mhd. Wb. (Benecke/Müller/Zarncke) · +1 Parallelbeleg

    unvernunft adj. ? der heiszt wol unvernunft und grob narrensch. 59, 32. vgl. die anm. für ôn vernunft?

  2. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    Unvernunft

    Adelung (1793–1801) · +4 Parallelbelege

    Die Unvernunft , plur. car. 1. Der Mangel, die Abwesenheit der Vernunft, (S. dieses Wort,) doch am häufigsten in engerer…

  3. 18./19. Jh.
    Goethe-Zeit
    Unvernunft

    Goethe-Wörterbuch

    Unvernunft [bisher nicht publizierter Wortartikel]

  4. Sprichwörter
    Unvernunft

    Wander (Sprichwörter)

    Unvernunft 1. Hans Unvernunft fällt mit der Thür ins Hauss. – Petri, II, 370. 2. Hans Unvernunft gehört in die Narrenzun…

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Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit unvernunft

9 Bildungen · 9 Erstglied · 0 Zweitglied · 0 Ableitungen

Ableitung von unvernunft

un- + vernunft

unvernunft leitet sich vom Lemma vernunft ab mit Präfix un-.

Zerlegung von unvernunft 2 Komponenten

unver+nunft

unvernunft setzt sich aus 2 eigenständigen Lemmata zusammen. Die Klammerung zeigt die Hierarchie der Komposition; Klick auf einen Bestandteil öffnet seine Etymologie.

unvernunft‑ als Erstglied (9 von 9)

unvernunftec

BMZ

unvernunftec adj. unvernünftig. brutum unvornunftig tier Diefenb. gl. 54. daʒ er in sô ûʒerhalbe machte zu eim kalbe, stumpf und unvernumfte…

unvernunftic

KöblerMhd

unvernunftic , Adj. nhd. unvernünftig, unverständlich ÜG.: lat. brutus Gl Hw.: vgl. mnd. unvörnüftich* Q.: Brun (1275-1276), Apk, EckhI, Par…

unvernunfticheit

KöblerMhd

unvernunftic·heit

unvernunfticheit , st. F. nhd. „Unvernünftigkeit“, Unvernunft Hw.: vgl. mnd. unvörnüftichhēt* Q.: Brun (1275-1276) (FB unvernumfticheit) E.:…

unvernunfticlīche

KöblerMhd

unvernunfticlīche , Adv. nhd. „unvernünftig“, gegen alle Vernunft Q.: MinnerI (um 1340), Tauler (FB unvernumfticlīche) E.: s. unvernunfticli…

unvernunfticlīchen

KöblerMhd

unvernunftic·līchen

unvernunfticlīchen , Adv. nhd. „unvernünftig“, gegen alle Vernunft E.: s. un, vernunfticlīchen W.: s. nhd. (ält.) unvernünftiglich, Adv., un…

unvernunftlich

KöblerMhd

unvernunft·lich

unvernunftlich , Adj. nhd. „unvernünftig“ Q.: Frl (1276-1318) E.: s. un, vernunftlich W.: nhd. DW- L.: LexerHW 2, 1960 (unvernumftlich), Ben…

unvernunftlīche

KöblerMhd

unvernunftlīche , Adv. nhd. „unvernünftig“, gegen alle Vernunft Q.: Hiob (1338), Tauler, Seuse (FB unvernumftlīche) E.: s. unvernunftlichlic…

unvernunftlīchen

KöblerMhd

unvernunft·līchen

unvernunftlīchen , Adv. nhd. „unvernünftig“, gegen alle Vernunft E.: s. un, vernunftlīchen W.: nhd. DW- L.: Hennig (unvernunftlīchen)

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APA
Cotta, M. (2026). „unvernunft". In lautwandel.de — Aggregat aus 53 historischen deutschen Wörterbüchern. Abgerufen am 13. May 2026, von https://lautwandel.de/lemma/unvernunft/dwb
MLA
Cotta, Marcel. „unvernunft". lautwandel.de, 2026, https://lautwandel.de/lemma/unvernunft/dwb. Abgerufen 13. May 2026.
Chicago
Cotta, Marcel. „unvernunft". lautwandel.de. Zugegriffen 13. May 2026. https://lautwandel.de/lemma/unvernunft/dwb.
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