unvernunft,
f.,
mangel der vernunft (
s. d.)
und ihr gs.; ahd. unfernumest (Notker
psalmen 2, 542, 9
P., mentis offensio),
daneben unvernunftîgî;
im spätern mhd. unvernunst, -nunft;
mnd. unvornuft;
nl. onvernuft;
dän. ufornuft;
schwed. oförnuft. a)
wie im mnd. (
wb. 5, 89
a; Frisch [1741] 2, 12
a)
rechtssprachlich das nichtvernehmen, nicht verhören; mit u.
ohne weiteres: wurden sie aber seine gnade vorschmehen, so wolte ehr sie mit u. auf seine seite brengen Grunau
preusz. chron. 3, 231.
veraltet. b)
mangel an überlegung, einsicht, besonnenheit und deren gth. α)
dementia, insania, alienatio mentis; irrationabilitas Alberus (1540) O o 2
b; V 3
c;
socordia, inscitia Frisius 1218
b; 705
a;
immodestia Faber
thes. (1587) 514
a;
alogia Reyher (1686) O 2
r b: wenne das selb gemüte ... sich gibt zuo boszhait ... und u.
N. v. Wyle
transl. 296, 28
K.; seindt sie ... ausz zorn und u. in die feindt gelauffen Xylander
Polybius (1574) 90; mit gotte wollen rechten ist unvernunft und schuld S.
Dach 196
Ö.; die ersten (
kinder) weinten aus u. umb ihre tocken so bitterlich als Önone umb ihren Paris Lohenstein
Arm. 1, 93
a; herr
M. ... hat in seinen alten tagen ein stück seiner u. und hoffarth gezeigt Mozart
bei O. Jahn 1, 644; sobald sie krank ist, ist sie ... voll ungehorsam und u. Fontane I 4, 161; mit u. (
unvernünftigerweise) E.
M. Arndt (1845
ff.) 2, 416;
vgl. Heppe lehrprinz 98. die u. der berathenden versammlung Niebuhr
röm. gesch. 3, 169; die u. meiner handlungsweise Storm (1899) 4, 89.
attribute: thumme, weibische, gäntzliche, freche, fühllose, stolze, gemeine, knabenhafte, absolute
u. s. w. u. Ziegler
geschützinschriften 28 (1480); J. Ayrer
dramen 3, 2034, 6
K.; Lohenstein
Arm. 1, 162
a; B. Neukirch
ged. (1744) 109; Ramler
einleitung in d. sch. wissenschaften 3, 18; Hagedorn 3, 131; C. G. v. Brinckmann
filosof. ansichten (1806) 25; G. Freytag 7, 281; Windelband
gesch. d. n. philos. (1907) 2
4, 369.
zustand der unvernünftigkeit: die u. kann doch höchstens nur fünf minuten dauern Raupach
dram. w. kom. gattung 1, 153.
bescheidene vernunft: wenn mich mein bischen u. nicht trügt A. v. Arnim 18, 56
Gr. vernunft
und u.: also auch das fatum aeris mit vernunft und u. gewidmet ist in seiner signatur Paracelsus (1616) 2, 11 B
H.; philosophisch: die vernunft aus der u. herleiten Kant 8, 230
H.; die ausartung der vernunft wäre u. Hippel
lebensläufe 3, 2, 190; ein postulat der u. K. L. v. Haller
restauration d. staatswiss. 1, 73; Hegel 6, 83; Vischer
ästhetik 1, 384. unvernunftprincip A. Ruge
s. w. 1, 85. u.
und unverstand: das die Corinther haben das brod geessen mit solchem unverstand odder u., als were es schlecht brod Luther 26, 486
W.; und ist noch zu erbarmen, dasz die kinder in ihrem unverstand und die thier in ihrer u. den erwachsenen menschen bey weitem vorgehen Meyfart
himml. Jerusalem (1630) 2, 326;
heute unterscheidet man: unverstand
ist der mangel, sich etwas gehörig vorzustellen und die vorstellungen denkthätig angemessen zu verwenden; die u.
ist mangel an sittlich-geistigem vermögen Weigand
syn. 3, 1185.
wie die thiere sich durch vernunftlosigkeit vom menschen unterscheiden (
vgl. oben Meyfart),
wird u.
als vernunftlosigkeit auch von bäumen gebraucht bei Tieck (1828) 2, 336.
β)
seltener besinnungslosigkeit, unzurechnungsfähigkeit, wahnsinn, raserei, widersinnigkeit u. dgl.: dieses bringt sie (
die trunkenbolde) nit allein zu u., sonder auch zu verkerung der sinn Ambach
vom zusaufen C 1
a; ein wasser ist mir kund, das den, der drein nur blickt, mehr als der stärckste wein in unvernunft verzückt Logau 77
E.; der bacchanten u. Gerstenberg
schlesw. litbr. 30, 199
lit. denkm.;
vom bauchgrimmen: die u. im leib Frey
gartenges. 39, 14
B.; u. des blinden elements Schiller 14, 372
G.; die allerelendesten reime bey aller ihrer u. Gottsched
crit. dichtkunst 7; u. der würfel E.
M. Arndt 6, 120
R.-M. γ)
für die unvernünftige person u. als eigenname: warumb begert dann dein u. sölicher hohen gab? Hartlieb
d. b. Ovidii v. d. liebe (1482) 11
b; Opitz (1690) 1, 193; Rachel
satyr. ged. 107
ndr.; Henrici (1727) 2, 527; die vernunft trauet sich nie zu viel ..., aber die rasselnde u. bricht mit vollem knallen heraus Bodmer
crit. poet. schr. 1, 80; der verschwendet nur das leben, wer der weisheit alten streit mit der unvernunft erneut Göckingk
ged. 1, 81; Göthe IV 28, 110
W.; recht hast du, das kann nur die u. bestreiten Storm (1899) 7, 228; ich ... werde mit der u. reden Raabe
Horacker 73.
als charakterisierender personenname: den waldt vor zeiten fleiszlich bat ein bawer aus der schelmenzunft, der hiesz mit namen Unvernunft. er sprach zum waldt ... Alberus
fabeln 190
ndr.; appellativisch als m.: auf das man dich nicht in der zunft schelt einen groben unvernunft Ringwaldt
lauter warheit 104; Hans, bruder Unvernunft: in ehesachen hat der papst nicht macht zu setzen oder zu richten, viel weniger Hans Unvernunft und Heinz Worst zu Löwen Luther 65, 174
Erl.; sind lauter Hans Unvernunft und grobe filze
F. Rhot
Jesus Sirach (1587) 1, 271
a; W. Holder
bericht (1589) 45; Hans Unvernunft felt mit der thür ins hausz Petri H h 4
b; H. U. von Tölpelshausen St. Prätorius
fluctus et luctus (1608) 143; H. U. lest ihm nicht rahten
V. Herberger
hertzpostilla (1613) 1, 261;
traurbinden (1621) 7, 218; H. U. aus der grobianerzunft Coler
cabinetprediger 1, 114; bruder Unvernunft Grunau
preusz. chron. 2, 289.
δ)
bildlich: das volck der u. Logau 36
E.; unbilligkeit und u., die kinder des eigennutzes Herder 16, 26
S.; so streckt denn u. ... ihren zepter von einem jahrhundert zum andern Thümmel
reise 8, 199; das meer der u. erschöpfen Pfeffel
poet. vers. 1, 104; treibhäuser der u. Gaudy 5, 159; die u. kriecht wie ein gewürm ... ans licht Nietzsche 5, 236. c)
unvernünftiges. α)
unvernünftige handlung, bethätigung, verhalten, betragen: das was eyn grosz u. Stolle
thüring. chron. 16
lit. ver.; des glich für unvernunft man halt, wann man die eyger schlecht und spalt S. Brant
narrenschiff 110
a, 183
Z.; u. begehen, beginnen, treiben Keisersberg
postill 3, 88
b; Schade
satiren 1, 171; H. Sachs 17, 157, 11
G.; es ist ein u., einem an der thür horchen
Sirach 21, 26; Chr. Weise
erznarren 151
ndr.; selbst ihre u. ist reizend
sammlung v. schauspielen (1764
ff.) 3, 71; Herder 22, 331
S.; durch die despotische u. des cardinal R. war C. an sich selbst irre geworden Göthe 42, 2, 118
W.; was man so unglück nennt, meistens ist es die folge von u. Ebner-Eschenbach 4, 431;
auch im plur.: und hiez sie (
die herzen) beleiben in sulchen iren unvernunften J. v. Neumarkt
Hieronymus 14; ach, die grosze stadt der welt, was hegt die für starcke zunften voller toller unvernunften Logau 682
E.; Gottsched
d. neueste 6, 129; eine der formalen unvernunften unseres zeitalters Fichte im
philos. journal 9, 367.
β)
unvernünftiges, widersinniges überhaupt (
vgl. b β): hab ich nie mehr unvernunft gehört allhie, das einer sol mit einem aug bas sehn, dann wenn ers beide gebraucht! Hayneccius
Hans Pfriem 37
ndr.; er kan ... u. in den unschuldigsten redensarten finden Bodmer
v. d. wunderbaren 48; gegen das sprechen zur musik erklärte sich G. so: musik sei die reine u. (
etwas völlig alogisches), und die sprache habe es nur mit der vernunft zu thun Göthe
gespräche 2, 229
B.; lauter dummes zeug, lauter u.! Tieck (1828
ff.) 11, 172; Schelling I 6, 187; die u. der duelle
F. Th. v. Schubert
verm. schr. 2, 276, der orthographie Scherer
kl. schr. 1, 420; dem königthum als einer u. (
unsinnigen einrichtung) barbarischer zeitalter Dahlmann
franz. revol. 308; ein fatum ..., als letzte u. des seins Stifter 3, 6.
γ)
vernunftloses ding: rotwelsch für die wurst; Fischer
schwäb. wb. 6, 268; Oswald
rinnsteinsprache 159; Bischoff
wb. d. geheim- u. berufssprachen 89,
der sehnsucht
für schinken
und schabernack
für dünnbier
vergleicht: als ergänzung zu den erbeuteten lorchen (
brötchen) talfte (
bettelte) ich mir bei einem katzkow (
fleischer) ein stück u. R. K. Thomas
unter kunden 27.
für das männliche glied fastnachtspiele 3, 1211
K. —